New York 15.09. '04 - Das erste Kapitel in Seymour Hershs Buch “Chain of Command - The Road from 9-11 to Abu Ghraib", das am Montag in den USA erschien und im Oktober auf deutsch bei Rowohlt herauskommt, ist aus jenem Stoff gemacht, der normalerweise mit doppelt fetten Schlagzeilen gefeiert wird. Der 67jährige Reporter fasst in dem Buch seine Berichte über die Probleme der Sicherheits- und Außenpolitik zusammen, die er für die Wochenzeitschrift New Yorker geschrieben hat. Hersh war es, der die Folterbilder aus dem Bagdader Gefängnis Abu Ghraib an die Öffentlichkeit brachte und die Kette der Verantwortlichkeiten bis in die höchsten Ränge der Regierung von Washington zurückverfolgte. In diesem ersten Kapitel weist er nun nach, dass hochrangige Regierungsmitglieder schon 2002 über Misshandlungen im Gefangenenlager Guantanamo Bay informiert wurden. Sowohl Sicherheitsberaterin Conodoleezza Rice, als auch Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hätten von Übergriffen gewusst und nichts unternommen.
Doch die Aufregung hält sich in Grenzen. Die New York Times versteckte den Skandal in ihrer Sonntagsausgabe auf Seite 9. Die amerikanischen Fernsehnachrichten berichteten, wenn überhaupt, nur beiläufig. Aus Regierungskreisen äußerte sich lediglich das Verteidigungsministerium zu den Vorwürfen. In einer kurzen, namentlich nicht gezeichneten Presseerklärung auf seiner Webseite heißt es in kurzen, scharfen Worten: “Basierend auf Medienberichten, scheint Mister Hershs Buch zahlreiche jener unbegründeten Vorwürfe zu enthalten, die er in der Vergangenheit auf namenlose Quellen stützte."
Hersh nimmt die Angriffe gelassen. Er rotiert in diesen Tagen zwischen Interviews, Radiosendungen und Talkshows. “Mein Buch verscheuern", nennt er das lakonisch. Er hat das Gespräch gerade unterbrechen müssen, sitzt nun am Steuer seines Wagens auf dem Weg zur Aufzeichnung der Polittalkshow “Hardball" des Kabelnachrichtensenders MSNBC. Da wird ihn der Moderator Chris Matthews in die Mangel nehmen, aber es ist diesmal besonders schwer, Hersh an den Karren zu fahren. Das gesamte Buch wurde vom Chefredakteur des New Yorker David Remnick lektoriert und dann von dessen Dokumentationsabteilung überprüft, die den Ruf hat, mit wissenschaftlicher Akribie auch die geringsten faktischen Unsicherheiten aufzuspüren. Das hilft Hersh auch, seine Informanten zu schützen, sein dicht gestricktes Netzwerk aus Beamten und Mitarbeitern der Regierung, Geheimdienste und Streitkräfte, das er sich über die letzten 35 Jahre aufgebaut hat.
Fragen, was für Konsequenzen aus seinen Enthüllungen gezogen werden, ob Regierungsmitglieder wie Rice und Rumsfeld zurücktreten sollten, wehrt Hersh allerdings ab. Lösungsvorschläge gehören nicht zur Aufgabe eines investigativen Journalisten. Auf die ideologischen Debatten in den Talkshows der Demagogen lässt er sich erst gar nicht ein. Er verweist auf Fakten und Zitate. Im Buch lässt er zum Beispiel einen FBI-Beamten zu Wort kommen. Der sagt dann: “Ich finde, man hätte Rumsfeld schon lange feuern sollen."
Ein paar Punktsiege hat Hersh mit seiner Arbeit seit dem 11. September durchaus verbuchen können. Nach einem Bericht über Treffen zwischen dem Pentagonberater Richard Perle und dem Waffenhändler Adnan Kashoggi in Europa legte Perle den Vorsitz des Beratergremiums Defense Policy Board Advisory Committee nieder. Perle schimpfte daraufhin, Hersh käme mit seinem Journalismus dem Terrorismus nahe und drohte einen Prozess gegen ihn an. Hersh lacht. “Inzwischen sagt er, das sei nur ein Witz gewesen, mich einen Terroristen zu schimpfen." Und seine Enthüllung des Abu-Ghraib-Skandals hat weltweite Empörung ausgelöst. Die Bilder, die Seymour Hersh an die Öffentlichkeit brachte, der vermummte und verkabelte Gefangene, die höhnische Soldatin Lynndie England, die Pyramide nackter Männer sind heute Ikonen für die Grausamkeit und Arroganz des Irakkrieges.
Doch die Regierung selbst hat aus dem Skandal bisher keine ernsthaften Konsequenzen gezogen. Einzelne Offiziere und Soldaten wurden für die Übergriffe vor Gericht gestellt. Es habe sich ja auch um Einzelfälle gehandelt. “Die scheren sich nicht", sagt Hersh. “Ich habe in den 35 Jahren meiner Arbeit noch nie eine Regierung erlebt, die sich so wenig geschert hätte." Sie sei gar nicht daran interessiert, sich mit Angriffen überhaupt auseinanderzusetzen.
Kurz vor Fertigstellung von “Chain of Command" habe er beispielsweise das Büro von Condoleezza Rice kontaktiert, um sie wissen zu lassen, was für Anschuldigungen das Buch enthalten werde, und dass er die Inhalte wichtiger Treffen von Anwesenden erfahren habe. Ohne Reaktion. “Selbst Kissinger hat immer mit mir geredet", sagt Hersh. “Und wir waren ja wirklich nicht auf bestem Fuße." Hersh hatte ihm nachgewiesen, 1973 in den Putsch gegen den chilenischen Präsidenten Salvador Allende verwickelt gewesen zu sein. Und dann gibt er doch zu, dass seine Enthüllungen in Washington vor zwanzig, dreißig Jahren ganz gewaltige Konsequenzen nach sich gezogen hätten. Im Gegensatz zu heute.
Doch die Verhältnisse zwischen Macht und Ohnmacht der Zivilgesellschaft haben sich verändert, Während der letzten dreißig Jahre, vor allem aber seit dem Beginn der Amtsperiode der momentanen Regierung. Dabei ist man in Amerika sehr stolz auf die Errungenschaften, welche die Zivilgesellschaft in der jüngeren Geschichte durchgesetzt hat. Der Widerstand der Bürgerrechtsbewegung, die mutigen Vorstöße ihrer Anführer, aber auch die Enthüllungen investigativer Reporter in Fällen wie den Massakern des Vietnamkrieges, Watergate oder den Machenschaften der CIA in Lateinamerika gelten als Glanzlichter der jüngeren Geschichte Amerikas.
Heute scheinen Enthüllungen, Anklagen und Proteste in Washington weitgehend ungehört zu verhallen. Die mangelnden Konsequenzen aus Hershs Enthüllungen sind da nur ein Beispiel. In seinem Film “Fahrenheit 911" zeigte Michael Moore die Anklagen schwarzer Kongressabgeordneter, dass Zehntausende schwarzer Wähler in Florida und anderen Staaten bei den Präsidentschaftswahlen des Jahres 2000 um ihre Stimme betrogen wurden. Das war keine seiner polemischen Überzeichnungen, sondern die Erinnerung an eine gewaltige Krise der Demokratie. Doch auch aus diesen massiven Anschuldigungen von Abgeordneten des amerikanischen Unterhauses wurden keinerlei Konsequenzen gezogen. Wie ein investigativer Bericht in der Oktoberausgabe der Zeitschrift Vanity Fair nachweist, könnte sich das Wahldebakel von Florida nicht nur wiederholen, es wurde schon aktiv daran gearbeitet, auch dieses Jahr wieder schwarze Wählerschichten auszugrenzen, die in Florida zu 90 Prozent die Demokraten wählen.
Wer die Ohnmacht und Verzweiflung der amerikanischen Zivilgesellschaft direkt erleben will, der muss nur einen der unzähligen Protestmärsche besuchen und dann die Medienreaktion darauf beobachten. Da bildete sich am Sonntag vor dem Beginn des Parteitages der Republikaner der größte Protestmarsch in der Geschichte der Stadt New York. Erste Meldungen, dass sich eine halbe Million Menschen aufgemacht hatten, um gegen die Politik der Regierung zu protestieren, begrüßten die Demonstranten mit Jubel und Applaus. Gegen den Willen der Stadtverwaltung und der Polizei hatte sich der Volkszorn durchgesetzt. Auf die Demonstration folgte eine Woche unzähliger Aktionen des zivilen Widerstandes. Über 1800 Demonstranten wurden verhaftet und in ein Lagerhaus gepfercht. Und doch blieb von diesem gewaltigen Aufmarsch und Widerstand in der Öffentlichkeit kaum etwas hängen. Die Medien wiegelten ab. Die Regierung weigerte sich, die Proteste überhaupt wahrzunehmen. Eine Taktik mit der schon die Friedensmärsche im Vorfeld des Irakkrieges totgeschwiegen wurden.
Man möchte an dieser Ohnmacht verzweifeln. Doch Hersh bleibt Optimist. “Man sollte sich davor hüten, das alles zu verallgemeinern", sagt er. “Die Leute ganz oben scheren sich vielleicht nicht. Aber im Großen und Ganzen sind die Mitglieder unserer Regierung schon in Ordnung." Er senkt die Stimme. “Die Militärs machen sich zum Beispiel große Sorgen über all das, was derzeit passiert." Und flüstert fast: “Woher glauben Sie, dass ich mein ganzes Material bekomme?" Auch die Ohnmacht des Zivilen sollte man nicht überschätzen. “Das Buch ist ja eben erst erschienen. Und noch ist das alles nicht vorbei." Weder die Auswirkungen seiner Arbeit. Noch seine Arbeit selbst.
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