Die Durstigen dieser Erde

Die Privatisierung der globalen Trinkwasservorräte birgt Konfliktstoff für ein ganzes Jahrhundert.
© Andrian Kreye



Als Nelson Mandela am Mittwoch vor dem Weltgipfel in Johannesburg forderte, den freien Zugang zu Wasser zum grundlegenden Menschenrecht zu erklären, berührte er einen Konflikt, den die Staatengemeinschaft lieber verschweigen würde. Denn mit seiner Forderung meinte der Friedensnobelpreisträger nicht nur das ganz akute Problem, dass fast 1,2 Milliarden Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben. Er sprach auch eine semantische Feinheit in den Statuten der Vereinten Nationen, der Weltbank und der meisten Freihandelsverträge an, die der Menschheit ebenjenes Recht auf Wasser abspricht. Denn für die Staaten- und Handelsgemeinschaften ist Wasser kein “Human Right", sondern ein “Human Need". Der grundlegende Unterschied: Menschenrechte sind unveräußerlich. Menschliche Bedürfnisse können beliebig vermarktet werden. Und genau dies soll mit den Weltvorräten an Trinkwasser geschehen.

Das anschauliche Beispiel, was passiert, wenn die Trinkwasserversorgung privatisiert wird, fand sich nur wenige Kilometer von jener Bühne, auf der Mandela seine Forderung aussprach. Gleich neben den Rasenflächen vor den mit Stacheldraht umzäunten Villen und Hotels des Vorortes Sandon, in dem der Weltgipfel stattfindet, erstreckt sich das schier endlose Panorama aus Wellblechdächern und Staubpisten des Elendsviertels der Alexandra Township. Dazwischen fließt der Jukskei-Fluß. Über 100.000 Menschen holten sich dort letztes Jahr die Cholera. Die meisten von ihnen waren gezwungen, in der bräunlichen Brühe des Jukskei zu baden, zu waschen oder gar mit dem verseuchten Wasser zu kochen. Denn in Alexandra wurden nicht nur die Elektrizität, sondern auch die Trink- und Abwasserversorgung privatisiert. Als die verarmten Bewohner nicht mehr bezahlen konnten, drehte die Wasserfirma die Leitungen einfach ab.

Im neoliberalen Deregulierungsrausch der letzten Jahre haben Staatsregierungen so einige ihrer Aufgaben auf den freien Markt geworfen. Die Energieversorgung, die Kommunikation und das soziale Netz. Das entlastet den Staat und schiebt die Verantwortung den Kräften der freien Marktwirtschaft zu, die auch Grundbedürfnisse nach den Regeln von Angebot und Nachfrage befriedigen. Wäre Wasser eine Dienstleistung oder ein produzierbares Gut, wäre das durchaus ein sinnvoller Ansatz. Das Ende der Regierungsmonopole auf die Kommunikation war beispielsweise der entscheidende Motor für die Revolution der Informationstechnologien. Davon haben auch die Entwicklungsländer profitiert, die mit Glasfaserkabeln und Mobiltelefonen ein ganzes Jahrhundert versäumter Technologiesprüngen aufholen konnten. Wäre es nicht denkbar, eine weltweite Wasserversorgung aufzubauen, die ebenso unabhängig von Staatsgrenzen ist wie das Internet?

Es war die amerikanische Wirtschaftszeitung Fortune, die vor einigen Jahren verkündete: “Wasser verspricht für das 21. Jahrhundert die selbe Bedeutung zu haben, wie Öl für das 20. Jahrhundert: als wertvolles Gut, das den Wohlstand der Nationen bestimmen wird." Doch ähnlich wie Öl ist Wasser kein Element, das sich beliebig erneuert, sondern ein begrenzt vorhandener Rohstoff.

Nur ein halbes Prozent des Wassers auf dem Planeten Erde ist als Trinkwasser verwertbar. Und die Bestände nehmen stetig ab. Im Gegensatz zu den Erdölvorräten, die schätzungsweise erst in vier bis fünf Generationen aufgebraucht sind, werden gut zwei Drittel aller Menschen schon in knapp dreißig Jahren mit akuten Wassernotständen zu kämpfen haben. Nicht nur die Bewohner der Dürrezonen der Dritten Welt. Während Europa in diesem Sommer mit den Fluten kämpfte, wurden weite Teile der USA zum Dürregebiet erklärt. In New York durften die Restaurants Leitungswasser nur noch auf Bestellung ausschenken. Und im chronisch trockenen Kalifornien wird demnächst aufbereitetes Toilettenwasser in die Leitungen gepumpt.

Die globale Privatisierung des Wassers wird die Situation allerdings noch verschärfen. Der freie Markt wird Wasser nicht dorthin liefern, wo es gebraucht wird, sondern wo der höchste Preis bezahlt wird. Wasserkonzerne werden den Rohstoff nicht konservieren, sondern ausbeuten. Und die Profite sind erheblich. Derzeit liegen die jährlichen Gewinne mit dem Wassergeschäft bei rund 40 Prozent der Ölindustrie, dabei sind bisher lediglich fünf Prozent der Weltwasservorräte in privater Hand. Längst haben sich zehn Konzerne als Marktführer etabliert. Die drei größten Wasserkonzerne, Vivendi und Suez aus Frankreich, und Thames Water aus Großbritannien, versorgen heute schon mehr als 200 Millionen Kunden in 150 Ländern.

Dazu kommt der stetig wachsende Markt von Trinkwasser in Flaschen. Letztes Jahr wurden rund 90 Milliarden Liter Trinkwasser abgefüllt. Marktführer wie Nestlé, Coca Cola und Pepsi sind auf einer fieberhaften weltweiten Suche nach Quellen. Bald schon soll Wasser ähnlich wie Öl in großen Mengen zur zahlenden Kundschaft transportiert werden. Riesige Wasserpipelines sind in Planung. Die ersten Supertanker mit gigantischen Wassersäcken sollen Milliarden Liter über die Ozeane transportieren.

Politologen erwarten im Kampf um den begehrten Rohstoff ähnliche Konflikte wie die Ölkriege des 20. Jahrhunderts. Die ersten Brennpunkte zeichnen sich schon ab. Syrien, Irak und die Türkei streiten sich um Wasserrechte am Euphrates, Mexiko und Texas um den Rio Grande. Hunderte äthiopischer Staudämme und ein geplanter sudanesischer Megadamm, gefährden die Wasserversorgung Ägyptens, die zu 98 Prozent vom Nil abhängt. Und selbst im Nahostkonflikt spielt das kostbare Naß eine Rolle - ein Drittel der Wasserversorgung Israels speist sich aus einem Bergreservoir, das sich in die Gebiete der Westbank und des Gazastreifens erstreckt. Noch gibt es keine international gültigen Konventionen, die Wasserrechte regeln würden. Nach Angaben der Vereinten Nationen werden derzeit Konflikte um das Wasser von rund 300 Flüssen verhandelt, darunter auch die Rechte am Wasser der Donau und des Colorado.

Doch während die internationalen Wasserkriege noch am Verhandlungstisch ausgetragen werden, sind die sozialen Wasserkonflikte längst ausgebrochen. In Alexandra bildete sich eine Widerstandsbewegung gegen die rabiaten Methoden der Wasserfirmen. Gewerkschaften und Bürgerorganisationen zerstörten Verbrauchsmesser und hängten die abgekoppelten Wasserleitungen wieder an. Als sich der Wasserpreis in der argentinischen Andenprovinz Tucumán verdoppelte, zwang eine Protestbewegung der Bauern den Vivendikonzern zur Aufgabe. In Bolivien brachten die Bewohner der Stadt Cochabamba die Regierung mit einem Generalstreik dazu, die Verträge mit dem amerikanischen Konzern Bechtel rückgängig zu machen. Im Mittelwesten der USA hinderten Farmer die Firma Perrier daran, ihr Wasser in Flaschen zu füllen.

Aus den Konflikten wird schon bald eine weltweite Bewegung entstehen. Schon wird die Forderung nach einer global gültigen Wasserkonverntion laut. Und die Durstigen dieser Erde werden sich zu wehren wissen. Denn beim Öl ging es noch um einen Lebensstil. Beim Wasser ums nackte Überleben.

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