DIE UNEINIGEN STAATEN VON AMERIKA

Bei den US-Wahlen tobte der Kulturkampf von 1968 -
und wieder siegte das Bürgertum.

© Andrian Kreye


New York 03.11. '04 - Die Kommentatoren waren entgeistert. Noch nie war die amerikanische Nation so gespalten, unkten sie und zwar nicht erst seit diesen Wahlen, sondern schon seit nunmehr vier Jahren. Ein tiefer Graben ziehe sich da genau durch die Mitte der Gesellschaft. Das stimmt sogar statistisch und natürlich ist es genau dieser Graben, der nun schon zum zweiten Mal einen klaren Wahlausgang verhindert. Denn die Politik der schmutzigen Tricks, die jetzt wieder auf beiden Seiten vermutet wird, könnte nicht greifen, wenn es ein klares Ergebnis gäbe. Nein, die Tricks und Finten funktionieren nur, solange bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen eine hauchdünne Stimmenmehrheit über Sieg und Niederlage entscheidet. John Edwards hat das bei seiner frühmorgendlichen Kampfansage gegen das Ergebnis von Ohio mit seinem unerschütterlichen Zwangsoptimismus sogar als große Stunde der Demokratie formuliert: jede Stimme zählt. Ist das nicht eigentlich ganz großartig? Ging vor vier Jahren in Florida nicht die Ära des machtlosen Stimmviehs zu Ende?

Damit hat er nicht ganz Unrecht. Was vor vier Jahren in Florida und nun in Ohio diagnostiziert wurde, ist keine grundlegende Krise der Demokratie, sondern lediglich Symptom eines tief greifenden Kulturkampfes, der schon seit über drei Jahrzehnten die beiden Fronten der amerikanischen Gesellschaft in zwei verschiedene Richtungen treibt. Und niemand eignete sich als Katalysator für diesen Konflikt besser, als das Gegnerpaar Bush-Kerry.

Beide sind exemplarische Vertreter ihrer Generation, die in Europa als 68er, in Amerika als Babyboomer bekannt sind. Ganz richtig - Bush ist ein typischer 68er. Denn da darf man sich nichts vormachen. Auch wenn aus dem Amerika der späten 60er Jahren vor allem die Bilder der blühenden Subkulturen geblieben sind, die kulturellen Ikonen von Easy Rider bis Woodstock, all die Aufnahmen von Hippies, Demonstranten, Aussteigern und Rockstars, die dem großen Ruck, der durch die amerikanische Gesellschaft gegangen war ein glamouröses Finale verliehen, so war die kämpferische Jugend auch unter ihren Altersgenossen nur eine lautstarke Minderheit. Immerhin so lautstark, dass sie die meisten Errungenschaften der Bürgerrechtsbewegung in den Fundamenten ihres Landes festzementieren konnten - im Bewusstsein, in der Kultur und in den Gesetzen. Und die Lautstärke schwoll an. Über die vergangenen drei Jahrzehnte wuchs die Minderheit zur gleichberechtigten Kultur. Doch der Graben, der sich 1968 aufgetan hatte, zieht sich noch heute quer durch die Bevölkerung.

Da steht auf der einen Seite das konservative Amerika mit seinen christlichen und republikanischen Werten, auf der anderen Seite das liberale Amerika mit all den Freiheiten, die sich die Subkulturen eroberten. Der Kulturbruch ist keine historische Besonderheit. Über die kulturelle Zweiteilung moderner Gesellschaften schrieb der schottische Philosoph Adam Smith schon 1776 in seinem Grundlagenwerk “Wohlstand der Nationen". Jede Zivilisation werde vom Kampf zwischen denen geprägt, die sich harter Arbeit und Entsagung verschrieben, und jenen, die sich der Sinnlichkeit ergeben. Man könnte bis zu Pentheus und Dionysos zurückgehen, aber für die aktuellen Wahlen reicht eben auch das Jahr 68.

Nun scheint sich da in der Paarung Bush und Kerry ein Widerspruch aufzutun. 1968 feierte sich George W. Bush durch seinen Abschluss an der Eliteuniversität Yale. Kerry, der dort zwei Jahre zuvor bestanden hatte, befand sich schon auf seinem Weg nach Vietnam. Dieser Widerspruch zwischen dem sinnlichen Bürger und dem ernsthaften Rebell zieht sich durch die gesamte Biografie der beiden. War es doch der Held der Gegenkulturen John Kerry, der Zeit seines Lebens mit protestantischer Ernsthaftigkeit für die Gerechtigkeit gekämpft hat. Ein eiserner, fast besessener Arbeiter, der an jeder Sitzung eines Untersuchungsausschusses mehr Freude zu haben schien, als am ausgelassenen Feiern. Der großbürgerliche Bush dagegen verbrachte seine Jugend als Partylöwe. Die ausschweifenden Feste, die er während seiner Zeit bei der Nationalgarde in Alabama organisierte, sind heute noch Legende, auch wenn man die Details bis heute nicht kennt und diese Jahre als “Bush's lost years" durch seine Vita geistern. Doch beide Kandidaten nutzten diesen Widerspruch im politischen Leben als Stärke.

Für die Protestbewegung der frühen 70er Jahre war John Kerry ein Segen. Da trat dieser eloquente junge Mann in gebügelten Hosen und Tennishemden von Lacoste als Sprecher einer Bewegung auf, die zum Großteil aus zerzausten Vietnamveteranen und ungehobelten Hippies bestand. Mit der rhetorischen Verve des geübten Debattenführers glänzte er vor Senatsgremien genauso wie vor protestierenden Massen. George W. Bush wirkte dagegen mit seinen Cowboystiefeln und dem texanischen Akzent am Steuer eines Pickup Trucks so überzeugend proletarisch, als sei er auf einer Ranch aufgewachsen, und nicht der Spross einer schwerreichen Familie, der als Politiker immer die Interessen der Wirtschaftseliten vertrat.

Das hielt sich bei beiden bis heute. Trotz Abstinenz und neugefundenem Glauben umweht George W. Bush immer noch die Aura des schelmischen Partyboys. John Kerry hat es dagegen schon immer fertig gebracht, selbst die subversivsten Ideen mit der Ernsthaftigkeit eines gestrengen Patriziers vorzutragen. Das änderte auch nie etwas am Kern ihrer Personen. George W. Bush stand Zeit seines Lebens für das christlich-konservative, John Kerry für das progressiv-liberale Amerika. Man muß Bush lassen, dass er diesen Kulturkampf besser genutzt hat. Das war für die Mobilisierung der Basis enorm wichtig.

Bisher hat das bürgerliche Lager die Schlachten des Kulturkampfes sowieso stets gewonnen. Auf dem Höhepunkt der Vietnamproteste wählte Amerika Nixon ins Amt. Der liberale Jimmy Carter war nicht mehr als eine Schockreaktion auf den Skandal von Watergate. Seither nimmt die konservative Revolution ihren unabänderlichen Lauf. Auch die Clintonjahre waren keine wirkliche Abweichung von dieser historischen Linie. Der schien mit seinen Wahlkämpfen gegen den älteren George Bush und den greisen Bob Dole den Kulturkampf zwar erstmals bis ins Weiße Haus zu tragen, doch das war noch ein Generationenkonflikt, in dem er als erster Kandidat der Rock'n Roll-Generation gegen die alte Garde der Weltkriegsveteranen antrat. Nur dem Wirtschaftswunder der Dotcomjahre hat er zu verdanken, dass kaum jemand bemerkte, wie er die Partei der Demokraten im politischen Spektrum weit nach rechts rückte, um regierungsfähig zu bleiben.

Der Fall Ohio ändert nichts an dieser Linie. Bush hatte sowieso von Anfang an die absolute Stimmenmehrheit bekommen. Selbst wenn Kerry es geschafft hätte - als Präsident hätte er mit den politischen Realitäten eines republikanischen Parlaments und eines konservativen Supreme Court leben müssen. Allerdings kann der siegreiche George W. Bush das konservative Amerika politisch nun auf einen selbstzerstörerischen Kurs führen, der es seinen Parteigängern bei den nächste Wahlen nicht mehr so leicht machen wird.

Es wird ja nicht erst seit der Wahlnacht heftig spekuliert, wer denn in vier Jahren ins Rennen um das Präsidentenamt geht. Wahrscheinlich gegehn beide Parteien auf Nummer Sicher. Doch wer weiß, vielleicht steigt da ja eine feministische Rechtsanwältin gegen einen katholischen Staatsanwalt in den Ring. Es gibt für die beiden gesellschaftlichen Pole im Strom der Geschichte jedenfalls noch viel Raum weiter auseinander zutreiben. Glaubt man Adam Smith, so wird keine der beiden Seiten auf Dauer die Oberhand gewinnen. Das viel zitierte Ende der Geschichte bleibt also ein Utopia. Ganz egal, aus welchem Lager man das herbeiwünscht.





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