Dabei geht es nicht um die vermeintlich typischen Charaktereigenschaften, um die Europa Amerika so oft beneidet: den Unternehmensgeist, die Flexibilität, den Fortschrittsglauben, die Konsumbereitschaft und den unerschütterlichen Optimismus. Das sind Verallgemeinerungen, die genauso unpräzise sind, wie die dazugehörigen Antithesen aus dem Repertoire der Vorurteile. Es geht vielmehr um ganz handfeste Institutionen der amerikanischen Gesellschaft, für die es in Europa kein Äquivalent gibt, die in einer freien Marktwirtschaft jedoch wie eine Notbremse wirken können.
Die Philanthropie ist in Amerika zum Beispiel nicht nur launischer Luxus der Reichen, sondern eine Tradition von volkswirtschaftlicher Bedeutung. Ausgerechnet einer der berüchtigten Räuberbarone des Eisenbahnbooms begründete diese Tradition im späten 19. Jahrhundert. Der Stahlmagnat Andrew Carnegie, der zu seiner Zeit als reichster Mann der Welt galt, veröffentlichte 1889 in der Monatszeitschrift American Review den grundlegenden Essay “The Gospel of Wealth".
Der Ölmagnat und Philanthrop John D. Rockefeller sorgte dann 1913 dafür, dass Spenden- und Stiftungsgelder von der Einkommenssteuer ausgenommen wurden und verankerte die Philanthropie somit im Gesetz. Heute pflegen die Könige der Medienboomjahre wie George Soros, Alberto Vilar und Ted Turner haben die Tradition der Philanthropie. Der reichste Mann unserer Tage Bill Gates hat schon 25 Milliarden Dollar für wohltätige Zwecke ausgegeben. Aber auch das alte Geld hat Herz - diese Woche vererbte die Witwe des McDonalds-Gründers Joan Crok 1,5 Milliarden Dollar an die Heilsarmee.
Insgesamt beläuft sich das jährliche Spendenaufkommen für Wohlfahrt, Bildung und Kultur in den USA heute auf 200 Milliarden Dollar. Das ist mehr als das Bruttosozialprodukt von Ländern wie Hongkong, Portugal oder Dänemark. Das gesamte Spendenaufkommen der Deutschen entspricht dagegen mit rund zehn Milliarden Euro pro Jahr in etwa dem Bruttosozialprodukt von Tuvalu, jenem Inselstaat, der gerade im Südpazifik versinkt. Staatlich verordnete Spenden wie der Solidaritätsbeitrag oder die Kirchensteuer sind dabei zwar nicht mit eingerechnet, die zählen nach amerikanischen Maßstäben allerdings auch nicht zur Philanthropie.
Grob vereinfacht handelt es sich um Schadenersatz mit Strafcharakter. Dabei geht das Gesetz davon aus, dass die Zahlungen richtig weh tun müssen. Ein paar Tausend Dollar Strafe würden einen Konzern wie McDonalds ja nicht weiter beunruhigen. Manchmal sind diese Zahlungen realistisch, wie in dem Fall der Ölpest nach dem Tankerunglück in Alaska, für die der Exxonkonzern die Rekordsumme von fünf Milliarden Dollar bezahlen mußte, um den Schaden zu decken. Oft soll die Höhe jedoch als Warnung dienen, wie in dem Fall des Fabrikarbeiters in Las Vegas, der von einem Gericht 16 Milliarden Dollar zugesprochen bekam, weil er seinen Arm in einer Maschine zerquetschte. Für Angestellte sind Schadenersatzklagen oft die einzige Möglichkeit, sich gegen Ausbeutung, Diskriminierung oder mangelnde Sicherheit am Arbeitsplatz zu wehren. Präzedenzfälle mit hohen Strafbescheiden schaffen so einen Konsens der die Machtlosigkeit der Gewerkschaften, die Deregulierung der Arbeitswelt und Allmacht der Konzerne ausgleichen kann.
Weil aber nur eine mittelständische Gesellschaft eine faire Konsensfindung zuläßt, hat der amerikanische Staat traditionell Mittelschichten gefördert. Der Homestead Act von 1862 verhinderte beispielsweise, dass sich in Amerika ein Stand der Großgrundbesitzer etablieren konnte. Nach der Depression ermöglichten die sozialen Maßnahmen des New Deal den Aufstieg der Arbeiterschaft in einen unteren Mittelstand, gefolgt von der endgültigen Demokratisierung des Wohlstandes in der Great Society der 60er Jahre. Das alles waren Beispiele für gemäßigte Formen der Gesellschaftsplanung, die im krassen Gegensatz zu den mörderischen Experimenten im Europa und Rußland des 20. Jahrhunderts standen.
Manchmal ist der Blick über den Atlantik ja doch verlockend, denn aus volkswirtschaftlicher Sicht hat es Amerika durchaus besser. Die Gewerkschaften haben keine politische Macht, die Sozialabgaben sind gering, die Produktivität steigt und kein Kündigungsschutz lähmt die Betriebe. Trotzdem gibt es nicht nur weniger Arbeitslose als in Europa, sondern auch so gut wie keine Langzeitarbeitslosen, das Pro-Kopf-Einkommen ist höher und die Wirtschaft erholt sich schneller von Rezessionsphasen. Nun kann man die freie Marktwirtschaft mit ihren unbegrenzten Möglichkeiten und sozialen Härten bejubeln oder verfluchen, doch egal, ob man das Beispiel USA als Vorbild oder Sündenbock betrachtet, wer seine Rechnung ohne die kulturellen Unterschiede zwischen der alten und der neuen Welt aufstellt, wird an seinem Zerrbild scheitern. Denn die Unterschiede sind gewaltig.
“Das Problem unserer Zeit ist die Verteilung des Geldes, damit das Band der brüderlichen Gemeinschaft Arm und Reich in einer harmonischen Beziehung halten möge", schrieb er da. Die dekadenten Stände Europas verfluchte er dafür, dass sie ihren Reichtum dem verwöhnten Nachwuchs überließen, der ihn doch sowieso nur verplempere. Posthume Stiftungen seien der Unfähigkeit ihrer Verwalter ausgeliefert. “Wer reich stirbt, hat Schande über sich gebracht", sagte er später. Aber da war er schon mit bestem Beispiel vorangegangen. Im Jahr 1900 verkaufte Andrew Carnegie sein Firmenimperium für 480 Millionen Dollar an den Bankier J.P. Morgan und stiftete bis zu seinem Tode im Jahr 1919 über 350 Millionen Dollar davon für wohltätige Zwecke. Er gründete eine Pensionskasse für Lehrer und eine Stiftung für die Friedensforschung, und er baute den New Yorkern eine Konzerthalle, die heute noch seinen Namen trägt.
Während die Philanthropie private Äquivalente für das soziale Netz und die Kulturförderung geschaffen hat, gleicht das amerikanische Zivilrecht die schwindende Macht der Arbeiter und Konsumenten aus. Die Kuriositäten des amerikanischen Zivilrechts sind bekannt. Die Rentnerin, die von McDonalds über zwei Millionen Dollar bekam, weil sie sich mit heißem Kaffee verbrühte, oder die krebskranken Raucherin, die Philip Morris erfolgreich auf 50 Millionen Dollar verklagte. Das summiert sich. Im Jahr 2002 belief sich das Gesamtvolumen der Schadenersatzzahlungen in den USA auf 233 Milliarden Dollar. Allerdings sind die Kuriositäten Extrembeispiele für die so genannten Punitive Damages, für die es im Deutschen keine Entsprechung, ja nicht einmal eine Übersetzung gibt.
Dieser quasi erzwungene Konsens ist allerdings nur ein Aspekt der Konsensgesellschaft, die Amerika ganz grundlegend vom Rest der Welt unterscheidet. Als einzige Nation der Welt, die weder auf Grundlage geographischer, ethnischer noch kultureller Zugehörigkeit gegründet wurde, sind die USA einem immerwährenden Prozeß der internen Konsensfindung unterworfen. Dabei basiert die Definition des Individuums auf der umgekehrten Voraussetzung, wie beispielsweise in Europa. In Europa definiert sich das Ich aus der Zugehörigkeit zu einem Wir. Darauf basiert unter anderem der Solidargedanke. In den USA steht das Ich vor dem Wir, das nur durch das Zusammenspiel multipler Individuen zustande kommt. Das zwingt selbst im Alltagsdetail zur permanenten Verhandlungsbereitschaft.
Was passiert, wenn die freie Marktwirtschaft in einer Kultur freigesetzt oder von internationalen Wirtschaftsinstitutionen verordnet wird, die darauf nicht vorbereitet ist, konnte man in den letzten Jahren in Ländern wie Ostdeutschland, Argentinien und Mexiko beobachten. Dann werden lokale Wirtschaftsformen ausgemerzt, soziale Härten verschärft und mittelständische Strukturen erodiert. Amerika du kannst es besser, möchte man da ausrufen. Wären da nicht die Pläne von George W. Bush, diese letzten Notbremsen der freien Marktwirtschaft auszuhebeln. Am Mittwoch hat er sie in seiner Rede zur Lage der Nation erneut angekündigt. Die private Philanthropie will er durch die Abschaffung der Erbschaftssteuer beschneiden. Das Regulativ der zivilrechtlichen Klagen will er abschaffen, was er durch die Berufung industriefreundlicher Bundesrichter praktisch schon eingeleitet hat. Und mit Maßnahmen wie den Steuererleichterungen für die obersten Einkommensschichten will er den zerbrechlichen Konsens der mittelständischen Gesellschaft aufkündigen.
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