Spiel mir das Lied vom Tod

Wenn der Staat tötet wird Gewalt zum bürokratischen Vorgang euphemisiert
© Andrian Kreye



Der texanische Drogenbaron Juan Raul Garza ging mit seinen Opfern nicht gerade zimperlich um. Nach einer Party in seiner Heimatstadt Brownsville ließ er Diana Flores Villareal entführen, die Exfrau seines Hitman. Sie hatte ihn ausgelacht, außerdem hatte er den schweren Verdacht, sein Scherge hätte ihn bei der Polizei verpfiffen. Grund genug für Garza, ein Exempel zu statuieren. Er ließ ihr eine Ladung Kokain injizieren. Dann schlugen und würgten seine Männer die junge Frau so lange, bis sie sich nicht mehr rührte. Das Kokain, so glaubte Garza, würde die Polizei auf die falsche Fährte führen. Sie würden sicherlich glauben, sie sei im Drogenrausch hingefallen und habe sich dabei den Schädel gebrochen. Also schleiften sie ihren Körper zum Auto, stülpten eine Plastiktüte über ihren Kopf, damit ihr Blut nicht die Sitzpolster versaute und fuhren zu einem Feld, auf dem sie die Leiche einfach aus dem Auto warfen. Der Mord flog auf. In der Eile hatten Garzas Männer vergessen, ihr die Tüte wieder vom Kopf zu ziehen.

Acht Menschen hatte Juan Raul Garza auf dem Gewissen. Für drei der Morde wurde er am Dienstag Morgen im so genannten Death House des Bundesgefängnisses von Terre Haute, Indiana mit einer tödlichen Injektion hingerichtet. Liest man die Beschreibungen der Morde in einer der texanischen Lokalzeitungen nach, fällt es schwer, Mitleid mit einem Mann zu haben, der die Rolle des grausamen Gangsterbosses im wirklichen Leben bis zur Perfektion beherrschte. All die Klischees fallen einem da ein. Von der Szene in “Scarface", in der Drogendealer vor den Augen Al Pacinos seinen Freund bei lebendigem Leib mit der Kettensäge zerlegen, bis zu den Passagen in Mark Dowdens aktuellem Bestseller “Killing Pablo", in denen er die Foltermethoden des Medellinkartells unter Pablo Escobar erklärt. Garza starb dagegen einen friedlichen Tod. Am Tag zuvor verspeiste er ein Steak mit Pommes Frittes, Zwiebelringen und einer Cola Light. Am Morgen kleideten ihn die Wärter in frisch gewaschene Khakihosen, ein T-Shirt und bequeme Pantoffeln. Er blieb ganz ruhig, als ihn die Beamten auf den Hinrichtungstisch schnallten, als sie die Kanüle in seine Vene führten und die drei Gifte in seine Blutbahn gepumpt wurden. Um 7:09 Uhr Ortszeit stellte Gefängnisdirektor Harley Lappin dann ordnungsgemäß seinen Tod fest. Eine saubere Sache und ein fast schon alltäglicher Vorgang der amerikanischen Justiz.

Acht Tage vor Garza wurde der Oklahomabomber Timothy McVeigh auf dem selben Tisch in Terre Haute hingerichtet. Und auch sein Tod stand im krassen Gegensatz zum grausamen Ende, das seine 168 Opfer fanden. Immer wieder zeigten die amerikanischen Fernsehsender in den Wochen vor seiner Hinrichtung die Bilder von den rauchenden Trümmern, den blutverschmierten Verletzten, den zerfetzten Körpern der Toten und verzweifelten Gesichtern der Überlebenden. Im Gegenschnitt dazu die Bilder von besagtem Todeshaus in Terre Haute. Ein nüchterner Bau mit schmucklosen Räumen, die Wände in dezentem Grün gekachelt, die Todeszelle klinisch sauber, in der Mitte der Hinrichtungstisch mit der braunen Polsterung und den schwarzen Nylonriemen. Ein Ambiente, das eher an die Kulisse einer Krankenhausserie erinnert, als an den Ort, an dem der Staat seine Bürger tötet. Computersimulationen zeigten den Grundriss und den Hinrichtungsablauf in der sterilen Ästhetik digitaler Funktionsgrafiken.

Die Bilder sprechen eine deutliche Sprache. Hier die Grausamkeit des Verbrechens, dort die Gnade des sanften Todes. Kein Wunder also, dass sich die Befürworter der Todesstrafe ganz offen darüber echauffieren, das humane Sterben der Todeskandidaten sei nicht Sühne genug. So sagte Russell Braun, ein Soldat der National Guard aus Terre Haute, am Vortag der McVeigh-Hinrichtung: “Den elektrischen Stuhl hätte er verdient. Er hat so viel Leid über die Menschen gebracht, da sollte er selbst leiden."

Die amerikanischen Regierungsebenen haben sich in den letzten Jahren in eine seltsame Zwickmühle gebracht. Auf der einen Seite steht hinter der Praxis der Todesstrafe ganz klar das Prinzip der Sühne. Auf der anderen Seite ist das Prinzip der Sühne nur schwer mit dem publizistischen Waschzwang in Einklang zu bringen, dem sich die westlichen Nationen seit dem Zweiten Weltkrieg unterziehen. Die Ideologie der Menschenrechte hat es für die Staatsmacht unmöglich gemacht, ihre Autorität mit physischer Gewalt durchzusetzen, denn mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte haben die Regierungen 1948 das politische Äquivalent des Hippokratischen Eids abgelegt. Das Leben und die Rechte des Menschen sind zu schützen und nur in Notwehr darf der Staat auch töten. Und so wurde der staatlich sanktionierte Tod über die Jahre systematisch euphemisiert.

Zunächst einmal im Krieg. Während des Vietnamkrieges bewies sich die Nixon-Administraton als Meister der verbalen Schönfärberei. Die Einzelperson des feindlichen Vietcongs wurde zum softskin target erklärt, zum weichhäutigen Ziel, nicht mehr als ein mechanisches Element der Kriegsmaschinerie. Doch man unterschätzte die Wirkung der Bilder im neuen Medium Fernsehen, und so formierte sich trotz der bürokratischen Kriegssprache weltweiter Protest. Ein Fehler, aus dem die Regierungen schnell lernten - Sicherheitsrisiken aller Art sind seit den 70er Jahren der offizielle Begründung für Pressezensur im Feld. Im Golfkrieg hatten die Kriegsherren den Wettlauf mit den Medien dann endlich gewonnen. Aus zivilen Opfern wurden Begleitschäden, aus Bombardements chirurgische Schläge. Doch den größten Sieg erreichten die Propagandatruppen an der visuellen Front. Die wenigen Bilder, die von den inhaltshungrigen Fernsehsendern wieder und wieder gezeigt wurde, waren schematische Videoaufnahmen der Raktenziele, blauflimmernde Abstrakta, Zeugnisse technischer Perfektion ganz ohne den emotionalen Ballast von Blut, Schweiß und Tränen.

Einen ähnlichen Prozeß sollte auch die Todesstrafe durchlaufen. Erste Regel - es gibt keine Bilder vom Tod der Verurteilten. Zweite Regel - genau wie der Krieg muß das staatliche Morden einen bürokratischen, technischen Charakter erhalten. Als das Verfassungsgericht 1976 sein Urteil von 1972 aufhob, und die Todesstrafe wieder einführte, begannen fast alle Bundesstaaten, ihre Todeskandidaten in der Gaskammer oder auf dem elektrischen Stuhl hinzurichten. Das erschien weniger gewalttätig als Erschießen, weniger grausam als Erhängen. Ein Irrtum, wie sich im Laufe der Jahre herausstellte. Menschliches und technisches Versagen verwandelten die mechanischen Vorgänge des Tötens in grausame Foltern. Ein Anwalt, der 1982 die Hinrichtung von Frank J. Coppola beobachtete, berichtete später, dass der Gefangene nach dem ersten Stromstoß von 55 Sekunden noch lebte, dass der zweite Stromstoß den Geruch und “das Brutzeln" von verbranntem Fleisch erzeugte und die Todeskammer vom Boden bis zur Decke mit Rauch erfüllte. Immer neue Geschichten von Häftlingen, die minutenlang unter den Stromstößen zuckten, um Atem ragen, ausbluteten oder Feuer fingen kamen in Umlauf.

Auch die Gaskammer erwies sich als problematische Technik. In Mississippi unterbrachen die Beamten 1983 die Hinrichtung von Jimmy Lee Gray, nachdem er acht Minuten lang unter schwerem Röcheln um sein Leben rang. Der bekannte Verteidiger David Bruck erzählte: “Jimmy Lee Gray starb, weil er seinen Kopf immer wieder gegen einen Stahlpfosten in der Todeskammer schlug, während die Reporter seine Schreie zählten." Die Lösung für das Publicityproblem der Todesjustiz schien ganz eindeutig der Tod durch Injektion. Im Jahre 2000 wurden nur noch fünf der landesweit 85 Hingerichteten auf dem elektrischen Stuhl getötet. Und dieses Jahr starben sämtliche der 37 Verurteilten durch eine tödliche Injektion. Ein klinischer, sauberer Vorgang, der nur wenige, schmerzlose Minuten dauert, wie auch die Zeugen der McVeigh- und Garza-Hinrichtungen bestätigten. Eine nüchterne, ernsthafte Stimmung habe die Szenen bestimmt. Und die Beamten verkündeten nach Vollzug ganz stolz, alles sei “nach Plan verlaufen". Hatten sie sich doch penibel an das über 50 Seiten starke Protokoll für Hinrichtungen durch die Bundesjustiz gehalten.

Ein Propagandasieg? Der endgültige Kompromiß aus Sühne und humanem Sterben? Mitnichten. Hinter dem Nebel des bürokratischen Vorgangs lauert auch bei der gar so modernen Todesstrafe durch Vergiften die grausame Realität des Sterbens. 1985 stocherten die texanischen Hinrichtungstechniker 45 Minuten lang in den Armen und Beinen von Stephen Peter Morin herum, weil der seine Venen während seiner Drogensucht zerstört hatte. 1990 legten die Techniker im Staatsgefängnis von Illinois dem Todeskandidaten Charles Walker die Nadel aus Versehen in Richtung seiner Finger, statt seines Herzens an, was dazu führte, dass der Tod erst nach minutenlangen, schwersten Schmerzen eintrat. 1995 dauerte die Hinrichtung von Emmitt Foster in Missouri eine ganze halbe Stunde, während der sich Foster unter Krämpfen, Husten- und Erstickungsanfällen auf dem Hinrichtungstisch wand und bäumte. Die Liste ließe sich weiter fortsetzen. Doch es geht nicht um die endlosen Variationen menschlichen und technischen Versagens. Das würde verführen, am System zu zweifeln und nicht am Prinzip. Die Liste soll nur beweisen - der Tod läßt sich nicht bürokratisieren. Und wer tötet nimmt die Folter in Kauf.

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