Das Ritual

Eine Hollywood-Alltagsgeschichte
© Andrian Kreye



Keanu Reeves steht im zwölften Stockwerk des New Yorker Regency Hotels und fingert an einer Blumenschale herum. Gut sieht er aus. Der schmal geschnittene, dunkle Anzug steht ihm ganz hervorragend und die gepflegten Bartstoppeln erinnern daran, dass er mit “The Matrix" trotz seines Bubengesichtes in die erste Liga der Actionstars aufgestiegen ist. Aber er scheint sich unwohl zu fühlen. Er läßt den Kopf hängen, blickt nur kurz auf, nickt “Hallo" und linst hilfesuchend zu seinen zwei Begleitern, einem eifrigen Presseagenten im Seidenpulli und einem muskulösen Herrn im dunkelblauen Anzug, dessen Knopf im Ohr verrät, dass er im Sicherheitsgewerbe tätig ist.

Es ist später Vormittag und Keanu Reeves ist nach New York gekommen, um ein so genanntes Junket für die Football-Komödie “The Replacements" zu absolvieren. Das heißt - gleich muß er in eines der Konferenzzimmer und sich der Pressemeute stellen. Das will er nicht, das muß er. In seinem Vertrag steht ganz genau vorgeschrieben, wie viele Minuten seines Lebens er mit Journalisten und Reportern verbringen muß, um besagten Film zu bewerben.

Das Hollywood Press Junket ist ein Ritual der modernen Mediengesellschaft, unter dem alle Beteiligten gleichermaßen leiden. Die Stars wollen, dürfen, können nichts sagen, die Journalisten sollen und müssen versuchen, doch ein paar brauchbare Zitate aus ihnen herauszukitzeln. Um Zeit zu sparen und den Streueffekt dieser Junkets zu maximieren sitzen sie in Gruppen von fünf bis zehn um einen Tisch herum und wechseln sich mit den Fragen ab. Je nach Zahl der Interviewpartner gibt es mehrere Gruppen in mehreren Räumen. Damit keine Konkurrenzprobleme aufkommen, werden sie streng nach Marktgebieten getrennt. Nur wenn sie die wichtigste Publikation eines Landes repräsentieren, das sich als umsatzstarker Markt für Filme bewiesen hat, dürfen sie auch mal alleine zum Interview. Für den Star ist das in beiden Fällen so angenehm wie ein Verhör vor dem Komitee der Roten Garden.

Für die Journalisten ist es nicht ganz so schlimm. Sie wurden meist auf Kosten der Filmfirma aus aller Herren Länder in eine hübsche Weltstadt eingeflogen, sind in einem komfortablen Hotel untergebracht, dürfen sich am Junketbuffet bedienen, und bekommen nicht nur den Film und seine Stars zu sehen, sondern auch noch kleine Geschenke. Im Falle von “The Replacements" eine schicke Sporttasche, einen Bierkrug und einen Football, die mit dem Filmlogo bedruckt sind. Die Grenzen der journalistischen Ethik haben sie als Entertainment-Journalisten sowieso schon vor Jahren hinter sich gelassen, aber es geht hier ja nicht um Politik, sondern um eines der wichtigsten und besten Produkte der amerikanischen Wirtschaft. Warum soll man da nicht ein wenig Spaß haben? Der Autor dieses Textes macht ja auch immer wieder gerne mit.

Es kann sehr trist zugehen bei solchen Junkets. Je teurer die Produktion des Filmes war, desto strenger sind die Auflagen für die Stars, was sie sagen dürfen und was nicht. Beim Junket für den letzten “Star Wars" zum Beispiel, da saß Liam Neeson auf dem Polstersofa wie auf einem Nagelbett (siehe Elle ??/1999). Neeson ist Ire, hat einen Film über den Gründer der IRA Michael Collins gedreht und stammt aus einer Familie mit patriotischer Vergangenheit. Außerdem ist er einer der erfolgreichsten Frauenhelden Hollywoods, hat unter anderen Julia Roberts, Cher und Brooke Shields flachgelegt.

Doch bei Budgets in dreistelliger Millionenhöhe ist das Risiko, dass ein Star mit einem einzigen falschen Zitat massive Verluste verursacht zu hoch, als dass man ihm zu viel Redefreiheit gewähren könnte. Also rezitierte Liam Neeson das Presseheft, verschwieg seine politische Haltung und seine Eroberungen, schließlich ist die Star-Wars-Serie ein Produkt für Kinder, da will man die Eltern nicht verärgern. Das war das klassische Beispiel für die unangenehme Form des Junkets.

Ganz anders dagegen das Junket für “The Replacements". Da sei zunächst vorausgeschickt, dass der Footballfilm trotz seines etwas proletarischen und Amerika-fixierten Inhaltes eine höchst vergnügliche und sympathische Komödie des Regisseurs Howard Deutch (“Pretty In Pink", “Odd Couple 2") ist. Die Zoten bleiben durchweg über Niveau, der Amisport dient nur als Kulisse, und selbst Keanu Reeves überzeugt trotz seiner sehnigen Yogafigur als Quarterback einer eilig zusammengewürfelten Mannschaft von Ersatzspielern, die während eines Football-Streiks als Streikbrecher die Spielsaison für Baltimore bestreiten müssen.

Außer Keanu Reeves spielt Gene Hackman eine der Hauptrollen. Der kann es sich leisten, Junkets zu verweigern. Die restliche Besetzung besteht aus durchweg brillanten, aber bisher noch unbekannten Komödianten. Und genau deswegen gestaltet sich das Junket in diesem Falle äußerst vergnüglich. Denn die Nebendarsteller mußten noch nicht durch Dutzende von Junkets. Und weil sie noch keine Megafilme repräsentieren, müssen sie auch noch nicht so acht geben, was sie da für die Weltöffentlichkeit von sich geben. Sie haben sogar Spaß an dem Ritual.

Rhys Ifans zum Beispiel. Den kennt man als Hugh Grants verschlampten Untermieter aus “Notting Hill". Der magere Waliser schlurft in Trainingsjacke und mit verstrubbeltem Blondhaar ins Konferenzzimmer. “Na, alles klar?" fragt er und grinst. Amüsiert mustert er die Runde. Ein internationales Häufchen von Korrespondenten und Reportern, das gerade seinen Kollegen Brett Cullen interviewt hat, einen muskulösen, schönen Mann, der den Bösewicht darstellt. Cullen war ein guter Aufwärmer, hat lustige Schnurren von seiner Zeit im Dinner Theater erzählt, und vom Hungerleben der nicht so berühmten Schauspieler.

Gegenüber von Rhys Ifans sitzt die Korrespondentin einer japanischen Teeniezeitschrift, eine schon etwas ältere Dame, die Haare in Helmform geschnitten, die Bluse ordentlich bis zum Hals geknöpft. Ihr Englisch ist nicht so gut, deswegen stellt sie keine Fragen, lächelt und nickt nur hie und da etwas unsicher. Nur vorher, als sich ein europäischer Kollege erkundigte, wo man denn hier im Hotel rauchen könnte, stieß sie ein wütendes “No smoke! No smoke!" aus.

Die Japanerin wird von einer Chinesin und einer Mexikanerin flankiert. Die eine ist Reporterin einer taiwanesischen Tageszeitung. Eine winzige Person, die sich ordentlich vorbereitet und für jeden der fünf zu erwartenden Schauspieler und den Regisseur Fragen auf einen Notizblock geschrieben hat, die sie mit deutlicher Stimme verliest. Die andere, eine üppige Matrone aus Mexiko, starrt dagegen leicht katatonisch vor sich hin und überprüft nur hin und wieder ihr Bandgerät, ob es die Gespräche auch korrekt aufzeichnet. Sie scheint überhaupt kein Englisch zu sprechen, jedenfalls wird sie sich während der gesamten Veranstaltung in Schweigen hüllen.

Ganz im Gegenteil zu dem Korrespondenten einer australischen Tageszeitung, der den Platz links neben dem Stuhl für die Stars eingenommen hat und aussieht wie der zwergenwüchsige Zwilling von Christopher “Zurück in die Zukunft" Lloyd. Der nestelt hektisch an seinen drei Bandgeräten herum, von denen keines funktioniert, weswegen er die elegante italienische Journalistin neben ihm verpflichtet, ihm eine Bandkopie zuzuschicken. In den Pausen zwischen den Gruppeninterviews überspielt er sein technisches Fiasko mit fröhlichem Cinéastengeplapper mit dem Kollegen aus Frankreich, gleich rechts neben dem Starstuhl.

Der Franzose, ein rundlicher Frühdreißiger mit flaumigem Oberlippenbart, Stirnglatze und runder 80er-Jahre-Brille, scheint den meisten Spaß zu haben. Er ist ganz nah an den Starstuhl gerückt, hat seine Geschenke vor sich aufgebaut und läßt sich von jedem Schauspieler den Bierkrug mit einem wasserfesten Filzschreiber signieren, den er aus seiner großen Umhängetasche gefischt hat.

Die Taiwanesin stellt die erste Frage. “Herr Ifans, Sie haben in der Tanzszene nicht mitgetanzt, sondern sich am Rande gehalten und nur etwas provokant an ihrer Brust herumgefaßt. Wieso?" Rhys Ifans ist noch leicht verkatert, hat er gerade erzählt, weil er am Vorabend mit seiner Freundin durch die Bars von Downtown Manhattan gezogen ist. Er vergräbt seine Hände in den Taschen seiner Trainingsjacke und lehnt sich zurück. “Naja, alter Trick aus meinen Tabledance-Zeiten - wenn es mit den Füßen nicht klappt, benutz deine Titten." Wer seinen walisischen Akzent verstanden hat, kichert. Die Taiwanesin unterbricht verwirrt ihre Notizen.

Jetzt ist die Italienerin dran, will wissen, ob er in der Szene in der Umkleidekabine wirklich seinen Schoß vor der Hauptdarstellerin Brooke Langton entblößt habe. “Yeah, meinen Schwanz", antwortet er. “Ich kann euch da eine lustige Schwanzgeschichte vom Dreh erzählen. Ich kam ja etwas später zum Football-Training aus Europa. Da stand ich also am ersten Tag unter der Dusche und da haben sich diese riesigen Footballer bei mir vorgestellt, von denen hätte jeder mit seinem Schwanz einen Football übers ganze Feld kicken können. Und ich stand da also und habe an mir runtergeguckt und war froh, dass ich unter der Dusche war, da hat man meine Tränen nicht so gesehen."

Der Franzose wagt eine freche Frage: “Da haben Sie sich dann später nicht geschämt, ihn vor der Kamera raushängen zu lassen?" - “Nee. Reine Routine. Das habe ich schon in der Schule gemacht." Ratlose Stille im Raum. So viel Offenheit sind die erfahrenen Entertainment-Journalisten bei Junkets nicht gewohnt. “Ich glaube das war meine Geografielehrerin." Betretene Stille. “Naja, ich hab' ihn auf dem Klo einem anderen Jungen gezeigt und sie kam zufällig rein." Jetzt setzt der Franzose doch noch einen nach: “Und? Haben Sie die Klasse bestanden?" - “Nee, aber als ich zum ersten Mal nach Baltimore kam, dachte ich ja immer noch, das sei in der Nähe des Grand Canyon."

Inzwischen lachen alle Interviewer mit, ganz egal, ob sie verstehen oder nicht. Und auch der nächste Schauspieler enttäuscht sie nicht. Orlando Jones, ein junger schwarzer Standup Comic, der in den USA vor allem als Werbefigur einer Limonadenmarke bekannt geworden ist.

Wieder geht es um die Tanzszene, in der die Mannschaft wegen einer Wirtshausprügelei im Gefängnis sitzt und dort den Electric Slide tanzen, einen Grupentanz, der sich seit den 70er Jahren hartknäckig in den amerikanischen Diskotheken hält. Orlando Jones ist zum Brüllen komisch. Leider macht er es den Printjournalisten mit seinen Verrenkungen, Grimassen und Dialektparodien nicht leicht, das später auch aufzuschreiben.

“Haben Sie den Tanz vorher mit einem Choreographen einstudiert?", lautete die Frage der Taiwanesin. “Nee, ich hatte den vorher schon oft genug gesehen und wußte wie er geht", sagt er. Dann gluckst er vor Kichern. “Und da gibt es diesen Country-Fernsehsender, TNN, weil wir haben ja jetzt alle 900 Kabelkanäle, wie den Tischtuchkanal, den Glühbirnenkanal, jedenfalls habe ich da all diese Leute in Cowboyhüten und Stiefeln gesehen, und die haben den Electric Slide getanzt..." Orlando Jones imitiert, wie ein steifer, weißer Cowboy den Electric Slide tanzen würde. “...da habe ich mir gedacht, Jesus, wenn die Landeier schon Hip-Hop-Tänze in aller Öffentlichkeit..." Er läßt seinen Kopf ruckartig auf seinen Schultern hin- und herzucken. Das haben jetzt bis auf die Mexikanerin wirklich alle verstanden und das Gelächter dröhnt durch das Konferenzzimmer.

Als der Regisseur Howard Deutch den Raum betritt, hat Jon Favreau - Schauspieler und Regisseur von “Swingers" - gerade die Stimmung noch einmal mit Geschichten aus der Independent-Filmszene hochgetrieben. Zufrieden sieht Deutch in die vom Lachen erschöpften Gesichter. “Na? War's wieder Comedy Hour mit Rhys und Orlando?" Er lächelt, denn er weiß, dass es in Wahrheit viel wirksamer ist, Schauspieler im Interview von der Leine zu lassen, als sie mit Auflagen der ängstlichen Studiofunktionäre zu gängeln.

Da macht es auch nichts, dass Hauptdarstellerin Brooke Langton mit den Humorkaskaden ihrer Kollegen nicht mithalten kann. Inzwischen hat man etwas gemeinsam - die Arbeit mit Brett Cullen, Rhys Ifan, Orlando Jones und Jon Favreau. Brooke Langton lacht ihr nettes Mädchenlachen. “Rhys und Orlando - nonstop, oder? Das ging bei den Dreharbeiten die ganze Zeit so. Die sind absolut hemmungslos. Die hält nichts auf." Und so plaudert sie ein wenig vom Filmen. Erst als der Franzose versucht, sie nach der Signierung seines Bierkruges dazu zu überreden, heute Abend mit ihm auf eine Party zu gehen, und sie dabei kumpelhaft an die Schulter greift, wird ihr das Gespräch doch etwas zu intim. Doch dann kommt auch schon ihr Pressebetreuer und gibt das rettende Kommando: “30 Minuten sind um. Letzte Frage."

In der letzten Pause rutschen die weiblichen Journalistinnen etwas nervös auf ihren Stühlen herum. Natürlich sind hier alle Profis, aber Keanu Reeves ist nun doch ein sehr hübsches Kerlchen, auch wenn die Damen das genausowenig zugeben würden, wie die Herren vor einem Interview mit einem weiblichen Sexsymbol. Keanu Reeves betritt den Raum wie ein Schuljunge, der zum Direktor vorgeladen wurde. Mit weiten, aber unsicheren Schritten geht er an seinen Platz, setzt sich breitbeinig auf den Stuhl, grüßt höflich und wartet auf die erste Frage. Die Japanerin wird plötzlich lebendig, zaubert ihr freundlichstes Lächeln hervor und flötet: “Ha-Lo!" Reeves lächelt gequält, nickt ihr zu.

Die Italienerin beginnt: “Sind sie ein physischer Schauspieler?" Eine ungefährliche Frage zu einem Sportfilm. “Ein physischer Schauspieler", wiederholt Keanu Reeves. Er runzelt die Stirn, scheint zu überlegen, betrachtet seine Schuhspitzen unter dem Tisch. “Nun, ich glaube ich habe durchaus eine Affinität zu meiner physischen Seite." Pause. Blick zu Boden. “Ich glaube ich habe eine ganz gute Motorik und eine Affinität dazu." - “Treiben Sie Sport?" Pause. “Ja." Pause. Blick aus dem Fenster. “Ich habe Hockey, Eishockey und Basketball gespielt." Während Keanu Reeves nach Antworten sucht, dringt aus dem Nebenraum leise das Gelächter einer anderen Junketrunde, die offensichtlich gerade Rhys Ifan oder Orlando Jones interviewt.

“Mögen Sie Football?" Pause. “Als ich aufgewachsen bin, habe ich mir sehr gerne Footballspiele angesehen." Pause. “Ich habe es sehr genossen, den Quarterback zu spielen." Reeves Pressebetreuer schleicht vorsichtig in den Raum. Die Interviewrunden gehen zu Ende. Die unausweichliche Frage nach Matrix 2 und 3 wird gestellt. Und da wird auch klar, warum Keanu Reeves so vorsichtig mit seinen Antworten ist. Hunderte von Millionen Dollar stehen auf dem Spiel. “Der Dreh ist für nächstes Jahr terminiert. Wir werden beide Teile drehen. Das Drehbuch zum zweiten Teil ist soeben fertiggestellt worden. Ein wunderbares Drehbuch. Ich wurde gebeten, nicht darüber zu sprechen. Aber Sie können sich auf eine unglaubliche Verfolgungsjagd gefaßt machen."

Dann kommen endlich die erlösenden Worte: “ 30 Minuten sind um. Letzte Frage." - “Haben Sie neben der Schauspielerei und der Musik mit Ihrer Band Dog Star noch Zeit für andere Dinge?" - “Ja. Natürlich. Mein Leben. Meine Freunde. Meine Familie. Vielen Dank." Er nickt noch einmal freundlich ins Leere und erhebt sich. Aus dem Nebenraum ertönt Applaus. Zurück zum Inhalt