Es sind diese vier bis sechs Wochen der metereologisch bedingten Kollektiveuphorie, die den sagenhaften Ruf des New Yorker Straßenlebens begründen. Und nirgendwo sonst läßt sich das so gut beobachten, wie am Washington Square Park im Greenwich Village. Vermutlich lassen die internationalen Reisemagazine im Monat Mai hier fünfzig Prozent ihrer New Yorker Straßenbildillustrationen fotografieren. Da gleitet ein Wall-Street-Banker in Jackett und Krawatte auf einem Tretroller vorbei. Ein Verrückter im Damennachthemd führt einen Veitstanz in Zeitlupe auf. Burschen und Mädchen drehen vor Stanford Whites Triumphbogen Pirouetten auf ihren Skateboards. Jedes Klischee der urbanen Pastorale wird bedient - die Straßenschachmeister an den Steintischen, die Studenten der angrenzenden NYU beim Sonnenbad, die Gaukler, Breakdancer und Zauberer vor dem Brunnen.
Nur ein Klassiker des New Yorker Straßenbildes fehlt seit letztem Jahr. Der Grasdealer. Durch den ganzen Park begleiteten einen früher die geflüsterten Marktschreie der Händler. “Smoke, smoke", zischten sie und warfen einem aufmunternde Blicke zu. Bis in die Nacht lungerten sie im Park herum, eifrig bemüht, Kundschaft für ihre Nickel- und Dimebags zu finden, die winzigen Plastiktütchen mit dem braungelben Kraut.
Die Kleindealer wurden im Village wohl gelitten. Sie verkörperten eine beruhigend harmlose Form der Straßenkriminalität. Freundlich waren sie, sogar gesprächig. Sie versorgten eilige Beatniks und Hippies mit Marihuana und betrogen nur arglose Touristen mit getrockneten Grasbüscheln die sie aus dem Rasen gezupft hatten. Nicht einmal vor dem Gesetz galten die Händler als Verbrecher. 1977 erließ der Staat New York eine Verordnung, nach der Besitz und Verkauf von kleinen Mengen Marihuanas als mindere Vergehen lediglich mit einem Bußgeld geahndet wurden. Außerdem garantierte ihre ständige Anwesenheit, dass sich die Mugger im Park nicht blicken ließen, die Straßenräuber.
Doch dann wurde der Drogenkrieg zum konservativen Lieblingsthema. Bürgermeister Giuliani verkündet in der Antrittsrede seiner zweiten Amtszeit, bis zum Ende seiner Administration sei New York drogenfrei. Dagegen gibt es prinzipiell nichts zu sagen. Die Hälfte aller Heroinsüchtigen Amerikas lebt in New York, Syndikate aus aller Herren Länder benutzen die Stadt als Drehscheibe und Schlachtfeld, und in den Armen- und Einwanderervierteln, haben Suchtepidemien verheerende Schäden angerichtet. Es gibt viel zu tun. Weil es in der Politik aber nicht nur um effektive, sondern auch um kosmetische Maßnahmen geht, hatte Polizeichef Howard Safir mit dem Washington Square Park den perfekten Ort gefunden, um den Bürgern von Manhattan zu beweisen, dass es sein Chef ernst meint mit seinem Versprechen. Denn in der Stadtgeschichte New Yorks steht der Washington Square Park als Symbol für all die Subkulturen, die brave Bürger verschrecken.
Die Beatniks waren es, die Ende der 50er Jahre durchsetzten, dass der Washington Square zum autofreien Park erklärt wurde. Die Yippies und Hippies veranstaltete hier ihre Festivals und Protestkundgebungen. Vor fünf Jahren manifestiert Larry Clark dann den Ruf des Washington Square Parks als Zentrum suspekter Subkulturen mit seinem Skandalfilm “Kids", für den er die Darsteller unter den Skateboardern vor Ort rekrutierte.
Und so stürmten letzten Sommer Einsatzkommandos den Park, um die Kleindealer zu vertreiben, tarnten sich Zivilbeamte als Drogenhändler, um ahnungslose Graskäufer zu verhaften. Bis heute dauert die Besetzung an. Inzwischen hat die Polizei den Park verkabelt, als wollten sie eine Freiluftausgabe von “Big Brother" dreht. Am Südrand steht einer jener blauweißen Busse mit dem martialischen Schriftzug Commando auf, die als mobile Einsatzzentrale dienen und mit einem dicken Kabelstrang an der Telefonleitung hängen. Rund um den Park wurden hinter Sichtblenden Videokameras installiert, die rund um die Uhr Bilder in die Zentrale übermitteln. Streifen patrouillieren die vier Hektar wie erobertes Feindesland.
Ein einziger einsamer Dealer war letzte Woche unterwegs, der sich schüchtern in der Menge hielt und während des Nachmittages kein einziges Beutelchen absetzte.
An den Rauchgewohnheiten der New Yorker hat das natürlich nichts geändert. Laut Statistik ist der Bevölkerungsanteil an Marihuanakonsumenten in den USA doppelt so hoch wie in den Niederlanden. Ein ganzes Drittel der Amerikaner hat mindestens schon einmal im Leben Gras geraucht. Rund 14 Millionen US-Bürger ziehen regelmäßig einen durch.
In der Realität hat die Bevölkerung die Droge längst zum Genußmittel erklärt. Und weil der Normalkonsument mit der finsteren Welt der Drogensyndikate nichts zu tun haben will, hat sich auch die Kaste der Kleindealer gehalten. Sie haben sich nur umstellen und an die dominante Businesskultur ihrer Stadt gewöhnen müssen.
Ein junger Mann von 25 Jahren ist einer von denen, die den Sprung vom Straßenhändler zum modernen Dealer geschafft haben. R-Nice nennt er sich, ein drahtiger Bursche mit kurz geschnittenen blonden Haaren, der sich mit seinem Mountain Bike, dem Surfer-T-Shirt und der Kuriertasche nicht von den Studenten im Village unterscheidet. Mit einem Mountain Bike ist er unterwegs.
Eine Firma hat er gegründet. Ganz professionell. Fünf Fahrradkuriere arbeiten für R-Nice. Die Zentrale ist sein Übungsraum. Wer Kunde werden will braucht einen Bürgen, dann bekommt er eine Kennzahl, ein Paßwort und die Geheimnummer für die Bestellung. Um die Abwicklung zu vereinfachen kostet jede Lieferung 50 Dollar, nur die Menge richtet sich nach der Qualität. Nach zehn Bestellungen gibt es ein Haschplätzchen als Werbegeschenk.
Geliefert wird in den neutralen gelblichen Geschäftsumschlägen, in denen normalerweise Akten und Dokumente verschickt werden. So unterscheiden sich die Dealer nicht von all den anderen Fahrradkurieren, die durch New York unterwegs sind. Denn die meisten Lieferungen gehen längst nicht mehr ins Village, sondern an die Wall Street. Die Broker ließen sich zur Mittagspause ein Beutelchen kommen, erzählt er, um den Adrenalinspiegel in den Griff zu kriegen, wenn die Kurse wieder schwanken. Aber seine Firma liefert auch in Designstudios, Internetbüros, Redaktionen, Kanzleien, überall dorthin eben, wo die neue Generation der jungen New Yorker zu finden ist. Die ist längst von der Straße. Das Kiffen lassen sie trotzdem nicht.
Gut einhundert solcher Kurierdienste gäbe es in Manhattan, sagt R-Nice.
Natürlich würden einige auch härtere Drogen liefern, aber das sei die Domäne der Syndikate, damit will er nichts zu tun haben. Es ist ihm wichtig, dass man die scharfe Grenze zwischen organisiertem Verbrechen und der Subkultur der Marihuanaraucher erkennt. Für die Kiffer gibt es mit High Times immerhin eine eigene Fachzeitschrift für den Konsum und Anbau von Cannabis. Sie haben sogar eine Lobby. Unzählige Organisationen wie die Coalition for the Abolition of Marijuana Prohibition, Cures Not Wars oder die Drug Peace Campaign versuchen in den USA, die Entkriminalisierung von weichen Drogen durchzusetzen.
Am 6. Mai marschierten sie wieder. Was als Smoke-In der Hippies im Washington Square Park begann, ist inzwischen zum International Millenium Marijuana March angewachsen, straff durchorganisiert mit Webseiten (http://www.cannabis2000.com), E-mail-Listen und einem Organisationskomittee. Von Amsterdam über Berlin, Hamburg, Tel Aviv und Zagreb gingen Marihuanakonsumenten weltweit in 80 Städten für ihr Recht auf die Straße.
Im Washington Square Park wurde dieses Jahr allerdings nicht demonstriert. Zwar hatte ein Bundesrichter die Stadt New York angewiesen, den Marsch zu genehmigen. Doch die symbolische Bastion wollte sich die Polizei nicht nehmen lassen und legte die Marschroute durch das am Wochenende verwaiste Wall-Street-Viertel. Wer am 6. Mai als Demonstrant im Washington Square Park erwischt wurde, mußte ganz offiziell mit seiner Verhaftung rechnen. Die Demonstrationsleitung postierte sogar Ordner, die darauf achteten, dass sich niemand in den Park verirrte. R-Nice war auch dabei. Mit seinem Fahrrad und garantiert leeren Taschen.
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