Umsonst ist viel zu teuer

Wer sich heute gratis im Internet bedient, muss morgen zahlen
© Andrian Kreye



Lars Ulrich ist nicht unbedingt der Typ, den Amerikaner sympathisch finden. Der Schlagzeuger der Band Metallica spricht einen dänischen Akzent, der klingt wie die Nazibösewichter im Fernsehen; sein Überbiss macht einen arroganten Gesichtsausdruck. Und seit er mehr als 300 000 E-mail-Adressen sammeln ließ von jenen Fans, die sich mit der Software Napster umsonst und illegal Metallica-Stücke aus dem Internet geladen haben, zirkulieren im Netz die Hasstiraden gegen ihn.

Auch der Rapper Dr. Dre hat E-mail-Adressen gesammelt; Trent Reznor von den Nine Inch Nails, Tracy Chapman, Puff Daddy und Bob Marleys Sohn Ziggy haben Napster öffentlich angegriffen. Und jetzt gelten sie alle als raffgierige Multimillionäre, die ihren Fans das bisschen Geld nicht gönnen, das diese durch Napster sparen. Der Streit um die Software-Erfindung des 19-jährigen Shawn Fanning und des 20-jährigen Sean Parker, mit welcher man umsonst Musikstücke in der Tonqualität von CDs vom Netz ziehen kann, hat in den USA eine Debatte um geistiges Eigentum in Schwung gebracht - und natürlich ist jeder aufrechte Mensch für Napster und gegen die Geldgier von Popstars und Plattenindustrie.

Schon haben sich Musiker wie Chuck D, Ice-T und David Bowie, allesamt Rebellen gegen dieses oder jenes Establishment, auf die Seite von Napster geschlagen. Sie proklamieren, den eigenen kommerziellen Interessen zum Trotz, die Demokratisierung des Musikgeschäfts durchs Internet - und werden von den Fans als Helden gefeiert. Die beiden Napster-Erfinder passen gut in dieses Bild. Sie lassen sich am liebsten in ihrer mit Pizzakartons und CDs zugemüllten Studentenbude fotografieren - solche Jungs, soll das heißen, bereichern sich nicht.

Es gibt aber gute Gründe dafür, warum Popstars und Bestsellerautoren, Hollywoodschauspieler und Fernsehlieblinge auch weiterhin Millionen verdienen sollten. Auch im Medium des Geldes drückt sich der Unterschied aus zwischen dem, was man früher vielleicht mal einen Künstler nannte, und dem, was nun im Jargon der neuen Medien geringschätzig Content Provider heißt.

Es geht bei der Diskussion um Napster weniger um den Konflikt zwischen Stars und Fans als um die Neuverteilung von wirtschaftlichen Machtpositionen. Die wahren Kontrahenten sind die Kulturindustrie einerseits und andererseits die digitalen Vertriebsmedien - eine junge Industrie, die ihre Überlegenheit schon mehr als einmal bewiesen hat. Der Internet-Anbieter America Online schluckt den Medienkonzern Time Warner, nicht umgekehrt. 700 000 Kilometer Hochleistungs-Glasfaserkabel wurden in den letzten Jahren rund um die Welt verlegt. Bis 2003 sollen es eine Million werden. So wächst das so genannte “Internet II", das bislang nur der Wissenschaft zugänglich ist.

Mit der kommerziellen Erschließung dieses Supernetzes werden sich aber die Formen, wie Kultur verbreitet wird, radikal ändern. In den USA haben die ersten digitalen Kinos eröffnet, die neue Filme nicht mehr als Spulen bekommen, sondern als Datenpakete. Elektronische Textspeicher wie das E-Book sollen das Leseverhalten ändern. Und Napster ist die perfekte Möglichkeit, eine ganze Generation von Musikfans an einen neuen Vertriebsweg zu gewöhnen.

Ein kurzer Praxistest zeigt das Potenzial, das die Software schon heute hat. Herunterladen und Installation - zehn Minuten. Ergebnis nach einem Nachmittag am Netz: rund hundert Songs, von alten Beatles-Liedern bis zu Raubkopien der noch unveröffentlichen Madonna-CD, alles in bester Tonqualität. Nach amerikanischem Telefontarif haben fünf Stunden Musik elf Cents gekostet.

Es ist eine beliebte Geschäftspraxis der digitalen Industrie, dass sie Inhalte und Dienstleistungen verschenkt. Bezahlt wird für den Vertriebsweg, für das Abonnement eines Onlinedienstes; oder man wird über die kostenlosen Inhalte auf Werbe- und Verkaufsseiten gelockt. In nur wenigen Jahren haben sich die Netzfirmen mit solchen Taktiken eine Position erobert, von der aus die traditionelle Kulturindustrie entmachtet werden könnte. Natürlich sind Verlage, Plattenfirmen und Filmstudios keine Mäzene. Sie leben davon, dass sie die kreative Arbeitskraft ihrer Künstler verwerten, vielleicht auch ausbeuten. Doch dort sitzen immer noch Lektoren und Produzenten, die sich mit dem Metier auseinandergesetzt haben, die etwas von künstlerischen Inhalten verstehen und die wirkliche Qualität produzieren wollen.

Die Aussicht, dass die Netzwelt den Kulturbetrieb dominieren könnte, ist dagegen eher finster; hier gibt es kein Gespür für künstlerische Qualität. Die kreativen Kräfte, die sich im Internet entfalten, sind technischer Natur. Es geht letztendlich um binäre Codes - da gibt es keine Zwischentöne. Der Zweideutigkeit der Blue Notes im Jazz, dem Sog einer Erzählung, der Intensität einer brillant gespielten Szene steht die schlichte Meldung des Computers gegenüber: Command executed. Die Hi-Tech-Genies können unmöglich die neuen Hipster, Künstler und Rebellen sein. Sie schaffen höchstens neue Werkzeuge für sie.

Dass die Internetindustrie ein revolutionäres Image und Leute wie der Netscape-Erfinder Marc Andreessen oder die Napsterkids Shawn Fanning und Sean Parker einen jugendfrischen Appeal pflegen, kaschiert nur die wahren Machtverhältnisse. Napster operiert seit dem Frühjahr mit einem Startkapital von 15 Millionen Dollar. Beim gegenwärtigen Rechtsstreit zwischen Napster und dem Verband der Musikindustrie RIAA vertritt kein geringerer als David Boies die Netkids, ein prominenter Anwalt, der schon IBM gegen Monopolklagen verteidigt und der amerikanischen Regierung dabei geholfen hat, Microsoft in die Knie zu zwingen. Die Zeiten, in denen das Internet ein Untergrundmedium war, sind vorbei.

Während das Netz für datenintensive Produkte wie Film und Musik noch zu langsam ist, lassen sich Texte und Bilder innerhalb von Sekundenbruchteilen kopieren und versenden. Text- und Fotopiraterie sind längst nicht mehr in den Griff zu bekommen. Klagen lohnt nicht wegen des geringen Marktwertes der einzelnen Stücke. Die traditionellen Printmedien machen mit ihren Internet-Ablegern längst Millionenumsätze. Autoren und Fotografen haben bisher nicht davon profitiert. Ganz im Gegenteil, im Kleingedruckten ihrer Verträge steht meist, dass sie alle ihre elektronischen Rechte abtreten. Eine Münchner Sportwebsite sucht derzeit Aushilfskräfte, die redaktionelle Beiträge verfassen. Stundenlohn: 20 Mark brutto. Damit gerät kreative Produktion verdächtig nahe an den Bereich für ungelernte Hilfsarbeiter.

Lars Ulrich erklärte kürzlich in einem Interview mit der Zeitschrift Macworld: “Was wir durch Napster verlieren, bedeutet uns nichts. Wir bezahlen unseren Anwälten mehr Geld, als wir einbüßen. Es geht auch nicht um das Internet an sich. Es geht darum, was mit unserer Arbeit geschieht. Nicht heute, sondern in fünf Jahren. Das kann schnell außer Kontrolle geraten."

Inzwischen beschäftigt der digitale Musikvertrieb sogar den amerikanischen Kongress. Bei der ersten Anhörung am Dienstag war auch Lars Ulrich geladen. “Die meisten Künstler verdienen kaum vernünftiges Geld", beschrieb er den Abgeordneten. “Sie sind auf jedes bisschen Einkommen angewiesen, um zu überleben. Warum sollen Musiker umsonst arbeiten? Ein Schreiner kann ja auch für sich entscheiden, ob er einen Tisch verschenkt oder verkauft."

Es wird sicherlich einen Kompromiss und eine gesetzliche Regelung geben. Der Fall Napster ist aber ein weiteres Beispiel dafür, dass in der neuen Wirtschaft längst erledigte Konflikte neu ausgetragen werden müssen. Die Medienmultis werden möglicherweise entmachtet - zugunsten der neuen Digitalkonzerne. Der digitale Vertrieb von Musik wird grandiose Möglichkeiten eröffnen. Doch beim Wettlauf um die Vormacht im Kulturvertrieb müssen die Künstler dafür kämpfen, dass ihnen nicht der finanzielle Boden entzogen wird. Und gerade Millionäre wie Metallica und Dr. Dre müssen dafür sorgen, dass ihre Werke korrekt bezahlt werden. Dass sie Superstars bleiben und nicht zu Content Providern degradiert werden. Wenn die Spitze der Pyramide fällt, kriegen die, die unten stehen , die Steine auf den Kopf.


Nachtrag am 27. Juli 2000
Das Urteil im Fall Napster am Mittwoch war nach allen Regeln der juristischen Logik keine Überraschung. Bundesrichterin Marylin Hall Patel bezeichnete die Aktivitäten des Onlinedienstes, mit dessen Software Musikfans kostenlos digitale Song-Dateien vom Internet laden können, als “Verletzung des Urheberrechts im großen Stil". Am Freitag punkt Mitternacht muß Napster nun per gerichtlicher Anordnung schließen.

Die Firma schickte daraufhin ihre beiden plakativen Jungstars in die Publicityschlacht. Der 19jährige Shawn Fanning und der 20jährige Sean Parker, Erfinder der Software, lehnten wie zwei beleidigte Mallrats an einem Auto, und fanden das Urteil echt nicht OK.

Ihr Staranwalt Daniel Boies, sonst für Giganten wie IBM und die US-Regierung tätig, war unterdessen fieberhaft damit beschäftigt, einen Einspruch zu formulieren. Seine offiziellen Statements hörten sich ungefähr so schlüssig an, wie das Gejammer des Wirtes der Münchner Junkiekneipe Ringstüberl bei der polizeilichen Schließung - er hätte das alles nicht gewußt. Boies faselte etwas von einer gewachsenen Gemeinde, in der sich Musikliebhaber von Freund zu Freund austauschen, da könne man doch nicht andauernd kontrollieren, ob sie sich wirklich an die Copyrightgesetze halten. Das war selbst einigen Napster-Benutzern zu durchsichtig.

“Obwohl ich ein Napster-User bin, halte ich diese Aussage für falsch", schrieb ein Fan mit dem Kürzel pliskers im Online-Diskussionsforum der New York Times. “Ich werde Napster vermissen, aber ich habe mir nie Illusionen darüber gemacht, dass das Herunterladen von urheberrechtlich geschütztem Material ein gottgegebenes Recht sein könnte."

Napster ist - in naher Zukunft war - der Inbegriff des kapitalistischen Raubritters in digitaler Version. Das Urteil ist kein Triumph der Schallplattenfirmen über die Fans, sondern ein Sieg der Kultur über die Macht einer Industrie, die kreative Arbeiter zu content providern degradiert.

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