Man habe es hier ja auch nicht mit einem normalen Bauprojekt zu tun, sondern mit einem Ort, der mit mehr Emotionen, Bedeutungen und Machtverhältnissen belastet ist, wie jeder andere in der Welt. Schließlich flüchtet er sich in die Allegorie von New York City als moderner Politheia. Keine besonders subtile Andeutung, denn die Machtkämpfe um den Wiederaufbau von Ground Zero waren während des vergangenen Jahres mindestens so heftig und spannend wie ein altgriechischen Drama.
Nicht immer blieb Daniel Libeskind dabei so höflich vage. Schließlich hatte David Childs ihn immer öfter und öffentlicher als inkompetenten Spinner beschimpft. Nicht mit diesen Worten. Aber Childs weiß, wie man einen Gegner kleinkriegt, immerhin wurde er beruflich im Haifischbecken des Stadtbauamtes von Washington unter Richard Nixon groß. So bemerkte er immer wieder spitz, Libeskind habe ja kaum Erfahrung mit Projekten dieser Größenordnung. Libeskinds Museumsprojekte könnten sich damit nicht messen, denn es sei ja einfach, auf einer grünen Wiese mit unbegrenzten Mitteln und einem dankbaren Bauherren eine architektonische Skulptur zu errichten.
Immerhin - für die Politik scheint Libeskind in der Woche vor dem dritten Jahrestag der Anschläge vom 11. September als offizieller Sprecher für den Wiederaufbau von Ground Zero zu fungieren. Das ist nicht weiter erstaunlich, schließlich hat er den mächtigsten Mann im Bundesstaat New York hinter sich - Gouverneur George Pataki. Der will mit Libeskind visionären Plan für den Wiederaufbau von Ground Zero nichts weniger, als sich einen Platz in der Geschichte zu sichern. Weil er das aber gegen die geschäftlichen Interessen von Larry Silverstein und das Ego von David Childs durchsetzen muss, ist das Gerangel um den Wiederaufbau von Ground Zero auch ein exemplarischer Kampf zwischen der Macht der Politik und der Macht des Geldes.
Das alles hat nur wenig mit der grandiosen Geschichte zu tun, die Libeskind mit seinem Plan erzählen wollte. Von jenem Moment, den er als 13jähriger erlebte, der von Bord eines Schiffes als Immigrant aus Polen zum ersten Mal die Freiheitsstatue in der Bucht von New York erblickte, jene Verheißung auf ein neues Leben in Amerika, die so viele Immigranten vor und nach ihm mit so viel Hoffnung erfüllte. Nein, die nüchternen städteplanerischen und strukturellen Besonderheiten des neuen Geländes entspringen alle dem pragmatischen Planungsansatz von David Childs. Der ist als Partner bei Skidmore, Owings & Merrill eben Vertreter eines der größten Architekturkonzerne,somit Protagonist einer zweckgebundenen, Kritiker sagen opportunistischen Architektur und somit die Antithese zum Visionär Libeskind. Sein engster Mitarbeiter und Ideengeber war auch kein Architekt, sondern der Bauingenieur Guy Nordenson.
“Sehen Sie, das Leben ist nicht leicht", beschließt Libeskind seine Ausführungen an diesem Vormittag. “Es geht eben nicht darum, sich hinzusetzen und ein paar Pläne zu zeichnen. Es geht darum, um etwas zu kämpfen, an das man glaubt." Das gehört nicht gerade zum Berufsbild eines visionären Architekten. Doch selbst auf die Nachfrage, ob es nicht doch Momente der Enttäuschung gegeben habe, bleibt er diplomatisch. “Oh da gab es viele Momente", gibt er zu. “Ich veröffentliche demnächst ein Buch, darin werden sich auch diese Erfahrungen finden." Ground Zero sei eben ein ganz besonderer Ort. “Große Städte und große Orte sind mit viel Lebendigkeit und Hoffnung aufgeladen, die unter großem Druck stehen. Mit diesem Druck muss man umgehen, aber unter Druck wird man auch viel Ballast los." Er lacht. “Manchmal verliert man vielleicht ein Bein oder seinen Kopf. Aber nur Skeptiker und Zyniker würden da aufgeben. Und das ist ihm wichtig: “Ich habe nicht einmal daran gedacht, alles hinzuwerfen. Dazu bin ich zu sehr Optimist. Und die ganze Geschichte ist ja noch lange nicht vorbei." Den Jahrestag des 11. September wird er dieses Jahr jedenfalls in Padua verbringen. Dort hat er aus einem Stahlträger des ehemaligen World Trade Center ein Denkmal für die italienischen Opfer der Anschläge gestaltet. Ohne Machtkämpfe und Intrigen.
New York 09.09. '04 - Der Zeitplan für die Wiederaufbauarbeiten auf Ground Zero werde eingehalten, betont Daniel Libeskind. In vier Jahren könne man dort nicht nur den fertigen Freedom Tower, sondern auch neue Straßen und ein komplett neues Stadtviertel bestaunen. Das sei doch nur ein Jahr nachdem der Wettbewerb für die Bebauung des Anschlagortes entschieden worden sei alles ganz erstaunlich. Sehr höflich spricht der Architekt vor den versammelten Auslandskorrespondenten, die auf Einladung des amerikanischen Außenministeriums zu einem Treffen mit ihm gekommen sind. Fragen nach seinem Prozess gegen den Pächter des ehemaligen World Trade Centers Larry Silverstein wehrt er mit dem Hinweis ab, dass er als Beteiligter über das laufende Verfahren nichts sagen dürfe. Fragen nach dem Machtkampf mit Silversteins Hausarchitekten David Childs umgeht er mit Floskeln. Auch um präzise Aussagen, wie viel von seinem ursprünglichen Entwurf für das Gelände und den Freedom Tower noch erhalten bleibt, drückt er sich. Der so genannte “Masterplan" werde realisiert, die spiralförmige Aufwärtsbewegung der Gebäudegruppe, die symbolträchtige Höhe von 1776 Fuß und die versetzte Spitze, mit denen die Skyline von Lower Manhattan dann einmal die Pose der Freiheitsstatue widerspiegeln wird. Dafür habe man ihn schließlich ausgewählt.
Umso erstaunlicher ist es, mit welchem Gleichmut Libeskind die Ideen von Childs referiert, als seien es auch seine eigenen. Er spricht von den neuen Verkehrsachsen die das neue Gelände bei Ground Zero quer und längs der Insel schaffe. Er weist darauf hin, dass die Neubauten alte Fehler des World Trade Centers beheben würden, das einst die stetigen Winde des Hudson Valley so ungünstig ausbremste, dass die Flächen um die Zwillingstürme im Winter praktisch zum Brachland machten. Und er erläutert die Anforderungen an die Struktur eines Wolkenkratzers dieser Größe.
Die Symbiose aus Vision und Pragmatismus hätte natürlich wunderbar aufgehen können. Hätte Childs nicht seine Macht ausgespielt. Immerhin hatte dessen Auftraggeber Larry Silverstein rein rechtlich das letzte Wort. Und auch wenn sie nach Außen hin immer wieder ihren Willen zur Zusammenarbeit und letztendlich sogar einen Waffenstillstand erklärten, hinter den Kulissen zogen Silverstein und Childs nicht an den Fäden der Macht, sie rissen sie ganz einfach an sich. Libeskind wurde ausgebremst, angelogen, aufs planerische Abstellgleis geschoben. Der endgültige Entwurf war ein fauler Kompromiss, der Libeskinds Vision zum groben Ansatz reduzierte. Das war ein sehr ungleiches Patt. Wenigstens das Mahnmal der Dichtwand, die der Einsturz am Westrand der Grube freigelegt hatte, haben sie ihm gelassen. Die ist für Libeskind “ein Symbol für die Widerstandsfähigkeit der Demokratie³. Auch wenn Childs befürchtet, dass der Druck des Hudson Rivers sie irgendwann einmal zum Einsturz bringen wird.
Zurück zum Inhalt
