Es gäbe ein hohes Maß an nationalem Zugehörigkeitsgefühl, Moral und Gläubigkeit, ergab die Studie, an der grundlegenden Mentalität Amerikas hat sich also nichts geändert. Doch es fehle der Glaube an Institutionen, Leitbilder und Führerfiguren, die einen gemeinsamen Weg vorgeben könnten. Schwammig blieb das demographische Volk, wollte sich nicht auf einen Zeitgeist festlegen.
Eine ambitionierte Studie muß aber umwälzende Veränderungen ankündigen. Vor allem jetzt. Das mag damit zusammenhängen, dass wir seit dem Ende des Kalten Krieges einen Paradigmenwechsel und einem technologischen Quantensprung durchlaufen haben, der die Welt und unser Selbstverständnis auf den Kopf gestellt hat. So behalf sich das Magazin mit einem neuen Label. Alan Wolfe, Direktor des Boisi Center for Religion and American Public Life am Boston College verkündet im Einleitungstext das Age Of Autonomy. Den Sieg des Individualismus. Das Ende des Konformismus.
Und doch befindet sich die Gesellschaft immer noch in einer historischen Kontinuität, die nichts wirklich Neues bringt.
Wir leben in einer neuen Nachkriegszeit, die sich von den vergleichbaren Epochen im 20. Jahrhundert nicht allzusehr unterscheidet. Zehn Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges erleben wir ganz ähnlich Phänomene wie schon nach dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg.
Genauso wie nach dem Ersten Weltkrieg die Einflußbereiche aus der Kolonialzeit umverteilt wurden, wie der Westen und der Ostblock den Rest der Welt nach dem Zweiten Weltkrieg durch ideologische Allianzen spalteten, tobt im Moment ein Kampf um die Neuverteilung der Welt, der diesmal von den drei mächtigen Wirtschaftsblöcken der USA, Europas und des industrialisierten Asiens ausgefochten wird. Genauso wie sich auf nationalen Ebenen nach dem Ersten Weltkrieg die Arbeiterschaft ihre Rechte erkämpfte und sich nach dem Zweiten Weltkrieg die Minderheiten emanzipierten, haben sich Klassenkampf und Emanzipationsbewegung nun mit der Globalisierung auseinandergesetzt, um gegen deren Kräfte anzustehen. Und jedes Kriegsende bringt den Siegern ein Wirtschaftswunder.
Davon profitiert durchaus ein Großteil der Bevölkerung. Nach dem ersten Weltkrieg wurden die technologischen Errungenschaften für das Bürgertum erschwinglich. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Wohlstandsleben in den Suburbias demokratisiert. Und heute hat ein Großteil der Bevölkerung unbegrenzten Zugang zu den modernsten Kommunikations- und Medientechnologien. Zu jedem Wirtschaftswunder gehört aber auch eine Gesellschaft, die bereit ist, sich anzupassen.
Es bleibt allerdings die Frage, ob die Wurzeln dieser Individualisierung nicht weniger in der Aufklärung, als in dem Überangebot eines heißgelaufenen Turbokapitalismus liegen. Jeder Mensch kann sich aus einer Vielzahl von Identitäten selbst erschaffen. Das reicht von der selbstgezimmerten Weltsicht, für die der gesamte Ideenreichtum von den alten Religionen bis zu den modernen Radikalen zur Verfügung steht, bis zum Überangebot der Meinungen, Medien und Markenprodukte.
Auch die Ablehnung von Institutionen und Leitbildern spricht nicht unbedingt für eine Nation von Freigeistern. Denn wenn selbst die Kultur, die Politik und die Religionen ihre Breitenwirksamkeit mit Umfragen und Focus Groups sichern wollen, führt die Markt- und Meinungsforschung nur zu einer marktgerechten Meinungslosigkeit, deren Folge Disneyfilme, opportunistische Liberale und Fernsehpfarrer sind, mit denen sich niemand identifizieren kann.
Das neue Vorurteil europäischer Amerikabesucher, die USA seien nicht mehr als eine Art DDR mit Kabelfernsehen und all you can eat-Buffets beruht auf der etwas plumpen, aber stimmigen Beobachtung, dass der Individualismus vor allem durch eine endlose Serie von Marketinggimmicks simuliert wird. So kann man bei der Fastfoodkette Fatburger, die mit dem rebellischen Slogan “We're not for everybody" wirbt, seinen Burger je nach Geschmack mit einer Auswahl von einem Dutzend Beilagen und Soßen garnieren lassen. Die Starbucks-Coffee-Kette, die das Prinzip des Bohéme-Cafés als Thema gewählt hat, bietet seine Kaffeebecher in zwanzig verschiedenen Variationen von Milch- und Koffeeingehalt an. Selbst beim Kauf einer schlichten Levi's Jeans muß man zwischen den verschiedensten Schnitten und Stoffen auswählen. Dieser permanente Entscheidungsprozeß im Alltagskonsum erzeugt so das Gefühl von eigenständigem Denken.
Heute verbirgt sich der corporate man, die Verkörperung des 50er-Jahre-Konformisten, hinter einer lässigen Erscheinung in Khakihosen und Polohemd. Was als Dress Down Fridays in den Konzernzentralen begann, ist längst zur Norm des amerikanischen Geschäftslebens geworden, ohne dass sich an den hierarchischen Strukturen etwas geändert hätte.
Nun reicht es einem wahren Individualisten nicht, eine eigene Meinung und einen eigenen Geschmack zu haben. Ein bißchen Rebellion muß sein. Aber auch da kann dem Konsument geholfen werden. Apple wirbt mit dem Spruch “Think Different" für seinen iMac, den es in fünf frechen Farben zu kaufen gibt. Die Jeansfirma Gap schmückte sich in Werbespots mit Slam Poets und Beatnikdichtern. Der Schlachtruf “Break The Rules" mußte schon für Burger King, Vanderbilt Parfum und in Variationen für einige Kleinwagen herhalten.
Die Vermarktung von Individualismus und Rebellion ist allerdings nichts Neues. Pepsi erfand schon Anfang der 60er Jahre die Pepsi Generation, um die Limonadetrinker im aufkeimenden Klima des Nonkonformismus der Bürgerrechtsbewegung gegen die etablierte Coca Cola zu mobiliseren. Chrysler rief die Autokäufer 1965 auf: “Join the Dodge rebellion!" Im gleichen Jahr brachte Booth's Gin das Lebensgefühl der Individualisten mit einer Kamapgne auf den Punkt, die proklamierte: “I hate conformity". Nach 40 Jahren pseudosubversiver Werbesprüche scheint das Ziel erreicht - kein Konformist muß sich heute nachsagen lassen, dass er nur einfach zur Masse gehört. Doch niemand ist in einer Zeit des allgegenwärtigen Überangebots konformistischer, als der Konsument, der sich seinen Individualismus aus diesem Überangebot zusammenstellt.
Und so trägt Amerika hinter der Fassade des Age Of Autonomy heute wieder alle Merkmale einer konformistischen Gesellschaft. Eine mächtige Bürokratie, die heute nicht nur vom Staat, sondern auch von Versicherungsgesellschaften und Konzernen getragen wird. Strenge Hierarchien, die kleinen Angestellten mit Titeln wie Junior Vice President das Gefühl geben, sie hätten Macht und Einfluß. Der Wunsch nach Wohlstand als zentrales Leitmotiv einer Gesellschaft, der im Aktienfieber der Neuen Märkte gipfelte. Eine Überbewertung technischer Entwicklungen, die neue Technologien wie das Internet zu mythischer Größe erheben. Prohibition in Form eines fanatischen Antidrogenkrieges und ein Klima der sexuellen Repression, das zu so absurden Fällen wir der Verhaftung eines Elfjährigen als Sittenstrolch führt.
Die perfekten Vertreter des aktuellen konformistischen Individualimus sind die Hyperkonsumenten der Dotcom-Generation, die sich zwar mit der Aura einer avantgardistischen Bohéme umgeben, die aber vor allem die Konsolidierung der Wirtschaftskräfte und damit den Konformismus vorantreiben. Als der Essayist Keith White das Zentralorgan der Dotcomwelt Wired als Tummelplatz von Neokonservativen und Konsumpropheten entlarvte, lautete die Antwort aus der Redaktion: “Konsumismus IST revolutionär."
Sollte sich die historische Kontinuität als konsequent erweisen, erwacht in jeder konformistischen Gesellschaft nach einer gewissen Zeit der kritische Gedanke und eine nonkonforme Gegenkultur. Die ersten Anzeichen sind schon zu beobachten. Intellektuelle wie Antonio Negri, Jeremy Rifkin und Ralph Nader forumlieren die überfälligen kritischen Gedanken der postideologischen Ära. Die Basis formierte sich bei den Protesten in Seattle und Washington. Mit kleinen Erfolgen. Selbst in etablierten Medien wie CNN und der New York Times darf der Status Quo wieder in Frage gestellt werden.
Es wird auch höchste Zeit. Längst hat die Rechte in Amerika Nonkonformismus und das Moment der Rebellion für sich adaptiert. Die Argumente und Forderungen von rechten Populisten wie Pat Buchanan und Rush Limbaugh oder von Mitliedern der radikalen Common-Law- und Sovereign-Citizen-Bewegungen unterscheiden sich kaum noch von denen der traditionellen Linken. Nur das Motiv ist anders. Sie stehen nicht gegen das Unrecht in der Welt an, sondern artikulieren nur die Frustration derer, die am Wirtschaftswunder nicht teilhaben dürfen.
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