Verblasster Mythos: Kokain

Der Irrrtum mit der Drogenkultur
© Andrian Kreye



Ein Ruhrpottkicker mit Koksproblem? Das paßt nicht gut zum Leistungssport. Und in unser Weltbild schon gar nicht. Fußballer, die ihren Erstwohnsitz außerhalb Lateinamerikas gemeldet haben, sollen sich bitteschön mit ihrer Rolle als Proleten begnügen, Nackenmatten tragen, und wenn sie sich schon mit Drogen erwischen lassen, dann höchstens mit Anabolika.

Dieser elitäre Grundgedanke beruht natürlich auf der Annahme, dass es eine Drogenkultur gibt. Und in der galt Kokain immer schon als das bevorzugte Suchtgift der Dichter und Denker, als die Droge von Sigmund Freund und Gottfried Benn, von Robert Louis Stevenson und Jean Cocteau, von Rainer-Werner Fassbinder und Brett Easton Ellis. Also muß der Fall Daum die Bestätigung für den endgültigen Niedergang jener Drogenkultur sein, die als Synonym für die höchsten Sphären der Hipster- und Popkultur gilt, als spirituelle Form der Anarchie und Rebellion. Und hier lag und liegt auch der große Irrtum.

Von den fünf Rauschgiften Kokain, Heroin, Amphetamin, Ecstasy und Marihuana, die die so genannte Drogenkultur seit dem 19. Jahrhundert geprägt haben, sind vier reine Industrieprodukte, die so gar nichts mit Kultur, aber viel mit Geschäft zu tun haben. Deutsche Industrieprodukte sollte man da noch hinzufügen.

Das Vermarktungsprinzip der modernen Drogen war von Anfang an so einfach wie erfolgreich. Moderne Sinnleere plus künstliche Euphorie plus Suchterzeugung ergab ein Bombengeschäft. Das wurde auch durch weltweite Verbote nicht sonderlich gestört. Im Gegenteil - im Schlagschatten der Illegalität konnten sich die Konsumenten jene wunderbare Scheinwelt aus elitärem Subkultur- und Rebellionsgefühl aufbauen, die den Umsatz nur noch steigerte. In Wirklichkeit war die Drogenkultur jedoch zum Scheitern verurteilt, bevor sie überhaupt angefangen hatte. Denn nichts widerspricht den Prinzipien des Hipstertums so sehr, wie ein Produkt der chemischen Industrie.

Den Anfang machte der Chemiker Wilhelm Sertürmer. Der isolierte 1806 aus den Grundstoffen des Opium ein Schmerzmittel namens Morphium. Vor allem im Kriegseinsatz bewährte sich das neue Medikament, das schon bald zur Grundausrüstung der deutschen Feldlazarette gehörte. Es sollte einige Jahrzehnte dauern, bis ein weiterer deutscher Chemiker ein Medikament aus einer tradionellen Droge exotischer Völker destillierte. 1860 extrahierte Albert Niemann aus den Kokablättern der Inkas das Kokain, das vor allem als örtliches Betäubungsmittel angewandt wurde.

Auch die erste rein chemische Droge entstand in deutschen Laboratorien. Ein heute fast vergessener Wissenschaftler namens L. Eleano entwickelte 1887 das später von den Hell's Angels als Speed weltweit vertriebene Amphetamin als Mittel gegen Schnupfen und Asthma. Selbst das Ecstasy der Ravebewegung ist ein Produkt der deutschen Chemie - 1889 verfeinerte die Firma Merck Ampheatmin zum Metamphetamin MDMA, das dann 1914 vom kaiserlichen Patentamt registriert wurde.

Auch die erste Drogenepidemie der westlichen Welt fand in Deutschland statt. Nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870 kehrten tausende von Veteranen als Morphinsüchige von den Schlachfeldern heim. Der Chemiker Heinrich Dreser entwickelte deswegen 1898 für den Chemiekonzern Bayer ein Gegenmittel, das unter dem martialischen Markennamen Heroin noch im gleichen Jahr in den Elbsfelder Farbfabriken in Produktion ging.

Nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten waren all diese Erfindungen ein großer Erfolg. Im Jahre 1926 galt das Deutschland der Weimarer Republik als größter Narkotikaproduzent der Welt. Und der größte Absatzknüller war vom Ende des 19. Jahrhunderts bis weit in die 20er Jahre eindeutig das Kokain.

Zwischen den Kokainsalons im Paris und Berlin der 20er Jahre und dem bis heute anhaltenden Koksboom der 80er Jahre geriet das weiße Pulver allerdings ins Abseits. In den 60er und 70er Jahren, der Blütezeit der Drogenexperimente, wurde Kokain nur noch von einer Handvoll chilenischer Drogenbarone in vergleichsweise geringen Mengen als teuere Luxusdroge für den Jet Set und die High Society produziert, denen Haschisch zu dumpf, LSD zu verwirrend und Heroin zu anstrengend war.

Auslöser für den kolumbianischen Koksboom, der bis heute anhält, war kein geringerer als General Augusto Pinochet. Der stürzte 1973 den Präsidenten von Chile, Salvador Allende, und räumte daraufhin nicht nur mit den Dissidenten, sondern auch mit den Drogenhändlern seines Landes auf.

Die Kolumbianer hatten sich zu der Zeit vor allem als Marihuanaproduzenten etabliert und über ihre Schmuggelrouten nebenher auch das Produkt der Chilenen vertrieben. Weil das Geschäft mit Gras allerdings so gut lief, interessierten sich die alten Schmuggler nicht so sehr für Koks. In Cali und Medellín saß jedoch schon eine junge Generation in den Startlöchern, die in die Lücke stieß, das Kokaingeschäft innerhalb von nicht einmal zehn Jahren zu einer weltweiten Industrie ausbaute, und so erstmals würdig an die frühen Erfolge der deutschen Chemiekonzerne anknüpfte.

Als die internationalen Drogenbehörden merkten, dass sie bei den kolumbianischen Schmugglern, nicht mehr Kilos, sondern Tonnen von Kokain fanden, war es schon zu spät. Pablo Escobar, ein ehemaliger Kleinganove, der seine Laufbahn damit begonnen hatte, Grabsteine zu stehlen, und seine Verbündeten, die Schmugglerfamilie der Ochoas, bereiteten zu der Zeit gerade den ultimativen Coup vor.

In den Laboratorien ihrer Kokainküchen entwickelten Chemiker ein Kokainderivat mit bisher unerreichtem Suchtpotential. Ein erster Testmarkt in den Elendsvierteln von Medellín brachte so gute Ergebnisse, dass Escobar die neuen Süchtigen von Todesschwadronen aus dem Weg schaffen ließ. In seiner eigenen Stadt duldete er kein Drogenproblem. Kurze Zeit später überschwemmte die Crackwelle Amerika.

Escobars Überlegungen wurden keineswegs von krimineller Energie getrieben. Nicht umsonst wurde er in den 80er Jahren vom Wirtschaftsmagazin Fortune jahrelang auf der Liste der 500 reichsten Persönlichkeiten geführt. Der Drogenbaron dachte wie der Aufsichtsratsvorsitzende einer modernen Firma, die für ihr Luxusprodukt den Massenmarkt erschließen will. Genau so wie Porsche den Boxter herausgebracht hat, die französischen Edelwinzer ihr Sortiment in regulären und Jahrgangschampagner aufteilten und Armani seine A/X-Jeans-Kollektion startete, brachte Escobar mit seiner Idee vom billigen Massenkoks Crack sein Produkt unters breite Volk und landete damit den größten Erfolg, den die Drogenindustrie jemals hatte.

Heute werden sämtliche Drogen mit einer Professionalität weiterentwickelt und vertrieben, die selbst Absolventen der Harvard Business School mit Ehrfurcht erfüllt. Moderne Haschischsorten haben bis zu dreißig Mal höhere THC-Level, als noch vor zwanzig Jahren. Gutes Ecstasy wirkt heute um ein mehrfaches länger und intensiver, als die ersten Versionen in den 70er Jahren. Bestes Beispiel ist aber die jüngste Heroinwelle, die seit den 90er Jahren in Amerika grassiert.

Die chinesischen Triaden waren durch den Boom von Crack und Kokain mit einem ernsthaften Absatzproblem für ihr Stammprodukt Heroin konfrontiert - ihre alte Kundschaft starb langsam weg. Neue Abnehmer waren nicht zu gewinnen, denn die jüngere Generation fürchtete sich vor dem Tod durch eine Überdosis und der Aidsgefahr durch den Gebrauch von Nadeln. Also griffen die Chemiker der Triaden auf eine Form des Heroin zurück, die eigentlich nur für den Vertrieb gedacht war, um die Mengen klein zu halten. Auf das Heroin Nummer 4, das in einer Reinheit von bis zu 80 Prozent raffiniert wurde und deswegen geraucht werden konnte. Dadurch fielen die Risikofaktoren weg. Raucht man Heroin, benutzt man keine Nadeln und schläft vor der tödlichen Überdosis ein.

Die Triaden hatten vor allem den kreativen Mittelstand der USA im Visier. Sie nannten ihr neues Produkt schick “China White" und gingen in die Metropolen. Mit Erfolg. Schon bald erzählten Art Direktoren, Modemacher und Stars den erschreckten Reportern der bürgerlichen Medien fröhlich von ihrer neuen Sucht, die sich auch schon bald in ihrer Arbeit niederschlug. Junkie Chic eroberte sich über Modeanzeigen, Popvideos, und über Independentfilme wie “Another Day In Paradise" und “Jesus's Son" seinen Platz in der Popkultur zurück. Das ist nach dem Vorbild von Pablo Escobar der geeignete Zeitpunkt für das zweite Ziel der Marketingstrategie - das Provinz- und Landvolk.

Natürlich gab es im Schatten des Drogenkonsums immer auch eine richtige Drogenkultur. Die Beatniks, die sich mit Hilfe von Schamanen und Naturdrogen in Peru, Neu-Mexiko und Marokko in spirituelle Sphären katapultieren ließen, die sonst asketischen Meditationsmeistern vorbehalten blieben. Die Hippies, die versuchten mit psychedelischen Pilzen und Haschisch die Grenzen ihrer bügerlichen Weltsicht zu sprengen. Schriftsteller wie Nick Toshes, der nach dem ultimativen Opium-Erlebnis suchte. Intellektuelle wie Aldous Huxley und Timothy Leary, die die spirituellen Seiten der Psychodroge LSD ergründen wollten. Doch die Phasen der ernsthaften Drogenexperimente waren regelmässig so kurz wie fruchtlos.

Wer heute Drogen nimmt, will sowieso nicht ins Nirvana, sondern in die Bundesliga, in die Bestsellerlisten, oder ganz einfach am Wochenende mal wieder so richtig Spaß haben. Das sind keine spirituelle Anliegen, sondern geistiges Fit For Fun. Deswegen ist der Drogenkonsum unserer Tage eigentlich viel ehrlicher. Keine schwülstigen Ausreden mehr, von wegen geistiger Horizonte oder Aufstand gegen das Establishment. Weg mit dem Pulver und ran an die Buletten. Den Drogenproduzenten kann das sowieso egal sein. Ob Mittel zur Sinnsuche oder Spaßmotor - beides funktioniert als Marketingkonzept ganz prächtig.


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