Von Haschisch bis Viagra

25 Jahre High Times
© Andrian Kreye



Hübsche Post in psychedelischem Design flatterte New Yorks Subkulturprominenz ins Haus - eine herzliche Einladung, um das 25jährige Jubiläum von High Times zu feiern, jener legendären Fachzeitschrift für den Anbau und Genuß von Marihuana, eines der wenigen funktionierenden Überbleibsel aus der Yippie- und Underground-Press-Szene, bis heute auflagenstarke Ikone der Gegenkultur. Da standen sie im Irving Plaza, freundliche Hippiesenioren zwischen Punkveteranen, New Yorker Partyvolk und Ravekids. Da die Aufforderung zu Straftaten in den Seiten der Zeitschrift zwar vom Verfassungszusatz der Meinungsfreiheit erlaubt wird, die Exekution von Drogendelikten allerdings verbotener ist denn je, gab es weder Haschplätzchen noch Joints am Buffet und es dauerte ein wenig, bis die ersten würzigen Schwaden durch den Saal zogen. Doch dann kam Stimmung auf.

Chefredakteur Steven Hager, nach den Kokain-seligen 80er Jahren des Blattes als Retter der wahren Hippie- und Marihuanakultur gefeiert, eröffnete das Programm. Das begann mit einer Lektion in Geschichte, einem bejubelten Video über den High-Times-Gründer Tom Forçade, jenem Spaßguerrilla und Drogenschmuggler, der als geschickter Entrepreneur die Untergrundpresse der 70er-Jahre organisierte und profitabel machte, bevor er 1978 Selbstmord beging.

Etwas ratlos reagierte das Seinfeld- und Standup-Comedy-Club-geschulte Publikum danach auf die subversiven Kalauer von Paul Krassner. Doch als Höhepunkt waren die Gangsta Rapper Cypress Hill aus East Los Angeles geladen, die ihr Mediendebüt auf den Seiten von High Times gegeben hatten. Die zelebrierten die gemeinsame Sache mit Wasserpfeifen und faustdicken Joints, trieben das Publikum mit virtuosen Perkussionsteppichen und Bass Beats in Höchststimmung. Erst als die Menge unahaltbar tanzte, wagten sie sich an ihr reguläres Programm. Herbe Klänge: "Fuck the pigs, I killed a man", mit dazugehörigen Soundsplittern von Maschinengewehrsalven und quietschenden Autoreifen. Was der Harmonie keinen Abbruch tat. Vor allem nachdem inzwischen die zweiten und dritten Pfeifchen angezündet wurden. Subversion verbindet.

Man erinnert sich noch gut an die verschwörerische Arroganz, mit der sich die Schulhofkiffer wissend zugrinsten. Nur daß der verschwörerische Gestus in den USA inzwischen einen ganz real dramatischen Hintergrund hat. Eine halbe Million amerikanischer Bürger werden laut High Times jedes Jahr wegen Marihuana eingesperrt. Wegen dem Besitz oder Genuß einer Droge, die im Rest der Freien Welt längst zum Kavaliersdelikt erklärt wurde. Wenn man dazu die Statistiken der Menschenrechtsorganisationen betrachtet, nach der die USA die höchste pro-Kopf-Gefangenenrate der Freien Welt hat, höher noch als China, eine boomende Gefängnisindustrie, und daß 60 Prozent aller Gefangenen wegen Rauschgiftvergehen einsitzen, wundert es einen nicht, daß die Kifferparanoia der Hippies längst als Panik der Subkulturen um sich gegriffen hat.

"Unsere Regierung baut ein Gulagsystem für die Gegenkulturen und die Jugend der Inner Cities", sagt ein nüchterner Steven Hager am nächsten Tag. "Jedenfalls ist es schon auffällig, daß in erster Linie die Mitglieder von Gegenkulturen und die Jugend aus den Ghettos verhaftet wird. Dabei ist Gegenkultur so amerikanisch wie Jazz oder Blues. Sie sollte gefeiert werden, nicht verfolgt."

Marihuna von den Hippievätern wie Timothy Leary mit großer Geste zum Sakrament der spirituellen Erneuerung erklärt, von nachfolgenden Subkulturen als harmlose Alternative zu Alkohol und harten Drogen kultiviert, ist auch in den USA längst schon Massenkulturgut. So überreicht ein Vertreter der Pressevertriebsgesellschaft Steven Hager in einer Programmpause eine Plakette für kontiunierliche Verkäufe über 250.000, es gibt zwei Websites zur Zeitschrift, einen Buchverlag, und einmal im Jahr veranstaltet High Times eine Pauschalreise zum großen Cannabis Cup, einer Art Landwirtschaftsmesse der Marihuanaindustrie in Amsterdam. Da denkt man eher an die verzweifelten Versuche der Prohibtion, den Alkohol zu verbieten, als an den Kampf der Regierung gegen eine "soziale Krankheit".

Jenseits des kommerziellen Erfolges steht Marihuana allerdings nach wie vor als Symbol für friedlichen Widerstand und Protest. Hager sieht trotzdem keinen Widerspruch darin, als Flaggschiff der Hippiemedien eine so nihilistische Subkultur wie die Gangsta Rapper von Cypress Hill zu unterstützen. "Jugendkultur beruft sich heute primär auf Punk und Gangsta. Das ist ein Spiegelbild für die zunehmende Gewalttätigkeit der allgemeinen Gesellschaft. Außerdem gibt es auch in der Gegenkultur eine Linke, ein Zentrum und eine Rechte. Genau wie in der traditionellen Politik."

In der Haltung der Gangsta, einer Subkultur, die sich Ende der 70er Jahre in den Gettos von Los Angeles aus den desillusionierten Überresten der Black Panthers formierte, finden politisierte Subkulturelle wie Steven Hager Elemente ihrer eigenen Bewegung wieder. Die Forderung nach einer veränderten Gesellschaft, einer Umverteilung von Macht und Reichtum, nach der Einhaltung des Gesellschaftsvertrages. Auch wenn sie von den Nachkommen der Bürgerrechtsbewegung aus Enttäuschung über die unzähligen gebrochenen Versprechen mit einem Höchstmaß an Aggression vorgetragen werden.

Es gibt jedenfalls mehr Gemeinsamkeiten, als mit der Ravegeneration, die den Hippies nur ästhetisch ähnelt. Im offenen Tanz, in der kollektiven Friedlichkeit und Freude an den Drogen, vor allem den neuen, wie Ecstasy und Special K. Für Hager trotzdem eine fremde Welt. "Ich verfolge die Ravekultur nicht so intensiv", sagt er. "Es stimmt, daß sie friedlich und positiv ist. Das einzige Problem ist, daß synthetische Drogen sehr gefährlich sind. Die Raver werden deswegen nicht überleben. Sie werden ausbrennen, denn der Mißbrauch ist bei synthetischen Dorgen zu groß. Es ist viel schwieriger eine Kultur darum herum aufzubauen. Und Ausgebrannte werden nicht imstande sein, Familien aufzuziehen und ihre Erfahrungen an die nächste Generation weiterzugeben. Man darf nicht vergessen, daß die Hippies heute schon Enkelkinder haben."

Damals wie heute - es geht ihnen um Inhalte, nicht nur um Rausch. Als Ironie der Kulturgeschichte erscheint die Village Voice in der Woche des High-Times-Jubiläums mit einer Titelgeschichte über die neueste aller Drogenmoden: "Longer, Harder, Faster: Partying With Viagra!" In Downtown Manhattan und in Brooklyn, so kann man dort lesen, vereinen sich ganze Partygesellschaften stramm und ausdauernd mit der blauen Pille. So war das nicht geplant, damals im Summer Of Love. Zurück zum Inhalt