Mit seinen weißen Lederecken, den Edelholztischen, Blumenarrangements und Niedervoltlampen wirkt das fast 2000 Quadratmeter große “Jimmy's Uptown", als hätten sich die Designer von Gucci ein Lokal ausgedacht. Dinner kostet um die 100 Dollar pro Kopf, die Weinliste ist exzellent und der Chef der separierten Sushi-Bar aus Japan. Junge, erfolgreiche Schwarze treffen sich hier, seit den 80ern in Anspielung auf die Yuppies “Buppies" genannt. Jene obere Mittelschicht, die mit ihren satt sechsstelligen Jahreseinkommen den Beweis dafür geliefert hat, dass es eben doch geklappt hat mit den Versprechungen der Bürgerrechtsära. Dass nun eben jeder sein Anrecht auf den amerikanischen Traum hat, der für viele eben immer noch Wohlstand bedeutet.
Es ist noch nicht so lange her, da standen Burschen aus den Sozialbaublöcken gleich gegenüber in dicken Jacken und klobigen Stiefeln an dieser Ecke Adam Clayton Powell Boulevard und 131. Straße, und wickelten ihre Drogengeschäfte über die Telefonzelle ab. Heute stehen am Wochenende die Limousinen und Taxis vor dem “Jimmy's" Schlange und die Kleindealer lassen sich längst nicht mehr blicken.
Überhaupt hat sich in Harlem einiges verändert, hier in der Hauptstadt des schwarzen Amerika, jenem Teil des nördlichen Manhattan, das der Kongressabgeordnete Adam Clayton Powell als das “gelobte Land" der Schwarzen betitelte. Die Ghettoisierung der amerikanischen Innenstädte während der 60er und 70er Jahre hatte das ehemals prächtige Bürgerviertel in einen Slum verwandelt. Ein paar Straßen weiter, an Harlems Hauptstrasse der 125th Street, drängten sich die Fastfood-Lokale neben den Discountläden. Harlem war ein Niemandsland. Es gab keine Supermärkte, keine Bankfilialen. Zwei Drittel aller Gebäude waren in den Besitz der Stadtverwaltung gefallen. Ganze Häuserzeilen waren dem Verfall preisgegeben, die Fenster vernagelt, die Türen vermauert. Für die wenigen Mutigen, die hier oben investieren wollten, gab es von den Banken kein Geld.
Eine kleine Gruppe schwarzer Power Broker versuchte dann Anfang der 90er Jahre den ökonomischen Aufstand. Der ehemalige Stadtteilpräsident und Medientycoon Percy Sutton. Charles Rangel, Adam Clayton Powells Nachfolger im Kongreß. Die Immobilienmakler Webb & Brooker. Mit David Dinkins hatte New York nicht nur einen schwarzen Bürgermeister, sondern sogar einen Harlemiten im Rathaus. Sie setzten durch, dass Harlem zur bevorzugten Steuerzone erklärt wurde. Die Buppies waren die ersten, die in die urbane Wüste zurückkehrten. Kauften die ehemals prächtigen Brownstones und renovierten die legendären Bürgerhäuser mit den steilen Treppenstufen. Dann folgten die Banken. Pathmart eröffnete die erste Supermarktfiliale, Carver Federal Savings die erste Bank. Während der Wirtschaftswunderjahre unter Clinton schwappte die neue Wirtschaft dann wie eine Flutwelle über die 125. Straße. Heute sieht es dort aus wie in einer adretten Kleinstadt. Kopfsteinpflaster auf dem Trottoir, kleine Bäumchen. Große Einzelhandelsketten haben Filialen eröffnet - das Schallplattenhaus HMV, der Foot-Locker-Turnschuhmarkt, ein Magic-Multiplexkino, sogar eine Disney Store und ein Capuccinobar von Starbucks.
Auch die Touristen sind zurückgekehrt. Vor allem die Europäer und Japaner freuen sich, ein im wieder sicheren Harlem wenig “tough, urban atmosphere" zu schnuppern. Sie essen Rippchen bei “Sylvia's", hängen nachts in Jazzclubs wie der Lennox Lounge oder Showman's Café herum, gehen am Sonntag in die Gospelmesse und am Mittwoch lassen sie sich in Bussen zur Talentnacht im Apollo Theater karren, jener Insitution bei der das legendäre Harlemer Scharfrichterpublikum schon Jungtalente wie James Brown und Luther Vandross entdeckte.
Von der zweiten Harlem Renaissance ist nun die Rede. Vom Phoenix aus der Asche. Und spätestens als Expräsident Bill Clinton mit einem triumphalen Straßenfest in sein neues Büro an der Ecke 125. Straße und Malcolm X Boulevard einzog, gleich neben dem neuen, feinen Cajun-Restaurant Bayou, wurde Amerika klar - Harlem hat sich gewandelt.
Clinton weiß, dass sein Einzug ein wichtiges Signal bedeutet. Aber er weiß auch, dass seine Anwesenheit in einem so labilen Viertel wie Harlem nicht nur ein positives Signal ist. Als er da unter der Mittagssonne inmitten all der schwarzen Honoratioren auf der Bühne stand, bemerkte er ganz nebenbei: “Ich hoffe, dass die lokalen Geschäfte jetzt nicht vertrieben werden." Ein heikles Thema. Die Kulturgeschichten der amerikanischen Städte sind auch immer Geschichten des Immobiliengewerbes.
In Manhattan ziehen sich die Miethochpreise zum Beispiel wie Jahresringe um das Stadtzentrum von Midtown. Jeder Ring bedeutet eine wirtschaftliche Aufschwungsphase. Stadthistoriker können diese Entwicklung bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen, als betuchte Bürger in regelmäßigem Abstand Einwanderer und Schwarze aus ihren angestammten Vierteln vertrieben. Eine Dynamik, die bis heute andauert.
Doch mit dem Wirtschaftswunder der Clintonjahre stieß die Immobilienszene an ihre natürliche Grenzen. Mit viel Geld und Spekulanten-freundlichen Mietgesetzen hat man die Subkulturen der Lower Eastside über den East River nach Brooklyn vertrieben, im Westen das ehemalige Rotlichtviertel Hell's Kitchen bis an den Hudson River saniert und im Süden das Bankenviertel um die Wall Street bis an die Südspitze des Battery Parks für Privatwohnungen erschlossen. Nun geht es nicht mehr weiter. Manhattan ist eine Insel und nur im Norden gibt es eben noch Land zu erobern. Jenseits der 110. Straße, der offiziellen Demarkationslinie zwischen dem weißen Manhattan und Harlem.
Dort vollzieht sich nun die umgekehrte Entwicklung, die vor rund 100 Jahren aus dem ehemaligen beschaulichen Vorort deutscher, italienischer und jüdischer Einwanderer ein Schwarzenviertel machte. Damals hatten sich zwei Hausbesitzer zerstritten. Der eine vermietete sein Haus daraufhin aus purer Boshaftigkeit an Schwarze aus dem Armenviertel Hell's Kitchen, wohl wissend, dass auf dem rassistischen Immobilienmarkt alle umliegenden Preise daraufhin fallen. Er behielt recht. Die Weißen zogen fort. Mehr Schwarze kamen nach. Wenige Jahre später erklärten sechs Banken die Gegend zwischen 110. Und 145. Straße heimlich zum “Negerviertel" und damit für wertlos.
Das Rassendenken des Immobilienmarktes hat sich bis heute nicht geändert. Mit jedem Weißen der in die Gegend zieht, steigen die Preise. Nach Clintons Ankündigung im Februar, er ziehe nach Harlem, explodierten die Immobilienpreise im Umkreis von zehn Blocks um bis zu 300 Prozent. Wer sich die neuen Mieten nicht leisten kann, muß über den Harlem River in die Bronx.
Deswegen mochten die Radikalen von der New Black Panther Party an diesem Sommermontag auch nichts Gutes daran finden, dass ein Expräsident die Preise von Harlem in die Höhe treibt. Ganz egal, ob ihn die Schriftstellerin Toni Morrison zum “first black president" stilisierte. “Sklavenschinder" riefen sie, und “Geh doch dahin wo du hergekommen bist".
Es gehört auch eine gehörige Portion Zynismus dazu, den momentanen Wirtschaftsboom als zweite Harlem Renaissance zu romantisieren. Dafür gibt es weder historische noch faktische Bezugspunkte. Damals, in den 20er und 30er Jahren entwickelte sich in Harlem eine eigenständige, schwarze Hochkultur. Schriftsteller wie Lanston Hughes und Zora Neale Hurston formulierten ein neues Lebensgefühl. Künstler wie Aaron Douglas und Richmond Barthe fanden eine eigene Bildsprache. Die Big Bands von Fletcher Henderson, Duke Ellington, and Chick Webb erhoben den Jazz zu symphonischer Größe. Arthur Schombergs Sammlung schwarzer Literatur und historischer Dokumente wurde damals der New York Public Library angegliedert. Am Harlem Hospital wurden die ersten schwarzen Ärzte zugelassen. Auch damals pofitierten vor allem Außenstehende von Harlems Aufschwung. Die Ladengeschäfte wurden von Deutschen und Italienern geführt. Weniger als 20 Prozent aller wirtschaftlichen Unternehmungen in Harlem waren in schwarzer Hand. Doch es gab eben eine kulturelle Bewegung, der Grundstock einer intellektuellen Bewegung.
Heute beschränkt sich die so genannte Renaissance vor allem auf die offiziellen Bilanzen. Claude Sharreff, der das Lokal Windows Over Harlem führt, bringt das auf den Punkt: “Viele Geschäfte haben in letzter Zeit eröffnet. Und das ist vor allem für die Geschäfte gut, denn die Bürger von Harlem sind Konsumenten. Die Arbeitsplätze, die mit dem angeblichen Boom kamen, haben der Gemeinde hier überhaupt nichts gebracht. Das sind Jobs für sechs, sieben Dollar die Stunde." Die Renaissance ist nur ein Label für das neue Geschäft.
Und die schwarze Kultur? Seit AOL-Time-Warner das Apollo Theater übernommen haben, singen bei den Talentnächten ein paar Gospelsänger aus der Provinz für Jetlag-geplagte Japaner. Im Showman's Café spielen weiße Jazzabenteurer für die schwarzen Stammgäste. Es gibt Ausnahmen. Das Studio Museum In Harlem. Galerien wie The Project. Die wirklichen Impulse schwarzer Kultur kommen heute allerdings aus Brooklyn, Oakland und Atlanta, von den Fakultäten von Harvard und der New York University.
Der Geist der Harlem Renaissance schwelt höchstens an der Basis. Ganz jung sind sie bei der politischen Hip-Hop-Nacht in der Synod Hall. Teenager, Frühtwens. Gut 1500 sind gekommen, um dem Agitprop der neuen Stars zuzuhören. Talib Kweli tritt auf, die Dead Prez und die Welfare Poets. Vor der Bühne formuliert sich der Protest auf Flyern und T-Shirts. Gegen Polizeibrutalität, gegen den Drogenkrieg, gegen Präsident Bush. Für Reparationszahlungen. Gegen die Todesstrafe. Für den politischen Häftling Mumia Abu Jamal.
Und als der DJ die Musik herunterfährt und Chuck D, die graue Eminenz des politischen Hip Hop, zum Widerstand aufruft, stehen die Kinder des Civil Rights Movement mit todernsten Mienen im Saal, die rechte Faust zum Black-Panther-Gruß in den Himmel gereckt. Wie ein Mantra wiederholen sie den Slogan, der das schwarze Amerika trotz Bürgerrechte und Buppies auch heute noch antreibt: “No Justice, No Peace". Das wird sich auch so schnell nicht ändern.