Tränenreich bedankte sich Hillary Swank am Sonntag während ihrer kurzen Dankesrede für ihren zweiten Oscar bei Clint Eastwood, Morgan Freeman und bei “allen im Gleason's", dem legendären Boxclub, der ein paar Blocks vom Ufer des East River unter den Auffahrtsrampen der Manhattan und der Brooklyn Bridge in einer alten Lagerhalle untergebracht ist. Wer die Front Street entlangläuft könnte den Eingang leicht übersehen, hinter dem eine steile Betontreppe in den ersten Stock hinaufführt. Schon im Treppenhaus hört man das metallische Schlagen der Sandsackketten und das Schnarren der Zeituhr, mit der alle drei Minuten die Trainingsrunden für eine Minute Pause unterbrochen werden. Dann steht man auch schon in der Halle, die die New York Times einst als “das Allerheiligste des Boxsports" bezeichnete.
Vier Ringe stehen unter den Neonröhren, dazwischen hängen ein paar Sandsäcke, an den Wänden lehnen die verbeulten Spinde der Trainer, ein paar Fotos von legendären Kämpfen hängen in den Ecken, und unter dem alten Schild mit den Boxerversen von Virgil steht ein Tisch, an dem die Trainer Domino spielen, wenn sie auf ihre Kämpfer warten.
Am frühen Abend scheint hier jeder Fleck der Halle ausgenutzt. Ein junger Russe hämmert mit dumpfen Schlägen auf den schweren Sandsack. Im hinteren Ring dirigiert ein Trainer zwei junge Frauen, die versuchen, mit gezielten Geraden durch die Deckung der anderen zu brechen. Frauen kommen seit einiger Zeit immer öfter zum Boxen. Nicht so sehr wegen Hillary Swank, als wegen Lucia Rijker, der ungeschlagenen Weltmeisterin aus Holland, die in “Million Dollar Baby" Swanks Widersacherin spielt und vielleicht die beste Faustkämpferin in der Geschichte des Sports ist.
Die Aufregung um die Oscarpreisträgerin nehmen sie im Gleason's überhaupt eher gelassen. Sie war ja auch nicht der erste Star. Hier haben sich schon Roberto de Niro, Jennifer Lopez und Vin Diesel auf Rollen vorbereitet. Aufregung kommt höchstens auf, wenn sich einer der Ehemaligen hier blicken lässt, wie neulich Mike Tyson, der im Gleason's die Kinder trainierte und damit seinen gerichtlich verordneten Sozialdienst ableistete. Oder Jake LaMotta, der hier fotografiert wurde, weil seine Lebensgeschichte “Raging Bull" demnächst wieder in die Kinos kommt. Die Liste der Legenden, die hier trainiert haben, ist viel zu lang. Als Muhammad Ali sich im Gleason's 1964 auf seinen epochalen Kampf mit Sonny Liston vorbereitete, firmierte er noch unter seinem bürgerlichen Namen Cassius Clay. Weltergewichtsmeister Zab Judah begann hier als Siebenjähriger. Floyd Patterson, Rocky Graziano, George Foreman, Joe Frazier, Thomas “Hitman" Hearns, “Marvellous" Marvin Hagler, Riddick Bowe - insgesamt 121 Weltmeister haben im Gleason's trainiert.
Angefangen hat alles 1937 in der Bronx, als sich der Bantamgewichtsboxer Robert Gagliardi in Bobby Gleason umbenannte, weil das Boxpublikum damals in erster Linie aus Iren bestand. Als Tyson als Halbstarker seine ersten Runden kämpfte, residierte das Gleason's in der 30. Straße von Manhattan. Seit 1984 ist das Gleason's nun in der Lagerhallen am Rande von Brooklyn untergebracht.
Brooklyn 01. März '05 - Hillary Swank? Die Oscarpreisträgerin? Jaja, die hat sich hier auf ihre Rolle vorbereitet, daran kann sich Eddie Cruz schon noch erinnern, aber wer im Gleason's trainiert, der ist hier nicht für Klatschgeschichten, sondern um das Boxen zu lernen. Das erfordert allerhöchste Konzentration, egal, ob man sich auf einen Kampf vorbereitet, oder ganz am Anfang steht. Wenn die nur für einen Augenblick abflaut, kann es passieren, dass Eddie Cruz Rechte einem “die Nase aufleuchten" lässt, wie sie das hier nennen. Dann tanzen einem die sprichwörtlichen Sterne vor den Augen, auch wenn Cruz mächtige Pranke in einem viereckigen Trainingspolster steckt, gegen das man seine Kombinationen schlagen soll.
Ein paar Dutzend Trainer kümmern sich von sechs Uhr morgens bis zehn Uhr Abends im Gleason's um ihre Schützlinge. Die meisten von ihnen waren früher selbst Profiboxer. Eddie Cruz war zum Beispiel erst Rausschmeisser in Nachtclubs wie dem Studio 54, bevor er zusammen mit Evander Holyfield in der US-Olympiamannschaft von 1984 antrat. Später verdiente er sein Geld als Wärter auf New Yorks berüchtigter Gefängnisinsel Riker's Island. Solche Geschichten haben die meisten hier zu erzählen. Nicht alle haben so ein Glück wie Hector Roca und Grant Roberts, die für ihre Arbeit mit Hillary Swank gutes Geld bekommen haben.
Die Werbung ist gut, sagt Bruce Silverglade, dem das Gleason's gehört. Für den Sport an sich, denn so viel neue Mitglieder haben Hillary Swanks Danksagungen in den Talkshows und Interviews nun auch nicht gebracht. Es stimmt schon, seit ein paar Wochen ist es an den Sandsäcken und Speedbags im Gleason's voll geworden. Aber nicht wegen dem Filmruhm. Viel wichtiger als die Oscars sind in diesen Tagen die Golden Glove's, die Amateurboxmeisterschaften, die die Lokalzeitung Daily News alljährlich im Madison Square Garden ausrichtet. Da soll aber bloß keiner auf die Idee kommen, so ein Amateurkampf wäre was für Anfänger. Der junge Bursche, den Eddie Cruz seit einem halben Jahr trainiert zum Beispiel. Hat sich einfach angemeldet, obwohl ihm Cruz gesagt hat, dass er nicht so weit ist. Das Thema hatte sich dann in drei Minuten erledigt. So lange dauerte die Runde, in der ein Sparringspartner dem Burschen so zusetzte, bis sich der schweißüberströmt mit blutiger Nase an den Eckpfosten klammerte. Fast wären ihm die Tränen gekommen. Die Lektion hatte er jedenfalls gelernt.
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