NACHHILFE FÜR BUSH

Prominente Akademiker fordern vom
amerikanischen Präsidenten eine zukunftsweisende Wissenschaftspolitik.
© Andrian Kreye

Im Zentrum der Akademikerstadt Cambridge kann man an der Kreuzung Vassar und Main Street die Zukunft noch wachsen sehen. Dort baut das Massachusetts Institute of Technology gerade ein Institut nach den Plänen von Frank Gehry, und wenn man dabei zusieht, wie die Bautrupps mit mächtigen Betonformen, Stahlträgern und Aluminiumplatten jene kraftvollen Bewegungen nachbilden, die der Architekt aus Kalifornien mit ein wenig Blech und Papier einst vorgegeben hat, bekommt man eine Ahnung von der euphorischen Stimmung, die hier in der Hochburg der Naturwissenschaften währen des letzten Jahrzehnts geherrscht hat.

Doch dann kamen George W. Bush, der 11. September und die Irakkrise. Alles dreht sich nun um Angst, Krieg und Politik, und so erscheint einem der Neubau von Gehry wie ein Echo aus einer längst vergangenen Ära des Fortschritts und der Hoffnung. Doch weil die das vergangene Jahrzehnt nicht nur neue Wissenschaftserfolge, sondern auch eine neue Wissenschaftskultur hervorbrachte, findet der Kampf um die Zukunft nicht mehr in esoterischen Zirkeln statt, sondern ganz lautstark in der Öffentlichkeit.

Dritte Kultur nennt sich jene Weltsicht, die versucht auf die großen Fragen der Menschheit naturwissenschaftliche Antworten zu finden. John Brockman hat diesen Begriff geprägt, der New Yorker Buchagent, der die meisten Stars dieser Strömung vertritt und auf seinem Internetforum Edge auch den bedeutendsten Debattenzirkel dieser Dritten Kultur unterhält. Seit 1998 stellt Brockman dort kurz vor Neujahr eine öffentliche Frage. “Welche Fragen stellen Sie sich?", wollte er zum Beispiel wissen, oder auch “Welche Fragen sind verschwunden?". Dieses Jahr formulierte er sie als fiktive E-Mail von George W. Bush, in der er wissen wollte, was die Edge-Gemeinde dem Präsidenten auf die Frage “Was sind die dringendsten Wissenschaftsthemen für die Nation, die Welt und wie kann ich diese Ihrer Meinung nach angehen?" antworten würde.

“In den wissenschaftlichen Publikationen haben sich unzählige Artikel damit beschäftigt, dass das Amt des Wissenschaftsberaters enorm geschwächt wurde", sagt Brockman. “Das hat den Effekt, dass unter der aktuellen Regierung so gut wie kein öffentlicher Diskurs über die Wissenschaften stattfindet." Zwar genießt Bushs Wissenschaftsberater, der Physiker und ehemalige Direktor des Nationalen Nuklearforschungslabors in Brookhaven John Marburger, unter Akademikern einen tadellosen Ruf. “Aber das Büro seines Amtes wurde mehrere Blocks vom Weißen Haus weg verlegt. Außerdem hat er keinen regelmäßigen Zugang zum Präsidenten und kein öffentliches Forum. Das zeigt ganz deutlich, wie diese Regierung mit den Wissenschaften umgeht."

85 Zuschriften hat John Brockman nun auf der Webseite veröffentlicht. Fast alle finden scharfe Worte für den Präsidenten. “Sie sind in einer unglaublichen Position", mahnt der Computerforscher Jaron Lanier. “Sie sind seit einer Generation der mächtigste Präsident. Zeigen Sie Mut! Kein Werkzeug ermöglicht der Menschheit ihre Umstände so zu verbessern, wie Wissenschaft und Technik." Der Chaostheoretiker Doyne Farmer schreibt: “Wissenschaft ist patriotisch", und erinnert an die Ursprünge der Nation: “Es ist kein Zufall, dass so viele unserer Gründerväter wie Thomas Jefferson und Benjamin Franklin lebenslange Leidenschaften für die Wissenschaft hegten. Wissenschaften waren der Motor unseres Wohlstandes."

Und genau deswegen fordert der Professor für Management an der Claremont University Mihalyi Csikszentmihalyi ein Nationales Büro für die Förderung der Wissenschaften auf parlamentarischer Ebene. Nur dann ließe sich das ganze Volk wieder für Wissenschaften begeistern, wie es sich der Computerwissenschaftler an der Yale University David Gelernter wünscht: “Die Nation braucht wieder ein großes, aufregendes, echtes Problem, auf das sie sich konzentrieren kann. Auch wenn wir dafür natürlich idealerweise einen Konkurrenten bräuchten." Aber davon sollte sich vor allem der Präsident nicht abhalten lassen, wie der autralische Mediziner Paul Davies schreibt: “So viele Leitartikler fordern von Bush Junior, das er im Irak das zu Ende führt, was Bush Senior im Golfkrieg begonnen hat. Und genau diesen Ratschlag sollte er auf die Wissenschaften anwenden. Mister Bush! Fliegen Sie zum Mars. Auch ohne eine politische Herausforderung wie die Sputnik."

Für den britischen Evolutionsbiologen Brian Goodwin steht Amerika sowieso vor dramatischen Herausforderungen, die weit über den Irak hinausgehen: “Wenn der CO2-Anstieg in der Atmosphäre zusätzlich beschleunigt wird, weil man die riesigen irakischen Ölreserven ausbeuten kann und die Regenwälder abholzt, wird nicht nur das Amazonasbecken in eine Trockenwüste verwandelt, sondern auch der gesamte Mittelwesten in eine Dürreperiode gestürzt, der in Amerika selbst zu einer Nahrungsmittelknappheit führen wird." Weswegen der Verhaltensforscher William Calvin warnt: “Während die Wissenschaft uns rechtzeitig vor großen Gefahren wie Klimakatastrophen warnen kann, müssen wir in solchen Fällen schneller zu einem Konsens finden, damit wir uns davor schützen können, dass die Kathedrale der Zivilisation in ihren Grundfesten erschüttert wird."

Denn nach dem Beitrag des Washington-Post-Autors Joel Garreau “stehen wir am Beginn einer Ära der wissenschaftlichen Umwälzungen, die nichts geringeres erschüttern wird, wie die menschliche Natur selbst." Vor allem die Fortschritte der Genforschung gilt es jetzt zu nutzen. Der Physiker Freeman Dyson schlägt beispielsweise vor, ein planetenweites Genomprojekt ins Leben zu rufen, um in den nächsten 50 Jahren die Genstrukturen sämtliche Spezies zu katalogisieren. Und der Nobelpreisträger und Neurobiologe Eric Kandel glaubt, dass man vor allem jene Biologie erforschen muß, die dem menschlichen Bewußtsein zu Grunde liegt.

Der Chefredakteur der Zeitschrift Nature Philip Campbell findet dagegen, dass man angesichts von jährlich einer Million Malariatoten gar nicht darum herumkommt, mit den neuen Erkenntnissen einen Impfstoff zu suchen. Und der Futurologe Ray Kurzweil fordert, angesichts der Stammzellendebatte eine Technik zu entwickeln, mit der aus der DNS jedes Einzelnen ein eigener Stamm entwickelt werden kann, um so die Verwendung embryonaler Zellen zu umgehen und trotzdem die langsam überfälligen Riesenschritte der Medizin zu ermöglichen.

Doch Kevin Kelly, sein Kollege von der Zeitschrift Wired, warnt: “Die Wissenschaften haben sich vom Quartalsdenken der Wirtschaft anstecken lassen und es wird eine ungeheure Anstrengung kosten, wieder langfristig zu kalkulieren." Nur dann ließen sich wissenschaftliche Utopien verfolgen, und glaubt man dem Münchner Hirnforscher Ernst Pöppel, folgt auf das wissenschaftlich-technische Utopia auch bald das politische. “Wissenschaftler sind die natürlich Diplomaten", schreibt er. “Nur die Wissenschaftler können die Menschen und Völker zusammenbringen. Sie haben unabhängig von Geschichte, Glauben, Vermögen, Geschlecht und Hautfarbe schon immer zuammen versucht ein großes, gemeinsames Ziel zu erreichen - ein tieferes Verständnis von Natur und Kultur." Weswegen Seth Lloyd, der Professor für Quantenmechanik am MIT, George W. Bush ganz deutlich warnt: “passen Sie auf, dass sie nicht als der Texaner in die Geschichte eingehen, der die Türen der Wissenschaft zu geknallt hat."





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