Lizenz zum Töten

Der Freispruch von vier New Yorker Polizisten bestätigt amerikanische Minderheiten in ihrem Gefühl, verfolgt und unterdrückt zu werden.
© Andrian Kreye



Fassungslos verfolgten die New Yorker am Freitag die Liveübertragung der Urteilsverkündung im Prozeß gegen die vier weißen Polizisten der “Street Crimes Unit", die letztes Jahr in der Bronx 41 Kugeln auf den 22jährigen, unbewaffneten Westafrikaner Amadou Diallo abgefeuert hatten. 24 Mal hallte das “Nicht schuldig" zu jedem einzelnen der Anklagepunkte durch den Gerichtssaal. Für die Bewohner der Minderheiten- und Einwandererviertel war danach weder die Verkündung des Schwarzenführers Al Sharpton, man werde sofort in Revision gehen, noch die ungewohnt versöhnlichen Worte von Bürgermeister Rudolph Giuliani ein Trost. Der Freispruch war Salz auf eine Wunde, die trotz Bürgerrechtsbewegung und gesetzlich verankerter Political Correctness nie verheilt ist - das Gefühl, dass Amerika großen Teilen seiner Bevölkerung den Krieg erklärt hat.

Für Außenstehende läßt sich das Lebensgefühl auf den Strassen der amerikanischen Ghettos kaum nachvollziehen. Mag sein, dass einem der Zorn hochkommt, wenn man Zeuge einer jener alltäglichen Ungerechtigkeiten wird. Wenn man gemeinsam mit einem schwarzen Freund abends in New York so lange kein Taxi Richtung Harlem bekommt, bis der sich hinter einem Auto versteckt. Wenn man mit ihm in eine der ruppigen Polizeikontrollen gerät, bei der die Beamten einen als Weißen höflich bitten, zur Seite zu treten, um ihn dann herumzuschubsen und zu durchsuchen. Wenn man beobachtet, welche Kämpfe für ihn hinter den kleinen Erfolgen im Berufsleben stehen, die einem längst selbstverständlich geworden sind. Doch was es bedeutet, als Angehöriger einer Minderheit sein ganzes Leben in einer Gesellschaft zu verbringen, die einen auf Schritt und Tritt verfolgt, kontrolliert und benachteiligt, wird man nie verstehen.

Kurz nach den tödlichen Schüssen auf Amadou Diallo organisiertem die “100 Black Men in Law Enforcement", eine Gruppe schwarzer Polizeibeamter, einen Trainingskurs, mit dem sie seither durch die Schulen der New Yorker Minderheitenviertel ziehen. In Rollenspielen üben sie mit den Kindern und Teenagern, wie man sich als Schwarzer oder Latino zu verhalten hat, wenn man von der Polizei angehalten wird.

Das Programm erinnert eher an die Schulungen, die Nachrichtenmedien für ihre Krisenreporter veranstalten, bevor sie in ein Bürgerkriegsgebiet geschickt werden, als an eine Nachhilfestunde in Staatsbürgerkunde. Erste Grundregel: nicht auffällig verhalten. Oft reicht schon ein mißtrauischer Blick, schnelles Laufen oder das rasche Abbiegen in einen Hauseingang oder eine Gasse, um sich verdächtig zu machen. Auf Anruf der Polizei sofort anhalten. Nur sprechen, wenn man gefragt wird. Während des gesamten Vorgangs sollte man nichts in den Händen halten, und sie vor allem so halten, dass die Beamten sie immer sehen können. Im Falle, dass die Beamten Handschellen anlegen, Hände auf den Rücken und kooperieren. Abrupte Bewegungen sind auf alle Fälle zu vermeiden.

Die “100 Black Men" sprechen aus, was es offiziell nicht geben darf. Sie wissen, dass ihre weissen Kollegen sehr wohl mit dem streng verbotenen “Racial Profiling" arbeiten, jenem Rasterdenken, nach dem es schon ausreicht jung, schwarz und männlich zu sein, um sich verdächtig zu machen. Und sie wissen auch, dass die amerikanische Polizeiausbildung keinen Schuß auf die Beine vorsieht.

Für die unzähligen Einwanderer ist es noch schwieriger, mit diesen Situationen umzugehen, als für Menschen, die im Ghetto aufgewachsen sind. Sie leben in einer isolierten Welt, die weit weg ist von Amerika. In den Einwandererstrassen wie der 116. Strasse in Harlem, dem Grand Concourse in der Bronx oder der Roosevelt Avenue in Queens sind sie noch lange nicht in den USA angekommen. Hier haben die Einwanderer vielmehr ihre eigene Vorstellung von Amerika in die USA importiert, und so erinnern die Blocks mit ihren Imbißstuben und Discountländen weniger an New York, als an die Innenstädte von Dakar, Bogotá oder Bangkok, die versuchen, mit Neonlicht und Markenprodukten ein wenig Amerika zu simulieren. Den einzigen Kontakt, den sie in den ersten Jahren mit ihrem Gastland haben, sind die Beamten der Behörden und die Polizisten auf der Strasse. Und weil sie schließlich nach Amerika gekommen sind, um der Armut, der Gewalt und der Verfolgung in ihrer Heimat zu entkommen und in der Demokratie und Freiheit der USA zu leben, stehen sie dem institutionalisierten Rassismus vollkommen unvorbereitet gegenüber.

Deswegen hat Amadou Diallo auch nicht sofort auf den Befehl der Beamten reagiert, stehenzubleiben, hat versucht, sich in den Eingang seines Hauses zu drücken. Und als er sich in die Enge getrieben sah und umdrehte, zückte er dabei seine Brieftasche, die Officer Sean Carroll für eine Pistole hielt. Unkorrektheiten, die einem normalerweise außerhalb von aktiven Kriegsgebieten höchstens einen Rüffel einbringen würde. Amadou Diallo ist nicht der erste, dem auf den Strassen Amerikas der Griff nach der Brieftasche, dem Führerschein, Ausweis oder Mobiltelefon zum Verhängnis wurde Für die Geschworenen und die New Yorker Polizei hat der Prozeß trotzdem bewiesen - er hat seinen Tod selbst verschuldet..

Aber auch auf der anderen Seite wird die Situation auf den Strassen als extrem feindselig empfunden. Die meisten Polizeibeamten leben in den Vorstädten und kommen nur zum Dienst in die Ghettos, in eine für sie fremde Welt. Unter den 350 Beamten der inzwischen aufgelösten Street Crime Unit, gab es zum Beispiel nur neun schwarze Beamte. Weisse Polizisten arbeiten in den Ghettos in Gemeinden, in denen sie seit Jahren als Feindbild gelten, und das läßt man sie auch spüren. Überall wo sie auftauchen, begegnen sie offener Aversion, die sie nur brechen können, indem sie sich bedingungslosen Respekt verschaffen. Ein Detective der Abteilung für Raub und Diebstahl beschrieb das einmal so: “Wenn wir mit gutem Willen nicht weiterkommen, bleibt uns nur der Terror." Dann schlägt die Aversion wenigstens in ängstliche Unterwürfigkeit um. Am grundsätzlichen Verhältnis zwischen Polizei und Bürgern im Ghetto ändert das nichts.

Der Rapper und Aktivist KRS One schrieb vor Jahren einen der erfolgreichsten Politsongs zu diesem Thema. In “The Sound Of Da Police" vergleicht er die Polizisten mit den Aufsehern der Sklavenplantagen, und in der letzten Strophe spricht er das Wort “Officer" so oft und schnell, bis daraus phonetisch “Overseer" geworden ist. Gewiss eine demagogische Überspitzung, aber noch heute rufen sich die schwarzen Jugendlichen den Refrain des Stückes auf der Strasse zu - einen kurzen Aufschrei, der die Sirene eines New Yorker Polizeiwagens imitiert.

Reverend Calvin Butts, der politisch einflußreiche Prediger von der Abyssinian Baptist Church in Harlem, beschrieb die Wut der Erwachsenen über das Urteil in seiner Sonntagspredigt: “Ich fühle mich ein bißchen wie unser Herr. Ich würde gerne ein paar Tische umwerfen." Das Urteil sei das Symptom eines tief verwurzelten Rassismus, ähnlich wie der, der einstmals friedliche Schwarzenführer in Südafrika dazu gebracht hat, sich in ihrem Befreiungskampf zu bewaffnen. Ungewohnt hart Worte von einem konservativen Geistlichen, der sich eher in der Tradition von Bürgerrechtlern wie Martin Luther King, als der von Revolutionären wie Malcolm X sieht.

Bürgermeister Giuliani hat inzwischen begriffen, dass er seine Polizei nicht länger bedingungslos verteidigen kann. Strenge Auflagen zwingen die Beamten seit einigen Monaten zum korrekten Umgang mit Verdächtigen. Bürgerrechtsorganisationen veranstalten Sensibilisierungskurse bei denen sie versuchen, den Beamten die Realitäten jener fremden Welten nahezubringen, in denen sie auf Streife gehen. Doch all die Bemühungen sind am Freitag um Jahre zurückgeworfen worden. Gegen das Gefühl der Unterdrückung und die Wut, sind wohlgemeinte Gesten machtlos. Auf den Strassen von New York gilt das Urteil als eine Lizenz zum Töten für die Polizei. Zurück zum Inhalt