* BERICHTE AUS AMERIKA

CODE ORANGE

Christos Gates entwickeln sich
zur beliebten Zielscheibe der Satire.

© Andrian Kreye


New York 21.02. '05 - Angesichts all der orangefarbenen Schals und Mützen im New Yorker Straßenbild, könnte man als unbescholtener Beobachter glauben, der Bhagwan Shree Rajneesh habe im Central Park einen Ashram eingerichtet. So unbescholten würde natürlich nur beobachten, wer die letzten Monate in einer Einsiedlerhütte verbracht und so die Publicitykampagne versäumt hätte, die Christo, Jeanne-Claude und Bürgermeister Bloomberg mit einem gewissen “Shock and Awe"-Gestus inszenierten. Die multimediale Penetranz ist auch der Hauptgrund, warum das Großkunstprojekt “The Gates" nun eine so beliebte Zielscheibe der Satire geworden ist. Da sind die wie Mantras immer wieder vorgebeteten Infohäppchen (Christo und Jeanne-Claude sind zur selben Stunde geboren, Christo und Jeanne-Claude fliegen nie im gleichen Flugzeug, Christo und Jeanne-Claude haben die 21 Millionen Dollar ganz alleine aufgebracht).

Und da ist die tausendmal aufgestellte und tausendmal wiederholte Behauptung, die Tore seien safranfarben. Dabei ergibt schon eine kurze Recherche in einschlägigen Kochbüchern, dass die Gewürzfäden des Safran von tiefroter, die Blütenblätter von zartlila und die mit Safran gefärbten chinesischen Stoffe von leuchtendgelber Farbe sind, wogegen auch das internationale Fernsehpublikum die Farbe der Tore ganz eindeutig als Orange erkannte. “Staying on Message", heißt die vor allem von der Regierung Bush erfolgreich praktizierte Methode, eine Lüge einfach so oft zu wiederholen, bis sie sich als Fakt durchsetzt.

Gefundenes Fressen für die Moderatoren der Late-Night-Shows. Jon Stewart betitelte ein Segment über die Gates “Piles of Sheet" (ein Wortspiel aus Stoffbahnen, Hundehaufen und Flunkerei). David Letterman freute sich, dass man den Satz “ich versteh's nicht" doch nur im multikulturellen New York in fünfzig verschiedenen Sprachen hören könne. Die besten Persiflagen findet man jedoch im Internet. "The Crackers" besteht zum Beispiel aus drei Dutzend organgefarbenen Käsecrackern, welche die selbst ernannten Künstler Chris und Jane parallel zu den Gates im Park aufreihten. Die gesamten Kosten von zwei Dollar und fünfzig Cents hätten die Künstler selbst aufgebracht schreiben der Verlagsangestellte Chris Cunniffe und seine Frau die Werbetexterin Jane Hanstein Cunniffe. Nicht Kunst für das Volk, sondern Kunst für die Vögel im Park sei ihr Projekt, das sie, wie auf Fotos dokumentiert, an die dortigen Enten verfütterten.

Auch das Netzprojekt "The Somerville Gates" bezieht sich weitgehend auf die Publicitymantras von Christo und Jeanne-Claude. Mit einem Gesamtbudget von drei Dollar fünfzig hat Geoff Hargo, der sich Hargo nennt, gemeinsam mit seiner Frau Patricia La Valley in Somerville, Massachusetts sechzehn knapp zehn Zentimeter hohe orangefarbene Tore gebastelt, die sie an verschiedenen Orten im Haus um ihre Katze herum gruppierten. “Sollte Ihnen jemand eine Eintrittskarte anbieten, kaufen Sie sie nicht", schreiben sie, ganz wie Christo und Jeanne-Claude auf ihrer Webseite. “Die Gates sind nicht zum Verkauf. Genauso wenig wie die Katze." Und da sind noch die "The Duplo Gates" , acht Tore aus übergroßen Legosteinen, die ein dreijähriger namens Nicky gebaut hat, dessen Vater sie nun mit einem Startpreis von 5.000 Dollar auf ebay anbietet.

Ganz egal, ob man “The Gates" nun lediglich als Sternstunde des internationalen Messebaus, oder als größte Kunstaktion des Jahrzehnts betrachtet, eines haben Christo und Jeanne-Claude erreicht - sie sind absoluter Kult. Das ist durchaus wörtlich zu verstehen. Der Bhagwan wäre stolz auf sie. So viel Orange wie in New York, wurde jenseits seiner Ashrams noch nie getragen.





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