Verzeihung - verhüllt muß das heissen. Wer sich mit Christo und Jeanne-Claude beschäftigt wird von den beiden und ihren Mitarbeitern mit zahlreichen Ermahnungen bedacht. Da muß man sich vor dem Interview ein Merkblatt mit den “häufigsten Fehlern" durchlesen. Christos einzige Erklärung zu Beginn der Pressekonferenz war ein kurzer, unprovozierter Wutausbruch, dass sich einige Mitglieder der anwesenden Journaille immer noch erdreisten, Christo nicht ausschließlich in einem Atemzug mit seiner Frau zu nennen. Und selbst New Yorks Bürgermeister Bloomberg mußte sich bei seiner Moderation der Pressefragen gefallen lassen, dass Jeanne-Claude ihm streng ins Wort fiel, weswegen er eine Journalistin dann auch gleich selbst zurechtwies, als sie die Kunststoffsegel orange, statt saffranfarben nannte.
Diese permanente Vorwärtsverteidigung wirkt liebenswert schrullig, doch sie verwundert auch, schließlich gibt es nur wenige Künstler, die so weltberühmt und unumstritten sind, wie Christo und Jeanne-Claude. Ist aber durchaus einfach zu erklären. Christo und Jeanne-Claude entstammen einer Ära, in der die permanente Konfrontation mit bürgerlichen Zwängen und Geschmäckern noch fest zur Identität als Künstler gehörte. Heute, zu einer Zeit, in der das honorige Guggenheim Museum die pornografischen Fotografien des Larry-Clark-Schülers Ryan McGinley ausstellt und politische Vorstöße gegen die moderne Kunst nur noch von orthodoxen Anhängern rückwärtsgewandter Konfessionen ernst genommen werden, wirkt die permanente Streitsuche eher wie die Angst vor der eigenen Gefälligkeit.
Auch da ein Widerspruch, denn die dient als Bollwerk gegen den Vorwurf des elitären Kunstanspruches. Christo und Jeanne-Claude gehören schließlich auch zu einem Kapitel der Kunstgeschichte, in dem der Elitegedanke ins Extreme weitergedacht wurde. Land und Environmental Art (der deutsche Begriff der Landschaftskunst wird nur selten verwendet) war die Kunst einer Gruppe von Bilderstürmern, die nach der endgültigen Auflösung der Formen durch die Avantgarde in den 60er Jahren nur noch einen Weg nach vorne sahen - sämtliche Rahmen ganz buchstäblich zu sprengen. Kein Raum war ihnen groß genug. Bald mußten es ganze Landschaften, Berge und Landkreise sein, die sie zum Kunstwerk umgestalteten. Die jungen Größenwahnsinnigen hießen Michael Heizer, Walter de Maria, James Turrell und Robert Smithson. Einige Projekte sind bis heute noch nicht fertig. Turrell baut in der Wüste von Arizona seit 28 Jahren einen Vulkan zur Lichtskulptur “Roden Crater" um. Heizer errichtet seit 32 Jahren im benachbarten Nevada eine abstrahierte Aztekenstadt im Originalmaßstab. Sie wollten aber nicht nur Großes schaffen, sondern sie setzten sich auch der Vergãnglichkeit aus. Das wohl bekannteste Werk der Land Art Spiral Jetty, das Robert Smithson in Form einer spiralförmigen Mole in den großen Salzsee von Utah baute, ist seit einigen Jahren nur noch bei Dürre zu sehen und schwer erodiert.
Das immanente Problem der Land Art ist die physische Unzugänglichkeit. Die Anreise ist oft zu schwierig. Heizer und Turrell haben ihre laufenden Arbeiten sogar hermetisch abgeriegelt. Viele Projekte erschließen sich nur aus einem Flugzeug. Inhalte eröffnen sich oft nur über einen großen Zeitraum, so wie auf Walter de Marias “The Lightning Field" in New Mexico, das man nur besichtigen darf, wenn man mindestens 24 Stunden bleibt.
Diese Distanz zu den Zeitgenossen der Land Art bleibt jedoch zwiespältig. Auf der einen Seite demokratisieren sie eine der unzugänglichsten Kunstformen. Auf der anderen Seite reduziert sich der avantgardistische Gestus bei ihnen zur Rechtfertigung einer schmerzfreien Inhaltslosigkeit. Zwar vermeiden sie den Anspruch, gleich einen ganzen Landstrich mit all seinen Naturgewalten als Palette zu verwenden. Die organische Vergänglichkeit der Landschaftskunstwerke durch die Einwirkung der Elemente ersetzen sie dafür mit einem strengen Auf- und Abbauplan, der ihre Projekte für das Konzentrationsvermögen der medienreizüberfluteten Gesellschaft auf den Zeitrahmen eines so genannten Events beschränkt.
Es sind gerade diese inhaltichen Reduktionen, mit denen sich Christo und Jeanne Claude in jener Sparte der Popkünste ansiedeln, die avantgardistische Traditionen durch schieres Produktionsvolumen zugänglich machen. So verhält sich “The Gates" zur Land Art ähnlich wie die Akrobatik des Cirque de Soleil zu Merce Cunninghams Choreographien oder die Clownereien der Blue Man Group zum Formbruch der Wooster Group. “The Gates" machen ratlos. Selbst im Vergleich mit Christo und Jeanne-Claudes eigenen Arbeiten. Da fehlt der subversive Humor, mit dem sie monumentale Sehenswürdigkeiten verhüllten, das Drama, mit dem sie die Betrachter in ihren Bann zogen. Stattdessen entlud sich der Kraftakt der Aufbauten im Central Park in der armseligen Katharsis einer Enthüllung bunter Stoffsegel. Die natürlich in einem hellen, altmodischen Orange gehalten sind. Saffranfarben dient lediglich als prätentiöser Euphemismus (die Fäden des Saffrangewürzes selbst sind eindeutig rot, saffrangefärbte Stoffe und Speisen ganz klar gelb). Also rettet man sich als Rezensent in Vergleichsbilder und poetische Beschreibungen, die wahlweise gehässig oder schwülstig ausfallen. Einzig das Ereignis bleibt, und das läßt sich schwer vermitteln.
Aber gerade dieses unbestimmte Gemeinschaftsgefühl, auf dem Great Lawn zu stehen und das genau gleiche Kunsterlebnis zu haben, wie all die Tausenden ringsherum, macht die wahre Qualität von “The Gates" aus. Das ist genauso pathetisch gemeint, wie es klingt. Kunst ist die letzte Nische, in der sich die säkulare Merkantilgesellschaft noch so etwas wie Spiritualität gestattet. Beim Papstbesuch geht es ja auch weniger um das Charisma und die Rhetorik des Kirchenführers, als vielmehr um eine gemeinsame Erwartungshaltung und das kollektive Erleben ihrer Erfüllung. Es ist also kein Zufall, dass die Rundfahrten von Christo und Jeanne-Claude am Samstag vom Volk mit einer solchen huldvollen Hingabe begrüßt wurden. Sie schaffen das, was John Lennon “Instant Karma" nannte - ein spontanes Gefühl, Teil eines größeren Ganzen zu sein.
Freudig berichtete er bei der Pressekonferenz, er erwarte nächste Woche die Kommission des IOC, die darüber entscheidet, ob New York Olympiastadt 2012 werden wird. Das ist Kunst als Markenbildung, wie sie nur ganz wenige beherrschen. Der Architekt Frank Gehry vielleicht, der mit seinen Gebäuden selbst einer so tristen Stadt wie Bilbao zu Denkmalswürden verhelfen kann. Sein Kollege Aldo Rossi, der für Alessi Küchengeräte zu Prestige-Ikonen veredelt. Und eben Christo und Jeanne-Claude, die Orte zum Schauplatz der Kunstgeschichte machen und damit sogar dem Berliner Reichstag die historisch belastete Aura nehmen konnten.
Ähnlich ergeht es jetzt New York, in dem immer noch die Nachwirkungen der Anschläge vom 11. September mitschwingen. So ruhig, so nett, so freundlich würden die Olympiafunktionäre diese Stadt sonst nie erleben. Schon gar nicht im härtesten der Wintermonate. Doch auch wenn der gefürchtete Nordostwind nächste Woche einen Schneesturm durch die Straßenschluchten peitscht, im Park wäre selbst das Sauwetter ein hübsches Spektakel in leuchtendem Orange, das Bürger und Touristen freudig genießen.
New York 13.02.'05 - Der Tag hätte nicht perfekter sein können, schließlich hatte sich das Künstlerehepaar Christo und Jeanne-Claude ihr Projekt “The Gates" als Volkskunstaktion für einen Februartag im Central Park ausgedacht. Der mässig bewölkte Himmel sorgte mit seinem wechselnden Sonnenlicht für die erwünschten Lichtspiele auf den saffranfarbenen Kunststoffsegeln, ein leichter Westwind brachte die Stoffbahnen zum geplanten Flattern und die gemäßigten Wintertemperaturen sorgten dafür, dass nicht nur die angereisten Touristen, sondern auch die Einheimischen zahlreich in den Park strömten. Hübsch sah das aus, wie all die Menschen unter den leuchtfarbenen Toren herumspazierten, ausschließlich von entspannter Feiertagslaune getrieben, die nur hie und da aufgeregter Freude wich, wenn die silbergraue Maybachlimousine auftauchte, in der sich Christo und Jeanne-Claude immer wieder rund um den Park herumfahren ließen, glücklich lächelnd im Fond, fast ungläubig, dass ihr Projekt nach 26 Jahren Kampf gegen die New Yorker Stadtverwaltung nun endlich Wirklichkeit geworden war und die über 7500 Kunststofftore mit den Stoffsegeln nun auf 23 Meilen Parkwegen standen. “Danke! Danke!", riefen die Menschen, die im Spalier die Parkstraßenränder säumten und nur von kräftigen Sicherheitsbeamten davon abgehalten werden konnten, wie Teenager beim Anblick ihrer Idole, den Fahrtweg zu blockieren. Eine Dame lehnte sich trotzdem über den Arm eines Bodyguards hinweg, küsste das Dach des Wagens, hauchte ihr “Danke!" durch die Windschutzscheibe. Und vorne auf dem Beifahrersitz saß die Dokumentarfilmerlegende Albert Maysles und drehte alles mit.
Genau das und nichts anderes wollten Christo und Jeanne-Claude erreichen. Schon bei der Pressekonferenz im Metropolitan Museum hatten sich die beiden am Vortag ausdrücklich verbeten, dass man allzuviel in ihre Arbeit hineininterpretiert. “Freude und Schönheit", sagte Jeanne-Claude, seien die einzigen Gründe, warum sie “The Gates" konzipiert hätten. Da würden sich keine Botschaften und keine Symbole verbergen. Womit sie recht hat, auch wenn der rein dekorative Charakter gleichzeitig Stärke und Schwäche von “The Gates" ist. Und wenn schon keine Analysen erlaubt sind, so muß sich das Projekt zumindest ein paar Vergleiche und Einordnungen gefallen lassen, immerhin wird es nun schon seit mehreren Monaten als das weltweit größte Kunstereignis angekündigt, seit, nun ja, eigentlich seitdem die beiden vor zehn Jahren den Berliner Reichstag verpackt haben.
Gegen all diese monumentalen Ansprüche haben sich Christo und Jeanne-Claude immer verwehrt. Die meisten ihre Werke entstanden in einem urbanen Umfeld oder waren zumindest in wenigen Minuten erreichbar - sogar als sie den räumlichen Anspruch der Land Art 1991 auf die Spitze trieben und mit ihrer Installation “Umbrellas" den gesamten pazifischen Raum zwischen Kalifornien und Japan in Anspruch nahmen. Auch bei der Finanzierung unterschieden sich Christo und Jeanne-Claude von ihren Zeitgenossen. Während Heizers und Turrells Arbeiten aus Geldmangel oft für Jahre ruhen, hat das Künstlerehepaar “The Gates" wie immer aus eigener Kraft finanziert und dem Central Park sogar noch drei Millionen Dollar gestiftet.
Nun haben “The Gates" wie die meisten der modernen Ersatzspiritualitäten vor allem einen harmlosen Wohlfühleffekt, der hier schon wenige Blocks nach dem Parkausgang wieder abflaut. “The Gates" können weder verblüffen, noch faszinieren oder begeistern. Sie sind einfach nur hübsch anzusehen. Mehr wäre bei einem Ereignis von dieser Dimension über zwei Wochen wahrscheinlich auch zu viel. Die Wirkung geht in die Breite, nicht in die Tiefe, und keiner hat die Wirkung eines solchen Ereignisses besser verstanden, als Michael Bloomberg, der nur in zweiter Linie als Volksvertreter fungiert, sondern als Bürgermeister der Stadt New York vor allem seine Erfahrungen als Industriekapitän zum Einsatz bringt.
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