Mister Kafka Goes To Washington

Für viele Amerikaner ist das Wahlpatt der Beweis für eine neue Bürokratisierung der USA
© Andrian Kreye



Mit jeder deadline die verstreicht, ohne dass einer der beiden Kandidaten zum Wahlsieger erklärt wird, sinkt die Laune der Nation. Die erste Woche war noch spannend. Doch als die Anwälte beider Lager am Wochenende erklärten, nun beginne die nächste Runde vor den Gerichten, etablierte das Gore-Lager ein im Englischen schwierig auszusprechendes Wort in den Nachrichten: Kafkaesque! Das Wahldebakel ist zu einem bürokratischen Alptraum geworden, von dem kein Mensch weiß, wie und wann er zu Ende gehen wird.

Der Bürokrat der alten Schule war in den USA eigentlich so gut wie ausgestorben. Nicht zuletzt Bill Clinton hat entscheidend dazu beigetragen, dass dieser Anachronismus verschwindet. Zehntausende von Regierungsstellen hat er gestrichen, das Finanzamt reformiert, Verwaltungsvorgänge vereinacht. Der staatlichen Bürokratie ergeht es wie ihrem Pendant in der Wirtschaft - man automatisiert, baut ab, lagert aus. Und doch sind die lähmenden Entscheidungsschlachten im Wahlpatt für viele Amerikaner die Bestätigung für eine neue Form der Bürokratie.

Dabei hassen die Amerikaner nichts so sehr wie jedwede Form der zentralen Verwaltung. Kein Wunder, sind die Bürokraten doch schon seit über zwei Jahrhunderten Symbol für den jeweiligen Erzfeind. Die Kolonialbeamten der britischen Krone, deren einzige Aufgabe darin bestand, so viele Steuern wie möglich einzutreiben. Die Nazis, die den Völkermord mit perfider Akribie betrieben. Die Kommunisten, die die halbe Welt mit ihrer zentralistischen Planwirtschaft unterjochten. Das Motiv hat sich im Actionfilm gehalten - der wahre Gegner des Helden ist der Bürokrat im eigenen Lager.

Deswegen ziehen die Wahlversprechen so gut, die Regierung abzubauen, die Wirtschaft zu deregulieren, den Gesetzeswust zu vereinfachen. Das entspricht den Grundlagen der amerikanischen Weltanschauung. Die Heimat der Freien und Mutigen nennt sich das Land - Entscheidungen werden nicht nur getroffen, sondern können auch in die Tat umgesetzt werden.

In der Realität läßt sich der unbürokratische Geist Amerikas natürlich nicht so konsequent durchsetzen. Weder ein Land noch eine Bevölkerung von dieser Größe kann ohne eine gut funktionierende Zentralverwaltung regieren. Gleiches gilt für die modernen Konzerne.

Im Wahlpatt von Florida haben sich nun die beiden neuen Feinde der Freien und Mutigen der Weltöffentlichkeit präsentiert: Rechtsanwälte und Computer. Sie gängeln das Land und die Menschen mit der gleichen Unfähigkeit, flexibel und vernünftig zu denken, wie zuvor die Beamten und Verwalter. Und plötzlich erscheinen die zahllosen neuen Formen der Bürokratie im Alltag nicht mehr nur lästig, sondern bedrohlich.

Die Telefongesellschaften, Inbegriff der privatwirtschaftlichen Bürokratie, haben das System perfektioniert. Da bestellt sich ein Kunde in New York eine neue Breitbandleitung, kommt nicht zurecht, beschwert sich. Es dauert zwanzig Minuten, bis er endlich einen Servicetechniker zu sprechen bekommt, der ihm mitteilt, ein Computer müsse die Leitung überprüfen. Nach Tagen funktioniert immer noch nichts. Doch der Servicemann sagt: “Wir haben doch gestern mit Ihnen gesprochen und Sie haben uns gesagt, nun sei alles in Ordnung." Auf die Versicherung, man habe das letzte Mal vor zwei Tagen telefoniert kommt die ungerührte Antwort: “Tut mir leid. In der Datei ist das so eingetragen."

Ein neuer Standard der Magazinsendungen im Fernsehen sind jene armen Gestalten, denen die virtuelle Identität geraubt wurde. Dazu genügt es, wenn ein Cyberdieb ein paar grundlegende Zahlenkombinationen stiehlt - die Nummern der Sozialversicherung, der Kreditkarte, der Bankverbindung und das Geburtsdatum. Ein Marinesoldat, dem dies wiederfuhr, hatte plötzlich ein ansehnliches Vorstrafenregister. Ein Unbekannter hatte sich seiner Identität bemächtigt und damit Betrügereien, Diebstähle und sogar Brandstiftung begangen. Auf die Nachfrage, wie er seinen Namen reinwaschen könnte, bekam das Opfer ein Formular ausgestellt, das bestätigt, dass er das Opfer eines Identitätsdiebstahles ist. Das muß er nun bis an sein Lebensende bei sich tragen. In einem Land, in dem es zur vielgepriesenen Freiheit gehört, dass es keine Melde- und Ausweispflicht gibt, ein Anschlag auf die Menschenrechte.

Die andere Nemesis der freien Bürger sind die Rechtsanwälte. Jene profitgierigen Männer und Frauen, die sich der undurschaubaren Paragraphen bemächtigen. Vor allem jener unzähligen Schadensersatz- und Haftpflichtgesetze, die in den USA zu kuriosen Umgangsformen geführt haben. Geht man mit einer Grippe zum Arzt, zählt einem der erst einmal eine Reihe tödlicher Krankheiten auf. Damit man ihn später nicht wegen Nachlässigkeit verklagen kann. Besucht man ein Popkonzert, warnen einen Hinweise auf der Eintrittskarte vor Verletzungsgefahren durch wilde Tänzer im Parkett. Möchte man beim Autoverleih die Sitzbänke aus dem Kleinbus montieren, da man den Wagen für einen Transport benötigt, weist einen der Mann am Schalter darauf hin, das ginge nicht, damit erlösche der Versicherungsschutz. Und beendet die Diskussion über Sinn und Unsinn dieser Anordnung, indem er auf seinen Computerschirm deutet.

Diese Unnachgiebigkeit der Paragraphen und Dateien hat nun ihren Höhepunkt im Wahlpatt gefunden. Je tiefer sich der politische Prozeß im Streit um Zahlen und Gesetze verstrickt, desto unwohler wird es den Bürgern. Je nach Partei - hat Gore nicht die Mehrheit der Gesamtstimmen? Bush nicht den Vorsprung in Florida? Die Mehrheit der Amerikaner will eine gründliche Aufklärung des Debakels. Denn nicht die Parteien und Politiker tragen die Schuld, sondern der alte Feind in neuer Gestalt.



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