FÜR IMMER DANKBAR

Ronald Reagans Brieffreundin erzählt.

© Andrian Kreye

März 2000 - Fährt man mit dem Auto von New York nach Philadelphia beginnt gleich hinter der Mautstation des Holland Tunnels eine fremde Welt. Fabrikschlote und Lagerhallen, rotbraune Sozialbaukolosse und verwitterte Stahlbrücken stehen entlang des New Jersey Turnpike wie Denkmäler für ein vergangenes Zeitalter. Bis weit in den Süden zieht sich der Industriekorridor, eine Landschaft mit dem herben Charme.

Lorraine und Elwood Wagner, eine Finanzbeamtin und ein Postbeamter im Ruhestand, leben in einer jener Siedlungen am nordöstlichen Stadtrand von Philadelphia, die in den 50er Jahren erbaut wurden, um den Arbeitern des Industriekorridors den Traum vom eigenen Haus zu ermöglichen. Hunderte von gleichförmigen Einfamilien- und Reihenhäusern stehen hier entlang der ruhigen Straßen, umgeben von kleinen Gärten und Rasenflächen. In die Fassade des Wagnerhauses haben die Architekten Feldsteine und Felsbrocken eingemauert und ein flaches Giebeldach darüber gesetzt, um dem geduckten Bau eine ländliche Aura zu verleihen.

Lorraine Wagner, eine resolute 70jährige Dame mit sauber frisiertem, silbergrauem Haar, legt Wert auf das Protokoll der Gastfreundschaft, deswegen serviert sie in der Küche zuerst Schinkenbrote und Kaffee, bevor sie ihre Gäste ins Eßzimmer führt, eine Ecke, die vom Wohnzimmer lediglich durch ein Regal abgetrennt ist, um ihre Schätze herzuzeigen. Zwischen den Porzellanfiguren und den Familienbildern stehen sie auf der Kommode - Fotografien in Plexiglasrahmen auf denen sie mit Ronald Reagan zu sehen ist. Im Weißen Haus, bei Wahlveranstaltungen, in der Lobby eines Hotels und eines, auf dem sie zwischen Bäumen und Straßenkreuzern im Sommerkleid neben einem jungen, muskulösen Ronald Reagan posiert. Zeugnisse jener kurzen Momente, in denen ihr Leben vom Glanz und Glamour eines Stars erleuchtet wurde.

Es war nicht einfach, Lorraine Wagner davon zu überzeugen, einem Fremden ihre Schätze zu zeigen. “Warum interessiert Sie das?", hat sie mit strenger Stimme gefragt und sich gewundert, warum man alles über ihre Freundschaft mit dem Mann wissen wollte, der ihr über fünfzig Jahre lang Briefe und Karten in die kleine Welt der Arbeitersiedlung geschickt hat.

Doch vor ein paar Monaten, als sie die Briefe und Karten bei dem Dokumentenhändler Steven Raab zum Verkauf ausschrieb, hat auch Douglas Brinkley sie gesehen, der Historiker und Direktor des Eisenhower Centers an der Universität von New Orleans. Brinkley schrieb in einem Artikel über die Sammlung: “Reagans eigenständige Weltsicht kommt in fast jedem einzelnen der Briefe so ungefiltert und intim zur Sprache, dass man ihn durch sie so viel besser kennenlernt, als durch die Lektüre seiner langweiligen Autobiographie."

Jetzt ist sie vorsichtig. Erst vor ein paar Wochen hat sie dem Klatschblatt Star ein Interview verweigert. Viel zu oft hat sie ihr Idol schon gegen die Anfeindungen der Presse verteidigen müssen. Dabei hat sie nie zu den politischen Fanatikern gehört, für die Ronald Reagan die Antwort auf alle Fragen war. Nein, ihre Verehrung für ihn beginnt viel früher und beruht nicht auf politischer Leidenschaft, sondern auf einem Lebensgefühl, das man im Rest der Welt nicht kennt.

In den USA wächst man mit einer tiefen Liebe zu seinem Land auf, die ihren Höhepunkt in der Begeisterung für Amerikana findet, jener Glorifizierung des amerikanischen Alltags und seiner Ikonen, die vom Rest der Welt als anglophile Popkultur mißverstanden wird, aber in Amerika selbst eine Art moderner Folklore darstellt. Amerikana hat nichts mit Patriotismus zu tun. Amerikana ist eine Mischung aus Mythologie und Ästhetik, die man in den Gemälden von Norman Rockwell und moralisierenden Fernsehserien genauso findet, wie in den Büchern von Jack Kerouac oder den Filmen der Hollywood-Rebellen. Und niemand verkörpert diese Mythologie so perfekt wie Ronald Wilson Reagan: Schauspieler, Westernheld, Antikommunist und volkstümlicher Politiker der schweigenden Mehrheit.

Aufrecht setzt sie sich an den Eßtisch. Die Strahlen der Nachmittagssonne fallen durch das Fenster auf das polierte Holz. Vor ihr liegen feinsäuberlich aufgeschichtet die Mappen mit den Briefen und Karten, den Zeitungsausschnitten und Bildern. Alles hat seine Ordnung im Haus der Wagners. Das Ledersofa und der Couchtisch stehen auf dem gleichen Platz, seit sie in den 60er Jahren angeschafft wurden. Der schwere Glasaschenbecher ruht unbenutzt neben auf Kante gestapelten Zeitschriften. Überall liegen Deckchen, stehen kleine Schalen, Vasen Blumentöpfe, und hoch über der Wohnidylle strahlt eine tanzende Zigeunerin in Öl.

Erst legt Lorraine schützend die Arme um eine der Mappen, dann blättert sie langsam durch die Folien und Dokumente, bis sie ein Schwarzweißfoto findet. Ein altmodischer Glamour Shot - Ronald Reagan im schrägen Licht des Porträtfotografen, sein strahlendes Lächeln akkurat in Szene gesetzt. “Mit diesem Bild fing alles an", sagt sie.

Das war im Jahre 1943. Lorraine hieß damals noch Makler, Tochter einer gutbürgerlichen jüdischen Familie in der Vorstadt von Philadelphia. Ihr Vater arbeitete als Geschäftsführer einer Möbelhandlung, ihre Mutter zog die Kinder auf. Sie lebten in einer heilen Welt, denn der Krieg tobte im fernen Europa und so war der Alltag eines Teenagers von den gleichen Ängsten und Nöten bestimmt, wie der Alltag aller Kinder in der Pubertät. “Ich war so furchtbar unsicher", erinnert sich Lorraine Makler. “Ich hatte nicht einen Funken Selbstbewußtsein." Und kaum eine Möglichkeit, sich eine eigene Welt zu schaffen. Damals gab es noch keine Jugendkultur in die man sich flüchten konnte, keinen Pop, den die Eltern nicht verstanden, noch nicht einmal das Fernsehen. “Man hatte ein Hobby", sagt Lorraine Wagner. “Wir haben Karten gespielt und Briefe geschrieben. Die Jungen sammelten Briefmarken. Die Mädchen legten sich Sammelalben an, in die sie Bilder ihrer Lieblingsstars einklebten."

Die meisten Mädchen in ihrem Alter vergötterten Crooner, Schlagertenöre wie Frank Sinatra, Bing Crosby und Perry Como. Lorraine verehrte Schauspieler. “Ich habe die Sinatra-Manie nie verstanden", erzählt sie. “Was mich abschreckte war das unglaubliche Geschrei und Gekreische. Ich bin auf ein paar Konzerte gegangen, aber da konnte man bei all dem Lärm nicht einmal die Texte verstehen." Sie ging lieber ins Kino. Und sie las die Fanmagazine wie Photoplay und Modern Screen, aus denen sie die Bilder für ihre Alben ausschnitt.

“Ich habe dann an zehn Stars geschrieben, die ich mochte, und sie um Autogramme gebeten", sagt sie. Erroll Flynn war dabei, Tyrone Powers, Allan Ladd und einige, die heute längst vergessen sind. Ein Brief war ihr besonders wichtig - der an Ronald Reagan, von dem sie sogar ein eigenes Album angelegt hatte. Ronald Reagan war mit seinen Rollen als Held von Nebenan zum Superstar aufgestiegen und zum Beweis legt sie mir die Umfrageergebnisse des Modern Screen Magazine aus dem Jahre 1944 vor. Da steht Ronald Reagan in der Gunst der Fans auf Platz sechs, weit vor Legenden wie Gene Kelley (Platz 8), Bing Crosby (Platz 11), Erroll Flynn (Platz 32) und Clark Gable (Platz 40). Die Antworten waren enttäuschend. “Meist ein Formbrief mit einem winzigen Foto, auf das ein Autogramm gestempelt war. Die gab es auch in den Magazinen." Nur Ronald Reagan schrieb zurück und legte das Schwarzweißfoto bei, das er selbst mit einer schwungvollen Unterschrift versehen hatte.

Lorraine schrieb zurück, bedankte sich. Und bekam wieder eine Antwort. Diesmal eine Postkarte, die ihr Ronald Reagan vom Dreh des Musicals “This Is The Army" schickte. “Von da an schrieb ich ihm regelmäßig. Und wann immer er einen Moment Zeit hatte, antwortete er. Von Drehorten, aus Zügen, Autos, Flugzeugen und Hotels." Sie hält einen Moment inne, um sicher zu sein, daß man die Bedeutung dieser Gesten versteht. “Ich war zutiefst berührt davon, dass er sich die Mühe machte. Und mehr und mehr wurden die Briefe eine wunderbare Möglichkeit für mich, mein Herz auszuschütten."

Ronald Reagan fand Gefallen an den aufgeweckten Briefen seines Fans. Seine erste Frau, die Schauspielerin Jane Wyman, gab Lorraine die Adresse seines Fanclubs in New York. Lorraine wurde Mitglied und eröffnete eine Filiale in Philadelphia. Durch den Fanclub hatte sie plötzlich Freunde im ganzen Land, mit denen sie sich fast täglich Briefe schrieb. Durch den Club traf sie sogar ihren Mann, einen jungen, schüchternen Matrosen der Navy, der in Washington stationiert war und ihr geschrieben hatte, ob er zu einem Treffen des Fanclubs kommen dürfte.

Elwood Wagner erscheint heute immer noch so schüchtern wie damals, ein zierlicher Mann, der Brille und Schnauzbart trägt, und sich während des Gesprächs im Hintergrund hält. Er habe nie gerne getrunken und die Hafenkneipen hätten ihm nicht gefallen, murmelt er. Er hatte gehofft, beim Fanclub Mädchen kennenzulernen. Lorraine habe ihm sofort gefallen. Er war beeindruckt von ihrem Organisationstalent und ihrer selbstbewußten Art. Aus dem schüchternen Teenager war längst eine energische junge Frau geworden. Und er bewunderte sie für ihre Brieffreundschaft mit dem Idol.

Über die Jahre wurden Reagans Briefe immer persönlicher. Als Lorraine ihn 1948 in einem ihrer Briefe auf die Gerüchte ansprach, dass sich Jane Wyman von ihm scheiden lassen wollte, schrieb er: “Janie ist ziemlich krank im Kopf, aber ich hoffe immer noch, dass sich das ändert, wenn sie ihre Nervosität überwindet. Also achte bitte nicht auf all diese Dinge, die du hörst. Ich weiß, dass sie mich liebt, auch wenn sie nicht daran glaubt. Drück' mir die Daumen." Wenige Monate später wurde das Paar geschieden.

Persönlich traf Lorraine Wagner den Star zum ersten Mal im Mai 1950. Ronald Reagan war für eine Veranstaltung nach Philadelphia gekommen, auf der Schauspieler für Bundesschatzbriefe warben. Doch als sie dann vor ihm stand, verschlug es ihr die Sprache und sie verfluchte sich wochenlang dafür, kein Wort herausgebracht zu haben.

Wenige Monate später traf sie ihn allerdings wieder. Lorraine und Zelda Multz, Vorsitzende des internationalen Ronald Reagan Fan Club und ihre beste Freundin, reisten mit dem Zug nach Dixon, Illinois, der Kleinstadt, in der Ronald Reagan aufgewachsen war. Der Ort feierte den Schauspieler wie einen Regenten. Die beiden Mädchen von der Ostküste durften mit ihm zu einem Pferdeturnier fahren, sie besuchten mit ihm seine alten Lehrer und jeden Morgen saßen sie mit ihm beim Frühstück. “Er war sehr warm und herzlich und gab jedem dem er begegnete das Gefühl, nur für ihn da zu sein", erinnert sich Lorraine an das Wochenende. Reagans Mutter Nelle schloß die beiden Fans ihres Sohnes in ihr Herz, und als sie ein Jahr später nach Los Angeles reisten, holte sie die beiden vom Flughafen ab, zeigte ihnen die Stadt und nahm sie mit auf Ronalds neue Farm in Malibu. Dort lernte sie auch Nancy Davis kennen, seine neue Flamme.

Zu der Zeit machte Ronald Reagans seine ersten politischen Gehversuche. Er war in der Schauspielergilde S.A.G. zum Präsidenten aufgestiegen und lag über Jahre mit den Gewerkschaften im Clinch. “Die kommunistische Partei versuchte damals die Gewerkschaften zu unterwandern", sagt Lorraine Wagner. “Er war streng antikommunistisch und wurde dafür oft angegriffen. Das ging so weit, dass sie drohten, ihm Säure ins Gesicht zu schütten. Aber er ließ sich davon nicht abbringen. Er besorgte sich einfach einen Waffenschein und trug fortan eine Pistole."

Ronald Reagan war damals noch ein Anhänger der Demokratischen Partei. 1948 hatte er Lorraine nach dem Wahlsieg von Truman geschrieben: “Ich war wirklich froh über die Wahl. Ich bin mir sicher, dass Truman mit einem Demokratischen Kongreß vieles zum Besseren verändern wird." Durch seine Arbeit mit der S.A.G. entfernte sich Ronald Reagan mehr und mehr von seiner ursprünglichen Partei. “Mir hat er gesagt, dass nicht er die Demokraten verlassen hat, sondern dass sie ihre Richtung geändert hätten. Er war sogar noch registrierter Demokrat, als er schon für Kandidaten der Republikaner arbeitete. Für Eisenhower und für Nixon."

Die Presse meinte es nicht gut mit dem konservativen Schauspieler. Ganz Hollywood orientierte sich nach links, Ronald Reagan driftete nach rechts. Doch trotz der Anfeindungen blieb Reagan eisern auf seinem neuen Kurs.

1951 schrieb Lorraine zum ersten Mal einen scharfen Brief an eine Zeitschrift, die Reagan angegriffen hatte. Die Fanpostille Motion Picture Magazine klagte ihn mit einem offenen Brief an, seine Fans zu vergessen und die Medien zu zensieren. Lorraine schickte dem Herausgeber Maxwell Hamilton einen eingeschriebenen Brief, in dem sie Reagan vehement verteidigte. Maxwell antwortete. Und Ronald Reagan bekam Kopien der Korrespondenz.

“Ich bin Dir sehr dankbar, dass Du Dich für meine Anliegen stark machst", schrieb er ihr daraufhin. “Dein Brief ist sehr auf den Punkt. Ich werde ihn dem Motion Picture Industry Council vorlegen, um zu zeigen, wie groß der Unterschied zwischen der wahren Öffentlichkeit und dem Gequengel unserer Klatschgeier-Brigaden ist. Maxwell scheint zu glauben, dass Du ihm Sympathien mit den Kommunisten vorwirfst. Du hast nichts dergleichen getan - Du hast nur meine antikommunistischen Leistungen aufgelistet und darauf hingewiesen, dass man mir dafür Achtung entgegenbringen sollte. Er behauptet, er könnte Dir Artikel zeigen, die ich zensiert hätte. Natürlich kann er das. Aber er versäumt zu erklären, dass die einzigen Geschichten, die ich oder sonst irgendein Schauspieler zensieren Interviews sind, in denen wir zitiert werden. Wie dem auch sei, ich möchte Dich an etwas erinnern, das mein Vater immer gesagt hat:'es gibt einen Wettstreit, auf den man sich nie einlassen sollte. Der mit einem Stinktier.'"

Kurze Zeit später ging dem Ronald Reagan Fanclub das Geld aus und er löste sich auf. Lorraine schrieb weiter ihre Briefe. Und an die Zeitungen. Wann immer sie einen Artikel fand, der ihr Idol angriff, schicke sie einen feurigen Leserbrief an die Redaktion und eine Kopie an Ronald Reagan.

Noch war der Schauspieler weit von einer politischen Karriere entfernt. Erst zwischen 1956 und 1964, während seiner Arbeit als Werbefigur für General Electric begann er auch öffentlich über Politik zu sprechen. Sein Vertrag verlangte eine bestimmte Anzahl von Auftritten in den Fabriken des Konzerns. “Nachdem ich weder singen noch tanzen konnte, habe ich Reden gehalten", schreibt er ihr später. “Ich habe sie alle selbst geschrieben. Und während der Wahljahre habe ich mich für Leute ausgesprochen, von denen ich glaubte, dass sie gewählt werden sollten." Mehr und mehr machte er sich einen Namen als charismatischer Redner, und so fragte ihn die Republikanische Partei 1964, ob er eine landesweit ausgestrahlte Rede für Barry Goldwater halten würde. Er akzeptierte und am 27. Oktober feierte er in San Francisco mit seiner legendäre “A Time For Choosing"-Rede sein politisches Debüt.

Nach seinem furiosen Einstand gängelte ihn die Parteispitze, doch für das Amt des Gouverneurs von Kalifornien zu kandidieren. “Ich habe mich noch nie mit dem Gedanken an ein Leben im öffentlichen Dienst beschäftigt", schrieb er Lorraine. “Ich war im Show Business glücklich. . Aber sie haben mir nachgesetzt, bis Nancy und ich nicht mehr schlafen konnten. Ich glaubte, die seien verrückt." Doch in seinem Weihnachtsbrief von 1965 gesteht er Lorraine: “Ich werde am 4. Januar im kalifornischen Fernsehen meine Kandidatur verkünden. Und dann wird es wohl ernst." Ronald Reagan gewann die Gouverneurswahlen von 1966 mit einem Vorsprung von einer Million Stimmen. Ausgerechnet in jenem Bundesstaat, in dem sich die Hippiebewegung aufmachte mit linken Utopien und Rock'n'Roll gegen das Establishment anzutreten. “Ich glaube ich bin schon ein großer Erfolg", schrieb er an Lorraine auf dem Briefpapier mit dem goldenen Siegel von Kalifornien. “Man hat an zwei Colleges schon Abbilder von mir aufgeknüpft. Das wird ein bewegtes Leben werden."

Lorraine Wagner geht zum Geschirrschrank und holt ein Schnapsglas hervor, auf dem das Handzeichen in V-Form als Symbol für einen doppelten Schnaps gedruckt ist. “So eines habe ich ihm damals zu Weihnachten geschenkt." Sie fährt mit den Fingern über eine Holzschale auf der Anrichte. “Wir haben uns immer etwas zu Weihnachten geschenkt. Bevor er Gouverneur wurde, hat er uns immer Käsesortimente geschenkt. Die waren immer sehr hübsch verpackt. Einmal in einem Weinkühler, ein andermal in einem kleinen Grill oder in Holzschalen für Brezeln und Knabbergebäck. Später als Präsident hat er uns vorgeschlagen, anstatt Geschenke zu schicken, Geld zu spenden. Aber das war eines der wenigen Male, dass mein Mann protestiert hat. Er kann sich ja nicht so gut ausdrücken, aber Geschenke zu verpacken war eben sein Beitrag zu unserer Freundschaft. Das wollte er auf keinen Fall aufgeben. Ron schrieb einen liebenswerten Brief zurück, dass er das gut versteht, er wollte uns nur nicht zur Last fallen. Das fand ich sehr rührend."

In seinem Dankesbrief für das Schnapsglas schrieb Reagan damals: “Vielen Dank für das hübsche Glas. Wie Du weißt, hat mir immer widerstrebt, wie die radikalen Kids Churchills V, das Siegeszeichen, als anti-Vietnam-Geste mißbrauchen. Jetzt ist sein Sinn und seine Bedeutung wieder hergestellt. Jetzt kann ich sagen, ich benutze es nur, um einen Doppelten zu bestellen." Acht Jahre blieb er im Amt. Der ehemalige Truman-Demokrat hatte sich zum Hardliner der Konservativen entwickelt und galt als große Hoffnung der Republikaner. Sein erster Versuch, sich um das Präsidentenamt zu bewerben, scheiterte schon in den Vorwahlen. Doch bei den Wahlen von 1980 trug er einen Erdrutschsieg davon.

Für die Amtseinweihung standen Lorraine und Elwood Wagner auf der Gästeliste. Sie fragte ganz offen, ob sie damit aufhören sollte. Reagan antwortete ihr nein, sie solle sie nur einen Zahlencode über seinen Namen schreiben, dann würde die Postabteilung ihre Briefe direkt an ihn weiterleiten. “Das war für mich der Beweis, dass ihm wirklich etwas an unserer Freundschaft lag", sagt Lorraine Wagner, und plötzlich wird ihre Stimme ganz weich. “Ich meine, ich hätte es verstanden, wenn er keine Zeit mehr gefunden hätte, mir zu schreiben."

Nur einmal, 1981, als der Attentäter John Hinckley Reagan vor dem Washingtoner Hilton niederschoß, übernahm Nancy die Beantwortung seiner Privatpost. “Gott sei Dank ist dieser Alptraum hoffentlich bald vorbei", schrieb sie. “Ich kann immer noch nicht glauben, dass es wirklich passiert ist. Aber Gott saß wirklich auf unseren Schultern - ich habe immer noch meinen Ronnie."

Drei Mal besuchten die Wagners den Präsidenten im Weißen Haus. Sie geht zur Kommode, starrt verträumt auf das Bild, das sie mit dem Präsidenten im Oval Office zeigt. “Wir haben den Tagesplan von damals", sagt sie und zieht eine Kopie aus einem der Stapel. “4:02 photo Wagner family , 4:06 personnel time" steht in der Spalte für die Nachmittagstermine. “Wie Sie sehen hatte man vier Minuten für uns eingeplant", sagt sie mit bedeutungsvoller Stimme. “Dabei ist es natürlich nicht geblieben. Er hat es geliebt, zu plaudern, genau wie ich. Deswegen hat er unser Treffen erst abgebrochen, als sie ihn dazu gedrängt haben. Das waren dann eher 10 oder 12 Minuten. Ich fand das etwas sehr, sehr besonderes."

Reagan gab Lorraine Wagner immer wieder Gelegenheit, ihn zu sehen. Mit einem Geleitschreiben durfte sie seine Pressekonferenzen und Auftritte besuchen. Sie erinnert sich noch an jede kleine Geste, jeden Wink des Erkennens. “Einmal kam er nach Philadelphia und ich habe ihm einen Kuchen gebacken. Als Snack. Einen Schokoladenkuchen, denn Schokolade mochte er sehr gerne. Ich habe sogar das Rezept aufgeschrieben und es zusammen mit dem Kuchen beim Secret Service abgegeben, damit sie wissen, was da drin ist." Sie schüttelt den Kopf. “Das war natürlich Blödsinn. Da hätte alles Mögliche drin sein können. Aber später bei der Konferenz hat er mich im Publikum gesehen und sich mit der Hand über den Bauch gestrichen. Er hatte den Kuchen also bekommen."

Seine Briefe wurden während der Jahre im Weißen Haus immer nostalgischer. Reagan erging sich in Erinnerungen an die Tage bei den Warner Brothers Studios und die Zeit, als er auf seiner Farm in Santa Barbara ausreiten konnte, ohne eine Horde Secret Service Agenten und Journalisten hinter sich zu haben. “Es scheint mir fast wie gestern, dass wir angefangen haben zu korrespondieren", schreibt er Lorraine Wagner aus dem Oval Office. “Deine Freundschaft über die letzten 40 Jahre bedeutet mir mehr, als ich sagen kann." Nur einmal hat er sie enttäuscht. 1985, als er in Deutschland den Friedhof von Bitburg besuchte, auf dem auch SS-Soldaten begraben waren. “Da hatte ich als Jüdin natürlich ein sehr emotionales Anliegen. Das kann ich nicht abstreiten. Aber ich wollte auch nicht, dass er sich damit selbst schadet."

Das Ende des Kalten Krieges war für Ronald Reagan, die Bestätigung dafür, dass er in letzter Instanz doch recht hatte. Als er schon längst im Ruhestand ist, entschuldigt er sich bei Lorraine, dass die Antwort auf einen ihrer Briefe so lange auf sich warten ließ. “Ich muß schwer aufholen. Ich habe gerade einen Brief an Michail Gorbatschow adressiert und einen an Boris Jelzin. Meine Briefe waren Antworten auf Briefe der beiden. Ich sehe das was in der Sowjetunion vor sich geht sehr optimistisch. Ich glaube die Sowjets arbeiten wirklich daran, so frei zu werden wie wir." Und von einer Reise nach Europa berichtet er ihr: “Laß mich Dir sagen, dass unser Trip nach Deutschland, Polen und Rußland sehr ermutigend war. In allen drei Ländern haben die Leute auf der Straße für die USA applaudiert und gejubelt. Und das schloß einige hochrangige Regierungsmitglieder ein. Sie sind definitiv auf dem Weg in die Demokratie und die freie Marktwirtschaft."

Der Abschiedsbrief ihres fernen Freundes ist mit dem 18. März 1995 datiert. Kein persönlicher Brief, sondern die Kopie eines handschriftlichen Rundschreibens, das an Tausende seiner Freunde und Bekannten geschickt wurde. “Dear Friend", steht da geschrieben. “Nancy und ich sind zutiefst dankbar für die Liebenswürdigkeit, der wir nach der Verkündung meiner Krankheit teilhaben durften. Menschen wie Du geben uns den Mut und die Inspiration, nach vorne zu blicken. Mit euren Gebeten und Gottes Gnade werden wir diese neue Herausforderung annehmen. Gott schütze Dich, herzlich, Ronald Reagan."

“Ich war am Boden zerstört", sagt Lorraine Wagner. Sie hatte aus der Presse erfahren, dass er unter Alzheimer litt und ihm geschrieben. Der Formbrief war das deutliche Signal, dass Ronald Reagan sich nicht nur aus der Öffentlichkeit zurückziehen mußte. “Ich habe ihm weiterhin geschrieben", sagt sie. “Karten zum Valentinstag, zu Weihnachten. Nicht mehr so oft wie früher." Erst neulich hat sie ihm eine Karte zu seinem 89. Geburtstag geschickt. “Nichts persönliches. Das ist ja doch eher eine Geste."

Und sie verteidigt ihn weiter gegen die Angriffe in Presse und Medien. “Ich schreibe immer noch Leserbriefe oder rufe bei Talk Radio Shows an", sagt sie. “Ronald Reagan war ein sehr spezieller, liebenswürdiger und anständiger Mensch, der diese Angriffe nicht verdient hat."

Was ihm die Freundschaft eines Fans aus den Arbeitervierteln von Philadelphia bedeutet hat, weiß sie bis heute nicht und will auch nicht spekulieren. “Das müßte er selbst sagen. 1989 hat ihn der Reporter einer Lokalzeitung hier in seinem Büro angerufen, und Ronald Reagan meinte, er sei immer froh, von mir zu hören. Mehr nicht." Was ihr die Freundschaft bedeutet hat? “Alles in der Welt", sagt sie. “Alleine dass er mir geschrieben hat und mich als Person wahrnahm hat mir ein Selbstbewußtsein gegeben, dass ich sonst nicht gehabt hätte. Und dafür werde ich ihm immer dankbar sein."





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