Benutzen wir den etwas schlichten Vergleich der jungen amerikanischen Nation mit einem heranwachsenden Kind, der von Populärhistorikern in aller Welt immer wieder gerne gezogen wird. Dann wären die USA derzeit in der "Girls are Yuckie"-Phase eines acht- bis neunjährigen Knabens, der sich scheckig lacht, wenn jemand "Penis" sagt, Mädchen als Realität aber als etwas bedrohlich Fremdartiges erlebt. Um die dunkle Vorahnung, daß Sexualität in nur wenigen Jahren den Rest seines Lebens bestimmen wird zu sublimieren, greift er gerne zu Horrorcomics und Monsterspielen. So auch das amerikanische Kollektivbewußtsein, das man, wie in jedem Land, am besten zur Hauptsendezeit und in den Mediencharts beobachten kann.
Es stimmt, daß die amerikanische Werbung das Prinzip "Sex sells" erfunden hat. Im amerikanischen Medienalltag findet Sexualität jedoch nur bedingt statt. Dafür sorgen schon die strengen Auflagen, die nicht nur die Darstellung von Sex, sondern auch dessen vulgärverbale Umschreibung verbieten. Der wahre Motor der amerikanischen Massenkultur ist die Angst. Ein Phänomen, das der Soziologe Barry Glassner in seinem im April erschienenen Buch "Culture Of Fear: Why Americans Are Afraid Of The Wrong Things" analysiert hat.
Betrachtet man einen Querschnitt aus aktuellen Schlagzeilen, Fernsehbeiträgen und Werbespots, fürchtet man sich in Amerika derzeit vor (in beliebiger Reihenfolge) dem Wetter, den Chinesen, rotem Fleisch, Hühnerfleisch, Cyberporn, Omar Bin Ladn, Saddam Husseins West Nile Virus, der Jugend, den Agnostikern, dem ersten Date, schlechter Laune, Kindern, Körpergeruch, dem Alter, der Schwäche. Reduziert man die Liste auf die kleinsten gemeinsamen Nenner, bleiben die beiden Urängste strenggläubiger Christen übrig: die Körperlichkeit, sprich Sexualität, und die Gottlosigkeit.
Wie tief diese Ängste in der amerikanischen Gesellschaft verwurzelt sind, kann man sogar an der Außenpolitik beobachten. Nachdem der Kommunismus, die organisierteste Form der Gottlosigkeit, als Feind nicht mehr taugte, fanden die USA bald zwei Ersatzfeindbilder - den Islam und die Drogen. Den Islam als traditionellen Erzfeind der Christen. Die Drogen als radikalste Form des Hedonismus, den protestantische Missionare noch heute in aller Welt als heidnischen Frevel verdammen.
Auch wenn sich die Protestanten seit Jahrhunderten damit brüsten, gegen die Korruption und das Dogma der katholischen Kirche aufgestanden zu sein, eine progressive Aura, mit der sich auch die USA als Führungsmacht der westlichen Welt gerne umgibt, darf man doch nicht vergessen, daß die ersten amerikanischen Siedler zum Großteil Sektierer waren, deren fanatischer Fundamentalismus in der Alten Welt nicht mehr toleriert wurde. Es ist vor allem der Calvinismus, der die amerikanische Nation geprägt hat, eine besonders freudlose und menschenfeindliche Form der protestantischen Theologie, nach der Gott ausschließlich die Seinen belohnt. Die Seinen sind die Gläubigen und die Tüchtigen. Armut gilt als Strafe Gottes und ist somit selbstverschuldet. Grundstein des kapitalistischen Dogmas.
Außerehelicher oder gar unkonventioneller Sex ist für strenge Protestanten keine Sünde, für die man um Vergebung bitten kann, sondern eine tiefgreifende Verunreinigung der Seele, duch die man sich von Gott entfernt. Und deswegen verursachen die Tabuthemen der Sexualität, wie Pädophilie, Inzest, Abtreibung und Homosexualität in den USA immer wieder so heftige Reaktionen. Mag sein, daß die Abtreibungspolitik des Papstes und der bayerischen Staatsregierung auf dem Stand des frühen Mittelalters ist. Doch was in Europa zu erhitzten Moraldebatten und veralteten Gesetzgebungen führt, hat in den USA Attentäter hervorgebracht, die Kliniken sprengen und Gynäkologen ermorden. Mit der stillschweigenden Zustimmung großer Teile der Bevölkerung.
Die Forschungsgruppe "Project Fundamentalism" der University of Chicago, die fundamentalistische Bewegungen und Strömungen in aller Welt untersucht, betrachtet die christlichen Fundamentalisten der USA mit der gleichen Sorge wie die Hamas im Nahen Osten oder die radikalen Hindus der RSS in Indien. Als eine Bewegung, die nicht nur wegen ihres Gewaltpotentials, sondern vor allem wegen ihres Einflusses auf Staat und Gesellschaft gefährlich ist. Denn fundamentalistische Gedanken sind in den USA keinesweges die Domäne einer radikalen Minderheit. 72 Prozent aller Amerikaner glauben noch heute, die Bibel sei das Wort Gottes, von diesen wiederum 39 Prozent daran, daß man sie wörtlich auslegen sollte und fast die Hälfte ist fest davon überzeugt, daß Gott die Welt erschaffen hat und Evolutionslehre deswegen im Lehrplan nichts zu suchen hat.
Berechtigter Einwand - nirgendwo sonst auf der Welt haben Frauen und Homosexuelle so viele Rechte wie in den USA. Doch dieser Fortschritt hat nichts mit Sexualität zu tun, sondern mit den Errungenschaften der wohl heldenhaftesten Epoche der amerikanischen Geschichte. Frauen und Homosexuelle haben sich ihre Rechte innerhalb der Bürgerrechtsbewegung als zwei Minderheiten unter vielen erkämpft. Die sexuelle Argumentation von Feministinnen wie Gloria Steinem oder Andrea Dworkin war rethorisches Mittel zum Zweck. Es ging nicht um sexuelle Befreiung, sondern um den Kampf gegen sexuell begründete Unterdrückung. Die freie Liebe der Hippies war die kurzlebige Adaption einer sexuellen Revolution, die in Europa stattfand.
Wer als Europäer eine Beziehung mit einem amerikanischen Partner eingeht, wird sich schon bald wundern, wie groß die Unterschiede im Denken mit dem vermeintlich ähnlichen Gefährten sind. Altmodische Scham und Berührungsängste kommen selbst bei gebildeten Kosmopoliten zu Tage. Die große Liebe, Erfindung der europäischen Romantik, spielt nur vordergründig die wichtigste Rolle. Grundmoment amerikanischer Sexualität ist immer noch der anachronistische Austausch von Leistung. Schutz und Versorgung der Frau gegen die Triebbefriedigung und Austragung der Kinder des Mannes.
Diese Forderungen werden inzwischen immer offener formuliert. In "Bills, Bills, Bills", dem diesjährigen Sommerhit der Girl Group "Destiny's Child", geben die Sängerinnen den Männern ganz eindeutig zu verstehen, daß sie die Rechnungen zu zahlen haben, wenn sie bei ihnen landen wollen. Männliche Rapper wie Snoop Dog oder C-Loc fordern ihren erotischen Tribut von den Mädchen mit dem Slogan "give it up", als seien sie säumige Schuldner. Und die amerikanische Edelsteinindustrie gibt der Liebe in einer seit Jahren erfolgreichen Werbekampagne einen exakt bezifferten Wert. Nach dem "3 month salary plan" muß ein Mann die Wahrhaftigkeit seiner Liebe mit einem Diamantring im Gegenwert von drei Monatslöhnen beweisen.
Die Verhaftung des 11jährigen Schweizers ist mit Sicherheit ein Extremfall, der plumpe Vorurteile gegenüber der amerikanischen Gesellschaft bestätigt. Aber er ist auch nicht die erste Absurdität dieser Art. In Oklahoma ließ ein Richter Videokassetten von Schlöndorffs "Blechtrommel" als Kinderpornografie beschlagnahmen. Immer wieder werden Väter verhaftet, die harmlose Urlaubsbilder ihrer nackten Sprösslinge entwickeln lassen. Und in Colorado, jenem Bundesstaat, in dem Raoul Wüthrich vor Gericht soll, stimmte eine Mehrheit der Wähler 1992 für einen Gesetzeszusatz, der Homosexuellen die Gleichberechtigung aberkannte und erst 1993 vom obersten Gerichtshof wieder rückgängig gemacht wurde. Symptome für eine Weltsicht, die Europäer befremdet, weil sie nicht offen vertreten wird, und doch tief im kollektiven Unterbewußsein der USA verankert ist. Natürlich sind die Amerikaner unsere Brüder im Geiste. Man darf nur nicht vergessen, daß sie vor sehr langer Zeit von zu Hause ausgezogen sind.
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