JA! JA! JA!

Die Yeah Yeah Yeahs traten
im New Yorker Irving Plaza ihren Dienst
als Rocksensation des Sommers an.

© Andrian Kreye

Stellvertretend für ihr Publikum inszeniert Karen O. bei den Konzerten der Yeah Yeah Yeahs regelmäßig jenen ungestümen Anfall von euphorischem Kräftestau, der einen befällt, wenn man zum Beispiel gleich nach der Schule nach Brooklyn gezogen ist und feststellt, dass dort nicht nur lauter Gleichgesinnte wohnen, sondern dass man dort mit seinen abseitigen Ideen und seinem vergnügungssüchtigen Lebensstil auch noch respektable Karriereaussichten hat. Sie federt dann quer über die Bühne und zurück, attackiert mit einem Satz das Mikrofon, reißt es mit sich zu Boden, sie kreischt, brüllt und hechelt, während Nick Zinner und Brian Chase auf die minimale Instrumentierung von Gitarre und Schlagzeug eindreschen. Das machen sie so gut und mit einer solchen Wucht, dass es drei, vier Stücke lang dauert, bevor man sich darüber Gedanken machen kann, dass einen die schroffen Riffs und monochromatischen Songstrukturen doch eigentlich an irgend etwas erinnern.

Auf Platte geht das viel schneller. Nach ein paar EPs und Singles, hat das Trio aus Brooklyn letzte Woche seine erste CD in voller Albumlänge herausgebracht. Die heißt “Fever To Tell" und wie bei allen neuen Garagenbands ist es auch bei den Yeah Yeah Yeahs ein großes Vergnügen, auf der CD nach Derivaten aus vergangenen Jahrzehnte zu suchen. Man wird schnell fündig. Mit ihrer überreizten Stimme erinnert Karen O. an Lydia Lunch und an die frühe Nina Hagen, sie beschwört Chrissie Hynde und Joan Jett, während Nick Zimmer und Brian Chase ein Gespür für scharfe Riffs beweisen, das die Yeah Yeah Yeahs eher im Dunstkreis der Clash und der Ramones ansiedelt, als bei den derzeit so übermächtigen Vorbildern Velvet Underground und Neil Young.

Doch um die Yeah Yeah Yeahs wirklich zu beurteilen, sollte man eigentlich nicht seine Plattensammlung, sondern ein Essay konsultieren, das Nick Hornby vor zwei Jahren als Vorwort für eine Anthologie von Texten über Musik geschrieben hat. Da geißelt er das Besserwissertum des kompetenten Musikjournalismus als ultimativen Stimmungstöter. In der Popmusik sei es noch nie um die Expertise oder Respekt vor der Vergangenheit gegangen, schreibt er. Und zitiert Joe Strummer, der auf einer der ersten Clashplatten proklamiert hatte: “No Elivs, Beatles or the Rolling Stones in 1977".

Wenn es also nicht um musikalische Erblasten geht, sondern um Leidenschaften, Erfahrungen und Haltungen, die jede Generation aus Neue erlebt, dann sind die Yeah Yeah Yeahs auch kein Trio fotogener Bildungsbürgerkinder, die sich eine Melange aus Punkenergien und Popspaß zusammengebastelt haben, um damit auf eingefahrenen Schienen zum Erfolg zu schliddern, wie einige der etablierteren Medien maulten. Dann sind sie die Protagonisten eines Lebensgefühls, das einer Generation so lange als Fluchtpunkt dient, bis das jemand anderes besser formuliert.

Das könnte natürlich schon im nächsten Sommer sein. In New York entwickelt sich der Musikgeschmack fast parallel zum Immobilienmarkt, und der marschiert mit beängstigender Geschwindigkeit in die Peripherie. Vor zwei Jahren waren zum Beispiel die Strokes die Band des Sommers, die sich ihren Ruhm im East Village und vor allem im Brownies beim Thompkins Square Park erspielten. Als das East Village endgültig zu teuer wurde und die Strokes in die großen Konzerthallen Uptown zogen, suchte sich das Hipsterpublikum ein neues Zentrum der neuen Musik. Im Bowery Ballroom auf der Lower Eastside spielten die Gruppen, die den letzten Sommer beherrschten - die White Stripes, die Hives und als Lokalmatadoren Interpol.

Doch seit nun auf der Lower Eastside die ersten Luxuslofts für mehr als eine Million Dollar zum Verkauf stehen, macht es nur Sinn, dass dieser Sommer den Yeah Yeah Yeahs aus Williamsburg gehört. Selbst wenn schon gemunkelt wird, dass auch Williamsburg längst seinen Zenit überschritten hätte. Dass die lokale Musikschöpfung Electroclash schon wieder vorbei sei, dass die Mietpreise überhöht sind und auf der North Sixth Street ein paar Lokale aufgemacht haben, die man eher in der Fußgängerzone von Orlando vermuten würde, als in einem Bohèmeviertel in Brooklyn.

Das mag sein, doch gleichzeitig gibt es immer noch genug billigen Industrieraum zu erobern und nirgendwo gedeihen Subkulturen in New York so gut, wie in den Ruinen des Industriezeitalters. Denn nur in den einstigen Manufakturen gibt es den Platz, den man braucht, um große Bilder zu malen, Performancestücke einzuüben, oder mit einer Band zu proben.Und deswegen wird Williamsburg erst einmal das Epizentrum der amerikanischen Subkulturen bleiben. Auch wenn am Wochenende schon Touristen kommen, um die Tätowierten, Gepiercten und Verrückten zu sehen. Wie damals in San Francisco, als es Bustouren nach Haight-Ashbury gab, um Hippies zu begaffen.

Aber das war damals. Jetzt ist heute und für die Fans, die nach Manhattan gekommen sind, um die Yeah Yeah Yeahs im alten Ballsaal des Irving Plaza mit frenetischen Jubelstürmen zu feiern, ist das Lebensgefühl von Williamsburg genauso neu wie die Musik an diesem Abend. Chrissie Hynde ist für sie höchstens ein Fossil aus den Classic-Rock-Radiostationen für Erwachsene, genauso wie Joan Jett und die Clash.

Wenn Karen O. in unkontrollierten Spasmen über die Bühne fegt, wenn sie tiefe Schlucke aus der Wasserflasche nimmt, die sie in hohem Bogen ins Publikum spuckt und wenn sie sich das Mikrofon wie eine Geißel auf die Schultern schlägt, wissen sie auch nicht, dass sie damit ganz stark an Iggy Pop erinnert. Was eigentlich schade ist, denn wenn sie dann ihre Stimme über ganze Strophen zum heiseren Schnarren dehnt und eigentlich nach Brian Johnson von AC/DC klingt, macht sie ein großes Versprechen. So ungebremst wie Pop und Johnson hat bisher noch niemand seine zornigen Kraftausbrüche über mehr als zwei Jahrzehnte gehalten. Den Yeah Yeah Yeahs wäre es zu gönnen.





Zurück zum Inhalt