ALTE DÄMONEN, NEUE DEBATTEN

Auf einer Konferenz am Yivo-Institut in
New York untersuchten Akademiker und
Publizisten aktuelle Formen des Antisemitismus

© Andrian Kreye

Mitte Mai versammelte der Literaturredakteur der Zeitschrift New Republic Leon Wieseltier in den Räumen des New Yorker Center for Jewish History Akademiker und Publizisten, um die Phänomene des neuen Antisemitismus zu diskutieren. Es war nicht die erste internationale Konferenz zum Thema, seit Dan Diner letzten Dezember an der New York University die Parallelen zwischen Antisemitismus und Antiamerikanismus untersuchen ließ. Es war in diesen Wochen nicht einmal die einzige. Zeitgleich veranstaltete die Unesco eine Konferenz in Paris. Im April hatte es ein Symposion im Anne Frank Haus in Amsterdam gegeben.

“Alte Dämonen, neue Debatten", lautete der Titel der Konferenz. Allerdings waren es nur selten die alten Dämonen, um die sich die neuen Debatten drehten. Der Historiker Daniel Jonah Goldhagen beschrieb das Problem: “Antisemitismus ist kein Problem im täglichen und kein Faktor im öffentlichen Leben. Trotzdem hat sich in den letzten Jahren etwas Neues entwickelt. Es fällt schwer, das Neue zu begreifen. Dazu hat es zu viele Facetten."

Der französische Philosoph Alain Finkielkraut, gab ihm recht und warnte: “Während der letzten 50 Jahre hat Hitlers Schatten die Juden vor Gewalt bewahrt. Jetzt macht sich das Gefühl breit, das sei alles nur vorübergehend." Vor allem in Europa. “Während Amerika nicht nur von der Verfassung, sondern auch von seiner Zusammensetzung her demokratisch ist, beruht die Rolle Europas als universaler Moralprediger vor allem auf dem Eingeständnis seiner eigenen Vergangenheit."

Für die Europakorrespondentin der Zeitschrift New Yorker Jane Kramer : “Europa hat geglaubt, der Antisemitismus sei verschwunden und nur noch in Randgruppen zu finden. Gleichzeitig war es aber nicht auf die postkoloniale Arbeiterschaft vorbereitet."

Und die kommt zu einem großen Teil aus den islamischen Ländern, in denen ein Antisemitismus gärt, den der britische Historiker Ian Buruma als relativ neues Phänomen sah: “Im 19. Jahrhundert war es als Jude einfacher, in Bagdad oder Damaskus zu leben." Erst in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts hätten arabische Nationalisten begonnen, europäische Ideen zu adaptieren. Das habe bis zum Sechstagekrieg von 1967 in Europa zunächst keine Rolle gespielt. “Bis 1967 schlug sich Europa reflexartig auf der Seite Israels. Aber dann wendeten sich die Leute mit einem hörbaren Seufzer der Erleichterung ab. Nun konnten sie wieder sagen, dass die Juden böse sind und adoptierten die Palästinenser als eine Art neuer Juden.".

Für Christopher Caldwell von der Wochenzeitung Weekly Standard, ist da vor allem Frankreich das Problemland. Kein Land habe eine so große moslemische Bevölkerung und gleichzeitig ein so schlechtes Gewissen, diesem Teil der Bevölkerung wegen des Kolonialismus, der Kriege und der urbanen Armut etwas zu schulden. Deswegen würden selbst offen antisemitische Ausschreitungen, wie die Boykottaufrufe gegen jüdische Geschäfte, welche die Partei französischer Moslems PMF mit Judensternen aus der Nazizeit verzierte, als Kavaliersdelikte behandelt.

Gleichzeitig fände man vermehrt antisemitische Elemente in der Antiglobalisierungsbewegung. “Da haben wir also das Modell islamischen Faschismus der Fundamentalisten und die Mobdemokratie der Antiglobalisierungsbewegung, während die europäische Lifestyle-Haltung Politik mit Coolness ersetzt hat und deswegen nur herumsteht, während sich die ersten beiden Modelle durchsetzen."

Der Historiker an der Sorbonne Pierre Birnbaum, der in seinem Vortrag die Wurzeln des modernen Antisemitismus im Frankreich des 19. Jahrhunderts erläuterte, bestätigte Caldwells Einschätzung: “Nirgendwo verbreitet sich der Antisemitismus momentan so schnell wie in Frankreich. Doch gerade dort verliert der Staat seine Fähigkeit, die Gesellschaft zu kontrollieren und Juden zu schützen." Was Caldwell mit nüchternen Zahlen bestätigte: “Vorletztes Jahr verließen 8000 französische Juden das Land, um nach Israel zu gehen. Letztes Jahr waren es schon 10.000. Und da sind die Tausenden, die in die USA oder andere Länder auswandern noch gar nicht mitgezählt."

Der Essayist Paul Berman, der in den USA derzeit mit dem Buch “Terror and Liberalism" Furore macht, sah den kontinuierlichen Anstieg eines islamischen Antisemitismus im Westen als Ergebnis eines historischen Rückimports. Seit einigen Jahren vermischten sich nun die Verschwörungstheorien der islamischen und westlichen Strömungen. Auf beiden Seiten könne man Ressentiments finden, die einer eigenartigen Logik folgten. So habe man sogar im London Review of Books nachlesen können, die Anschläge des 11. September seien nur so furchtbar gewesen, weil die Verbrechen Amerikas an der Welt so schlimm seien. Genauso argumentiere die Linke oft, die Selbstmordanschläge auf Israel würden durch Greueltaten der Israelis an Palästinensern provoziert.

Mark Lilla von der University of Chicago zeigte die historischen Verbindungen von europäischem Antisemitismus und politischen Krisen vom Konflikt zwischen Kirche und Staat im Mittelalter, über die Aufklärung des 18. Jahrhunderts bis zu den totalitären Systemen. Auch heute befinde sich Europa im Umbruch - der Kontinent rebelliere gegen die Idee des Nationalstaates. Das sei auch die gemeinsame Wurzel von Antizionismus und Antiamerikanismus. Das ausgeprägte nationale Selbstbewußtsein und der Wille, für die nationale Sicherheit zu kämpfen, wie man sie in Israel und den USA findet, passen nicht mehr in das europäische Bild einer postnationalen Welt.

Doch gerade Amerika zeige, wie eine Welt ohne Antisemitismus aussehen könnte, erklärte der Soziologe Nathan Glazer. “Sämtliche Bedingungen für antisemitische Ressentiments sind hier gegeben. Wir haben eine große jüdische Bevölkerung, die in einem christlich religiösen Land überproportional wohlhabend, sichtbar und einflußreich ist. Und trotzdem gab es nie einen wirklichen Antisemitismus in diesem Land."

Den Grund dafür lieferte Leon Wieseltier: “In Amerika ist das Anderssein eine Gemeinsamkeit aller. Hier ist eine Diaspora kein Exil. Auch wenn es Fälle gab, dass Juden nicht in ein Lokal gelassen wurden - das ist ein Skandal, kein Pogrom. In Israel und den USA haben wir vielleicht unseren Platz an der Sonne gefunden." Genau das aber unterscheidet den neuen vom alten Antisemitismus - Israel ist kein Konzept mehr, sondern eine Tatsache, und mit der USA gibt es eine Großmacht, die bereit ist, für diese zu kämpfen. Für Daniel Goldhagen hat sich damit auch das Feindbild verändert: “Früher sah man uns als Shylock. Heute beschimpft man uns als Rambo."





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