Heavy Metal Ikarus

Bei den X-Games etabliert eine junge Sportlergeneration alljährlich neue Kriterien für Wettkampf und Leistung
© Andrian Kreye



Mit einer eleganten Drehung stürzt der Bursche aus drei Metern Höhe auf den Boden. Und mit einem Satz steht er wieder auf den Beinen. Er tritt mit der Turnschuhspitze auf sein Skateboard, so dass es durch die Luft wirbelt und auf die Rollen fällt. Dann schaukelt er sich in der monumentalen Holzwanne der Halfpipe die Wände hinauf, um noch einmal zu versuchen, so über den Rand zu springen, dass sich das Brett in der Luft um seine Achse dreht. Rund um die Halfpipe stehen Jungen und Mädels, die meisten um die vierzehn, fünfzehn Jahre alt, wippen zu der Heavy-Metal-Musik, die aus den Lautsprechern der Halle tönt, verfolgen gebannt jede Bewegung des Burschen, der heute Abend um die Goldmedaille der X-Games gegen die Besten der Welt antreten soll. Gegen Tony Hawk und Andy Macdonald, Bob Burnquist und Matt Dove. Große Namen, die nur wenige Erwachsene kennen, weil sie bisher nie auf den Sportseiten der Tageszeitungen und Magazine auftauchten. Doch die Aufmerksamkeit nimmt zu. Der mehrfache Skateboard-Weltmeister Tony Hawk und der BMX-Champ Matt Hoffman treten immer wieder in Talkshows auf. Hawk war letzte Woche Gast bei der Sportpromi-Ausgabe von “Wer wird Millionär". Und zu den diesjährigen X-Games in Philadelphia, der Alternativolympiade für die jungen Sportarten, kamen über 200.000 Zuschauer.

Es kommt ganz auf den Standpunkt an, ob man den Erfolgsmoment einer Subkultur als Durchbruch oder Ausverkauf betrachtet. Ganz sicher gab es bei den X-Games ein paar Skateboarder und BMX-Radfahrer, die nur ein verächtlich mildes Lächeln übrig hatten für die Reihenhausteenies die da mitten in der Woche zu Zehntausenden mit ihren Eltern vor der Basketballhalle des First Union Center am Südrand der Stadt Schlange standen, um ihre Helden in Aktion zu sehen. Richtige Skater und Biker eben, mit Tätowierungen auf den Armen und Narben an den Knien, die nicht nur ihr Gerät beherrschen, sondern auch die Geheimwissenschaft, welches T-Shirt und welcher Turnschuh auf den Straßen von Amerika akzeptiert und anerkannt wird. Nicht ganz leicht, nachdem inzwischen schon Kaufhausketten wie K-Mart und J.C. Penny Shirts und Schuhe im Skatelook verkaufen. Selbst der BMX-Champion David Mirra betrachtete den unglaublichen Andrang bei den diesjährigen X-Games eher belustigt. “Mannomann", meinte er. “Das ist ja die Invasion der Skateboardmuttis."

Doch mit dem Erfolg kommt auch das Geld. Zumindest in den USA professionalisiert sich der Sport allmählich. Alex Reinke, BMX-Fahrer aus Münster und einer der wenigen Ausländer, die bei den X-Games antreten, sagt anerkennend: “Leute wie Hawk und Hoffman sind heute Millionäre. Die haben Sponsoren oder sogar ihre eigenen Fahrrad- und Schuhmarken. Bei uns in Europa kann man vom Sport alleine nicht leben." Reinke verdient sich sein Geld als Veranstalter von BMX Shows und Deutschlandvertreter einer amerikanischen Sportkleidermarke. “Bei uns zählt das halt alles noch unter Funsport. Hier sind das schon eher Athleten."

Nach den Jahren im Untergrund der Subkulturen, haben die Medien und die Werbeindustrie entdeckt, dass es hier eine Welt gibt, mit der sie die Herzen der Teenager erobern können. In 180 Länder werden die diesjährigen X-Games übertragen. Noch nicht live, wie bei der Olympiade, sondern als Aufzeichnung für Kabelsender. Veranstalter ist der amerikanische Sportkanal ESPN, der seit 1993 bei den X-Games all jene Sportarten zeigt, die von den Funktionären der etablierten Disziplinen eben gerne als Fun- oder Extremsport abgetan werden. Skateboard- und BMX-Fahren, Moto-X, eine radikale Form des Motocross, Wakeboarding, eine Mischung aus Surfen und Wasserski, Inline-Rollschuhlaufen, und im Winter Snowboarding und Trickski.

Es wird noch dauern, bis die jungen Disziplinen den Respekt des Sportestablishment bekommen. Vielleicht niemals. Denn die neuen Sportarten stellen den athletischen Kanon per se in Frage. Nicht um Leistung geht es, nicht um Geschwindigkeit, nicht einmal um die Geschicklichkeit, die Skater und Biker durchaus virtuos demonstrieren. Es geht um diesen einen, kurzen Moment, in dem der Sportler die Schwerkraft überlistet, jene ein, zwei Sekunden in der Luft, in denen sich der Skater vom Brett, der Biker vom Rad, der Rollschuhfahrer vom Boden löst. Um jene Augenblicke, die sie nutzen, um ihre schwerelosen Akrobatiken zu vollführen. Den Backflip, den 900, den No Hands oder den Sideways Superman. Momente die für den Betrachter wie Blitzlichter aufflackern. Doch für die Athleten löst sich in diesem Moment das Zeit-Raum-Kontinuum auf. Es sind keine kurzen Sekunden, die sie da oben in der Luft erleben. Es sind zeitlose Momente in denen sich Euphorie und Adrenalin zu jener Mischung vermengen, die ihnen den Mut verleiht, auch noch den letzten Halt loszulassen, der sie mit der Erde verbindet. Jahrelang haben sie dafür geübt. Haben sich auf Treppen und Schanzen die Haut blutig geschürft und die Knochen gebrochen. Haben ihre Reflexe so lange geschult, bis sie das Unmögliche beherrschten - nach dem Aufstieg auch wieder sicher zu landen.

Es war im Amerika der 60er Jahre, als sich der Sport in zwei Lager teilte. Auf der einen Seite die klassischen Disziplinen der griechisch-olympischen Tradition. Sportarten, bei denen es in erster Linie um Kampf ging. Dagegen etablierte sich als Antithese eine Sportwelt, die ihre Wurzeln im Südpazifik hatte, im Wellenreiten der Insulaner. Surfen deckte sich perfekt mit der Ideologie der Hippies. Stundenlang sitzt man in den Wellen auf seinem Brett, wartet geduldig, bis jener Moment der Perfektion erreicht ist, an dem sich Brett, Körper und die Kräfte des Ozeans in einer einzigen Bewegung treffen und den Surfer über die silbrig transluzente Wand des Brechers gleiten lassen. Geduld die in einem kurzen Moment der Euphorie kulminiert. Eine Analogie auf Spiritualität und fernöstliches Lebensgefühl. Zen als Sport.

Den Westlern mit ihrer leistungsorientierten, protestantischen Weltsicht war das Surfen schon im 19. Jahrhundert suspekt. Amerikanische Missionare ließen das Wellenreiten auf den hawaiianischen Inseln als “Sport hedonistischer Heiden" verbieten. Überreste der Ressentiments haben sich bis heute gehalten. Die Surfer, Skater und Biker der Suburbia gelten in Amerika immer noch als rebellische Subkulturelle, als tätowierte Drogenkonsumenten, potentielle Aussteiger. Denn als die Surfer in den 70er Jahren an Land gingen, als sie sich Rollen unter die Bretter schraubten und begannen, in leeren Swimming Pools, auf den Treppen der Shopping Malls und Geländern der Fußgängerzonen ihren Sport zu entwickeln, eroberten sie sich auch den öffentlichen Raum zurück, der in der Suburbia verlorenging.

Unheimlich, denn Surfen, Skaten und Biken funktionieren nicht nach international festgelegten Sportregeln, sondern nach dem Kodex einer Subkultur. So ist es für Außenstehende nicht ganz durchschaubar, nach welchen Kriterien die Preisrichter ihre Punkte vergeben. Als Tony Hawk an diesem Abend in rotem T-Shirt und olivgrünen Bermudas in die Halfpipe rast, als er in den Sekunden über dem Rand scheinbar schwerelos durch die Luft wandelt, reißt es die Burschen und Mädels in spontanen Jubelstürmen aus den Sitzen. Die Eltern nicken, gucken, staunen. Ganz folgen können sie nicht. Doch Punkte sind wichtig, denn ohne die Form eines Wettbewerbes gäbe es auch keine X-Games.

Am letzten Abend der X-Games beweist sich der Sportgeist noch einmal. Die Moto-X-Fahrer treten zum “Big Air"-Wettbewerb an, springen auf Geländemaschinen über Schanzen bis zu zehn Meter in die Höhe, vollführen Tricks und Stunts, bevor sie auf einem Erdhügel zu landen kommen. Held des Abends ist jedoch nicht der Goldmedaillengewinner Kenny Bartram, sondern Carey Hart, der als erster antritt. Zum Heavy-Metal-Stakkato aus den Lautsprechern jagt der 24jährige seine Honda über die Schanze, steigt steil in die Luft, dreht sich unter dem Jubel der Menge langsam im Rückwärtssalto nach hinten, schließt den Kreis, plötzlich verliert er die Kontrolle, stürzt steil nach unten, bleibt liegen. Doch als ihn die Sanitäter auf der Bahre nach draußen tragen, jubelt die Menge noch einmal. Keiner hat die Schwerkraft heute so dreist herausgefordert wie Carey Hart. Er wird es wieder versuchen, und das nächste Mal, das wissen sie, das nächste Mal wird es sie dann überlisten.

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