1964

Das International Center of Photography zeigt
die Amerikabilder von Garry Winogrand.
© Andrian Kreye


Im Juni 1964 bestieg der New Yorker Fotograf Garry Winogrand einen zweitürigen, schwarzen Ford Farlaine, den ihm sein Freund, der Jazzfotograf Lee Friedlander geschenkt hatte, und brach gen Westen auf. Vier Monate später kehrte Winogrand zurück. Rund 20.000 Fotos hatte er auf seiner Reise aufgenommen. Und obwohl der Sommer 1964 seine wichtigste Arbeit werden sollte, veröffentlichte er die Bilder seiner Reise nie als zusammenhängendes Werk. Die Kuratorin Trudy Wilner Stack vom Center for Creative Photography in Arizona, das Winogrands Archiv verwaltet, hat nun ein Buch und eine begleitende Ausstellung zuammengestellt, die Winogrands “1964" erstmals als eigenständige Arbeit zeigen (“1964", Arena Editions, Santa Fe, New Mexico, 300 Seite, US $ 60,-. Die Ausstellung läuft noch bis zum 1. Dezember im International Center of Photography, 6th Avenue und 43rd Street, New York). Das ist aber nur der formale Grund, warum “1964" so grandios wie wichtig geworden ist.

Prinzipiell erinnert Winogrands Reise an die Amerikatour des Schweizer Fotografen Robert Frank. Der war acht Jahr zuvor ebenfalls mit einem Stipendium der Guggenheim Foundation durch Amerika gezogen und hatte die Stimmung des Landes eingefangen, wie noch kein Fotograf zuvor. Robert Franks 1958 erschienenes Buch “The Americans" gilt heute noch als Meilenstein der Fotografie. Im Vorwort schrieb Jack Kerouac damals: “Robert Frank hat dieses wahnsinnige Gefühl von Amerika eingefangen, wenn die Sonne heiß auf die Straße scheint, wenn Musik aus einer Jukebox oder von einem Begräbnis herüberschallt, und man nicht weiß, was einen trauriger macht - eine Jukebox oder ein Sarg."

Was Winogrand mit Frank verbindet, ist der genialische Blick eines Außenseiters. Doch wo die Bilder des Europäers Frank von Einsamkeit und Melancholie bestimmt werden, zeigt Winogrand die Unsicherheit einer Supermacht, die sich ihrer Überlegenheit nicht mehr sicher ist, mit dem schwarzen Humor eines New Yorkers, der sich nie ganz heimisch fühlen kann in dem Land, dem seine Heimatstadt mehr geographisch als kulturell verbunden ist.


Was Robert Frank von Garry Winogrand unterschied, waren vor allem Ehrgeiz und Präzision. Frank reiste durch 48 Bundesstaaten und hatte von Anfang an das Ziel, ein Gesamtwerk zu schaffen. Winogrand ließ sich treiben, besuchte lediglich 17 Bundesstaaten und bewahrte große Teile seiner Arbeit bis zu seinem Tod 1984 ungeordnet in seinem Studio auf. Frank hat mit “The Americans" mit dem präzisen Blick der Beatnikgeneration für Mythen der Amerikana sicherlich das zeitlosere Werk geschaffen. Und doch hat Winogrand den Kern Amerikas mit “1964" nicht nur ebenso brillant auf den Punkt gebracht, sondern auch mit einer freundlichen Respektlosigkeit entmythifiziert, die viel vom Humor der aufkeimenden Jugendrebellion vorwegnahm.

Gleichzeitig wirkt “1964" im Herbst 2002 verblüffend kontemporär. Weder Buch noch Ausstellung thematisieren die Parallelen, und doch sind sie unübersehbar. 1964 hatte Amerika mit der Ermordung Kennedy's das wohl schlimmste Trauma der Nachkriegszeit gerade hinter sich. Die Kubakrise hatte der Nation da Gefühl der Unsterblichkeit genommen. Und diese Unsicherheit fiel mit dem Ende einer Wirtschaftswunderphase zusammen, die einen enormen Schub an technischen Neuerungen und allgemein zugänglichem Wohlstand gebracht hatte.


Immer wieder finden sich die Spuren des Traumas in Winogrands Bildern, nicht nur in den Bildern der Touristen, die zum Ort des Anschlags in Dallas pilgern, wie heute die Schaulustigen zum Ground Zero von New York. Vor allem aber zeigt Winogrand eine Gesellschaft, die mit den Errungenschaften der technokratischen Moderne noch nicht so recht umzugehen weiß. Da bewegen sich die Menschen zwischen den strengen Linien der neuen Architektur in Pionierstädten des neuen Wohlstandes wie Houston und Los Angeles mit einer ähnlichen Verlorenheit, mit der sich die Menschen heute durch das Kommunikationsgeflecht des Internets tasten. In ihren viel zu großen Straßenkreuzern wirken die Menschen auf den Highways und Boulevards von Texas und Kalifornien so winzig, wie in den überdimensionierten Geländewagen der 90er Jahre. Und das Tempo des Jet Age hat die Passagiere in den Abflughallen des Landes zu Frachtstücken reduziert.

Die Macht der Nation aber bleibt kaum erkennbar am Horizont - da sind die Panzer auf dem Zug am Rande der Wüste, die Umrisse einer Fabrik hinter den Feldern. Silhouetten höchstens, fern und ungreifbar.

“Wenn ich mir die Bilder ansehe, die ich bisher aufgenommen habe, dann beschleicht mich dieses Gefühl, dass was wir sind und wie wir fühlen und was wir werden keine Rolle spielt", schrieb Garry Winogrand in seinem Antrag für das Guggenheim-Stipendium. “Unser Streben und unsere Erfolge waren billig und . Ich lese die Zeitungen, sehe mir die Magazine an, die lediglich Illusionen und Fantasien verkaufen. Und ich kann nur zu dem Schluß kommen, dass wir uns verloren haben, dass die Bombe vielleicht alles zum Ende bringen wird und dass es dann keine Rolle mehr spielt, dass wir das Leben nicht geliebt haben. Ich kann diese Schlußfolgerung nicht akzeptieren und muß diese fotografische Forschung weiterführen und vertiefen. Das ist mein Projekt." Fast vierzig Jahre später ist Garry Winogrand sein Anliegen posthum doch noch gelungen.

All images © 1984 The Estate of Garry Winogrand.
Collection Center for Creative Photography, the University of Arizona / Garry Winogrand Archive.





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