Krakatau war für Sie das erste Ereignis in der Geschichte der Menschheit, bei dem sich die ganze Welt zusammentat, um mit vereinten Kräften Opfern einer Katastrophe zu helfen. Dieser globale Mechanismus hat sich bis heute gehalten - über alle politischen und ideologischen Differenzen hinweg.
Winchester: Das ist das einzige Gute, was man zu der jetzigen Katastrophe sagen kann. Das Tragische im aktuellen Fall ist jedoch, dass man die Menschen hätte warnen können. Nach dem Ausbruch des Bebens hätte man für die meisten betroffenen Küsten gut zwei Stunden Vorwarnungszeit gehabt - Zeit genug, um viele tausend Menschen zu evakuieren. Trotzdem, eine riesige Zahl von Toten hätte es wohl in jedem Fall gegeben.
Wie weit lassen sich also die Auswirkungen solcher Katastrophen auf menschliches Versagen zurückführen?
Winchester: Ja, man kann weit über das Versäumnis bei der Vorwarnung hinausgehen. Zum Beispiel die Philippinen: hier gibt es Dutzende hochaktiver Vulkane, die mit unerbittlicher Regelmäßigkeit ausbrechen. Fünf Jahre nach jedem Ausbruch leben dort wieder Menschen wie eh und je. Sie sind beseelt von einem wissenschaftlich komplett irrwitzigen Glauben, dass die kommende Katastrophe nicht sie treffen wird. Natürlich sind auf der ganzen Welt die Küsten meist die wohlhabendsten Landstriche, und die Böden um Vulkane herum sind oft besonders fruchtbar und agrarisch nutzbar - darum verdrängen die Leute noch so hohe Risiken. Nicht anders in Kalifornien. Die San Andreas-Spalte wird relativ bald wieder aufbrechen, sehr viele Menschen werden sterben, trotzdem lassen sich mehr denn je in San Francisco, San José und Santa Rosa nieder. Wann wird man endlich lernen?
Gleichzeitig grassiert allerorten diese Endzeitstimmung: die Leute mit Todesangst sind erfüllt von unwahrscheinlichen Ereignissen wie Meteoriteneinschlägen, Polsprüngen oder gar dem Jüngsten Gericht, während akute Gefahren ignoriert werden.
Winchester: Ich staune gerade in diesem relativ hoch entwickelten Land Amerika immer wieder, wie viel von dem meist von den Kirchen lancierten Wahnwitz sich hier halten kann. In der Tat, viele Leute glauben, dass das Ende der Welt bevorsteht - und gleichzeitig ignorieren sie die simpelsten geologischen Realitäten. Von dem Philosophen Will Durant stammt dieses großartige Zitat, wonach die Zivilisation lediglich mit der geologischen Einwilligung dieses Planeten existiert, der seine Einwilligung jederzeit und ohne Vorwarnung widerrufen kann.
Trotz der übermächtigen Erfahrung mit Naturkatastrophen gibt es nur sehr wenige literarische oder philosophische Auseinandersetzungen mit ihnen - im Gegensatz zum Krieg, der die Kulturproduktion und Phantasie aller Zivilisationen zu beherrschen scheint.
Winchester: So ist es, obwohl die Fülle der grausamen Erfahrungen mit der Natur überwältigend ist. Schauen Sie nur auf die jüngste Zeit. Fast auf die Stunde genau ein Jahr vor dem Beben von Sumatra war das Erdbeben von Bam im Iran: am 26. Dezember 2003. Zwischen Bam und Sumatra gab es eine ganze Reihe anderer schwerer Vorfälle: den durch Erdstöße entgleisten Hochgeschwindigkeitszug in Japan, Tsunamis in China, schwere Erdbeben in Marokko und Algerien, den Wiederausbruch des Mount St. Helens, gar nicht zu reden von dem schweren Riss an der San Andreas-Spalte einhundert Meilen südlich von San Francisco. Ich glaube, Claudius sagt es in “Hamlet" - Sorgen kommen nicht als einzelne Spione, sondern als ganze Bataillone.
Gibt es auch für die Häufung der Beben geologische Gründe?
Winchester: Es gibt dazu eine neue Theorie - die Gaiatheorie des britischen Geologen James Lovelock. Er geht davon aus, dass auf dem planetarischen Gebilde Erde alles tektonisch miteinander verbunden ist. Wenn es einen verstärkten Schwefelausstoß aus den Tiefen der Erde in Chicago gibt, wird der von einem Karbonausstoß in Australien ausgeglichen. Alles auf diesem Planeten hält sich in der Balance. Da alle tektonische Platten miteinander verbunden sind, sollte man sie auch in ihrer Abhängigkeit voneinander betrachten - was viele nicht tun. Auch in der Seismik gibt es, wie in der Chaostheorie, eine Art Schmetterlingseffekt. Eines Tages wird man voraussagen können, dass ein Erdbeben in Japan irgendwann ein Beben in Chile oder Sumatra auslösen wird.
Wenn man die Reihe der schlimmsten Erdbeben der letzten hundert Jahre betrachtet, fällt auf, dass die Beben der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die meisten Opfer forderten. Hat die Menschheit also doch dazu gelernt?
Winchester: Bei den Bautechniken. Eines der schlimmsten Beben der Moderne ereignete sich 1976 in Tanshan in China - damals kamen 250 000 Menschen ums Leben. Aber die dortigen Gebäude waren ähnlich wie in Bam meist so instabil konstruiert, dass sie alle zusammenstürzten und, weil das Beben bei Nacht kam, die Leute unter sich begruben. In San Francisco dagegen würden die meisten Gebäude, die heute gebaut werden, ein Beben wie jenes in China überstehen. Und die Brandschutzvorkehrungen würden ein Feuer wie beim Erdbeben 1906, das so schlimm in San Francisco gewütet hat, verhindern.
Wie gehen denn diejenigen Kulturen mit Naturkatastrophen um, die ihnen viel öfter ausgesetzt sind? Die Inselvölker im Südpazifik zum Beispiel, die andauernd mit Erdbeben, Vulkanausbrüchen und Tsunamis zu kämpfen haben?
Winchester: Ich scheue mich davor, das zu verallgemeinern, aber dort herrscht ein ziemlich düsterer Fatalismus. Nehmen Sie Indonesien, den seismisch wohl aktivsten Ort der Welt, gleichzeitig ein dichtbevölkertes Land mit 170 Millionen Einwohnern. Die Indonesier nehmen das Risiko als Teil ihres Lebens hin, kaum anders als die Bewohner Londons, die Regen als alltäglich empfinden. Man sollte meinen, dass Menschen sich nicht mehr an seismisch riskanten Orten ansiedeln, sondern alle nach Kansas und ins mittlere Australien ziehen. Nur leider sind diese Orte wenig lebensfreundlich - und langweilig außerdem. Fördern Naturkatastrophen nicht sogar den Irrationalismus der Religionen? Eine höhere Instanz ist ja oft die einfachste Erklärung für eine Übermacht der Natur.
Winchester: Das stimmt. Der Ausbruch von Krakatau löste ein enormes Interesse am fundamentalistischen Islam aus, weil viele die Katastrophe so interpretierten, dass Allah auf sie zornig sei, weil sie den Holländern erlaubt hatten, sie zu beherrschen. Aus diesem Grund begann man, die Holländer aus dem Land zu jagen. Ähnliches passierte beim Erdbeben von 1906 in den USA. Eine Woche zuvor wurde die kleine Kirche des Azuza Street Revival in Los Angeles eröffnet. Dann ereignete sich das Beben, die Pastoren predigten, das sei ein Zeichen Gottes, und schon pilgerten Tausende zu der Kirche, um dort im Wort Gottes Erlösung zu finden, schließlich breiteten sich die Pfingstler wie kaum eine andere Kirche in diesem Land aus. Das hat uns all die Jimmy Swaggarts, Pat Robertsons und rechtsgerichteten Kirchen beschert
Sind es nicht dieselben Kirchen, die bei jeder Naturkatastrophe ihre Missionare aussenden, um bei ihrer Nothilfe die Opfer gleich zu konvertieren?
Winchester: Absolut, die nutzen das aus. Wann immer sich im Südpazifik eine Katastrophe ereignet wie in Tonga, Samoa oder den Fidschis, sind sofort die Mormonen da und sagen, das war ein Urteil Gottes, glaubt an unseren Glauben, dann wird euch nichts mehr passieren.
Kann eine Katastrophe wie die jetzige auch positive Folgen haben?
Winchester: Das einzig vergleichbare Ereignis der letzten Jahre, das massive Veränderungen gebracht hat, ist Tschernobyl. Damals wandte sich die Sowjetunion erstmals an den Rest der Welt. Diese Öffnung und die Wahl eines polnischen Papstes haben entscheidend dazu beigetragen, den Kommunismus zu stürzen. Die Sowjets haben damals realisiert, dass sie ihren Bürgern nach einer Katastrophe dieses Ausmaßes nicht alleine helfen können und wandten sich erst an Schweden, Großbritannien und schließlich an die USA.
Das berühmteste Buch des Geologen und Publizisten Simon Winchester beschreibt die bis dahin gewaltigste Flutwellenkatastrophe der Neuzeit, die der Ausbruch des Vulkans auf Krakatau 1883 verursacht und die 36 000 Menschen das Leben gekostet hatte. Krakatau liegt zwischen Java und Sumatra, wo auch das Seebeben des vergangenen Sonntags die Flutwelle auslöste. Winchester ist wie wenige Experten vertraut mit dem geologischen Gefahrenpotenzial dieser Region, vor allem aber auch mit dem globalen Wirkungs- und Schreckenszusammenhang, den solche Naturkatastrophen herstellen.
Im übrigen scheint es, als würden Länder, die regelmäßig Naturgewalten wie Stürmen, Erdbeben oder Flutkatastrophen ausgesetzt sind, weniger für die Aufklärung der tieferen Ursachen tun. Menschen brauchen nun mal Stabilität, um die Physik, Chemie oder Geologie ihrer Umwelt zu ergründen. Man findet Labore und Institute eher in stabilen Gesellschaften wie in Nordeuropa oder Nordamerika. Hat das nur etwas mit Reichtum zu tun oder auch mit Stabilität? Allerdings sind die geologisch stabilsten Gegenden der USA die am wenigsten interessanten, was meine Theorie widerlegen würde. Aber ich bin mir sicher, dass man zwischen Wohlstand und geologischer Stabilität Schlüsse ziehen kann.
In Dritteweltländern, die sich nach Katastrophen an den Westen wandten, gab es nie ähnliche Reaktionen; kein einziges politisches System wurde verändert. Aber wir alle vergessen - natürlich auch, weil immer wieder neue Naturkatastrophen oder Terroranschläge das letzte Ereignis überschatten. Sogleich setzt die “compassion fatigue" ein, die Mitleidsmüdigkeit. Auch diesmal werden wir uns ein paar Monate kümmern, dann gehört unsere Aufmerksamkeit der nächsten Tragödie.
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