Man blieb unter sich an diesem Abend, wie so oft in einer Welt, die von einem Underground-Glamour bestimmt wird, in dem den Stars und Legenden nichts anderes übrig bleibt, als sich gegenseitig zu feiern. Die bürgerliche Popwelt nutzt sie zwar als Reservoir musikalischer und choreographischer Ideen, man leistet sich auch mal einen DJ wie Frankie Knuckles oder Little Louie Vega für die Clubmischung einer Single oder ein paar Tänzer für die Tour, ansonsten bleiben die Protagonisten und Innovatoren jedoch für zwischen den Koordinaten aus homosexuellem Untergrund und Ghettostilistik gefangen.
Willi Ninjas Leben stand da exemplarisch für diese Welt, von der nur wenig nach Außen dringt. Geboren und aufgewachsen in Queens profilierte er sich auf den Schwulenbällen von Harlem bald zum führenden Virtuosen eines Tanzstils, der seinen Namen dem Modemagazin Vogue entlehnte, weil die Tänzer mit atemberaubend rasanter Akrobatik eine Choreographie aus Posen improvisieren, die sie sich von den Models und Mannequins abgeschaut haben.
Willi, der mit bürgerlichem Namen Leake hieß, bekam den Namen Ninja, weil er seinen fast ein Meter neunzig großen Körper mit einer Geschwindigkeit und Gelenkigkeit in Posen drehen konnte, die an die Stunts aus Kung-Fu-Filme erinnerte. Gleichzeitig konnte niemand so elegant den Gang der Mannequins auf dem Laufsteg zum kämpferischen Tanzschritt veredeln. Ende der Achtziger Jahre entdeckte ihn der Sex-Pistols-Erfinder und ewige Trendscout Malcolm McLaren, der ihn für das Video zu dem Song “Deep In Vogue" engagiert. Da fand die Ballszene erstmals ein breiteres Publikum.
Sein Charisma verhinderte dann auch seinen Durchbruch. Als Madonna die Szene mit ihrer Single “Vogue" für den Massenpop entdeckte, schnappte sie Willi Ninja zwar die besten Tänzer und Ideen weg. Ninja selbst strahlte jedoch zu viel Glamour aus. Eine zweite Diva konnte die Popdiva neben sich nicht dulden, also fanden Videodreh und Tournee ohn Willi Ninja statt.
Der nahm es gelassen. Aufträge hatte er genug. In den folgenden Jahren brachte er Supermodels wie Iman, Christy Turlington und Naomi Campbell bei, wie man besonders elegant den Laufsteg entlangschreitet. Modern-Dance-Choreographen wie Karol Armitage engagierten ihn für Produktionen. Er hielt Vorträge an Universitäten und verfasste einen Beitrag für Tricia Roses kulturkritische Anthologie “Microphone Fiends". Zuletzt gründete er eine Modelagentur und übte mit Paris Hilton das elegante Auftreten ein. Immer wieder nahm er über die Jahre junge Tänzer unter seine Fittiche, die er für sein House of Ninja trainierte.
Barbara Tucker sang auch im Cielo noch einmal für Willi Ninja, bevor das House of Ninja seine im New Yorker Untergrund schon legendären Bewegungen aufs Parkett brachte. Da steigerte sich die Laune im Club für Minuten wieder in jene Hochstimmung, bei der Tänzer, Publikum und DJ einen Puls finden, der alle erfasst. Nur floss diesmal verborgen vom Flackern der Lichtanlage so manche Träne. Denn Willi Ninja war immer mehr gewesen, als Innovator. Sein Charisma war von einem schlagfertigen Humor und einer Herzlichkeit geprägt, die ihn zu einem emotionalen Mittelpunkt der Voguing-Welt gemacht hatte, die Heimat für so viele heimatlose Jungen wurde. Doch auch wenn Willi Ninjas Vermächtnis nur im Untergrund gefeiert wurde, so hat sich sein Erbe längst ausgebreitet. In dem Dokumentarfilm “How Do I Look" porträtierte der deutsche Regisseur Wolfgang Busch letztes Jahr die zweite Inkarnation des Voguing, bei der sich von Baltimore bis San Diego in ganz Amerika Houses formiert haben, die einer neuen Generation schwuler Latinos und Schwarzer als Ersatzfamilie dienen.
New York im Oktober '06 -
Es war ein angemessener Rahmen, um eine Traufeier für den Übervater der New Yorker Voguing-Szene Willi Ninja abzuhalten, der Anfang September im Alter von 45 Jahren an Aids gestorben ist. DJs, Divas und Tänzer versammelten sich im New Yorker Nachtclub Cielo für die Verleihung der Choice Awards die alljährlich von der House-Music-Webseite Undaground Archive vergeben werden. Disco-Diva Ultra Naté moderierte und rämte am Höhepunkt des Abends die Tanzfläche für das House of Ninja frei, Willi Ninjas ehemalige Tanztruppe, die auf den Bällen der Voguer regelmäßig die Konkurrenz vom Parkett fegte.
Voguing ist für die Schwulen und Transsexuellen in den notorisch homophoben Latino- und Schwarzenvierteln von New York seit den Achtziger Jahren eine Möglichkeit, sich eine eigene Identität zu erkämpfen, die auf einer Mischung aus Ghettokultur und Glamourfantasien basierte. Auf den Bällen traten die Tänzer in Gangs gegeneinander an, die sie nach Vorbild der Pariser Modehäuser “Houses" nannten und die vielen der jungen Schwulen als Ersatzfamilie dienten. Phantasienamen wie House of LaBeija, House of Omni oder House of Xtravaganza klangen nach großer Welt und großem Glamour. Und wenn die Tänzer dann in üppigen Kostümen auf dem Parkett betagter Ballsäle gegeneinander antraten, wenn die DJs sie mit Disco- und House-Platten anfeuerten und die Moderatoren das Geschehen mit bissigen Kommentaren begleiteten, dann steigerte sich die Stimmung meist in eine frenetische Euphorie, die an die ekstatischen Höhepunkte von Gospelmessen genauso erinnerte, wie an die Stimmung während den letzten Runden eines Boxkampfes.
Ein Jahr später drehte die Regisseurin Jenny Livingston ihren Dokumentarfilm über die Voguing-Bälle “Paris Is Burning", in dem Willi Ninja als eloquenter Fürsprecher der Szene auffiel. Nach Deutschland kam Willi Ninja damals in Begleitung zweier Tänzer zur Münchner Modemesse Avantgarde. Da hatte er einen seiner großartigsten Auftritte bei einem Ausflug nach Schloss Neuschwanstein, wo die Touristen und Anrainer nicht so recht wussten, was sie von der hochgewachsenen New Yorker Diva halten sollte, die mit eleganten Schritten den Berg hinaufmarschierte und sich über die architektonischen Stilbrüche des Ludwigschlosses lustig machte.
Finanziell zahlte sich das nicht besonders aus. Bis zum Schluss lebte Willi Ninja zusammen mit seiner querschnittgelähmten Mutter Esther in einer engen Dreizimmerwohnung in einer jener Sozialbausiedlungen in Queens, in denen die Welt der Supermodels und Glamourmagazine so unendlich fern und exotisch schien, und die vom bürgerlichen Amerika höchstens als Brutkästen lästiger sozialer Probleme wahrgenommen werden. Bei einem seiner letzten öffentlichen Auftritte während eines Benefizballs, bei dem Geld für seine Krankenhausrechnungen gesammelt wurde, war Willi Ninja schon zu schwach, um noch zu tanzen. Ergriffen saß er in einem roten Anzug auf der Bühne, während seine Lieblingsdiva Barbara Tucker ihn mit ihrer frenetischen Gospelhousenummer "Most Precious Love" feierte.
"Deep In Vogue" mit Willi Ninja
Willi Ninja beim Benefizball
mit Barbara Tucker
Das House of Ninja zu seinen Lebzeiten
Video Memorial für Willi Ninja
Willi Ninja beim Love Ball
Madonnas "Vogue"
Filmwebseite "How Do I Look"
Undaground Archives
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