BEFREIUNG VOM ZWANG ZUR POINTE

Die Whitney Biennale feiert die Fragmentierung der Kunst

© Andrian Kreye


NEW YORK 14.03. '06 - Man darf sich nicht abschrecken lassen, wenn man auf der Biennale des Whitney Museum of Amercan Art schon mit der ersten politischen Kalauerei konfrontiert wird, bevor man überhaupt eine Eintrittskarte gelöst hat. Da steht vor dem Museum an der Madison Avenue eine Art stählerner Riesentipi, an dem allerlei Tafeln voll semisubversiver Plattitüden hängen. Uncle Sam ist da zu sehen, und na klar - George W. Bush, dazu Peacezeichen und Slogans und Sprüche, die den finsteren Charakter des Schweinesystems im Allgemeinen und der amerikanischen Regierung im Besonderen deutlich machen sollen. Das wirkt ein wenig so, als hätte sich das örtliche Jugendzentrum da mit einem Projekt an der Biennale beteiligen dürfen. Dabei hat viel Prominenz mitgearbeitet - Matthew Barney, Hans Haacke, Sol Lewitt, Yoko Ono und James Rosenquist.

Die wurden vom Bildhauer Mark di Suvero und dem Performancekünstler Rirkrit Tiravanija rekrutiert, die wie so viele mittelmässige Künstler versuchen, mit unanfechtbaren politischen Aussagen und großen Namen Relevanz zu erzwingen. Das Projekt war nicht einmal ihre eigene Idee, sondern lediglich eine Rekonstruktion eines Projektes, an dem di Suvero vor vierzig Jahren mitarbeiten durfte - 1966 errichteten Künstler wie Judy Chicago, Roy Lichtenstein, Larry Rivers, James Rosenquist, Frank Stella und Mark Rothko in West Hollywood den "Artists' Tower against the War in Vietnam". Da hilft es auch nicht, dass sich Kurator Phillippe Vergne zu der kühnen Behauptung versteigt, der neue Turm sei das wichtigste politische Kunstwerk, das seit Picassos "Guernica" im Whitney ausgestellt wurde.

Doch zum Glück markiert die aktuelle Whitney Biennale weniger den endgültigen Siegeszug des 90er-Jahre-Phänomens der Zitat- und Kalauerkunst, als vielmehr den Beginn ihres Weges in die verdiente Irrelevanz. Im Großen und Ganzen lebt die Whiteney Biennale 2006 vor allem davon, dass sie den momentanen Zustand der Modernen Kunst in einer so verwirrenden Vielfalt zeigt, dass das einzige verbindende Element der Ausstellung die Tatsache ist, dass es keine Gemeinsamkeiten mehr gibt.

Schon im Untertitel manifestiert sich die Ratlosigkeit der Kuratoren - "Day for Night" war ein Film von Francois Truffaut, der die Methode früher Hollywoodfilmer zum Thema nahm, den Tag mit Hilfe von Filtern zur Nacht zu machen, was im Begleittext zur Biennale mit umständlichen Theorien zum diffusen Zustand der modernen Kunst erkärt wird. Die Fragmentierung der Kulturen während der letzten beiden Jahrzehnte ist natürlich nicht Neues, und es ist auch nicht das erste Mal, dass eine Institution vom Format des New Yorker Whitney Museum of American Art diese Fragmentierung thematisiert. Die Entscheidung der Kuratoren die aktuelle Biennale vom Aufbau her ganz bewusst zu zerlegen und sich so dem Vorwurf der Beliebigkeit auszusetzen, zeigt jedoch, dass sich auch der kulturelle Kanon langsam von allgemeingültigen Parametern verabschieden muss.

Nicht einmal die Geografie scheint noch als gemeinsamer Nenner zu taugen. Obwohl die Whitney Biennale eigentlich einen regelmäßigen Überblick über den Zustand der modernen Kunst in Amerika geben soll, ist die aufsehenerregendste Arbeit dieses mal von einem Franzosen - Pierre Huyghes Film “A Journey That Wasn't" hat eine so überzeugende Balance zwischen formalen, inhaltlichen, emotionalen und technischen Zeitströmungen gefunden, dass er im Kontext der Biennale eine schon fast unverschämte Autorität entwickelt. Schließlich ist das größte Vergnügen einer Biennale die Entdeckung der jeweiligen Stärken und Schwächen ohne die Messlatte allzu hoch anlegen zu müssen.

Bleiben wir kurz bei den Schwächen. Die sind mit der Hysterie um den boomenden Kunstmarkt, dem Zwang zur Pointe und dem Hang zum Zitat schnell umschrieben. Der Zwang zur Pointe und der Hang zum Zitat wirken dabei so ermüdend, weil sie das Werk auf ein Aha-Erlebnis reduzieren. Arbeiten wie die sargähnliche Skulptur aus Ölfässern und Sternenbannermotiven von Nari Ward oder die Graffiti-verschmierten Styroporfelsen von Dan Colen machen sich nicht einmal mehr die Mühe, den Pointen eine ironische Brechung zu geben. Gipfel der selbstverliebten Pointenkunst ist sicherlich Francesco Vezzolis fiktiver Filmtrailer, für den er ein halbes Dutzend prominenter Schauspieler verpflichtete.

Auch die Zitatwut wirkt ermüdend. Da kopiert Troy Brauntuch mit grauen Glasflächen und verschwommenen Formen Gerhard Richter, Deva Graf kombiniert Fred Sandbacks Raumtäuschungen ganz einfach mit Robert Smithsons Spiegeltrümmern, und Mark Grotjahn repetiert die Farbverweigerungen von Sol LeWitt und Agnes Martin.

Bleibt noch der hysterische Kunstboom und seine Wirkung als Durchlauferhitzer für unausgegorene Ideen. Da zeigt die Whitney Biennale allerdings eher Auswege aus dem Bannstrahl der Sekundärmärkte. Die Renaissance der Kollektive schieben beispielsweise dem preistreiberischen Namenskult einen basisdemokratischen Riegel vor. So verarbeiten das Critical Art Ensemble und das Bureau of Inverse Technology Gentechnologien zu lebenden Kunstkonzepten. Das Center for Land Use Interpretation, das Deep Dish Television Network und die Wrong Gallery verwischen mit Multimediaprojekten die Grenzen zwischen politischer Arbeit, Dokumentation und Kunst. Denn es soll hier ja keineswegs eine politik-, humor- oder zitatfreie Kunst eingeklagt werden.

Auf der Biennale gibt es genügend Beispiele, wie man mit diesen Stilmitteln umgehen kann. Gedi Sibony nutzt Joseph Beuys und Donald Judd zum Beispiel lediglich als Ausgangsposition für. Urs Fischer zitiert mit seiner Wachskreisinstallation höchst raffiniert Richard Serras aktionistische Experimente mit geschmolzenem Blei. Und Lucas Degiulios Lumpensammlerskulpturen erinnern an Robert Smithsons Gespür für die Formsprache überwachsener Industrieruinen ohne zu kopieren.

Die politische Pointe funktioniert ebenfalls, wenn sie keine affektierte Moralpose, sondern ernst gemeinter Ausdruck ist. In einer der vielen Miniausstellungen, mit denen sich die Kuratoren inhaltliche Freiräume geschaffen haben, thematisieren die Mitglieder der Künstlergruppe Otabenga Jones & Associates die unveränderte Stellung der Schwarzen in Amerika. Da zitiert Jamal Cyrus die Ikonografie des schwarzen Widerstandes aus den späten 60ern, Kenya Evans reduziert die Didaktik des emanzipatorischen Diskurses auf plakative Symbole, Robert A. Pruitt feiert die urbane Folklore des Hip Hop mit den Formalien animistischer Religionen, und Davolu Jabari Anderson ironisiert in seinen Zeichnungen die Schwarzenklischees des modernen Amerika. Wie eine Antithese wirken da die handkopierten Flugblätter, die der Bildhauer Richard Serra vor zwei Jahren als Reaktion auf die Folterfotos aus Abu Ghraib für die Organisation pleasevote.com gestaltete. Mit schwarzem Wachsstift hatte er die Umrisse des ikonografischen Kapuzenmannes unter die Worte “Stop Bush" gemalt. Doch auch das funktioniert - mehr mußte nicht gesagt werden.

Die Liste der gelungenen Projekte ließe sich noch lange fortsetzen. Die Scannerarbeiten von Kelley Walker, die Installation der transatlantischen Bernadette Corporation, Jutta Koethers düstere Rauminstallation nach einem Zitat des Philosophen Slavoj Zizek, Mark Bradfords Collagen, Paul Chans Schattenskulptur und selbst die Art Savant von Daniel Johnston begeistern im ganz traditionellen Kunstsinn mit einem Ideenreichtum, der ohne Pointen auskommt. Und nur eine Kunstbiennale kann den brillanten Film- und Videoarbeiten von Christina Battle, Jimmie Durham, Rodney Graham, Billy Sullivan oder Kelly Mason und Diana Thater den adäquaten Raum bieten.

Wer nun noch einmal auf den Vorwurf der Beliebigkeit zurückkommen will, sollte sich in den Vorraum des ersten Obergeschosses stellen. Da prallen die Geräuschkulissen aus einem halben Dutzend Videoinstallationen aufeinander und Matthew Day-Jacksons Planwagenskulptur verstellt den Blick auf die drei letzten neonfarbenen Popvisionen, die Ed Paschke vor seinem Tode im Jahr 2004 gemalt hat. Natürlich geht es da zu wie auf dem Rummelplatz. Aber genau das ist ja das große Vergnügen an einer Kunstbiennale.

“Whitney Biennial 2006: Day For Night", bis zum 1. Juni im Whitney Museum of American Art, 945 Madison Avenue, New York, Mittwochs bis Sonntags 11:00 bis 18:00, Freitags bis 21:00 Uhr, Katalog US $ 50,-.




Bootlegvideo von der Biennale




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