MANN GEGEN DAMPFHAMMER

Mit seinem Roman “John Henry Days" liefert
Colson Whitehead eine virtuose Allegorie auf
die historischen Wertewandel zweier Epochen.

© Andrian Kreye

Colson Whitehead trägt einen dunkelgrauen Tweedmantel, er hat sich einen dicken Wollschal um den Hals gewickelt und seine Haare in einen Schopf kurzer Rastalocken gedreht. Damit sieht er so aus, wie man sich im Rest der Welt einen New Yorker Boèmeintellektuellen vorstellt. Für das Porträt eines jungen Schriftstellers, der mit seinem zweiten Roman “John Henry Days" für einen Pulitzer Prize und den National Book Critics Circle Award nominiert war, mag das vielleicht irrelevant sein, aber nicht für einen 34jährigen schwarzen New Yorker, den die Grundlagenrecherche in die Blauen Berge von West Virginia führte. Nach Talcott, um genau zu sein, ein Kaff mit 500 Einwohnern, in dem Whitehead die “John Henry Days" angesiedelt hat.

“Ich bin mit einem Freund dorthin gefahren", erzählt er beim Lunch im Café Luluc auf Brooklyns neuer Restaurantmeile Smith Street. Das war auch gut so, man ist als schwarzer Kosmopolit im Hinterland der amerikanischen Südstaaten zwar nicht mehr in Lebensgefahr, aber auf eine feindselige Art exotisch ist so ein Besuch noch immer. Vor allem in einem Landkreis in dem 96 Prozent aller Einwohner Weiße sind, von denen über ein Viertel unterhalb der Armutsgrenze leben, weil es kein Arbeit mehr gibt, seit die Kohlebergwerke in der Gegend geschlossen haben.

“Da wird man schon mal angestarrt", sagt Whitehead. Und muß lachen, als er von dem Jungen erzählt, der ihn an den schwachsinnigen Buben mit der Gitarre aus “Beim Sterben ist jeder der Erste" erinnerte, dem Film, mit dem John Boorman Anfang der 70er Jahre die tumbe Brutalität gezeichnet hatte, die hinter der Freundlichkeit des Südens lauern kann. Muß lachen, weil er weiß, dass sich da für ihn mit dem Bild des inzestuösen Südstaatendorftrottels eines der ältesten amerikanischen Ressentiments bestätigte.

Ressentiments aber liefern nur die einfachsten aller Erklärungen, und so leicht, Rassismus als Produkt eines genetisch bedingten Schwachsinns abzutun, würde es sich Colson Whitehead nie machen. Nein, Rassismus ist nur eines der vielen Fragmente und Motive der amerikanischen Gesellschaft, die er in den Teilchenbschleuniger seiner virtuosen Sprache gepackt hat, um sie zu einem hochambitionierten Ganzen zu verdichten, das größer sein soll, als die Summe seiner Einzelteile. Und so reduziert er den Rassismus zu einem bedrohlichen Unterton, der sich zunächst einmal nur in den subtilen Gesten nivellierter Vorurteile und politisch korrekter Schuldgefühle artikuliert. Dort, wo ihn nur der spüren kann, dem der fast vergessene Haß auch gilt.

Ausgangspunkt des Romans ist ein Festival, bei dem die Post in Talcott eine Briefmarke zu Ehren des schwarzen Volkshelden John Henry vorstellt. Dessen Legende gilt als historisch unbelegt, doch es heißt, in Talcott sei der Gleisbauarbeiter bei einem gefährlichen Tunneldurchstich in den 1870er Jahren gegen einen neumodischen Dampfhammer angetreten, um zu beweisen, dass der Mensch der Maschine immer noch überlegen ist. John Henry besiegte den Dampfhammer, bevor ihn Herz- und Hirnschlag dahinrafften.

Das moderne Pendant, das Whitehead John Henry entgegensetzt, ist der schwarze Journalist und Spesenritter J. Sutter. Der kämpft einen ganz unheroischen Kampf. Er will den Rekord eines Kollegen schlagen, und sich mehr als drei Monate lang nur an den Gratisbüffets der Pressetermine ernähren. Kein Tag soll vergehen, an dem er nicht gemeinsam mit seinen Kollegen unter der Obhut der Public-Relations-Betreuer einen Krieg führt im Namen des “grundlegenden amerikanischen Rechts auf die Freiheit der Rede, um ohne Furcht vor dem Zensor das Volk in die mühsame Huldigung des Pop hineinzutäuschen, verwirren und abzulenken."

Whitehead sagt, er kenne diesen Bodensatz der Medienindustrie aus der Zeit als er bei der New Yorker Wochenzeitung Village Voice als Fernsehkritiker gearbeitet, und für Popzeitschriften wie Vibe und Spin geschrieben hat. Vergleichsweise luxuriöse Jobs, mit denen er sich nicht allzutief in die Niederungen bezahlter Pressereisen und -termine begeben mußte. Trotzdem gehört er zu genau jener Generation der Autoren, die als Plattenkritiker beginnen und nur zu oft als so genannte “Junketeers" enden - freischaffende Spesenritter ohne Inhalt und Perspektive. Manche von ihnen schaffen es vielleicht, ihre Stilparameter mit Moral und Psychologie zu kurzweiliger Popliteratur zu veredeln. Whitehead aber ist kein popversessener Autodidakt. In Harvard hat er Literatur studiert, sich dort ein gewaltiges Vokabular und ein breitgefächertes Instrumentarium der Formen und Stile angeeignet, das er dann in “John Henry Days" auch voll ausschöpft. Zum Vergnügen der Leser.

Das zentrale Bild des Romans erschließt sich rasch. Auf der einen Seite der Volksheld sein vergebliches letztes Aufbäumen gegen die Menschenfeindlichkeit der Industrialisierung. Auf der anderen der Medienknecht mit seinem erbärmlichen Versuch einer wirklichen Leistung. Um diese zwei Figuren kreisen außerdem ganze Kompanien von Nebendarstellern auf Nebenschauplätzen. Die Fragmentierung des Erzählbogens ist aber Programm. Kurze Szenen fügen sich zu einem Gesamtbild, das für eine schlichte lineare Struktur zu komplex wäre.

John Henry eignet sich deswegen perfekt als Ausgangspunkt für ein so breites Bild amerikanischer Kultur und Gesellschaft, weil seine Legende schon seit über einem Jahrhundert die Grenzen dieser Kultur und Gesellschaft hinter sich gelassen hat. Seine Figur hatte den Schritt von der Sagengestalt zum Popmythos vollzogen, bevor es Pop überhaupt gab. Folkpionier Woody Guthrie hat genauso über John Henry gesungen, wie die Bluessänger Leadbelly und Muddy Waters, und Country-Rebell Johnny Cash bei seinem legendären Auftritt im Folsomgefängnis. In den Songs mischten sich Klassen- und Kulturkampf zu einem Heldenbild, das dann (auch im wahren Leben) eine der letzten Formen der Ikonisierung der Mediengesellschaft durchlief - die Verewigung auf dem Zahlungsmittel eines selbst schon anachronistischen Kommunikationssystems, über welches das Fußvolk der digitalen Revolution mit dem Zynismus als letztem Mittel des Aufbegehrens herfällt.

So viel allegorische Wucht könnte Leser erschlagen. James Wood, der Literaturkritiker der Zeitschrift New Republic, verriet auch gleich Colson Whiteheads ambitioniertes Vorbild: Don DeLillos epischer Roman “Unterwelt", der mit ebenso komplexen Erzählebenen und Allegorien ein ebenso paranoides Bild der amerikanischen Gesellschaft zeichnete. Und genauso wie DeLillo verarbeitet Whitehead ein geradezu enzyklopädisches Wissen. Das verankert die ausufernde Erzählkunst aber so fest in einem nachvollziehbaren Realismus, dass man als Leser nicht einen Moment lang aus der Bahn der Gedanken des Autors getragen wird. Komplex bedeutet bei Colson Whitehead nicht schwierig.

Er hat genug allegorische Kraft, um nicht mit einem Sperrfeuer von Bildern und inneren Monologen gegen analytische Schwächen kämpfen zu müssen. Um Colson Whitehead als Autor wirklich zu beurteilen, muß man aber sein nächstes Buch lesen - “The Colossus of New York", eine Liebeserklärung an seine Heimatstadt in 13 kurzen Stimmungsbildern, die er mit seiner sprachlichen Schärfe zu einer Prosa mit der emotionalen Wucht und rhythmischen Finesse von Lyrik verdichtet hat.

Die Motivation dafür war allerdings nicht ganz so ehrgeizig wie für “John Henry Days". “Wer hier aufgewachsen ist, der liebt seine Stadt", sagt er. Als er dann aber draußen auf der Smith Street steht, sich eine Zigarette ansteckt und den Rauch in die beißend kalte Winterluft bläst, weil man in Bloombergs New York nirgendwo mehr rauchen darf, muß er noch einmal kurz lachen. Es wäre nur zu leicht gewesen, sich über die Stadt lustig zu machen. Aber wie gesagt - leicht hat es sich Colson Whitehead noch nie gemacht.





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