GLITTER ODER GLAMOUR

Architektur- und Kulturkritik streiten sich,
ob das neue Westin Hotel New Yorks häßlichster
oder modernster Wolkenkratzer ist
© Andrian Kreye

Spaziert man dieser Tage nach Sonnenuntergang die 8. Avenue von Manhattan entlang, dann kann man über den Spitzen der Wolkenkratzer auf Höhe der 42. Straße ein Lichtspiel sehen. Mitten durch die asymmetrischen 45 Stockwerke aus rosa- und blaugetönten Spiegelflächen des neuen Westin Hotels zieht sich ein monumentaler Milchglasbogen, der sich in kurzen Schüben immer höher mit Licht erfüllt, bis ein Strahl durchs Dach in den Nachthimmel sticht. Die Bewegung des Lichts erinnert dabei ein wenig an die rhythmischen Fontänen, mit denen die Prachtbrunnen vor den großen Hotels in Las Vegas Blicke auf sich ziehen, während man die Fassade mit den tropischen Farbtönen eher in der Welt der Poolterassen von Florida vermutet.

Nun buhlen im Viertel um den Times Square Leuchtreklamen und Farbenmeere schon seit Erfindung der Neonröhre um die Aufmerksamkeit der Passanten, und Stararchitekten versuchen sich mit immer kühneren Wolkenkratzerentwürfen in der Skyline zu verewigen. Doch es gibt eine feine Grenze zwischen Glitter und Glamour, deswegen wirkt das Westin im urbanen Panorama von Manhattan ein wenig, als würde man während der Pause eines philharmonischen Konzertes eine Mariachi-Kappelle aufspielen lassen. Vom New Yorker Kulturdünkel wird solch visuelle Präpotenz sogleich mit wortgewandtem Naserümpfen bestraft. So fragte der Architekturkritiker Paul Goldberger im New Yorker schon in der Überschrift: “Ist dies das häßlichste Gebäude in New York?" Um dann über drei Seiten hinweg darüber herzuziehen, was Bernardo Ford-Brescia und Laurinda Spear von der Firma Arquitectonica da für eine zickige, schlecht durchdachte, prätentiöse Anbiederung an den schlechten Geschmack des Broadwaypublikums hingestellt hätten.

Er erinnert an die Anfänge von Arquitectonica. Der Weltruhm der beiden Architekten beruht auf einer einzigen Arbeit - dem Atlantis, einem Gebäude mit luxuriösen Eigentumswohnungen an der Biscayne Bay von Miami. Der quadratische Bau mit der vier Stockwerke hohen Lücke in der Mitte, in der eine einzelne Palme steht, wurde im Vorspann der Krimiserie “Miami Vice" zur Ikone für den Florida Chic der 80er Jahre. Seither seien Ford-Brescia und Spear für Ruhm und dicke Aufträge zu viele Kompromisse eingegangen, um als Architekten wirklich ernst genommen zu werden.

Goldberger räumt ein, das Westin Hotel sei nicht der erste Wolkenkratzer, der sich Kritikerschelte dafür einfängt, dass er aus dem Rahmen fällt. 1930 habe Lewis Mumford das Chrysler Building als “eine Reihe rastloser Fehler" beschrieben, zwei Jahre später hätte George S. Chappell das McGraw-Hill Building als “nicht besonders gelungenes Kunstückchen" abgetan. Beide Gebäude gelten heute als architektonische Legenden und gehören zu den absoluten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Doch Goldberger bezweifelt, “dass die Geschichte das Urteil diesmal aufheben wird". Das Westin sei weder seiner Zeit voraus, wie das McGraw-Hill Building, noch das heutige Pendant zu der “würdevollen Etüde in den Synkopierungen des Jazz-Zeitalters" des Chrysler Building. Das Westin sei lediglich das vulgärste und aufdringlichste Hochhaus, das zu seinen Lebzeiten in New York gebaut worden sei.

Ein solch leidenschaftlicher Verriss verlangte nach einer Antwort. Und die kam prompt von Herbert Muschamp, dem Architekturkritiker der New York Times. Ohne Goldberger beim Namen zu nennen nimmt er dessen Text mit den Mitteln der Kulturkritk auseinander, bis von Goldbergers Ausführungen nur noch die bürgerliche Engstirnigkeit übrig bleibt.

“Ein Latinoruck geht durch die Skyline", lautet Muschamps Überschrift. Und genauso euphorisch erklärt er dann, was für einen wichtigen Schritt New York mit diesem Gebäude getan habe. “Ob es einem gefällt oder nicht, das Gebäude markiert eine wichtige Verschiebung in der Geschichte des Geschmacks", schreibt er. Das Westin beweise, dass sich die Kultur der Latinos, die sich in Kunstformen wie Musik, Film, Literatur und Tanz längst durchgesetzt und niedergeschlagen habe, nun auch in der Architektur manifestiere.

Auch Muschamp zitiert aus Verrissen der Vergangenheit. Er erinnert jedoch an die Kontroverse um den Umbau des Summit Hotel an der Lexington Avenue im Jahre 1961. Auch damals habe sich ein Architekt aus Miami den Zorn der New Yorker Architekturkritik zugezogen. Morris Lapidus aus Miami hatte dem Hotel mit eleganten Kurven, grünen und türkisfarbenen Kacheln eine tropische Note verliehen. Russell Lynes habe damals wenigstens die Selbstironie gehabt, den eigenen Dünkel zu thematisieren: “Was die Subkultur von Florida betrifft, sind wir New Yorker intolerante Snobs", schrieb er damals. “Wir wünschten, dass sie außer ihren Pampelmusen und Orangen alles da unten für sich behalten würden und unser Nest nicht mit ihrem Geschmack beschmutzen. Unserer ist schlecht genug. Da brauchen wir keine Hilfe aus der Provinz."

Und genau das, schreibt Muschamp, sei doch die Essenz von New York. Es könne keine Frage sein, ob etwas hässlich ist oder nicht. “Leute schaut euch um", feixt er. “Das ist New York. Wir leben in einer riesigen, hässlichen Stadt. Man kann hier sowieso nur leben, wenn man sich nicht zu sehr auf Schönheiten versteift. Aber das macht es doch so aufregend. Dafür, dass wir unsere Kultiviertheit aufgeben, bekommen wir eine Form von urbaner Lyrik, um die uns der Rest der Welt beneidet. Die Schönheit besteht eigentlich darin, ein Außenseiter zu bleiben. Und das Westin ist das vollendete Außenseiterhotel."

Besucht man die Lobby des Westin, scheint sich Muschamps Theorie zu bestätigen. Elegante Menschen haben sich auf den geschwungenen Ledermöbeln drapiert. Sie kleiden sich modern, aber nicht nach der gedeckten Mode der New Yorker, sie unterhalten sich lebhaft, aber nicht auf englisch, sie genehmigen sich einen Drink am Nachmittag, aber keinen klassischen Lunch-Martini. Kneift man die Augen im gedämpften Licht der Niedervoltlampen zusammen, wähnt man sich zur Happy Hour in Sao Paolo, Buenos Aires oder eben Miami. Und man würde nichts lieber, als Herbert Muschamp recht zu geben. Hat es die Bewohner des protestantischen Nordens ganz tief im Inneren nicht schon immer vor der barocken Emotionalität der mediterranen Kulturen gegraust? Geschieht es den New Yorker Eliten nicht recht, wenn sie mit der veränderten Demographie ihrer Umgebung nicht nur im Straßen-, sondern auch im Stadtbild konfrontiert werden? Symbolisiert das Westin nicht die Grundidee Amerikas - der Idee von einem Land von Außenseitern aus aller Welt, die hier gemeinsame Nenner finden?

Doch gleichzeitig verkörpert das Westin eine Entwicklung, die sowohl den Hoch- als auch den Subkulturen in New York seit gut zehn Jahren den Atem abschnürt. Das Westin ist das Ergebnis eines Wettbewerbes, den das 42nd Street Development Project 1995 ausgerichtet hatte. In der Sanierung der einstigen Sündenmeile hat sich das Erbe von Bürgermeister Giuliani materialisiert - die Amerikanisierung New Yorks, das längst keine wunderbare Katastrophe mehr ist, sondern vor allem das Epizentrum einer Wirtschaftskultur, die Kulturen zu konsumierbaren Planungseinheiten reduziert. Die Strukturen der Megalopolis sind da längst ihrer Funktionen beraubt und dienen als Kulisse eines urbanen Vergnügungsparks, der von der postindustriellen Dynamik der suburbanen Konsenskultur langsam, aber stetig von innen ausgehöhlt wird.

So wie das Westin Hotel nun am westlichen Ende der Times Square Mall in der Skyline von New York steht, ist es kein Brückenkopf für die Kultur des Südens. Die spielt hier letztlich eine ähnliche Alibirolle, wie der mild gewürzte Fajitateller auf der Speisekarte im Steakhouse. In Wahrheit steht hier ein erstes Denkmal für Rudolph Giuliani. Zwei Amtszeiten lang hat der einstige Bürgermeister den Triumphzug der Konsenskultur erfolgreich durch die Straßen von New York geführt. Mit dem Westin Hotel erobert er nun im Nachhinein auch noch den Luftraum.





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