Zu Beginn erzählt er erst einmal von seinen langen Nachmittagen beim Italiener im Greenwich Village, wo er zusammen mit seinem alten Freund Noah Baumbach an einem Tisch das Drehbuch für “Die Tiefseetaucher" schrieb und sie dabei Nudeln mit Meeresfrüchten zum Mittagessen bestellten, sich gegenseitig Dialogfetzen vormurmelten und dann meist noch bis zum Abendessen blieben. Das ist den Filmjournalisten ein bisschen zu viel banale Alltagsromantik, auch wenn Wes Anderson damit streng genommen den Kern seiner Filme erklärt hat. Aber der Drang ist groß, seine Filme mit Interpretationen zu überfrachten. Da gibt es all die doppelten Böden, Anspielungen, Zitate, und vor allem diesen ureigenen Humor, der Wes Anderson eine Fangemeinde eingebracht hat, die ihn als eine Art Messias des intellektuellen amerikanischen Kinos verehrt.
Zu den Fans gehören offensichtlich auch die meisten der anwesenden Filmjournalisten. Einer meldet sich zum Beispiel zu Wort, um dem Regisseur erst einmal umständlich seine absolute Bewunderung zu bezeugen, und dann zu fragen, welche Bedeutung es denn habe, dass Captain Zissous Bootsmann, der von dem brasilianischen Sänger Seu Jorge dargestellt wird, den man ja aus dem brasilianischen Gangsterfilm “City Of God" kenne, nun in “Life Aquatic" immer wieder mit einer Gitarre scheinbar planlos irgendwo im Bild sitzt und mit herzzereissend melancholischer Stimme David-Bowie-Lieder auf portugiesisch singt? Das wirkt ein wenig wie ein Oberschüler, der seinen Lieblingsschriftsteller im Cafe entdeckt und ihn nun mit einer besonders originellen Frage beeindrucken will. “Wir wollten eigentlich die originalen David-Bowie-Stücke benutzen, aber dann haben wir Zeu gehört und ihn gefragt", sagt Wes Anderson trocken und geht zur nächsten Frage über.
Wes Andersons Arbeit wurzelt aber auch im anarchischen Humor der ersten “Saturday Night Life"-Folgen, jener Sketchsendung die seit 1975 allwöchentlich ausgestrahlt wird und von Steve Martin, Dan Aykroyd und John Belushi über Eddie Murphy und Mike Myers bis zu Ben Stiller, Chris Rock und Will Ferrell einen Großteil der wichtigen Hollywoodkomiker der letzten drei Jahrzehnte hervorgebracht hat. Auch Andersons kongenialer Hauptdarsteller aus “Rushmore", “The Royal Tenenbaums" und “Die Tiefseetaucher" Bill Murray hat bei dieser Sendung angefangen. Was keineswegs erklärt, warum die New Yorker Cineasten Murray mit einer ähnlichen Leidenschaft verehren wie Wes Anderson. Das Kino der Brooklyn Academy of Music widmete ihm letzten Herbst sogar eine eigene Retrospektive, bei der in den sonst so heiligen Filmkunsthallen neben Andersons Filmen und Sofia Coppolas “Lost in Translation" auch Murrays erste Komödien wie “Babyspeck und Fleischklößchen" und “Ich glaub' mich knutscht ein Elch" gezeigt wurden.
Der so Gescholtene versucht noch einmal nachzulegen, und merkt an, dass es von “Babyspeck und Fleischklößchen" zu “Lost in Translation" und “Life Aquatic" ein großer schauspielerischer Schritt sei, den wohl nur wenige leisten könnten. Wieder verzieht Murray keine Miene und sagt: “Ich gehöre eher zu den Leuten, die sagen, dass nicht jeder einen Film wie ’Babyspeck und Fleischklößchen' leisten kann."
Aber es waren eben nicht die Slapsticknummern, für die Filmintellektuelle wie Wes Anderson und Sofia Coppola Murray so verehren, sondern seine unnachahmliche Art, auch in Filmen wie “Babyspeck und Fleischklößchen" das Publikum mit stoischer Miene irgendwo im Bermudadreieck der Gefühle stranden und ihnen schließlich nur noch den Ausweg ins Gelächter zu lassen, seine hohe Kunst der Ironie also. Deswegen fanden die jungen Regisseure Bill Murray eine Art Urvater ihrer eigenen ironischen Sensibilität, die ihm nun in Wes Andersons Filmen zu einer zweiten Karriere verhalfen. Das erinnert an Quentin Tarrantinos Neustarthilfe für John Travolta, und ganz ähnlich wie Tarrantino mit Travolta vor zehn Jahren den Schauspieler fand, der den eleganten Zynismus des damaligen Zeitgeistes auf den Punkt brachte, verkörpert Bill Murray jene leicht verzweifelte Ironie, die in Amerika eine Renaissance erlebt, obwohl sie doch vor nicht allzu langer Zeit gerade dort mit Vehemenz totgesagt wurde.
Im politischen Diskurs hat sich die Ironie längst wieder eine Machtposition erobert. Da ironisiert der ehemalige Stand-Up-Komiker Jon Stewart an vier Abenden der Woche die aktuelle Nachrichtenlage in einer “Fake News"-Sendung. Laut Umfrage des Pew Research Center ist Jon Stewarts Daily Show allerdings für 21 Prozent der 18- bis 29jährigen die wichtigste Nachrichtenquelle. Ein gewaltiger Stimmungsumschwung seit den Jahren der so genannten Generation X. Da gab es eine richtige Bewegung der so genannten Postironiker, die gegen den Zynismus und die Apathie der Postmoderne neue Leidenschaft, neues Engagement und eine neue Wahrhaftigkeit forderten. Das hatte in der Popkultur mit den ernsthaften Grungerockern von Nirvana und Pearl Jam begonnen und in den literarischen Werken von Jeffrey Eugenides, Jonathan Franzen und Jonathan Safran Foer ja immerhin schon den Einzug in den Kanon der amerikanischen Hochkultur gefeiert.
Die gemeinschaftliche Weigerung der so genannten Generation X, sich auf die zynische Medien- und Popkultur der ausgehenden 80er Jahre einzulassen hatte gute Gründe. Die Ironie, einst Kampfmittel der Subkulturen, war in den späten 80er Jahren in das Vokabular der Massenkultur übergegangen. Die ironische Popmusik von Steely Dan und Randy Newman hielt Einzug in die Oldiehitparaden. Die großen Fernsehsender missbrauchten die Ironie als Erfolgsformel für Fernsehserien wie Seinfeld, die Simpsons und die Talkshows der Harald-Schmidt-Vorbilder David Letterman und Conan O'Brien.
Lange stand dem nur noch die humorlose Authentizität des Hip Hop und die verbitterte Rechtschaffenheit der politischen Linken entgegen. Doch Wes Anderson und seine Generation haben für die Ironie neue Formen gefunden, in denen sie eigentlich genau die Forderungen erfüllt, mit denen sich die Postironiker von ihr abwandten. Da gibt es eine neue Ernsthaftigkeit - Anderson, Sofia Coppola, aber auch Regisseure wie Spike Jonze und Michel Gondry bewahren sich trotz der raffinierten ironischen Dreisprünge eine Emotionalität, die ihre Filme davor rettet, als reine intellektuelle Fingerübung zu enden und erobern sich so die Kraft des hintergründigen Humors zurück. So hat Ironie schon immer am besten funktioniert. Ohne den bitteren Nachgeschmack des Zynismus ist sie oft eines der besten Mittel, Haltung zu bewahren.
Die Stars, die in Wes Andersons Filmen immer wieder für einen Bruchteil ihrer regulären Gagen mitspielen, wissen diese Haltung zu schätzen. Das hört man selbst dann heraus, wenn sie sich in Floskeln flüchten, wie Willem Dafoe, Jeff Goldblum oder Anjelica Huston, die gemeinsam ein knappes Jahrhundert Hollywooderfahrung vorweisen können und es nun wirklich nicht nötig hätten, sich noch einmal mit Nebenrollen in einem Filmkunstprojekt zu beweisen. Doch wenn Anjelica Huston davon schwärmt, dass es kaum einen Regisseur gibt, der mit einer solchen Souveränität und Ironie Geschichten erzählen kann, dann fällt das nun einmal doppelt so schwer ins Gewicht, schließlich hat sie als Tochter des Regisseurs John Huston ihre Kindheit und Jugend im Epizentrum der Filmgeschichte verbracht.
Bei “Die Tiefseetaucher" läuft Wes Anderson diese Technik zum ersten Mal aus dem Ruder. Zu groß, zu aufwendig ist der Film, um solche Offenheiten einfach stehen zu lassen. Da ist die vordergründig Abenteuergeschichte von der Jagd nach dem Jaguarhai im Mittelmeer, der Überfall einer Piratenbande und den Sturm auf deren Räuberhöhle, die zumindest bei den Actionszenen in großem Ensemble eine konventionelle Stringenz verlangt. “Kaum hat ein Regisseur Erfolg, will er natürlich bei seinem nächsten Film viel Geld ausgeben", bemerkt Bill Murray dann auch spitz. Nicht dass Wes Anderson seine Fans enttäuscht. In den Details und Zwischenspielen, selbst in den animierten Tiefseegeschöpfen funkelt Wes Andersons Ironie immer noch mit jener ungreifbaren Schärfe, die nur begreift, wer seine Haltung teilt. Das birgt letztendlich auch das Grundmotiv des Pop, die Rebellion, selbst wenn es nur eine Rebellion der Gefühle ist.
Es gibt Dinge, die muss man, nein - darf man nicht erklären. Humor zum Beispiel. Deswegen ist der Regisseur Wes Anderson auch ein wenig ungeduldig, als er an dem frostigen Wintervormittag mit den Stars seines neuen Filmes “The Life Aquatic with Steve Zissou - Die Tiefseetaucher" am Südende von Manhattan im Ritz Carlton Hotel im Hotel eintrifft, um der versammelten Weltpresse Rede und Antwort zu stehen. Er wirkt nicht besonders auffällig, trägt einen schmal geschnittenen mittelbraunen Anzug, die Haare schulterlang, eine dezent moderne Brille und sieht viel jünger aus als seine 35 Jahre. Auf alle Fälle viel zu jung für einen Regisseur, der sich schon jetzt einen Platz im Pantheon jener Filmemacher gesichert hat, deren Arbeit weit über die eigenen Werke hinaus wirkt. Und das mit nur vier Filmen - “Bottle Rocket", “Rushmore", “The Royal Tenenbaums", und nun eben mit “Die Tiefseetaucher", in dem Bill Murray den Ozeanologen Steve Zissou spielt, der ganz eindeutig an Jacques Cousteau erinnert.
Er könnte Zeus Funktion wahrscheinlich auch nicht erklären, wenn er wollte. Großer Humor ist längst nicht mehr, wenn man trotzdem lacht, sondern wenn man mit dem Pokerface der Ironie die Schwächen und Eitelkeiten der Menschheit entlarvt. Und eine nüchterne Analyse der Ironie verbietet sich von selbst, denn die lässt sich nicht so einfach aufschlüsseln, wie der traditionelle Humor, der nach dem geradlinigen Muster aus Situation und Pointe funktioniert. Ironie ist keine Technik, sondern eine Haltung, die Wissen und Einverständnis voraussetzt. Die lässt sich nicht mit professionellen Gagschreibern aus Hollywood konstruieren, die ganz genau wissen, wie sie im Koordinatensystem zwischen Marktforschung und bewährten Gags Lachmuskeln stimulieren können und sich dabei meist Techniken bedienen, die sich seit den Slapsticktagen von Laurel & Hardy und den Three Stooges nicht wirklich weiterentwickelt haben. Das funktioniert eben eher, wenn zwei Freunde beim Italiener viel zu lange sitzen bleiben und sich prinzipiell einig sind.
Diese Ironie wurzelt tief im Intellektualismus der Metropolis, der sich mit seinem Wissensvorsprung schon immer vom Rest der sonst eher provinziellen Nation absetzen musste. Noah Baumbach schließt dabei an die ganz große Tradition des kosmopolitischen Humors an. Neben seiner Filmarbeit schreibt er regelmäßig für die “Shouts & Murmurs"-Kolumne in der Wochenzeitschrift New Yorker. Die Kolumne wurde von dem Kritiker Alexander Woollcott ins Leben gerufen, der in den 20er Jahren die Karriere der Marx Brothers lancierte und zusammen mit Dorothy Parker und Harpo Marx zum legendären runden Tisch im Algonquin Hotel gehörte. Heute bestreiten Namen wie Woody Allen und Steve Martin die Kolumne.
Für Murrays jüngere Fans ist der Schritt von solchen Hauruckkomödien zu “Rushmore" oder “Lost In Translation", der ihm eine Oscarnominierung eingebracht hat, eine kulturelle Grätsche, die sich nicht ganz nachvollziehen können. Murray lässt diese Art von Humorkritik allerdings nicht gelten. Als ihn einer der Journalisten fragt, ob er denn auch wieder mal eine von seinen “trotteligen Filmen" drehen würde, starrt ihn Murray mit steinerner Miene so lange an, bis die versammelte Journalistenschar in brüllendes Gelächter ausbricht, um den frechen Frager dann in seine Schranken zu verweisen: “Meinten Sie vielleicht ’dumme Komödien'? Ihr ’trottelig' ist wahrscheinlich mein ’albern'. Aber wenn etwas lustig ist, ist es eben lustig, und ich sage Ihnen, es reicht beileibe nicht, albern zu sein, um einen albernen Film zu drehen, man muss sogar sehr intelligent sein, um einen albernen Film so zu inszenieren, dass er auch lustig ist."
Die Fallbeispiele finden sich inzwischen in allen Genres und Sparten. Zeitschriften wie The Onion und Vice Magazine gehören da genauso dazu, wie die ironischen Literaten im Dunstkreis von Dave Eggers Vierteljahresanthologie McSweeney's, die ironische Popmusik von Ben Folds, Outkast und den Scissor Sisters.
"Ironie tyrannisiert uns", schrieb der Schriftsteller David Foster Wallache 1993 in seinem Essay "E Unibus Pluram". Sie sei letztlich unbefriedigend, weil sie immer und andauernd sämtliche Möglichkeiten offen hielte. Sechs Jahre später lieferte Jedediah Purdy mit seinem Buch "Common Things" (das auf Deutsch unter dem Titel "Elend der Ironie erschien) eine Art Manifest der postironischen Ära. Ähnlich wie Wallace geißelte er die Ironie als Flucht aus der Verantwortung. Wer sich in den Sarkasmus rette, sei zu keiner Leidenschaft, und somit eigentlich auch nicht zum wahren Leben fähig. Das ersticke letztendlich auch die kreativen Impulse. Die dreifachen Ironiebrechungen der Retrokulturen schöpften ausschließlich aus den Ideen der Vergangenheit, drückten sich auf jedem Gebiet um klare Aussagen und mit jeder Modewelle erstarrten die zitatreichen Plünderzüge immer schneller zur ironischen Pose.
Natürlich reicht Haltung alleine nicht aus, um einen wirklich guten Film zu drehen, dazu gehört auch eine Portion handwerklicher Finesse. Aber auch da haben sich mit Wes Anderson und Bill Murray zwei kongeniale Köpfe getroffen. “Den richtigen Moment zu treffen ist sicherlich die hohe Kunst jedes Komikers", beschreibt Bill Murray diese Technik. “Aber ein wirklich guter Komiker spielt mit dieser Treffsicherheit wie ein Jazzmusiker, der ja auch erst seinen Groove findet, den er dann anschiebt oder verzögert, um damit bestimmte Passagen zu betonen." Das ist genau die Qualität, für die Cineasten Bill Murray eben auch in Filmen wie “Ich glaub' mich knutscht ein Elch" bewundern. Und genau diesen Mut, einen Dialog oder eine Szene so um eine Pointe herum zu konstruieren, dass die Pointe an sich eigentlich verloren geht, hat Wes Anderson so weit getrieben, dass es so gut wie unmöglich wäre, in seinen Filmen jene Lacher aus der Konserve einzuspielen, die in der Tradition amerikanischer Fernsehkomödien die selbe Funktion einnehmen, wie der Tusch bei einer Karnevalsrede. Andersons Pointen haben keine Spitzen, sondern eine diffuse Humordramaturgie, die den Zuschauer die Lacher nicht aufzwingt.
“Wes Andersons Charaktere haben keine Kontrollmechanismen", erklärt Bill Murray diese Faszination. “Nehmen wir Steve Zissou, der überhaupt kein Gespür dafür hat, ob er sich schlecht benimmt oder nur ehrlich ist. Alle Emotionen werden sofort kommuniziert. Im wahren Leben kann man sich das ja nicht allzu oft erlauben. Da sollte man sich ja doch an die Grundregeln des Anstands und gegenseitigen Respekts halten. Im Kino haben wir dafür einfach keine Zeit." Das klingt schon fast wie ein neues Manifest. Eines, das die Fans von Wes Anderson, von Sofia Coppola, den Literaten um Dave Eggers, der Rockgruppe Bright Eyes oder dem Folksänger Adam Green ohne zu zögern unterzeichnen würden. Das aber ist keine intellektuelle Minderheit, sondern eine ganze Generation.
Zurück zum Inhalt