Doch während die religiösen Fanatiker nun frohlocken, der Präsident habe sein Mandat von Gott persönlich erhalten, um mit den Steuern, dem Sozialstaat und dem Terror alles Übel aus der Welt zu schaffen, quält die Verschwörungstheoretiker der Verdacht, dass es auch diesmal nicht mit rechten Dingen zugegangen sein kann. Dahinter, da sind sie sicher, kann nur eine sehr weltliche Macht der Finsternis stecken - George W. Bushs Berater und Stratege Karl Rove, der seit seiner Zeit bei der Studentenorganisation der Republikanischen Partei noch jede Wahl mit brillanten, wenn auch umstrittenen Winkelzügen gewonnen hat. Beweisen lässt sich das alles zwar nicht, doch im Gegensatz zu den Kreuzzüglern wähnen die notorischen Zweifler keine ominösen Worte Gottes, sondern knallharte Fakten auf ihrer Seite, und die scheinen all jene zu bestätigen, die das Internet in diesen Tagen mit einer Flut von Zahlen und Anekdoten überschwemmen, die von New York bis San Francisco den Smalltalk und die Dinnerparties der Linken bestimmen.
Da sind zunächst einmal die auffälligen Diskrepanzen zwischen den endgültigen Wahlergebnissen und den so genannten Exit Polls, Hochrechnungen, mit denen in Ländern wie Deutschland bis auf den Bruchteil eines Prozents genau sind und mit denen der offizielle Wahlausgang ermittelt wird. In den USA lässt man sie jedoch nur für erste Trendmeldungen gelten. Am Nachmittag des Wahltages hatten die Exit Polls die Demokraten im Lande trotzdem in Hochstimmung versetzt. Sämtliche Kalkulationen sprachen für einen deutlichen Sieg John Kerrys.
Die berüchtigten Politblogs, unzensierte Webmagazine, deren Redaktionen oft nur aus einem einzigen Autor bestehen, veröffentlichten noch in der Wahlnacht die ersten Indizien für einen groß angelegten Wahlbetrug. Kerry hätte nach den Hochrechnungen die beiden alles entscheidenden Bundesstaaten Florida und Ohio gewinnen müssen. So hätten in Florida in mehreren Landkreisen, in denen sich eine Mehrzahl der Wähler für die Vorwahl der Demokraten angemeldet hatte, Bush mit verdächtigen Vorsprüngen gewonnen hatte. Vor allem in Wahlkreisen, die neue Wahlcomputer verwendet hatten, sei es zu solchen Diskrepanzen gekommen. Dieses Phänomen wurde landesweit beobachtet. Die liberale Nachrichtenwebseite Raw News meldete, dass die größten Diskrepanzen zwischen Exit Polls und Wahlergebnis in genau jenen dreißig Staaten verzeichnet wurden, in denen erstmals elektronisch gewählt wurde.
Diesen Verdacht untermauerten die Blogger mit einem Brief des CEO der Firma Diebold Incorporated Walden O'Dell, dessen Inhalt die Zeitung Cleveland Plain Dealer in Ohio am 28. August 2003 veröffentlicht hatte. Die Firma Diebold richtete einen Grossteil der neuen Papierlosen Wahlcomputer ein. O'Dell hatte aber nach einem Wahlkampftreffen reicher Republikaner auf George W. Bushs Ranch in Crawford Texas eine Einladung an reiche Bürger von Ohio geschickt, in der er sie nicht nur zu einer Parteispendenparty in seine Villa einlud, sondern auch erklärte, er sei “fest dazu entschlossen, Ohio zu helfen, dem Präsidenten seine Wahlmännerstimmen zu liefern".
Umstritten waren die neuen Wahlcomputer schon lange. Wählerorganisationen im ganzen Land vermeldeten deswegen auch Tausende von Beschwerdeanrufen, dass Wahlmaschinen versagt hatten. Aus dem Bezirk Franklin County in den Vororten von Columbus, Ohio meldete die Nachrichtenagentur Associated Press, dass Bush dort mit 4258 gegen 260 Stimmen gegen Kerry gewonnen hatte. Pikantes Detail - nur 638 Wähler hatten dort ihre Stimme abgegeben. Schuld daran hatte allerdings veraltete Touchscreenwahlcomputer der Firma Danaher Controls.
Der Journalist Greg Palast, der die Wahlbetrugsfälle in Florida vor vier Jahren untersucht hatte, stellte in seinem Artikel “Kerry Won" die Rechnung auf, dass eine endgültige Auszählung in Ohio, die auch die 92.672 Stimmen mitrechne, die wegen technischer Defekte von Wahlmaschinen nicht gezählt wurden, sowie die 155.000 neu eingeführter Ersatzwahlzettel, den endgültig registrierten Vorsprung Bushs von 136.000 Stimmen wieder aufgeholt hätten, weil die überwiegende Mehrheit dieser nichtgezählten Stimmen für Kerry gewesen seien.
Das sind Einzelfälle, Spekulationen, teils auch Falschmeldungen. So hat der Washingtonkorrespondent der Wochenzeitung The Nation David Corn Greg Palasts Rechnungen widerlegt. Das wissenschaftliche Caltech/MIT Voting Technology Project erteilte den neuen Wahlcomputern zwar nur die Note B, hielt die digitale Stimmzählung jedoch für prinzipiell zuverlässig. Die Webseite Raw News hat den journalistisch korrekten Schritt getan, den ehemaligen Mathematikprofessor des Massachusetts Institute of Technology David Anick mit einer genauen Untersuchung der Ergebnisse in 16 Bundesstaaten zu beauftragen. Der kam zwar zu dem Schluss, dass die Wahrscheinlichkeit, dass Bush zwischen den Hochrechnungen von 16:00 und dem endgültigen Ergebnis einen durchschnittlichen Stimmengewinn von 4,5 Prozent verbuchen konnte bei 0.002 Prozent läge. Allerdings gebe es keine direkten Hinweise darauf, dass sich die Diskrepanzen in den Staaten mit papierlosen Wahlcomputern konzentriert hätten. Anick nannte als vier möglich Ursachen für die Diskrepanzen die Weigerung republikanischer Wähler, an den Befragungen teilzunehmen, auf denen die Hochrechnungen beruhen, Fehler in der demografischen Einschätzung bei den Erhebungen der Hochrechnungen, ein massiver Anstieg von Bushwählern nach 16:00 und die systematische Manipulation und Verfälschung von Stimmenauszählungen.
Anekdotische Beweislage nennt man in der amerikanischen Rechtssprechung so eine Massierung von Verdachtsmomenten, die in ihrer Summe kein schlüssiges Gesamtbild ergeben. Das hält in keinem Prozess. Doch nicht nur Verschwörungstheoretiker und linke Demagogen bezweifeln Bushs neuerlichen Wahlsieg. Warum sollten Sie ihm auch glauben? Kaum eine amerikanische Regierung hat so viele Angstphantasien der Linken bestätigt. Steuergeschenke für die Supperreichen? Gefälligkeiten für korrupte Konzernchefs? Radikale Privatisierung des Staates und Abbau des Sozialwesens? Infame Lügen als Begründung für einen kostspieligen Krieg? Der Abbau der Bürgerrechte unter dem Denkmantel der Terrorbekämpfung? Die Legalisierung der Folter? Die Liste der politischen Sünden Bushs ist lang. Und alles begann mit Florida 2000. Sind da Theorien von einem erneuten, wenn auch um ein Vielfaches geschickter und größer angelegten Wahlbetruges nicht berechtigt?
Doch die Verschwörungstheoretiker können so lange Zahlenkolonnen aufstellen und Tabellen auf dem Internet veröffentlichen, wie sie wollen, an der Tatsache, dass George W. Bush noch einmal für vier Jahre im Amt bleibt werden sie nichts ändern. Es hört ihnen ja auch kaum jemand zu. Die etablierten Medien suhlen sich dieser Tage in den epischen Schlachtenbildern und der Stahlgewitterprosa aus Falluja. Die Partei der Demokraten wird sich hüten, ihre Wahlchancen für 2008 mit einem aussichtslosen Versuch das Wahlergebnis anzufechten schon jetzt zu gefährden. Nur ein paar Basisorganisationen wagen vorsichtig, den Verdachtsmomenten nachzugehen. Moven.org sammelt derzeit Fallbeispiele, um damit eventuell eine Untersuchung durch den Kongress zu erzwingen. Die Gruppe Blackboxvoting.org hat einen Antrag gestellt, die Logdateien sämtlicher Wahlcomputer einzusehen.
Was bleibt ist der Nährboden für wild wuchernde Verschwörungstheorien, die im Kanon der amerikanischen Popmythen bald schon einen Platz neben all den Vermutungen finden werden, dass Elvis noch lebt, die Mondlandung in einem Hollywoodstudio und die Anschläge des 11. September gemeinsam von den Familienklans der Bushs und Saudis inszeniert wurden. Kein guter Ort, um sich von dort Gehör zu verschaffen.
New York 14.11. '04 - Verschwörungstheoretiker und religiöse Fanatiker haben so einiges gemeinsam. Sie glauben zum Beispiel, eine Wahrheit gepachtet zu haben, die auf einer andauernden Bedrohung durch das Böse beruht. Ganz egal aber, ob die Mächte der Finsternis in Gestalt von sonnenbebrillten Geheimagenten, schwarzen Hubschraubern oder flammenspeienden Höllenhunden über uns herfallen sollen, kaum ein Politiker der Moderne hat in den Lagern des frei wuchernden Irrationalismus so viele Kräfte freigesetzt, wie George W. Bush. Nach seinem Wahlsieg, mehr denn je.
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