DIE KATHARSIS VON OHIO

In der Wahlnacht 2004 übten sich
die amerikanischen Fernsehsender in Vorsicht.

© Andrian Kreye

New York 03.11. '04 - Der erste Sieger des Abends war der Konjunktiv. Eigentlich passt der unentschiedene Modus der Zögerer und Juristen nicht zum selbstsicheren Ton der amerikanischen Alltagssprache. Doch die Sender wanden sich um ihre Prognosen mit umständlichen Ermahnungen, doch bitte bloß nicht zu glauben, dies seien schon gültige Ergebnisse. Umständlich erklärten die Moderatoren jeden einzelnen Schritt ihrer Erhebungen. NBC-Sprecher Tom Brokaw versicherte immer wieder, diesmal werde man keine Ergebnisse verkünden, bis das letzte Wahllokal im jeweiligen Staat geschlossen habe. CBS versah jedes Ergebnis mit dem warnenden Adjektiv “prognostiziert". Nur Ted Kennedy sprach auf CNN schon um viertel nach Sieben mit der Souveränität eines Siegers über eine strahlende Zukunft unter Präsident Kerry, bis ihn Chefkorrespondent Wolf Blitzer mit einem vorwurfsvollen “Herr Senator, noch hat er nicht gewonnen" ausbremste.

Die Moderatoren trugen sogar lilafarbene Krawatten - das sollte frei nach dem Farbschema der amerikanischen Wahlkarten zwischen dem Rot der Republikaner und dem Blau der Demokraten sanfte Neutralität vermitteln. Sonst blieben persönliche Regungen unterdrückt. CBS-Sprecher Dan Rather ermahnte seine Zuschauer zwar kurz vor Schließung der Wahllokale: “Solange unsere Soldaten im Irak kämpfen können, werden Sie es wohl noch bis zum Wahllokal schaffen." Doch selbst in den sonst in den kämpferischen Studios von Fox News und MSNBC blieb herrschte gedämpft sachliche Stimmung.

Das Trauma des Wahldebakels von Florida 2000 saß tief, schließlich hatten die Fernsehsender die Lawine der Ereignisse losgetreten. Der Fernsehsender NBC hatte damals um viertel vor acht Al Gore verfrüht zum Sieger des Staates Florida und damit zum Wahlsieger erklärt. Widersprüchliche Meldungen des Wahlinstitutes Voter News Service stürzten die Sender danach in heillose Verwirrung, bis der rechtskonservative Kabelnachrichtensender FOX News gegen viertel nach zwei Uhr morgens Bush zum Sieger erklärten. Panisch zogen die großen Nachrichtenredaktionen nach.

Schuldige waren schnell gefunden. Der Konkurrenzkampf der Sender, Ergebnisse als Erster zu verkünden. Der unpräzise Voter News Service, der von den Tageszeitungen, großen Fernsehsendern und der Nachrichtenagentur AP getragen wurde. Pikantes Detail des Wahldebakels - der verantwortliche Redakteur, der bei Fox entschieden hatte, einen Wahlsieg der Republikaner zu verkünden, war John Ellis, ein Vetter ersten Grades von George W. Bush.

Diesmal sollte alles ganz präzise analysiert werden. Den Voter News Service hatte man schon im Januar 2003 aufgelöst. Fox News setzte ein vierköpfiges Entscheidungsgremium ein. Zwar benutzten die Sender vorläufige Umfragen auch dieses Jahr, doch wegen der gebotenen Vorsicht hielten sie sich bei den entscheidenden Bundesstaaten Ohio, Pennsylvania und Florida bis in die Nacht hinein zurück. Gewagte Prognosen veröffentlichten diesmal die politischen Webseiten. Die mussten ihre Voraussage vom Nachmittag, Kerry werde mit einem Erdrutschsieg gewinnen, schon bald zurücknehmen. Selbst als CNN gegen halb neun Uhr 55 Prozent aller Stimmen in Florida George W. Bush zuschrieb, erklärten die Sender der Kampf um den Skandalstat sei noch nicht entschieden. Als Bush mit 171 vor Kerrys 112 Wahlmännern im Gesamtergebnis schon eindeutig vorne lag, beschwichtigten sich die Kommentatoren noch gegenseitig, auf keinen Fall zu vorzeitigen Schlüssen zu kommen.

Einzig die Satiriker der “Daily Show" auf dem Kabelsender Comedy Central verstiegen sich zu einer deutlichen Aussage. Sie nannten ihre Wahlsondersendung um zehn Uhr “Auftakt einer Nachzählung". Ansonsten blieb das geflügelte Wort auf allen Kanälen: “Können wir nicht sagen, bevor alle Stimmen ausgezählt sind." Tom Brokaw, der auf NBC 2000 das verfrühte Ergebnis verkündet hatte, bremste die ersten klaren Ergebnisse aus Florida kurz vor Mitternacht: “Da haben wir uns schon einmal die Finger verbrannt. Diesmal gilt nur ein eindeutiges Ergebnis."

Um zehn Minuten nach Mitternacht schien es soweit. Florida geht eindeutig an Bush, meldete NBC. Plötzlich klangen die Nachrichtensprecher und Kommentatoren ganz entspannt. Das Trauma war überstanden. Erst zwei Stunden später kam wieder Spannung in die Fernsehstudios. Da trat Kerrys Vizekandidat John Edwards vor die Kameras. “Jede Stimme zählt und wir werden dafür sorgen, dass jede Stimme gezählt wird", verkündete er. Ohio wird nicht aufgegeben! Fieberhaft schoben die Analysten nun Zahlen über ihre Wahlkarten. Filzststifte wurden gezückt, Additionen auf abwaschbare Tafeln geschmiert. Dann - Michigan und Hawaii an Kerry.

Nun war der unsichere Ausgang mit einem Mal kein Trauma mehr, sondern eine Herausforderung. Als sich die Nachrichtensprecher ganz offiziell von der Hoffnung verabschiedeten, noch in dieser Nacht ein klares Ergebnis zu vermelden, blieb NBC beim Sieg von Bush, CNN hielt sich weiter bedeckt. Wenigstens lag der Fall genau umgekehrt wie vor vier Jahren. Auch wenn die Mehrheit der Wahlmänner umstritten war, hatte Bush die Mehrheit der Gesamtstimmen erhalten. Somit schien das neue Debakel zumindest ein fairer Kampf. Langsam schob sich gegen vier Uhr morgens hinter dem Schaufenster des CNN-Studios am New Yorker Times Square ein Müllwagen ins Bild, der seine frühmorgendliche Runde begann. Livebilder zeigten Aufräumarbeiten im Hauptquartier von Kerry in Boston, feiernde Republikaner im Reagan Center in Washington. Als die Fernsehnation am nächsten Morgen erwachte, hatten die Sender ganz schuldfrei ihre große Story. Mit einer bunten Bauchbinde verkündete CNN - Bush 254, Kerry 252 der zum Sieg nötigen 270 Wahlmänner. Die Frühstücksfernsehsprecher kolportierten feixend, was viele Bürger verschlafen hatten. Ein sensationeller Zweikampf bahne sich da an. Doch auch der war um kurz nach elf Uhr morgens vorüber.





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