Das war natürlich bevor Bloomberg und Pataki vor vier Wochen Larry Silverstein ein Ultimatum setzten und ihm einen großen Teil der Kontrolle über das Areal entzogen, womit sie ihre eigene Untätigkeit politisch brillant kaschierten. Und es war bevor sich vor drei Wochen herausstellte, dass die Gedenkstätte mit den zwei Wasserbecken auf den Grundflächen der eingestürzten Türme über eine Milliarde Dollar kosten wird und die Stiftung bisher lediglich 130 Millionen Spenden sammeln konnte. Nun ist Larry Silverstein der erste, der im New Yorker Sumpf aus Machtkämpfen und lähmender Untätigkeit wenigstens eines der vielen Versprechen zum Wiederaufbau wahr machte. Silverstein blieb in seiner Ansprache bescheiden. So bescheiden, wie ein Milliardenschwerer Baulöwe mit der Aura eines altmodischen New Yorker Paten eben sein kann. Aber das Gebäude Nummer Sieben ist ja Triumph genug. Der von Silversteins Hausarchitekt David Childs gestaltete Monolith aus verspiegeltem Glas thront über dem Nordrand der sechs Hektar großen Baugrube von Ground Zero wie ein Stück Kulisse aus dem neuen Superman-Film.
Das Gebäude erinnert nicht von ungefähr an die jüngste Version des Freedom Towers. Das Gebäude ruht auf einem Betonsockel, der von unregelmäßigen Metallpanelen verdeckt wird. Die Fassade besteht aus verspiegelten Glasplatten, deren Farbnuancen ein Streifenmuster ergeben, das von einer ebenfalls verspiegelten Gitterstruktur gekrönt wird. So könnte das World Trade Center Nummer Denver, Dallas oder Minneapolis stehen, was ja Childs Stärken entspricht - Kundenfreundlichkeit und Konsens. Einzig die Verspiegelung setzt den Turm vom gläsernen Einerlei in der Skyline des Bankenviertel ab, weil die Wolkenmuster, die sich im Glas abzeichen den Eindruck erwecken, als verliere sich der Turm fast unsichtbar im Atlantikhimmel über Manhattan.
Und damit sich auch die Nachbarn freuen, gab es noch ein Lunchkonzert. Sieben Lokalgrößen traten auf. Darunter auch der notorisch schlechtgelaunte Lou Reed, der seinen Klassiker “Perfect Day" so traurig sang, als sei es in Wahrheit sein letzter, gefolgt von dem Stoßseufzer “Immobiliengeschäfte in New York - Oh Mann" und seinem Song “Sweet Jane", den er für eine zornige Schimpftirade gegen den Präsidentschaftsanwärter unterbracht. Seine Auftritte als polternder New-York-Liberaler wirken bei Reed inzwischen so routiniert, wie Neil Youngs bandscheibengeschädigten Protestposen oder der professionellen Grant einer betagten Müncher Bierhallenbedinung. Seltsam wirkt das nur, wenn Lou Reed vor einem überdimensionalen Transparent der Silverstein Properties auftritt, weil das die berechtigte Frage aufwirft, warum Herr Reed denn für den mächtigsten Baulöwen der Stadt auftritt, wenn er ihn dann als Klassenfeind beschimpft. Etwas friedlicher war dagegen Suzanne Vega, die einen neuen, herzzereissend sentimentalen Song namens “New York is a Woman" vorspielte, den sie erst am Vortag komponiert hatte.
New York 25.05. '06 -
Im schier endlosen Streit um die Wiederbebauung von Ground Zero ging der letzte Punkt an den viel gescholtenen Pächter Larry Silverstein. Der weihte am Dienstagvormittag das erste wieder aufgebaute Gebäude ein - World Trade Center Nummer Sieben. Silverstein konnte sich den Triumph kaum verkneifen, als er die blaue Banderole durchtrennte. Und weil rund um Ground Zero Bedeutung und Gewicht jeder Geste um ein vielfaches verstärkt werden, wirkten die Gesten, die an diesem Vormittag nicht gemacht wurden, fast genauso stark. Es war jedenfalls sehr auffällig, dass all die Politiker, die sich bei der Grundsteinlegung für Santiago Calatravas Nahverkehrsbahnhof vor einem halben Jahr noch um Redezeit drängelten diese Woche fehlten - Hillary Clinton und Bürgermeister Bloomberg, Gouverneur Pataki und die Minister aus Washington. Die hatten damals im September unter einem ähnlich azurblauen Himmel noch viele Worte über die historische Bedeutung des Wiederaufbaues gefunden, und dass ein starkes New York auch ein starkes Amerika bedeute.
52 Stockwerke ist das World Trade Center Nummer Sieben hoch. Fünf Stockwerke höher, als das urpsrüngliche Gebäude, das am Abend des 11. Septembers einstürzte, und um das sich bis heute unzählige Verschwörungstheorien ranken, weil dort bis 911 Büros des CIA, des Secret Service, des Pentagon, der Einwanderungsbehörde, des Finanzamtes sowie die Kommandozentrale für Katastropheneinsätze des Bürgermeisters untergebracht waren. Der neue Turm gibt sich dagegen freundlich - World Trade Center Nummer Sieben bekam das erste "Green Tower"-Zertifikat der Stadt New ork, was bescheinigt, dass das Gebäude energeisparend, umwelt- und menschenfreundlich gebaut wurde. Die Büroflächen belaufen sich auf 158.000 Quadratmeter, von denen allerdings erst zwanzig Prozent vermietet sind.
Um sich mit den New Yorkern gut zu stellen und die städtischen Auflagen zu erfüllen, einen bestimmten Prozentsatz des Baubudgets für Kunst auszugeben, schenkte Larry Silverstein der Stadt an diesem Vormittag dann noch drei Skulpturen. In der Lobby hängt hinter kugelsicherem Glas ein Leuchtschriftenband von Jenny Holzer, das sie mit Texten über New York gefüttert hat. Die von dem New Yorker Künstler gestalteten Metallpanele über der Lobby und Sockelfassade werden Abends und Nachts zudem von einer Lichtinstallation bespielt. Ein gutes Beispiel dafür, dass auch Kunst am Bau gelingen kann, enthüllte jedoch der New Yorker Popkünstler Jeff Koons. Eine rubinrote Version seiner “Balloon Flowers" aus spiegelnden Stahl, wie sie in blau auf dem Potsdamer Platz und in Magenta in Dallas stehen, bildet fortan den Blickfang vor dem World Trade Center Nummer Sieben.
Bis zum Jahr 2012 soll Ground Zero vollends wieder aufgebaut sein, versprach Silverstein. Das größte Problem wird nun erst einmal sein, die bedeutungsschwangeren Büroflächen zu vermieten, denn zwanzig Prozent Belegung sind bei einer Gebäudeeröffnung in Manhattan eine regelrechte Pleite. Bedeutungsschwangere Pointe des World Trade Center Nummer Sieben - einer der ersten Mieter ist der chinesische Baulöwe Feng Lun. Der will in den obersten fünf Stockwerken ein “China Center" für Wirtschaft und Kultur einrichten. So viel zur Lage der Weltwirtschaft.
Video von der
Eröffnungszeremonie
History Channel über den
Einsturz des World Trade Centers Nummer 7
Video mit der
Verschwörungstheorie zum Einsturz
Filmtrailer Oliver Stones
"World Trade Center"
Filmtrailer
"Superman Returns"
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