CHAMPIONS DER MASSEN

Die Opernstars Domingo, Netrebko
und Villazón singen für die WM

© Andrian Kreye


New York 28.02. 06 - Nach der Presskonferenz der drei Opernstars, die am Vorabend des WM-Finale vor 70.000 Menschen auf der Berliner Waldbühne ein Konzert geben werden, ist man zunächst versucht, sich ausführlich über die mädchenhaft geschürzten Lippen von Anna Netrebko, die blitzenden Augen von Rolando Villazón und den souveränen Charme von Plácido Domingo auszulassen. Das mag einerseits der verkehrte Ansatz sein, um sich Gedanken über Opernsänger zu machen, auf der anderen Seite kann man sich so wahrscheinlich am ehesten einer Antwort auf die Frage annähern, warum beim Hauptereignis des American Football die Rolling Stones auftreten und bei der Fußball-WM drei Opernsänger.

Aus den Stars selbst war an diesem Nachmittag in dem plüschigen Nebenraum der New Yorker Metropolitan Opera nicht viel herauszuholen. Domingo und Villazón flüchteten sich in jene Sorte gegenseitiger Bewunderungen, mit denen sich sonst Filmstars und Regisseure um klare Aussagen drücken, und die Netrebko schürzte ihre Lippen bei komplizierten Fragen einfach noch ein bisschen barocker. Die drei wollten nicht einmal das Programm für diesen 7. Juli verraten, das wahrscheinlich noch gar nicht steht. Was allerdings nur ein weiterer Beleg für die neue Relevanz der Oper als populäre Unterhaltung wäre. In Anlehnung an eine alte Hollywoodweisheit über Stars, denen die Welt zu Füßen liegt: Netrebko, Villazón und Domingo könnten wahrscheinlich auch das Berliner Telefonbuch vorsingen und würden die Waldbühne trotzdem ausverkaufen.

Warum der Oper in den letzten Jahren der Sprung in eine Popularität gelungen ist, die sie seit den Tagen von Enrico Caruso und Maria Callas nicht mehr genossen hat, weiß wahrscheinlich keiner so gut wie Plácido Domingo, der an diesem Sprung entscheidend beteiligt war. Abseits der Fernsehmikros ist er dann auch bereit, wenigstens kurz darüber zu reflektieren.

Ja, sagt er, die Oper und der klassische Gesang erlebten eine ganz neue Popularität und das sei ja vor allem für die Sänger eine Herausforderung. “Wir mussten auch erst einmal lernen, wie man ein Publikum durch einen populären Liederabend führt. In einer Oper ist der emotionale Spannungsbogen ja vorgegeben. Mit einzelnen Liedern und Arien muss man sein Publikum in viel kürzerer Zeit packen und dann durch den Abend führen." Dann aber könne man mit solchen Konzerten ein ganz neues Publikum erreichen und diese Popularität biete ja ganz neue Möglichkeit.

Dass der wahre Grund dieser neuen Relevanz natürlich der phänomenale Erfolg der drei Tenöre ist, verschweigt er aus höflicher Bescheidenheit. Am 7. Juli wird es auf den Tag genau 16 Jahre her sein, dass Plácido Domingo, Luciano Pavarotti und José Carreras kurz vor dem Endspiel des WM-Finales in Italien ihr Debutkonzert als die Drei Tenöre gaben. Sie waren die ersten, die bereit dazu waren und es auch wagten, ihre Gesangskunst vor Stadionmikrofonen in den Dienst von emotionalen Spannungsbögen zu stellen, die mit drei bis fünf Minuten genau der Dynamik entsprechen, mit der Popmusik schon seit den Tagen der Tin Pan Alley die Massen in ihren Bann zieht.

Das alleine würde natürlich nicht ausreichen, um gleich ganze Stadien mit einem ihren ersten Erfolg teils Programm aus Stücken zu füllen, die vor ein- bis zweihundert Jahren erfolgreich waren. Doch Poperfolge beruhen fast immer aus einem Zusammenspiel aus künstlerischem Talent und so genannter Star Power. Die spielt im Pop eine so große Rolle, dass selbst Künstler mit musikalisch eher mittelmäßigen Repertoires wie Madonna, Britney Spears oder 50 Cent zu Weltstars aufsteigen konnten, weil sie das Glück hatten, mit ihren Rollen als öffentliche Personen (respektive - Schlampe, Früchtchen und böser Bube) das Bedürfnis nach Figuren stillten, die für den jeweiligen Zeitgeist relevant waren.

Doch was verkörpern Stars, die eine so unmodische Seriosität ausstrahlen, wie Plácido Domingo, oder eine eher anachronistische Eiskunstlauf-Erotik, so wie das perfekt eingespielte Opernpaar Netrebko und Villazón? Die Erklärung liegt in ihren inoffiziellen Berufsbezeichnungen, schließlich handelt es sich bei den Herren um Heldentenöre und bei den Damen um Primadonnen, und genau diese traditionellen Vorbildrollen der unangreifbaren, fast übermenschlichen Stars ist in der aktuellen Medienlandschaft abhanden gekommen, in der jede noch so kleine Schwäche der Film- und Popstars über Wochen hinweg hämisch abgefeiert wird. Opernstars sind gegen solche kurzfristigen Medienströmungen alleine schon deswegen immun, weil ihre Virtuosituat für so viel Respekt sorgt, dass kaum jemand wagt, ihr Privatleben zu durchschnüffeln.

Hinzu kam die Fragmentierung des Pop in den 90er Jahren, die dazu geführt hat, dass sich in den letzten 15 Jahren mit der Ausnahme von Robbie Williams kein Popstar so weit entwickeln und lange halten konnte, dass er sich bis ins Bewusstsein eines weltweiten Publikums vorarbeiten konnte, so wie es beispielsweise die Beatles, Michael Jackson und zuletzt noch Madonna konnten. Das hat auf dem Markt für das eigentliche Massenpublikum, das weder bereit ist, sich in jeder Saison auf neue Popphänomene einzustellen, noch gewillt, sich mit der Hochkultur auseinanderzusetzen, zu einem Vakuum geführt, das in den letzten Jahren nur noch Filmschauspieler und Spitzensportler füllen konnten. Weil aber kein Medium so direkt und emotional wirken kann, wie die Musik, gab es da ein großes ungestilltes Bedürfnis.

Ein Bedürfnis, das kaum ein Genre so global gültig befriedigen kann, wie der klassische Vortrag großer Opernarien, die mit ihrem hohen Wiedererkennungswert und ihrer theatralischen Emotionalität gemeinsame Nenner schaffen, die in Rom, Berlin und New York genauso wirken, wie in Buenos Aires, Hong Kong oder dem amerikanischen Hinterland. Und weil moderne Opernsänger wie die drei Waldbühnenstars sich nicht zu fein sind, auch ein paar Musicalstandards von Leonard Bernstein und George Gershwin oder gehobene Gassenhauer wie ’O Sole Mio oder La Vie en Rose ins Repertoire aufzunehmen, werden sie dann auch in Fernsehsendungen wie “Wetten Dass" oder die “David Letterman Show" eingeladen, mit denen sie das wirklich breite Publikum erreichen.

Das kann zwar dazu führen, dass der Crossover-Tenor Andrea Bocelli in amerikanischen Plattengeschäften aus den Klassikabteilungen verschwindet und neben Barry Manilow und Barbra Streisand landet, doch es gibt keinen Grund, deswegen gleich den Ausverkauf des Opernsängerhandwerkes zu bejammern. Im Gegenteil. Die neue Pop-Relevanz der Opernstars erlaubt ihnen auch, sich wieder eine gesellschaftliche Relevanz zu erkämpfen, die aus der anachronistischen Kunstgattung für Bildungsbürger ein zeitgenössisches Genre machen könnte.

Die ersten Anzeichen dafür gibt es schon. Gleich drei Opernuraufführungen sorgten in den letzten Monaten mit politisch heiklen Themen für weltweite Aufmerksamkeit - John Adams “Doctor Atomic" an der San Francisco Opera, Tobias Pickers “An American Tragedy" an der Met und Nicholas Maws “Sophie's Choice", die Plácido Domingo diesen Sommer in der Inszenierung von Markus Bothe an die Washington National Opera bringen wird. Alle drei Opern bedienen sich zwar historischer Analogien, doch die Aussagen über aktuelle Zeitströmungen sind ganz bewusst und direkt.

Gleichzeitig nutzen die Primadonnen und Heldentenöre ihre neugewonnene Star Power, um ein breiteres Publikum an Musik heranzuführen, die sich bestimmt nicht leicht konsumieren lässt. So wird Jessye Norman im April beispielsweise eine Konzerttournee durch große europäische Konzerthäuser mit einem Programm bestreiten, das ganz ohne Verdi und Schumann aus Liedern von Mahler, Schönberg und Berlioz besteht.

Sie macht auch gar keinen Hehl aus ihrer Machtposition. In einem Interview mit mir sagte sie letzte Woche: “Als ich vor Jahren bei einem Konzert zum Geburtstat des damals noch inhaftierten Nelson Mandela zum ersten Mal vor einer Menge von mehreren zehntausend Menschen aufgetreten bin, habe ich gemerkt, dass man dort so viele Menschen bewegen kann, die sich dann vielleicht doch mal anhören, was man sonst gemacht hat."

Inzwischen gehört sie ähnlich wie Domingo, Pavarotti und Netrebko zu den Stars, die Genregrenzen längst hinter sich gelassen haben. Und das nutzt sie: “Die Leute haben Vertrauen zu mir und wissen, dass ich nur singe, was ich auch mit ganzem Herzen vertreten kann. Und natürlich ist Schönberg vielleicht nicht allen geläufig, aber ich habe mein Programm ’Between Love and Loss' genannt. Das sind Emotionen, die so allgemeingültig sind, dass ihre Wirkung auch dann nachvollziehbar ist, wenn die Form des Ausdrucks nicht die gewohnte ist." Da kann Anna Netrebko gerne noch ein Weilchen ihre Lippen schürzen.







Anna Netrebko singt Arie aus Gounods "Faust"


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