Doch “müde" ist jetzt der einzige Kommentar von Karen, einer Studentin mit sorgsam gedrehten blonden Rastalocken, die aus Wisconsin angereist ist, um bei den Protesten gegen das World Economic Forum dabei zu sein. Selbst die Anarchisten vom so genannten Black Block der amerikanischen Autonomen ziehen erschöpft und friedlich von dannen. In Seattle hatten sie die Demonstrationen 1999 innerhalb von einer halben Stunde in eine Straßenschlacht verwandelt, die drei Tage lang andauerte. In New York beschränkt sich das Ausmaß der Zerstörung auf ein gesprühtes Anarcho-A auf dem Fenster einer Starbucks-Coffee-Filiale, das in den Abendnachrichten als kläglicher Beweis für die Gewaltbereitschaft der Demonstranten herhalten muß.
Über drei Stunden lang hat die Polizei den Demonstrationszug durch die schattigen Straßenschluchten von Midtown gelenkt. Immer rund ums Waldorf Astoria Hotel, wo das Ziel des Volkszorns sitzt - die internationale Wirtschaftselite des World Economic Forum. Nicht einer der Demonstranten hat das Hotel zu Gesicht bekommen. “Frozen Zone" heißt das Sperrgebiet rund um den Tagungsort im offiziellen Sprachgebrauch. New York nutzt seine Erfahrungen vom 11. September, von innen heraus einen defensiven Belagerungszustand herzustellen. An jeder Ecke kontrollieren Posten die Passanten. In den Seitenstraßen und Passagen warten strategisch postierte Einsatzkommandos mit Helmen, Knüppeln und Gasmasken. Vergitterte Schulbusse stehen für den Abtransport von Gefangenen bereit. Barrikaden aus Beton sichern Straßensperren. Hubschrauber kreisen über der Stadt, beobachten Demonstrationszüge und Verkehrsfluß, während über den Wolken alle fünf bis zehn Minuten Minuten das gedämpfte Heulen der F-16-Abfangjäger zu hören ist.
Die paar hundert Protestler, die sich behördlich genehmigt schon um acht Uhr des Samstagmorgens auf der Park Avenue vor dem Hotel einfinden, werden auf den überbreiten Trottoirs der gegenüberliegenden Straßenseite in sorgsam abgeriegelten Arealen gehalten, die mit ihren Stahlgittern an Kaninchenlaufställe erinnerten. Das Protestgebrüll verhallt dann auch ungehört an den Glasfassaden der leeren Bankgebäude.
Niemals würde es eine amerikanische Lokalregierung allerdings wagen, eine Demonstration zu verbieten. Der geheiligte erste Verfassungszusatz, der jedem Bürger das Recht auf freie Meiungsäußerung garantiert, gilt als Kernstück der historischen Identität Amerikas. Egal ob Neonazis, religiöse Fanatiker oder Globalisierungsgegner - voller Nationalstolz verweisen Amerikaner immer wieder darauf, dass ihr Land das Recht jeder noch so zweifelhaften Gruppierung auf Öffentlichkeit auch mit Polizeischutz garantiert.
Und so wurden den Protestbewegungen aus dem ganzen Land auch diesmal ohne bürokratische Hindernisse sämtliche Genehmigungen erteilt, ihrem Zorn gegen den Wirtschaftsgipfel beim Waldorf Astoria Luft zu machen. Wie die Ortsangabe “beim Waldorf Astoria" dann auszulegen war, demonstrierte das New York Police Department mit einem Meisterstück der so genannten crowd control, die auf dem Grundsatz zu beruhen schien: “ihr bekommt das Recht auf Redefreiheit und wir sorgen dafür, dass euch keiner hört".
Der Kampf um die Öffentlichkeit hatte frühzeitig begonnen. Schon zwei Wochen vor Beginn des Wirtschaftsgipfels hatte New Yorks neuer Polizeichef Raymond Kelly die Presse ins Shea Stadium eingeladen, um die Übungen der Einsatzpolizei zu beobachten. Tagelang liefen danach die Bilder von Polizisten beim Training mit Gasmaske und Helm, meist im Gegenschnitt mit Archivmaterial von den Straßenschlachten in Seattle, Washington und Genua. Die Bilder erfüllten ihren Zweck. Angesichts der paramilitärischen Vorbereitungen auf die offensichtlich gewaltige Bedrohung duch die Protestler hatte Kelly die Stimmung der vom 11. September immer noch traumatisierten New Yorker für sich gewonnen. Der Donnerstag und Freitag des World Economic Forum verliefen dann auch weitgehend ohne Zwischenfälle. Allerdings waren die großen Demonstrationen ja auch für den Samstag geplant.
Drei Veranstaltungen waren genehmigt. Ein paar hundert kamen wie gesagt schon am frühen Morgen an die Park Avenue nicht weit vom Waldorf Astoria. Nur langsam schwoll die Menge dort auf ein paar Tausend. Die Botschaften blieben etwas wirr, reichten vom Protest gegen die Unterstützung Israels, gegen das Embargo im Irak, gegen Kriegspläne in Somalia bis zur Forderung, die linke Symbolfigur Mumia Abu Jamal freizulassen.
Das Gros versammelte sich am südlichen Central Park. Am östlichen Eck trafen sich zwischen dem Plaza Hotel und der Sendezentrale von CBS die Straßentheatergruppen und Altlinken der Organisation Another World Is Possible. Auf der Westseite formierte sich im Schatten des Trump Hotel der Marsch der etwas jüngeren Organisation Reclaim The Streets. Gegen halb eins vereinigten sich die beiden Märsche zu einer Menge von rund 20.000. Dann begann der Irrweg.
Niemand schien das Ziel zu kennen. Erst ging es nach Osten zur Park Avenue. Doch statt nach rechts Richtung Waldorf Astoria, lenkten die Polizeitruppen den Marsch nach links, dann gleich wieder nach rechts, in das verödete östliche Midtown, in dem es kaum Passanten gibt, nur Wohnsilos und ein paar Geschäfte. Dann ging es in die Lexington Avenue. Wie zum Hohn mußten sich die Demonstranten in ein schmales Spalier einreihen, das einen Sicherheitsabstand von fünf Metern zu den Schaufenstern von Gap und Bloomingdale's garantierte. Immer wieder wurde der MArsch aufgehalten, Kontingente abgetrennt, die neue Richtung scheinbar spontan festgelegt. Bei der nächsten Linkskurve auf die leere Third Avenue war die Verwirrung perfekt.
Keiner der Demonstranten wußte nun mehr, ob es wie üblich einen Endpunkt gibt. Immmer schmaler wurde der Pfad, den die Polizei freiließ. Die ersten paar hundert gaben auf. An der 46. Straße war der Marsch schließlich zu Ende. Am Kopfende hatten die Polizisten mit ihren Barrieren einen Trichter aufgebaut. Nur einzeln durften die Demonstranten dort durch, mußten sich zerstreuen. Endergebnis: bei einem Einsatz von 4000 Polizisten nur 37 Verhaftungen. Keine Verletzten, kein Schaden, kein Bruch.
In den Polizeiakademien wird der 2. Februar 2002 noch lange als Paradebeispiel für gelungene crowd control gelehrt werden. Viel wichtiger aber: den Nachrichtensendungen war der Marsch der Globalisierungsgegner nur wenige Bilder wert. In New York wurde der globale Volkszorn so zum lästigen Hintergrundgeräusch der Globalisierung reduziert.
Doch nicht New York wird an diesem Wochenende als Fanal in die Geschichte der Protestbewegung eingehen, sondern “München", wie einer der Organisatoren des International Action Center sagte, der sich als Anthony vorstellte. “In München haben sie die erste Schaufel am Grab der Demokratie ausgehoben." In New York war das an diesem Samstag der einzige Punkt, auf den sich alle Seiten einigen konnten.