* BERICHTE AUS AMERIKA

LAUTER MEILENSTEINE

Der New Yorker Jazzclub Village Vanguard feiert sein 70. Jubiläum.

© Andrian Kreye


New York 18.02. '05 - Es hat sich nicht viel verändert, seit der Jazzclub Village Vanguard vor siebzig Jahren in das Kellerlokal an der Seventh Avenue im New Yorker Greenwich Village gezogen ist. Über der roten Markise hängt immer noch das Neonschild mit dem geschwungenen Schriftzug, darunter die schmale, rot gestrichene Eingangstür, hinter der die steile Treppe zum Eingang hinunterführt. Vom winzigen Kassentisch gleich der Blick auf die keilförmige Bühne mit dem roten Samtvorhang dahinter, der schlauchförmige Raum voll kleiner, runder Cocktailtische, die Bar mit der altmodischen Registrierkasse und dem Schild der Feuerpolizei, dass nicht mehr als 123 Gäste im Club erlaubt sind, an den Wänden entlang die roten Lederbänke, darüber die Fotos all jener, die hier schon gespielt haben.

Da hängt der Pianist Bill Evans mit Vollbart, ein nachdenklicher Dexter Gordon, der junge Sonny Rollins mit seinem Adlerprofil, Rahsaan Roland Kirk mit seinem Arsenal exotischer Blasinstrumente um den Hals, und der notorisch ernsthafte John Coltrane, der hier kurz vor seinem Tod ein letztes Gastspiel gab. Hinten in der Küche, die gleichzeitig als Garderobe und Büro dient, steht immer noch der Schreibtisch, an dem Max Gordon bis zu seinem Tode 1989 die Geschäfte leitete. Über die Geschäfte gebietet heute seine Frau Lorraine, eine schmale Dame in ihren Achtzigern, der man immer noch ansieht, warum das gesamte Greenwich Village der Beatnik-Ära für sie schwärmte, auch wenn sie sich mit ihrer strengen, ungeduldigen Art den Spitznamen “Feldwebel" eingehandelt hatte.

Der Trompeter Roy Hargrove eröffnete die Festwoche zum 70. Jubiläum des Village Vanguard mit einem spektakulären Set, bei dem er bewies, dass auch mit dem traditionellen Vokabular noch längst nicht alles gesagt ist. Mit dem Pianisten Ronnie Matthews und dem Posaunisten Slide Hampton hatte er dabei zwei Veteranen an seiner Seite, die gegen die ungestüme Improvisierlust der jungen Musiker abgeklärt ruhige Akzente setzten. Das begeisterte Publikum bestand aus der ortsüblichen Mischung befreundeter Musiker, schläfriger Japantouristen und ergrauter Beatniks, von denen einige wirklich noch Baskenmützen zum schwarzen Rolli tragen. Es war ein großartiger Abend. Nun geht die Legende, dass es in dem schmalen Kellerlokal im New Yorker Greenwich Village während der letzten 70 Jahre noch keinen schlechten Auftritt gab, dass der Club eine Art Carnegie Hall des Jazz sei, in der die Akustik und der Raum eine unnachahmliche Stimmung schaffen. Da ist etwas dran, auch wenn Max Gordon nie so genau erklären konnte, warum ausgerechnet sein Club seinen legendären Status über so viele Jahrzehnte halten konnte.

Max Gordon war eines der unzähligen Kinder jüdischer Einwanderer, die im frühen 20. Jahrhundert in der Boheme des Greenwich Village ihr Utopia fanden. Er hatte sich als Lohnschreiber durchgeschlagen und gerade seinen ersten Nachtclub im Village eröffnete, als er 1935 das ehemalige Speakeasy im Keller des keilförmigen Gebäudes zwischen der 7. Avenue und der Perry Street entdeckte, das seit dem Ende der Prohibition leergestanden hatte. Jazz gehörte für Max Gordon von Anfang an zum Programm, das er in seinem Club präsentierte - Folksänger, Komiker, Dichter und linksradikale Theatergruppen. Woody Guthrie, Burl Ives und Harry Belafonte traten genauso im Vanguard auf wie Charlie Parker, Miles Davis und Coleman Hawkins. Dinah Washington und Thelonius Monk wurden hier entdeckt, doch die Legende vom Jazzmekka zementierte sich erst später, als die Musiker begannen, Liveplatten in seinem Club aufzunehmen.

Stan Getz und Sonny Rollins waren 1957 die ersten. Lauter Meilensteine entstanden auf den wenigen Quadratmetern unter der Rialto Wäscherei. Bill Evans brachte 1961 gleich vier Alben heraus, die er im Village Vanguard aufgenommen hatte. John Coltrane und Albert Ayler eroberten hier musikalisches Neuland. Dexter Gordon und Joe Henderson lancierten ihre Comebacks. Längst gilt es als eine Art Feuertaufe, eine Platte im Village Vanguard aufzunehmen. Wynton Marsalis war von der Aura des Clubs so beeindruckt, dass er vor fünf Jahren eine Box mit sieben CDs seiner Village-Vanguard-Aufnahmen herausbrachte.

Trotz der langen Jahre hat es das Village Vanguard geschafft, die museale Atmosphäre aus dem Laden herauszuhalten, die den Besuch der meisten New Yorker Jazzclubs zu einem so lähmenden Erlebnis machen. Da gibt es keinen Souvenirstand mit Kaffeetassen und Schlüsselanhängern, wie im Blue Note, es gibt auch keine Speisekarte, wie im Iridium oder im neuen Birdland, wo ein permanenter Lärmpegel klappernder Bestecke die Musik begleitet. Auch die Preise sind zivil geblieben. Während man in den meisten New Yorker Clubs für eine Stunde Musikroutine zwischen 40 und 80 Dollar bezahlt, bleibt es im Village Vanguard meist bei zwanzig. Das muss sich ein Club erstmal leisten können. Gerade zu einer Zeit, in der die galoppierenden Immobilienpreise das New Yorker Nachtleben in schwere Bedrängnis gebracht haben. Da wurde dem legendären Punkclub CBGB's gerade die Monatsmiete auf vierzigtausend Dollar erhöht, was nach 32 Jahren das Aus bedeutet. Mit dem Tonic wird demnächst die letzte Bastion des Avantgarde Jazz schließen, mit dem Fez eine der wichtigsten Bühnen für neue Talente, und mit der Luna Lounge einer der stilprägendsten Clubs der jungen New Yorker Rockszene.

Lorraine Gordon verrät die Überlebensstrategie nicht, mit der das Village Vanguard sämtlichen legendären Jazzclubs der Stadt überlebt hat - das Minton's, das Five Spot, das ursprüngliche Birdland, das Sweet Basil, erwähnt nur, dass sie die Monatsmiete bisher immer noch pünktlich bezahlt hätten. Max Gordon selbst hatte über die Jahre noch weiter Nachtclubs wie das Blue Angel, die längst geschlossen haben.

Nun versteht sich niemand so meisterhaft darauf, der Vergangenheit nachzuweinen, wie die New Yorker. Der Schriftsteller Colson Whitehead hat geschrieben, dass man erst dann ein echter New Yorker ist, wenn einem die eigene Vergangenheit in der Stadt realer und handfester erscheint wie die Gegenwart. Wenn man an jeder Ecke seufzend feststellt, was da früher mal gewesen ist. Im rasenden Zyklus der New Yorker Wandlungen bleibt das Village Vanguard deswegen bis auf weiteres eine Ausnahmeerscheinung. Eine Zeitinsel, in der sich fünfzehn Stufen abwärts genau das New York erhalten hat, das Europäer meinen, wenn sie von der kosmopolitischen Metropole am Hudson schwärmen. Das New York der Hipster, Intellektuellen und blühenden Subkulturen. Eine Stadt, die immer ein bisschen europäischer war, als Europa. Ein Stück altmodischer Utopia.





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