DAS AMERIKANISCHE TRAUMA

Der Irak-Konflikt ist nicht mit dem Vietnamkrieg
vergleichbar - dennoch bleibt Präsident Bush
im Banne der Vergangenheit .

© Andrian Kreye

Die Aussichten auf einen Guerillakrieg im Irak wecken bei amerikanischen Politikern und Militärs traumatische Erinnerungen. Das Schlagwort vom Guerillakrieg gilt im euphemistischen Politjargon Washingtons vor allem als Synonym für Vietnam. Es war nicht nur ein Fauxpas, als General John Abizaid das gefürchtete G-Wort aussprach, obwohl seine Vorgesetzten aus dem Pentagon und dem Weißen Haus diesen Begriff in den vergangenen Wochen peinlich vermieden hatten. Von Terroristen, Killern und Anschlägen war die Rede gewesen, wann immer irakische Freischärler US-Truppen angriffen. Doch General Abizaid nannte das Problem beim Namen - die amerikanischen Truppen im Irak seien mit einem “Feldzug im Guerillastil" konfrontiert und würden deswegen noch mindestens ein Jahr im Land bleiben. Man müsse von einem Krieg sprechen, nicht nur von Vorfällen.

Kein Wunder also, dass George W. Bush zu Beginn der gemeinsamen Pressekonferenz mit Tony Blair am Donnerstag eilig die Heldentaten amerikanischer Soldaten während der Berliner Blockade ins globale Gedächtnis rief. “Auch damals haben wir ausgehalten", erinnerte er. Schließlich soll die historische Gleichung ja Bagdad ist gleich Berlin ergeben, weil man doch damals das deutsche Volk nach seiner Befreiung aus der Diktatur genauso wenig alleine gelassen hat wie nun die Iraker. Auf keinen Fall soll jedenfalls der Verdacht aufkommen, Irak sei am Ende Indochina. Nicht nur wegen des Ruches, man könnte hier einen Krieg nicht ordentlich gewinnen.

Auch der Vietnamkrieg hatte mit euphemistischen Formulierungen begonnen. “Es geht nicht um das Erobern, nicht um ein Imperium, nicht um Stützpunkte in Übersee, nicht um die Beherrschung", hatte der damalige Präsident Lyndon B. Johnson 1964 die Verlegung der ersten regulären Truppen nach Südostasien erklärt. Als sich die Truppenstärken Monate später vervielfachte wiegelte er ab: “Es gibt keine sinnlose Eskalation und wird es auch niemals geben." Doch Eskalation war für diesen ersten asymmetrischen Krieg der USA die einzige Möglichkeit, Boden zu gewinnen.

Die US-Befehlshaber waren sich der Gefahren eines Guerillakrieges in Vietnam von Anfang an bewusst. Schon 1962 hatte die Operation Ranchhand begonnen, bei der die Vegetation entlang strategisch wichtiger Straßen gerodet wurde, um den Vietcong die Deckung zu nehmen. Eine Strategie, die im Verlauf des Krieges auf ganze Waldgebiete ausgedehnt wurde, die mit dem Pflanzengift Agent Orange entlaubt wurden.

Die Vietcong hatten sich allerdings auch die Maxime Mao Zedongs zu Herzen genommen, der gesagt hatte: “Die Guerilla muss sich im Volk bewegen wie ein Fisch im Wasser." So beschrieb der Analyst der amerikanischen Regierung Douglas Pike die Vorstöße der Vietcong in Südvietnam: “In ihrer Gesamtheit war das zuallererst eine soziale Revolution und erst dann ein Krieg. Der vietnamesische Landbewohner war nicht bloß Faustpfand eines Machtkampfes, sondern die wahre Schubkraft der Bewegung." Das wussten auch die Strategen im Pentagon, die daraufhin die Übergriffe gegen die Zivilbevölkerung eskalieren ließen. Bald richteten sich die chemischen Angriffe auf die Vegetation gegen Erntegebiete, die feindliche Einheiten mit Nahrungsmitteln versorgen könnten. Dörfer wurden umgesiedelt, Vorratslager vernichtet - eine Taktik, die lateinamerikanische Militärs wie der guatemaltekische Putschist Rios Montt später aufs Grausamste perfektionierten.

Heute sind diese radikalen Strategien so gut wie verdrängt. Die Effektivität von Präzisionslenkwaffen und der Aufbau der verschiedenen Special- Forces-Einheiten hat den traditionellen Bodenkampf zur Sekundärstrategie reduziert. So bewies der Golfkrieg von 1991 nicht nur, dass die USA wieder einen Krieg gewinnen konnten, sondern auch, dass sie aus den Sünden von Indochina gelernt hatten. Doch selbst wenn dieser Golfkrieg das Vietnamtrauma der Nation aus der Sicht amerikanischer Historiker erfolgreich therapiert hat, in der Hauptstadt sitzt es immer noch tief. In der allerersten Reihe, um genau zu sein. Außenminister Colin Powell ist der einzige im Kriegskabinett von George W. Bush, der die Erfahrungen von Vietnam auf dem Kriegsschauplatz gemacht hat.

Bei seinem ersten Kampfeinsatz während der Monsunregenzeit im Januar 1963 musste der damals 25-jährige Army Captain Powell von einem Hubschrauber in die schlammige Kampfzone des A-Shau-Tales abspringen. Er sollte eine 400 Mann starke Truppe der südvietnamesischen Armee beraten, die ihren nordvietnamesischen Gegnern und den lokalen Vietcong hoffnungslos unterlegen waren. Immer wieder wurden seine Einheiten von Vietcong aus dem Hinterhalt überfallen. Und Powell wurde einer der ersten amerikanischen Soldaten, die diese unbezwingbare Angst vor der ungewissen Tiefe des Dschungels am eigenen Leib erfuhren.
Powells erster Kampfeinsatz hat seine Strategien bis heute geprägt. So besagt die so genannte Powell-Doktrin, dass man den Gegner mit so überwältigender Wucht bombardieren muss, dass bei einem Vormarsch die Verluste in den eigenen Reihen auf ein Minimum reduziert werden können.

Nun lässt sich die Situation im Irak nicht einmal ansatzweise mit dem Vietnamkrieg vergleichen. Am Golf gibt es keine hochmotivierte Partisanentruppe wie den Vietcong, die von einer straff organisierten Streitmacht wie der nordvietnamesischen Armee unterstützt wird. Der Rückhalt der Saddam-Loyalisten in der Bevölkerung ist verschwindend gering. Es gibt keinen unwegsamen Dschungel, der den Kampf auf dem Land so ungleich schwerer macht, wie den in der Stadt. Glaubt man den Einschätzungen von zivilen Beobachtern, dann beschränken sich die Übergriffe auf US-Soldaten fast ausschließlich auf das so genannte Sunni-Dreieck, das im Norden von Bagdad beginnt und nur einen Bruchteil des Staatgebietes umfasst. Es gibt aber vor allem keine ideologisch feindselige Weltmacht, die den Krieg der Feinde unterstützt und keine weltweite Solidarisierung der Jugend mit den Rebellen. Und doch zählen die Lektionen von damals auch, wenn man den Einsatz nach streng militärischen Kriterien beurteilt.

Denn es geht nicht nur um die emotionalen Fußangeln. Ein Guerillakrieg verlangt auch einen ganz anderen Einsatz, als eine schlichte Polizeiaktion gegen örtliche Terroristen. Nach den gängigen Maßstäben der Wehrkunde muss eine konventionelle Armee einer Guerillatruppe im Verhältnis zehn zu eins überlegen sein, um Aussicht auf Erfolg zu haben. So enthüllte der ehemalige CIA-Analyst Sam Adams unmittelbar nach dem Vietnamkrieg, dass das Pentagon die Stärke des Gegners um ein Vielfaches heruntergespielt hatte. Statt wie angenommen einhunderttausend, kämpften zwei- bis dreihunderttausend Vietcong gegen die amerikanischen Streitkräfte. Einen jahrelangen Einsatz im Irak können sich die USA aber weder politisch, noch finanziell oder militärisch leisten.

Und wenn man den Einsatz im Irak ganz ohne politische und moralische Vorbehalte betrachtet? Der bisher kleinste gemeinsame Nenner in den Kontroversen um den Krieg im Irak scheint inzwischen die Einschätzung zu sein, dass die Anschläge vom 11. September Amerika so schwächten, dass George W. Bush in seiner Sicht gar nicht umhin kam, im Irak Stärke zu beweisen. Nach realpolitischen Gesichtspunkten macht das Sinn. Mit der erfolgreichen Entmachtung des Hussein-Regimes haben sich die USA im Nahen Osten wie im Rest der Welt einen Respekt verschafft, der sich schon jetzt als wirksames Machtmittel erweist. Doch selbst George W. Bushs Realpolitik kann den Schatten des Vietnamkrieges nicht entkommen. War es doch John F. Kennedy, der 1961 sagte: “Nun haben wir das Problem, unsere Macht glaubwürdig zu machen. Und Vietnam ist der beste Ort dafür."





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