Selbst aus den unbeholfenen Worten der Aussage, die James D. Henry den Ermittlern der Armee zu Protokoll gab, spricht das Grauen, das den damals 20jährigen erfasste, als er zum ersten Mal mit dem Zug der B Company der Infanterie über Land zog. Ein 12jähriger Junge wurde ohne Grund erschossen. Soldaten eines anderen Zuges prahlten damit, fünf Frauen erst vergewaltigt und dann getötet zu haben. Andere benutzten einen alten Mann als Zielscheibe für Schiessübungen. Dann marschierte sein Zug in einen namenlosen Weiler, in dem am Tag zuvor fünf amerikanische GIs von vietnamesischen Scharfschützen erschossen worden waren. Neunzehn Zivilisten fanden sie dort. Frauen, Kinder und einen alten Mann.
Als James D. Henry im September des Jahres in die Kaserne von Fort Hood in Texas zurückkehrte, erzählte er die Geschichte zunächst einem Anwalt der Armee. Die Untersuchung verlief im Sande. Auch die unzähligen Berichte von Vietnamveteranen, die mit der Organisation Vietnam Veterans for Peace an die Öffentlichkeit gingen, zu der auch der junge John Kerry gehörte, versickerten in den Aktenschränken des Pentagon. Ein gutes Jahr später veröffentlichte der Journalist Seymour Hersh seine Berichte über das Massaker von My Lai, bei dem ein Zug 504 Zivilisten tötete, und die Versuche der Streitkräfte, den Vorgang zu vertuschen, die den Wendepunkt im Widerstand der amerikanischen Bevölkerung gegen den Vietnamkrieg bedeutete.
Bis heute hielt sich allerdings die vorherrschende Meinung, My Lai sei ein Einzel- und Extremfall gewesen. Wie die Akten ergeben, welche die Los Angeles Times nun auswertete, muss dieses Geschichtsbild stark korrigiert werden. Alleine die Untersuchungsberichte über die B Company der Infanterie ergeben, dass die Ermittler der US Army nicht nur James D. Henrys Geschichte bestätigten. 241 Vorfälle wiesen die Ermittler damals nach, bei denen es zu “300 Gräueltaten" kam, zu denen sieben Massaker mit insgesamt mindestens 137 Toten gehörten, 78 Angriffe auf Zivilisten, sowie 141 Fälle von Folter. Weitere 500 gemeldete Fälle konnten nicht nachgewiesen werden.
Mag sein, dass die Unterkünfte an der Front heute komfortabler sind, dass die jungen Berufssoldaten heute in klimatisierten Baracken leben, die mit Flachbildfernsehern, Internet und Videospielen ausgerüstet sind, dass sie sich in den Kantinen an Buffets bedienen können, die jedem Ferienclub gerecht würden. Doch gerade das macht den Alltag an der Front heute zu einer schizophrenen Hölle, die der grünen Hölle von Vietnam in Nichts nachsteht. Denn kaum verlassen die Soldaten ihre befestigten Basiscamps, fliegen ihnen in neun von zehn Fällen Kugeln, Mörsergranaten und ferngezündete Sprengsätze um die Helme. Sie bewegen sich in einem Land, in dem ein großer Teil der Bevölkerung mit einem Widerstand zusammenarbeitet, der keine Opfer scheut, um bei den amerikanischen Besatzern so große und heftige Verluste wie möglich zu verursachen. Wer gezwungen ist, ein Jahr oder länger in einem solchen Umfeld zu existieren und wer mit ansehen muss, wie die wenigen Freunde in dieser fremden Welt in Stücke gerissen werden, bei dem zieht jene Bewusstseinstrübung auf, die im Englischen als “Fog Of War" bezeichnet wird.
Mit diesem Nebel des Krieges, diesem Trancezustand zwischen panischer Angst und blindwütiger Angriffslust, der auf dem Schlachtfeld bei allen Beteiligten zu einem Totalausfall des ethisch-moralischen Urteilsvermögens und bei Soldaten zu einer fast physischen Bewusstlosigkeit führen kann, lässt sich vieles erklären. Entschuldigen kann er nichts. Doch oft legt sich dieser Nebel über die Psyche eines ganzen Volkes. Dann kann es Generationen dauern, bis er sich wieder lichtet.
New York im August '06 - Es war rund zwei Jahre nach dem Massaker in einem kleinen Dorf in der vietnamesischen Provinz Quang Nam, als der ehemalige Armeesanitäter James D. Henry zum ersten Mal an die Öffentlichkeit trat. Im Februar 1970 erzählte er die Geschichte jenes unseligen Morgens des 8. Februar 1968 den Redakteuren des Scanlan Monthly, eines couragierten Monatsmagazines, für das der damals noch unbekannte Hunter S. Thompson schrieb und dem ein paar Monate später Präsident Nixon persönlich die Steuerfahndung auf den Hals hetzte. Am Tag der Veröffentlichung gab Henry in Kalifornien eine Pressekonferenz, nach der er prompt Besuch von Ermittlern der US Army erhielt. Doch dann wurde es still um den Fall und es sollte fast vierzig Jahre dauern bis Henrys Erinnerungen als historischer Fakt in die Geschichte des Vietnamkrieges einging. Bis zum vergangenen Wochenende, um genau zu sein, da veröffentlichte die Los Angeles Times eine Artikelserie, die auf einem tausende von Seiten dicken Aktenpaket beruht, in dem sich auch die Aussagen von James D. Henry und die anschließenden Untersuchungen finden. Tausende von Seiten, die deutlich machen, dass die Vorfälle in Quang Nam und das legendäre Massaker von My Lai in Vietnam keineswegs Einzelfälle, sondern Alltag waren.
Henry machte gerade eine Zigarettenpause, als das Kommando über Funk kam auf alles zu schießen, was sich bewegte. Als er zu seinem Kommandanten eilte, sah er, wie seine Kameraden ein neunzehnjähriges Mädchen aus einer Hütte zerrten. “Sie war nackt, deswegen vermutete ich, dass sie vergewaltigt worden war", gab Henry zu Protokoll. Die Männer warfen sie zu Boden und schossen mit automatischem Gewehrfeuer auf sie. “Es war in wenigen Sekunden vorüber. Eine ganze Menge Blut und Fleisch und Zeug flog durch die Luft, weil sie ihre M-16-Gewehre aus so kurzer Entfernung abfeuerten." Dann schossen sie auf die Frauen, Kinder und den alten Mann, die auf dem Boden kauerten.
Doch auch Vietnam war kein Einzelfall. Auf eine Nachfrage des Christian Science Monitor, ob solches Verhalten auch heute noch möglich sei, sagte der Militärexperte John Pike diese Woche: “Kriminelles Verhalten ist ein Symptom der Kriegsneurose." Dazu gehören die Folterungen von Abu Ghraib genauso wie das Massaker von Haditha oder die Übergriffe ziviler Einsatzgruppen in Afghanistan. Wer sich heute mit Soldaten unterhält, die aus dem Irak oder aus Afghanistan zurückgekehrt sind, der bekommt auch Geschichten zu hören, die sich nur geringfügig von den Geschichten der Vietnamheimkehrer unterscheiden.
Es sind meist investigative Journalisten, die solche Formen der Amnesie durchbrechen. Seymour Hersh gehört heute noch zu den großen Aufklärern seines Landes. Auf die Beweise für die Brutalitäten des Kriegsalltages in Vietnam stieß nun der unabhängige Journalist Nick Turse, der vor vier Jahren im Rahmen seiner Doktorarbeit für das Center for the History and Ethics of Public Health der New Yorker Columbia University die Akten der Vietnam War Crimes Working Group im Nationalarchiv in College Park, Maryland durchforstete. Neuntausend Seiten fand er dort. Dreitausend Seiten konnte er gemeinsam mit der Washingtonkorrespondentin der Los Angeles Times auswerten, bevor Regierungsbeamte die Akten einzogen.
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