KONSENS UM JEDEN PREIS

Sam Mendes und David Hare
bedienen mit “Vertical Hour" die
Selbstgerechtigkeit liberaler New Yorker

© Andrian Kreye


New York im Dezember '06 - Zu jeder Broadwaysaison erhebt ein Stück den Anspruch, Theatergeschichte zu schreiben, was man in den Ankündigungen meist daran erkennt, dass die Uraufführung eines ernstzunehmenden Autors mit einem Hollywoodstar besetzt wird. Das geht hin und wieder schief, so wie im Frühjahr, als Julia Roberts in Robert Greenbergs “Three Days of Rain" vor Bühnenangst fast erstarrte. Von der Weltpremiere des Stückes “Vertical Hour" von David Hare, das Sam Mendes inszenierte und in dem Julianne Moore die weibliche Hauptrolle spielt, versprach sich New York allerdings so einiges, immerhin treffen da drei Giganten der Theater- und Filmkunst aufeinander.

David Hare wurde vor drei Jahren mit seinem Drehbuch für “The Hours" für einen Oscar nominiert und war 35 Jahre lang am National Theatre in London tätig. Dort lernte er auch den Regisseur Sam Mendes kennen, der lange für die Royal Shakespeare Company inszenierte und dessen Filmdebut “American Beauty" mit gleich fünf Oscars ausgezeichnet wurde. Vor acht Jahren sorgten die beiden Briten erstmals für eine Broadwaysensation, als sie in Hares Schnitzler-Interpretation “The Blue Room" Nicole Kidman mit nacktem Hintern auftreten ließen. Statt Kidman spielt diesmal eben Julianne Moore die Hauptrolle, die schon für vier Oscars nominiert war und durch ihre Arbeit in Filmen von Robert Altman, Paul Thomas Anderson und den Coen-Brüdern als Diva des gebildeten Hollywood gilt.

Der Inhalt des Stückes ist schnell erzählt. Die ehemalige Kriegsreporterin Nadia Blye hat sich an der University of Yale eine bürgerliches Leben als Politikdozentin geschaffen, zu dem auch ihr Freund Philip Lucas gehört, einem erfolgreichen, britischen Physiotherapeuten. Mit dem besucht sie dessen Vater Oliver, einen ironischen Alt-68er, der seinen Lebensabend als Landarzt in Wales verbringt. Am langen Gartentisch diskutieren die drei Protagonisten dann viel über Familienbande und Gefühle, vor allem aber über die Politik, wobei die gesamte Bandbreite der transatlantischen Missverständnisse rund um den Irakkrieg zwischen Nadia Blye und Oliver Lucas aufgerollt wird. Es geht also um zeitgemäßen Zündstoff und gerade daran scheitert “The Vertical Hour".

Am Hollywoodstar liegt es jedefalls nicht. Julianne Moore glänzt über weiter Strecken, zumindest in den Dialogen mit dem grandiosen Bill Nighy, den man vor allem aus Nebenrollen in britischen Filmkomödien kennt, der aber auf der Bühne eine Präsens besitzt, mit der er auch die Unsicherheiten einer Filmdiva wie Julianne Moore auffangen kann. Ohne Nighy wirkt sie zwar unsicher, fast hölzern, doch es ist vor allem David Hares allzu vordergründig politischer Text, der “The Vertical Hour" scheitern lässt.

Fast zweieinhalb Stunden dauert das Stück, das ungefähr so anrührend ist, als würden einem die Schauspieler zweieinhalb Stunden lang veraltete Leitartikel vorlesen. Endlos schwadronieren die Figuren über das für und Wider der humanitären Intervention, die Unterschiede der amerikanischen und europäischen Außenpolitik in den Konflikten im ehemaligen Jugoslawien und im Nahen Osten, über die Notwendigkeit einer komparativen Analyse des Kapitalismus und über die systemimmanenten Probleme der neoliberalen Globalisierung.

Die Rollen sind dabei klar verteilt. Julianne Moore gibt mit brillanter Eiseskälte die humorlose amerikanische Neokonservative, der die Realität des Kriegsalltages die liberalen Illusionen ausgetrieben hat, während Bill Nighy mit schlagfertigen Dialogzeilen aus einem Querschnitt europäischer Argumente die liberalen Lacher auf seiner Seite hat. Da ist nicht viel Raum für Zwischentöne. Der Debattensieger steht von Anfang an fest. Als Julianne Moore nach einer halben Stunde während einer ihrer Litaneien Bill Nighy fragt “Langweile ich Sie?", ist man schon versucht, laut “Ja!" auszurufen.

Doch das New Yorker Publikum scheint sich prächtig zu amüsieren. Nicht nur das. Schon bald nach dem ersten Vorhang breitet sich im Saal dieses Wohlgefühl aus, das sich immer dann einstellt, wenn man sich unter lauter Gleichgesinnten wähnt und deswegen so richtig zu Hause fühlt, weil es noch schöner ist, gemeinsam recht zu haben. Die Methode stammt eigentlich aus der Stand-Up-Comedy und wurde von dem Fernsehkomiker Jerry Seinfeld perfektioniert. Der sucht regelmäßig Erfahrungswerte mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner und macht sich dann über sie lustig. Über die versalzenen Erdnüsse zum Beispiel, die jeder schon einmal im Flugzeug gegessen hat, oder über die Frage, wie man seinen Friseur taktvoll wechselt oder wie man mit Leuten umgeht, die einem die Freundschaft aufzwingen.

Ganz ähnlich findet sich das New Yorker Theaterpublikum in den Lamentos darüber wieder, dass George Bush Amerika mit dem Irakkrieg in ein militärisches Fiasko getrieben hat, das doch nur Zeichen für die Arroganz und Engstirnigkeit ihrer Nation ist. Weil sich die Politik so schnell entwickelt, gibt David Hare in den Dialogen sicherheitshalber immer wieder Hilfestellung und lässt die Figuren ihre Meinungsdialoge mit verbalen Fußnoten erläutern. Und damit sich die Geborgenheit der gemeinsamen Meinung auch so richtig nachempfinden lässt, läuft in den Szenepausen Bob Dylan vom Band, der sich in den letzten Monaten so erfolgreich zum Konsensbarden, Werbeträger und Broadwayclown reduziert hat, dass er damit wieder ganz hervorragend als Stimme einer Generation funktioniert, die ihre Geschichte in einen appetitlichen Aspik aus Meinungen, Ressentiments und Popklischees gepackt hat, um nur ja keinen Handlungsbedarf aufkommen zu lassen.

Damit lässt sich kein gutes Theater machen. Deswegen schimmert auch nur dann etwas von der Brillanz der prominenten Theatermacher, wenn Hares Text die familiären Generationenkonflikte herausarbeitet. Die Verbitterung des Sohnes über die selbstsüchtige Biografie des Vaters. Die erotische Spannung, die sich zwischen dem Vater und der Freundin seines Sohnes aufbaut. Die Risse, die sich in der Beziehung zwischen der Dozentin und ihrem allzu pragmatischen Geliebten auftun. Dann lösen sich die Figuren aus der bleischweren Eindimensionalität der ungelenken Rhetorik und leben einen Konfliktstoff, anstatt nur über ihn zu lamentieren.

Doch das politische Anliegen ist Hare eindeutig wichtiger. Er versucht sich ja auch nicht zum ersten Mal an der aktuellen Nachrichtenlage. Im Frühjahr wurde am Public Theater sein Stück “Stuff Happens" aufgeführt, das eine Collage aus transkribierten Pressekonferenzen, Reden und Konferenzen war, in der George W. Bush, Tony Blair, Colin Powell und Condoleezza Rice die Hauptrollen spielen. Schon damit reduzierte Hare das politische Theater auf das bloße Rezitieren von landläufigem Allgemeinwissen und modischen Meinungen. Hare hat im Kern ja durchhaus Recht. Doch ohne die Reflexion, die Überhöhung und eine kraftvolle Inszenierung wird das politische Theater zur ermüdenden Fingerübung der Rechthaberei. Mal davon abgesehen, dass eine solche affirmative Anbiederung an den Konsens des Zielpublikums weder aufregt, anrührt, geschweige denn irgendeinen neuen Gedanken anstoßen kann. Da hat man schon eher die neuen Marktforschungsmethoden im Verdacht, mit denen seit diesem Sommer am Broadway Programmpolitik gemacht wird. Denn das haben politische Rechthaberei und Marketing gemeinsam - Konsens um jeden Preis.



"The Hours"

Julianne Moore bei David Letterman



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