Gesunde Watschen

Wie die Gewerkschaft der Telekommunikationsarbeiter die New Economy mit archaischem Klassenkampfmethoden in die Knie zwingt
© Andrian Kreye



Es ist gar nicht so schwer, die New Economy und den Motor der Globalisierung einzubremsen. Die wackeren Streikposten des momentan tobenende Arbeitskampfes gegen den Betreiber fast sämtlicher Telefonanschlüsse an der amerikanischen Ostküste und neu geschaffenen Fusionskonzerns Verizon Communications, haben es vorgespielt. Wut im Bauch, Kneifzange, ein paar Genossen, die Schmiere stehen, und schon kommt die Maschinerie der Neuen Märkte mit einem kläglichen Knistern zum Erlahmen. Die durchgeklemmten Kabel, die dieser Tage in diversen New Yorker Hinterhöfen traurig aus den Verteilerkästen baumeln, sind der Beweis, dass die Cyberwelt so virtuell denn auch nicht ist.

Selbstverständlich will es niemand gewesen sein. Das Streikkommittee bezichtigt den Konzern - und umgekehrt - man wolle die momentanen Verhandlungen mit Gewalt und Tücke unnötig dramatisieren. Fest steht nur, dass die Reparaturanmeldungen mit 82.000 alleine in New York City für diesen August schon jetzt um 50.000 höher liegen, als die Beschwerden zur gleichen Zeit des letzten Monats. Eine peinliche Schlappe für eine Stadt, die sich als Herz der New Economy und Welthauptstadt der Neuen Medien versteht.

Und es trifft sie alle, die ihr Geld in der Neuen Wirtschaft verdienen. Das Fußvolk, vom deutschen Reporter, der sich aus der Hamburger Redaktion anzicken lassen muß, der Telefonstreik sei wohl eine faule Ausrede, um sich vor der Fertigstellung einer Recherche zu drücken, über den Webdesigner, der seinen Auftrag bei einem verständnislosen Westcoast-Kunden verliert, bis zum Broker des politisch korrekten Social Investment Fund, der seine Order nicht in der geforderten Sekundenschnelle plazieren kann. Denn Kommunikationsschwierigkeiten führen im Weltbild der Mediengesellschaft zu sofortiger Irritation und Verstörung.

Verzweifelte Versuche, die angebliche Freiheit eines deregulierten Marktes als Ausweg zu nutzen, schlugen fehl. Das gesamte New Yorker Telefonnetz gehört physisch nach wie vor der ehemals staatlichen Telefongesellschaft Bell Atlantic, die nun eben vor einigen Wochen in den Verizon-Konzern aufgegangen ist. Die Alternativanbieter offerieren lediglich Leitungskapazitäten des selben Netzes zu vergünstigten Preisen.

Aber auch die Herren und Damen aus den Chefetagen bekommen die Auswirkungen des Streiks zu spüren. Verizon-Aktien werden derzeit an der Börse mit spitzen Fingern herumgereicht, als hätten sie die Krätze. Und nachdem die Firma seit der Fusionsgründung den größten Telefonkonzern der USA darstellt, gehen auch die hochmodernen Telemedia-Fonds in den Keller.

Der eine oder andere so genannte innocent bystander wird wohl auch daran glauben müssen. Das Mütterlein, das dem Herztod erliegt, weil das Telefon für den Notruf nicht funktioniert. Der Hausbesitzer in den Randbezirken, der wegen der fünf Minuten, die er länger braucht, die Feuerwehr aus der Telefonzelle anzurufen, sein Gesamtvermögen verliert. Noch wurden keine tragischen Geschichten dieser Art vermeldet, aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis das Streikdrama die lokale Boulevardpresse langweilt und die Reporter ausschwärmen, um auf den Polizeirevieren und bei den Feuerwehren den menschelnden Blickwinkel zum Wirtschaftsthema zu finden.

Vor dem Hauptsitz des Verizon-Konzerns stehen sie nun schon seit Tagen und fluchen - die Gewerkschaftler der Communication Workers of America, die von den Propheten des neuen Radikalkapitalismus und Informationszeitalters längst als Anachronismen abgeschrieben wurden. Über 87.000 Verizon-Angestellte haben ihre Arbeit niedergelegt. Drei Meter Abstand müssen sie per Gerichtsbeschluß zu dem Gebäude halten, weil sie während der ersten Streiktage Chefs und Streikbrecher nicht nur mit Flüchen, sondern auch mit einem Regen aus Steinen, Dosen und verfaulten Früchten bedachten. Alleine während der ersten drei Streiktage wurden 455 Strafanzeigen bei Polizeirevieren in den 12 bestreikten Bundesstaaten von Maine bis Virginia gestellt, die von Belästigung über Sachbeschädigung bis zu tätlichem Angriff reichen.

Dabei geht es noch gar nicht um klassenfeindliche Grausamkeiten wie Massenentlassungen oder Arbeitszeitverkürzung. Die Streitparteien kämpfen gegen unangenehme Überstundenregelungen, die Anstellung nicht organisierter Arbeitskräfte im Internetbereich, und um eine innerbetriebliche Feinheit. Nachdem Bell Atlantic mit dem Billiganbieter GTE zu Verizon fusioniert ist, wollen die neuen Konzernchefs einige Bell-Atlantic-Operationen über den kostengünstigeren GTE-Teil der neuen Firma laufen lassen.

Seit dem vergangenen Sonntag dauern die Arbeitskämpfe nun schon an. Für ein System, das sogar die Zeitrechnung mit der so genannten Internet Time neu erfinden will, eine Ewigkeit. Ganze 24-Stunden-Tage - das sind nach der neuen Zeitrechnung Handlungseinheiten von 86.400.000.000.000 (achtundsechzig Trillionen und vierhundert Milliarden) Nanosekunden. Verlorene Äonen irgendwo da draußen in der Einsamkeit des Cyberspace. Eine digitale Eiszeit, deren Auswirkungen noch gar nicht abzuschätzen sind.

Nun mag man einwenden, 82,000 tote Leitungen seien in einer Stadt, die über mehr Telefonanschlüsse verfügt, als der gesamte afrikanische Kontinent südlich der Sahara, wirklich kein Drama. Doch die Saboteure schlagen mit der Willkür eines Fuzzy-Logic-Chips zu. Niemand ist sicher, keiner gefeit. Auf die Anfrage, wer denn nun für die Verluste aus dem Streikschaden aufkommt, vermeldet die Geschäftszentrale von Verizon trocken, man könne für den angebotenen Telefonservice nun wirklich nicht garantieren. Der psychologische Schaden, den der Streik im Unterbewußtsein der Neuen Märkte hinterlassen wird, kann erst mit dem souveränen Abstand der historischen Betrachtung ermessen werden, selbst wenn dieser Abstand nur wenige Wochen oder Tage betragen wird. Und das, nachdem der schicke neue Aktienindex NASDAQ in den letzten Monaten mehr als einen kräftigen Schlag verkraften mußte.

Wird die Menschheit - um ganz kitschig zu polemisieren - vom telekommunikativen Leid der New Yorker profitieren? Ganz bestimmt. Die Arroganz mit der die Neuen Märkte über die Realitäten der menschlichen Existenz außerhalb der Cybermetropolen hinweggesehen hat, muß nach den Kriterien sämtlicher Moralismen und Weltanschauungen zu einem bösen Ende führen. Mag sein, dass Computersprachen wie MS-Dos, HTML und C++ von den Utopisten der so genannten Third Wave der Menschheitsgeschichte als universell vereinigende Allgemeinbegriffe angesehen werden. In Wahrheit haben die Pioniere der Cyberwelt nicht die geniale Esperanto-Version des Turm von Babel, sondern den ultimativen Elfenbeinturm errichtet.

Die Sturmschäden des ersten großen Telestreiks werden natürlich - wie meist - als erstes die Unschuldigen treffen. Auch der Autor dieses Textes hat sich längst ausgerechnet, dass ihn die Langzeitverluste des Arbeitskampfes Wochen und Monate zusätzlicher Arbeit kosten werden. Und doch ist der Wert dieses telekommunikativen Zussamenbruchs nicht zu unterschätzen. Es hat den euphorisch in die Zukunft stürmenden Pionieren des digitalen Zeitalters gezeigt, dass es an der New Frontier des Cyberspace ganz reale, altmodisch analoge Grenzen gibt. Und somit war jeder Knick in den Kabeln des New Yorker Telefonnetzes kein Akt des Vandalismus, wie es im offiziellen Sprachgebrauch heißt, sondern eine gesunde Watschen für einen Haufen hyperaktiver Kinder, die noch gar nicht wissen, mit was für Macht und Kraft sie da spielen.

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