Logischer Gedanke

Eine Studie über ethnische Konflikte in Indien soll die Friedensforschung reformieren.
© Andrian Kreye



Die Untersuchung ethnischer Konflikte gilt unter Friedensforschern, Völkerrechtlern und Politologen als eine der schwierigsten Aufgaben. Der Fanatismus, mit dem Konfliktparteien argumentieren, macht es so gut wie unmöglich, den Hergang von Ereignissen zu rekonstruieren, deren Ursprung manchmal mehrere Jahrhunderte zurückliegt. Vor Ort gibt es nur selten neutrale Instanzen, auf die man sich verlassen könnte. Kommt Religion ins Spiel, schwinden auch die letzten Diskussionsgrundlagen, denn mit Gott debattiert man nicht. Und meist gibt es nicht einmal verläßliche Opferzahlen, weil für die notwendigen forensischen Untersuchungen von einzelnen Massakern oft das Geld fehlt. Kein Wunder also, wenn die Weltöffentlichkeit entsetzt rätselt, warum der Stamm der Hutus innerhalb von zwei Wochen eine Million Tutsi ermordet, warum Kosovaren und Albaner sich gegenseitig aus einem Gebiet vertreiben, in dem sie seit Jahrhunderten gemeinsam leben, oder was eine Meute fanatischer Hindus dazu treibt, Hunderte Moslems bei lebendigem Leibe in ihren Moscheen zu verbrennen.

Der Politologe Ashutosh Varshney ist nun einer Erklärung des Rätsels der ethnischen Gewalt ein großes Stück näher gekommen. Seine Studie “Ethnic Conflict & Civic Life" gilt als bahnbrechendes Werk (Ashutosh Varshney: Ethnic Conflict & Civic Life, Hindus & Muslims in India. Yale University Press, New Haven, 2002. 382 Seiten, US $ 45,-). Der Vorsitzende der Harvard Academy for International Studies Samuel Huntington bescheinigte ihm: “Dieses neue Modell ist eine überzeugende Analyse und Erklärung, warum Gewalt entsteht." Aryeh Neier, Vorsitzender des Open Society Institute der George Soros Foundation verteilte das Buch an seine Außendienstmitarbeiter. Die Vereinten Nationen benutzen Varshneys Studie als Vorbild für ihre Untersuchungen von Unruhen zwischen Moslems und Christen in Indonesien. Der UNO-Beauftragte für Indonesien Satish Mishra sagte sogar: “Varshneys Forschungsergebnisse zeigen die Möglichkeiten für einen zukünftigen Frieden."

Dabei erscheint Ashutosh Varshneys Grundgedanke so simpel wie logisch: er untersuchte für seine Studie in Indien nicht nur Krisengebiete, in denen ethnische Konflikte ausbrachen, sondern auch Orte, die trotz ähnlicher Bevölkerungsmuster friedlich geblieben sind. So entzerrt er das verwirrende Bild, das sich bei Untersuchungen in ethnischen Konfliktgebieten normalwerweise ergibt. Das mag kein visionärer Ansatz sein, doch Varshney behebt damit einen groben Mißstand, denn die bisherige Methode der Konfliktforschung, sich auf einzelne Brandherde zu konzentrieren, gehört eher in den Bereich der Kriminalistik, als der Wissenschaft. Das mag für Friedensprozesse und die Arbeit von Kriegsverbrechertribunalen wichtig sein, für die akademische Aufarbeitung und das grundsätzliche Verständnis eines Konflikts reicht sie meist nicht aus.

Varshney ist als Sohn eines Regierungsbeamten und Hindu in den verschiedensten Städten Indiens aufgewachsen. Als Kind erlebte er den andauernden Konflikt zwischen Hindus und Moslems, als seine Familie nach Aligarh umzog. Nicht nur die immer wieder aufflammenden Unruhen, die Ausgangssperren und Straßensperren waren neu für ihn. “In der Stadt, in der wir zuvor wohnten, hatte ich sowohl in der Schule, als auch in der Nachbarschaft viele moslemische Freunde", erzählt er. “In Aligarh gingen ausschließlich Hindus in meine Schule und auch in der Gegend, in der wir wohnten, gab es keine Moslems."

Aligarh war auch einer der sechs Städte, die Varshney mit seinem Team von Forschern aus Harvard untersuchte. Ahmedabad, Hyderabad und Aligarh waren notorische Zentren der Gewalt, Surat, Lucknow und Kalikut galten als friedliche Orte.

Akribisch zeigt Varshney in seinem Buch die wechselseitigen Einflüsse von zivilem Leben, Politik, Religion und Gewalt, zeigt die historischen Wurzeln und Querverbindungen. Prinzipiell, so sein Fazit, verhindert eine umfassend integrierte Gesellschaft den Ausbruch von ethnischer Gewalt. Dabei spielten sogenannte unkoordinierte soziale Interaktionen wie Kinder, die miteinander spielen oder Nachbarn, die hie und einander aushelfen, kaum eine Rolle. Es seien vor allem integrierte Organisationen und Vereine, die die Gewaltbereitschaft senkten, allen voran Handelsverbände, Berufsgilden und Gewerkschaften, aber auch politische Parteien und Sportvereine.

Als positives Beispiel führt Varshney die 700.000 Einwohner zählende Handelsstadt Kalikut im Dezember 1992 an. Militante Hindus hatten damals die Babri-Moschee in Ayodhya zerstört und es ging das Gerücht um, Hindus würden Moscheen schänden, indem sie tote Schweine in die Gebetsräume warfen. Während in anderen Städte daraufhin Unruhen ausbrachen, blieb Kalikut ruhig, was Varshney vor allem auf das dichte Netz der Handelsverbände zurückführt.

Die Studie war schon fertig ausgearbeitet, als die brutale Wirklichkeit die Ergebnisse von Varshneys Arbeit bestätigte. Im März und April dieses Jahres wurde der indische Bundesstaat Gujarat von einer Welle der Gewalt erfaßt, während der militante Moslems Dutzende Passagiere eines Arbeiterzuges ermordeten, woraus militante Hindus über 700 Moslems bei lebendigem Leibe in ihren Moscheen verbrannte. In den drei Städten, die Varshney in seiner Studie als besonders gefährdet eingestuft hatte, kam es dabei zu den schlimmsten Ausbrüchen, während die Stadt Surat friedlich blieb.

Kritiker bemängeln, dass sich Varshneys Modell auf viele Problemzonen ethnischer Gewalt nicht übertragen ließe. Die Staaten des ehemaligen Jugoslawiens, der Kaukasus oder die Türkei funktionieren beispielsweise ganz anders. Allerdings gibt Varshney auch zu: “Ich habe mir außer über Nordirland noch keine systematischen Gedanken über Europa gemacht, möchte mich aber vor allem mit Ost- und Zentraleuropa beschäftigen."

Das kann noch dauern, denn außer Lob hat “Ethnic Conflict & Civic Life" Ashutosh Varshney vor allem Arbeit eingebracht. Nach fast zehn Jahren als Dozent in Harvard leitet er heute das Center for South Asian Studies an der University of Michigan in Ann Arbor. Er hat eine Datenabank entwickelt, mit der die Vereinten Nationen die Unruhen in Indonesien studieren wollen. Zusammen mit Mahatma Gandhis Enkel Rajmohan Gandhi arbeitet er an Projekten für Konfliktlösung in Indien. Vor allem aber hat er ein Forschungsprojekt begonnen, mit dem er untersuchen will, ob sich sein Ansatz wirklich auf andere Länder übertragen läßt. Das neue Unternehmen ist auf drei Jahre angelegt und wird Ashutosh Varshney und sein Team nach Nigeria, Sri Lanka und Malaysia führen.

“Ethnic Conflict & Civic Life" bietet keine Patentrezepte, um das Pulverfaß ethnischer Gewalt zu entschärfen. Diesen Anspruch stellt Ashutosh Varshney auch gar nicht. Doch wenn die Konfliktforschung durch seine Arbeit zu einem effektiveren Instrument wird, Entscheidungsträgern dabei zu helfen, präventive Reformen zu initiieren, hat er schon viel erreicht.

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