GRUNDRECHT AUF BENZINVERBRAUCH

In den USA kratzt die Umweltdebatte
am nationalen Selbstverständnis.

© Andrian Kreye

New York 05. 10. ’05 - Als sich in Europa gleich nach dem Wirbelsturm Katrina die Fragen mehrten, ob die USA nicht langsam eine Umwelt- und Klimadebatte im eigenen Land führen wollen, wurde das in Amerika als genau die Sorte besserwisserischer Schadenfreude empfunden, mit der sich der Antiamerikanismus ansonsten immer dann meldet, wenn die Supermacht einen Krieg verliert, Opfer eines Terroranschlages wird oder sich ihre amtierende Regierung mit einem Skandal blamiert. Dabei waren die Fragen durchaus berechtigt, schließlich gilt George W. Bush als der umweltfeindlichste amerikanische Präsident der letzten Jahrzehnte. Doch wer den Nullpunkt der amerikanischen Umweltdebatte sucht, sollte nicht nach New Orleans fahren, dessen Untergang vor allem das Versagen einer immer allmächtigeren Bürokratie vorführt. Wer wissen will, woran das Nachdenken über Heil und Zukunft unseres Planeten in Amerika scheitert, der sollte eine ganz andere Reise tun.

Eine Fahrt von Idaho ins nördliche Nevada zum Beispiel. Die führt durch dichte Wälder und über einen prächtigen Gebirgszug, in dem Schwarzbären, Rotluchse und Berglöwen leben und auf dessen Gipfeln man hunderte von Meilen weit in eine Landschaft blicken kann, in der die Menschen so gut wie keine Spur hinterlassen haben. Wer sich dort fortbewegen will, tut gut daran, das in einem jener komfortablen Geländewagen zu tun, die in den letzten Jahren im ganzen Land Mode geworden sind, denn mit einem normalen Auto wird man ziemlich sicher stecken bleiben und dann unter Umständen mehrere Tage bis zum nächsten Ort laufen müssen.

Es gibt einige solcher Routen auf dem nordamerikanischen Kontinent, denn eines gibt es dort immer noch, was in den Kulturlandschaften Europas längst knapper Rohstoff geworden ist - Platz. Dieser Weite der ungezähmten Natur musste man in Amerika schon immer sein Glück abtrotzen und in dieser Weltsicht liegen auch immer noch die Wurzeln des amerikanischen Selbstverständnisses. Denn wer sich die Wildnis erobert wird zur Umwelt ein ganz anderes Verhältnis haben, als die Bewohner eines Kontinents, die den begrenzten Raum ihrer Heimat schon lange konservieren müssen. Kein Wunder also, wenn die Umweltpolitik mit ihren betulichen Anliegen und komplizierten Abkommen einer kraftstrotzenden Nation wie weibisches Gejammer erscheint. Man darf auch nicht vergessen, dass die führenden Mitglieder der momentanen amerikanischen Regierung berufliche Laufbahnen in einer Branche hinter sich haben, die noch immer vom Bild des Pioniers geprägt ist, der unwirtlichen Landstrichen von Alaska bis in den Kaukasus ihre Rohstoffe abringt. Und die sind lebenswichtig, schließlich verbrauchen die USA rund ein Viertel des weltweiten Energiebedarfs. Da sind ganze Kerle gefragt, denen man zutraut, dass sie auf einer Bohrinsel auch bei Windstärke zehn noch Hand ans Bohrgestänge anlegen können. Die fahren keine Smart Cars und buddeln keine Krötentunnel.

Die Eroberung der Natur und der scheinbar unbegrenzte Raum des Landes liegen aber auch dem amerikanischen Lebensgefühl der Mobilität zu Grunde. Das ständige Vorwärtsstreben, das Amerika zu einer so vitalen und innovativen Gesellschaft macht, wurzelt im Pioniergeist der ersten Stunde, der die Beweglichkeit zu einer nationalen Tugend machte. Da steht das Auto in der Tradition des Pferdes, das unersetzliches Mittel zum Überleben war, und ist nicht nur Statussymbol wie im engen Europa. Nur Grosstadtbewohner und Europäer sieht in der Erklärung des ehemaligen Sprechers des Weißen Hauses Ari Fleischer, der Benzinverbrauch sei ein Grundrecht jedes Amerikaners, menschenverachtenden Zynismus.

Was nicht heißt, dass die Umweltdebatte in den USA generell ignoriert wird. Im Gegenteil. Einige der wichtigsten Erkenntnisse über Klimaschwankungen und Erderwärmung wurden von amerikanischen Universitäten wie dem Massachusetts Institute of Technology erarbeitet. Das National Snow and Ice Data Center in Colorado hat erst vorige Woche davor gewarnt, dass der September dieses Jahres neue Schmelzrekorde in der Arktis gebrochen hat. Klimaforscher der Princeton University meldeten schon Anfang des Jahres, dass die Meeresspiegel um 50 Prozent schneller steigen, als angekommen. Auch die Medien beschäftigen sich mit dem Thema. Der New York Times ist inzwischen jede größere Eisscholle, die von den Polkappen bricht eine Meldung auf der Titelseite wert. Das Sonntagsmagazin der Zeitung brachte vor zwei Wochen einen Sonderbericht über alternative Treibstoffe für Autos, mit denen Amerika die Abhängigkeit vom Erdöl überwinden könnte. Zeitschriften wie Harper's, Atlantic Monthly oder The Nation berichten ausführlich über Umweltgefahren. Und selbst die Politik ist sich der Gefahren bewusst. Sieben Bundesstaaten im amerikanischen Nordosten haben sich freiwillig den Schafstoffgrenzen des Kyoto-Protokolls angeschlossen. Kalifornien bildet bei den gesetzlichen Auflagen für Schadstoffemissionen und Benzinverbrauch weiterhin die Avantgarde.

Doch solche Blätter liest nur eine gebildete Minderheit. Der gravierende Bildungsrückstand bei Umweltthemen ist für Umweltaktivisten wie den Wissenschaftler Scott Sampson und den Anwalt Robert Kennedy Jr. eines der größten Hindernisse einer langfristigen Umweltpolitik. Und auch die nationalen Entscheidungsträger werden derzeit nicht von den urbanen Eliten und Küstenstaaten gewählt, sondern von jenem Teil der Bevölkerung, für den die Stärke der Nation ein wichtiger Teil der nationalen und eigenen Identität darstellt. Für die käme eine Unterzeichnung des Kyoto-Protokolls einer doppelten Kapitulationserklärung gleich. Vor der quengeligen internationalen Gemeinschaft. Vor der renitenten Natur. Aber auch wenn der langfristige europäische Konservierungsgedanke so nicht greifen kann, gibt es schon erste Anzeichen für ein Umdenken, das aus einer ganz anderen Richtung kommt.

Es war zwar kein grundsätzliches Umdenken, als Präsident Bush letzte Woche Regierungsbeamte und Bürger dazu aufrief, sich zu Fahrgemeinschaften zusammenzuschließen und unnötige Fahrten mit dem Auto zu vermeiden. Es ist schlichtweg die schleichende Energiekrise durch den steig wachsenden Verbrauch, die von den Versorgungsengpässen nach den Sturmschäden an Raffinerien und Pipelines im amerikanischen Süden jäh zum akuten Notstand dramatisiert wurde, die das neue Energiesparbewusstsein ausgelöst hat. Das zwingt auch die Industrie schon zum Umdenken. Mehrere amerikanische Luftfahrtgesellschaften wie American und Delta haben diese Woche wegen der steigenden Treibstoffkosten schon Strecken gestrichen.

Glaubt man den optimistischen Klimaforschern und Experten für Energiepolitik, werden solche Kräfte der freien Marktwirtschaft das Problem auf lange Sicht automatisch aus der Welt schaffen. Die Reserven der großen Ölfelder auf der arabischen Halbinsel gehen in absehbarer Zukunft zur Neige. Neue Ölreserven in Kanada, in Alaska oder unter den Meeresböden sind aber nicht so einfach zu fördern wie in der Wüste, sondern müssen mit aufwendigen Verfahren aus Teersand oder Gestein gewonnen werden. Atomenergie ist da nur eine der alternativer Energiequellen, deren Rentabilität damit immer wahrscheinlicher wird. Die Autowerbung führt schon seit einigen Monaten erstmals geringen Benzinverbrauch als Verkaufsargument ins Feld. Aus gutem Grund - wegen der anhaltend hohen Benzinkosten wurden im September 43 Prozent weniger Geländewagen verkauft, als im Vorjahr. Der Ölkonzern BP prahlt in Fernsehspots mit seinen Forschungsarbeiten für die Erschließung alternativer Energien. Kritische Stimmen befürchten angesichts der immer deutlicheren Klimaveränderungen, dass diese Kräfte erst greifen, wenn es schon zu spät ist.

Solche Gedanken sind fern, wenn man mit seinem Geländewagen auf einem der Gipfel in den Sierras von Nevada steht, die klare Gebirgsluft einatmet und seinen Blick über die unberührten Waldhänge schweifen lässt. Nein solche Gipfel lassen sich nicht mit einem Smart Car erobern und dieses majestätische Gefühl der Grenzenlosigkeit bleibt einem auch noch, wenn man später auf dem Highway aus der luftigen Höhe seiner Fahrerkabine auf die so zerbrechlich wirkenden Mittelklassewagen herabblickt, ein Gefühl das den Pioniergeist mit der Geländewagenmode bis in die Siedlungen der Suburbias getragen hat. Erst an der Tankstelle weicht das Gefühl der Überlegenheit einem heiligen Zorn auf den vierfachen Verbrauch des geliebten Gefährts und die Benzinpreise, die sich in den letzten Jahren verdoppelt haben. Wer kann sich die Eroberungsgegefühle da schon noch leisten.





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