* BERICHTE AUS AMERIKA

WIE WEIHNACHTEN

Mike Tyson in Brooklyn.

© Andrian Kreye


Brooklyn im Dezember 2004 - Die Teenager und Kinder, die im “Gleason's Gym" das Boxen lernen, strahlten an diesem Nachmittag als sei der Weihnachtsmann persönlich erschienen. “Iron" Mike Tyson war mitsamt seinem Tross in die betagte Boxhalle unter der Brooklyn Bridge gekommen, um mit ihnen zu trainieren. Da durften die Rotznasen und Dreikäsehochs mit voller Wucht auf die Pranken des ehemaligen Schwergewichtsmeisters eindreschen, der sich schwarzgelbe Trainingshandschuhe übergestreift hatte und sie mit kurzen Anweisungen korrigierte: “Kopf runter! Deckung hoch! Bleib in Bewegung!"


So ganz uneigennützig war das Meistertraining nicht. Tyson hatte per Gerichtsurteil 100 Stunden gemeinnütziger Arbeit abzuleisten, weil er sich im Juni vor zwei Jahren im Marriott Hotel von Brooklyn etwas zu vehement gegen zwei volltrunkene Fans gewehrt hatte, die Streit mit ihm suchten. Zwar hatte selbst der Staatsanwalt eingesehen, dass dem Weltmeister da übel mitgespielt worden war, aber wegen der vielen Vorstrafen war ein Freispruch undenkbar. Es war dann aber auch der Staatsanwalt, der auf die Idee mit den Boxstunden für Kinder kam, weil Mike Tyson schon als Teenager im Gleason's Gym trainiert hat.


Man sieht der Halle nicht an, dass sich hier schon über 120 Boxweltmeister auf ihre Kämpfe vorbereitet haben - Sonny Liston zum Beispiel, Rocky Graziano, Muhammad Ali und Riddick Bowe. Neulich liess sich Oscarpreisträgerin Hilary Swank im "Gleason's" für ihre Rolle als Boxmeisterin in Clint Eastwoods "Million Dollar Baby" trainieren. Vom Glamour der Las-Vegas-Kämpfe und Hollywoodfilme ist allerdings nichts zu sehen. Vier Boxringe, Laufbänder und Eisenspinde stehen auf dem nackten Betonboden, die Sandsäcke hängen an schweren Ketten aus dem Eisenwarenladen. Sport pur eben.


Tyson fühlt sich hier immer noch zu Hause, zumindest machte er einen höchst vergnügten Eindruck und trotz seines kahlrasierten Granatschädels, den Maori-Tätowierungen um sein linkes Auge und den Goldkappen auf den Schneidezähnen wirkte er so sanft und freundlich wie der anfangs zitierte Weihnachtsmann. Kichernd wich er den Schlägen eines Zehnjährigen aus, der gar nicht genug kriegen konnte und erst von Tyson abließ, bis der ihn lachend zum “Champ des Nachmittages" erklärte. Geduldig posierte er für unzählige Erinnerungsfotos. Nur auf die Frage, was er denn nach seiner KO-Niederlage gegen Danny Williams so vorhabe, klang er ganz matt.


“Mein Leben stinkt", sagte er kaum hörbar. “Ich bin an einem Punkt angelangt, an dem ich mich frage, was das alles noch soll." Die Skandale, Prozesse und Jahre im Gefängnis haben ihm nachhaltig zugesetzt. Viel zu viele falsche Freunde haben ihn ausgenutzt. “Nur auf die Leute, die mich schon vor 20 Jahren gut behandelt haben, kann ich mich heute noch verlassen." Auf Bruce Silverglade zum Beispiel, den Besitzer des Gleason's. Auf seine Fans und ehemaligen Nachbarn. Denn für die Bürger von Brooklyn blieb Tyson immer der größte Held ihrer Stadt, seit Jackie Robinson für die Dodgers Baseball spielte.


Für die Kinder im Gleasons's sowieso. Auf ihren Champ lassen sie nichts kommen, auch wenn er seinem Gegner das Ohr abbeißt. Der Vater des neunjährigen Sherif hat seinem Sohn jedenfalls geraten, sich nicht um die Klatsch- und Skandalgeschichten zu kümmern, sondern sich an Tysons eiserner Arbeitsmoral ein Beispiel zu nehmen. Seine jüngste Strafe hat Tyson diese Woche mit seinen Stunden im “Gleason's" auch abgebüßt.


Nun gut, vor zwei Wochen wurde er verhaftet, weil er vor der Pussycat Lounge in Scottsdale, Arizona einem Clubgast auf die Kühlerhaube gesprungen ist und ihm das Auto mit nackten Fäusten so schwer demolierte, dass die Reparaturen über 1400 Dollar kosteten. Aber darüber wollte an diesem Nachmittag in Brooklyn nun wirklich niemand sprechen.





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