Die einfachste Möglichkeit, ein Festival zu profilieren wäre natürlich ein Thema gewesen. Aber genau das wollte Programmdirektor Peter Scarlet vermeiden. Eher aus Zufall habe sich eines ergeben, sagte er, als er vors Publikum trat, um Hans Christian Schmids grandiosen Episodenfilm “Lichter" anzukündigen. Entwurzelung und Heimatsuche sei der rote Faden des Festivals. Den fand man in Schmids Geschichten aus der deutschpolnischen Grenzstadt, genauso wie in Salma Hayeks Debut als Regisseurin “The Maldonado Miracle", in der Retrospektive der Black Filmmaker Foundation, und vor allem in den Dokumentarfilmen wie Saad Salmans “Baghdad On/Off" oder Jos de Putters “Dance, Grozny, Dance".
Dokumentationen waren neben den Autorenfilmen auch der formale Schwerpunkt des Festivals. Kein Zufall. In Amerika bahnt sich für den Dokumentarfilm ein zweites goldenes Zeitalter an. Zu dem Schluß kam zumindest das Symposium mit D.A. Pennebaker, Chris Hegedus und Ken Burns. Vor allem die technischen Entwicklungen ermöglichten einer neuen Generation von Filmemachern, mit geringstem finanziellen Aufwand, Geschichten zu erzählen. Gleichzeitig habe der Publikumserfolg von Dokumentarfilmen wie Michael Moores “Bowling For Columbine", Leon Gasts “When We Were Kings" oder Chris Hegedus “Startup.Com" neue Türen geöffnet. Noch nie zuvor seien so viele Dokumentarfilme in amerikanische Kinos gekommen. Außerdem investierten Pay-TV-Sender wie HBO und Showtime viel Geld.
11 Preise vergab die Jury dann am Sonntagabend. Als bester Spielfilm wurde Li Yangs “Blind Shaft" ausgezeichnet, ein Drama aus den illegalen Bergwerken von China, das in Berlin schon den silbernen Bären bekommen hatte. Die beiden Preise für die besten Dokumentarfilme bekamen “A Normal Life" von Elizabeth Chai Vasarhelyi und Hugo Berkley, über die Rückkehr junger Kosovo-Albaner, und Molem Manouris “Mohakeme" über eine Gruppe verfolgter Filmemacher im Iran. Als vielversprechende Nachwuchsregisseure wurden Valeria Bruni Tedeschi für ihren Spielfilm “Il est plus facile pour un chameau", sowie der Tunesier Mohammed Zran für “Le Chant du Millénaire" ausgezeichnet. Die beiden Publikumspreise gingen an Chen Kaiges Geschichte eines Geigenwunderkindes aus der Vorstadt von Peking “Together" und die Dokumentation über den Jazzbassisten Milt Hinton von David Berger.
Eines unterschied das Tribeca Film Festival von den großen internationalen Filmfesten. Trotz der monumentalen Stadtkulisse zwischen den Wolkenkratzern des Bankenviertels, trotz des Staraufgebotes und der Galapremieren blieb der Stimmung etwas Nachbarschaftliches, ein Gefühl der Solidarität mit Robert de Niros Aufruf, Downtown Manhattan mit Leben zu erfüllen. Denn wirklich erholt hat sich das Viertel bis heute nicht.
Immer noch liegt ein nervöses Unbehagen in der Luft. Wer eine der Podiumsdiskussionen im Gemeindezentrum besuchte, der bekam auf dem Weg zu seinem Platz Anweisungen von gleich sieben Ordnern, Sicherheits- und Polizeibeamten. In den Seitenstraßen nicht weit vom Festivalkino klaffen weiterhin Löcher in den Fassaden der Bürogebäude. Und wer die Mitternachtsvorstellung von Danny Boyles postapokalyptischer Horrorvision “28 Days Later" besucht hatte, dem bescherte der Heimweg durch das ausgestorbene Tribeca im Schein der Flutlichter von Ground Zero einen kurzen Moment des surrealen Déjà vu. Da wirkten die roten Teppiche ein wenig wie Heftpflaster auf einer viel zu großen Narbe. Doch Glamour ist für eine Stadt wie New York genau der richtige Trost.
Als Robert de Niro letztes Jahr das erste Tribeca Film Festival veranstaltete, galt das noch als lokalpatriotischer Kraftakt, mit dem sie dem New Yorker Viertel rund um Ground Zero das Stigma der Katastrophe nehmen wollte. Dieses Jahr fragte die New York Times schon nach der Identität des neuen Festivals, auch wenn es eigentlich Jahre dauert, bis sich ein Festival als Marktplatz der Filmindustrie etabliert, so wie Cannes, Sundance und Toronto, oder bis seine Preise einen so hohen Prestigewert haben wie die aus Cannes, Venedig und Berlin.
Glamour brachte das zehntägige Festival auch dieses Jahr nach Downtown Manhattan. Zur Eröffnung zelebrierte Robert de Niro zusammen mit Bürgermeister Bloomberg, Miucci Prada und Bono ein Straßenfest, um dann mit Renee Zellweger und Ewan McGregor den roten Teppich zur Galapremiere ihrer nostalgischen Komödie “Down With Love" abzuschreiten. Die Jury war mit Namen wie Whoopi Goldberg, Michael Moore, Jordaniens Exkönigin Noor und Vanity-Fair-Chef Graydon Carter besetzt. Robbie Williams und Norah Jones gaben im Battery Park ein Gratiskonzert mit Blick auf die Freiheitsstatue.
Es waren auch ausgerechnet zwei Dokumentarfilme, die auf dem Tribeca Film Festival vorführten, warum das Kino immer noch der beste Platz ist, um einen Film zu sehen. Auf einem Fernsehschirm könnten die volleibigen Protagonisten aus Ferne Pearlsteins “Sumo East and West" niemals ihre volle Wucht entwickeln. Und erst auf einer Leinwand kommen die phänomenalen Bilder des Surffilmes “Step Into Liquid" zum Tragen, mit denen Dana Brown das Erbe der “Endless Summer"-Filme seines Vaters Bruce angetreten hat.
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