Unter amerikanischen Linken verbreitet sich seit einiger Zeit die Ansicht, dass Europa das beste Modell für eine Gesellschaft des 21. Jahrhunderts sein könnte.
Tony Judt: Das ist richtig. Amerika und Europa sehen sich seit einiger Zeit verstärkt als konkurrierende Visionen und immer mehr Amerikaner schauen bei ihrer kritischen Betrachtung Amerikas weniger in die Zukunft oder Vergangenheit der USA, als vielmehr in die Gegenwart Europas.
Seit wann driften die beiden Kontinente denn auseinander?
Judt: Ich habe das Remarque-Institute für transatlantische Studien schon 1995, also mitten in den Clintonjahren, genau deswegen gegründet, weil ich das Gefühl hatte, dass sich Amerika und Europa voneinander wegbewegen, und dass junge Amerikaner keine Ahnung von Europa hatten, oder von den Gründen, warum wir gemeinsame Interessen haben sollten. Dazu kam, dass wir die Generation amerikanischer Außenpolitiker verloren, deren Weltbild von der Ära zwischen den 40er Jahren und 1989 geprägt wurde.
Dann war Bush nur ein Katalysator, der die transatlantischen Spannungen zum Ausbruch brachte?
Judt: Bush hat das alles enorm beschleunigt, weil er den Glauben, dass Europa nichts verstanden hat, zu einer amerikanischen Tugend erklärte. Jetzt haben Amerika und Europa zwei grundverschiedene Identitäten. Das ist mir in den 20 Jahren, die ich nun schon hier in Amerika lebe noch nie so klar geworden, wie nach dem 11. September. Sogar in New York. Ich würde inzwischen sogar so weit gehen, dass Europa und Amerika nur durch den Unfall des Zweiten Weltkrieges zu einer Einheit namens Westen wurden, die von Pearl Harbor bis zum Mauerfall gehalten hat. Wir glaubten alle, das sei nun die neue Realität, dabei war das ein sehr künstliches Gebilde. Auf absehbare Zeit werden wir die gemeinsamen Interessen zwischen Amerika und Europa nicht mehr für selbstverständlich nehmen können.
Sollten die beiden Kontinente ihre unterschiedlichen Identitäten und Interessen nicht ganz einfach akzeptieren?
Judt: Sollten sie, aber das ist sehr schwer.
Die neue deutsche Kanzlerin Angela Merkel hat sich schon vor ihrer Wahl verstärkt um eine Neuaufnahme der deutsch-amerikanischen Freundschaft bemüht.
Judt: Ich glaube Angela Merkel verzerrt das Bild, weil sie ein Ossie ist, und ganz egal ob sie nun die Tochter eines ostdeutschen Pastoren nehmen, oder einen polnischen Intellektuellen wie Adam Mischnik oder einen Sohn der tschechischen Bourgeoisie wie Vaclav Havel - sie alle verbindet ein Instinkt, der eine Art Umkehrung des alten kommunistischen Instinktes ist. Beim Irakkrieg konnte man das ganz deutlich beobachten, da gab es diese instinktive Sehnsucht, an das Gute in Washington zu glauben und allen, die kritisch über Washington denken, unehrenhafte Motive zu unterstellen. Die Schlussfolgerung ist dann immer, wenn man für Menschenrechte und Freiheit ist, muss man auf für die Invasion im Irak sein. Havel sagt beispielsweise, das sei eine untrennbare Einheit, und dass er den Umsturz von Diktaturen grundsätzlich immer unterstützen müsse, sonst verrate er die eigene Vergangenheit in Prag.
Das ist doch durchaus nachvollziehbar.
Judt: Im Falle von Merkel liegt dem allerdings ein politischer Stil zu Grunde, der die Probleme durcheinander bringt. Wenn sie beispielsweise über die Türkei spricht, dann ist ihre Argumentation von einem eigenartigen Provinzialismus geprägt, der die größeren Zusammenhänge außer Acht lässt. Als ich in der Türkei war, hatte sie gerade eine Rede gehalten, warum die Türkei niemals ein gleichberechtigtes Mitglied der EU sein dürfe. Nun teilen viele Christdemokraten diese Meinung, doch in der Türkei waren die Leute fassungslos, dass jemand Kanzler werden könnte, der die politischen Kosten, die Türkei nicht zu schützen, nicht begreift.
Was für Kosten sind das?
Judt: Das sind geopolitische Kosten, die damit beginnen, dass die Türkei dann eben eine Allianz mit Russland eingeht, bis hin zum Verlust des Einflusses im Nahen Osten. Dazu kommen die Kosten in der Türkei selbst, weil man das Land so entweder zurück in die Arme der Militärs oder der religiösen Radikalen treibt. Das alles außer Acht zu lassen, ist eine sehr kleindeutsche Art, über Politik nachzudenken. Aber ich sehe Merkel eher als unglücklichen Schlenker in der deutschen Politik, als wirklich als neue Richtung.
Kanzlerin Merkel ist nun aber für die nächsten vier Jahre die deutsche Realität. Und sie ist auch längst nicht die einzige ostdeutsche Politfigur an der Spitze der neuen Regierung.
Judt: Ich glaube nicht, dass sie auf Dauer so provinziell bleiben können. Merkel bringt als erste ostdeutsche Politikerin, die so weit aufgestiegen ist, zwangsläufig die Altlasten ihrer ostdeutschen Erfahrungen mit, zu denen auch dieser instinktive Pro-Amerikanismus gehört.
Liegt das nicht auch daran, dass man in den USA einen Unternehmergeist findet, den es in Europa so nicht gibt?
Judt: Das ist richtig, wobei man das als positiv wie negativ betrachten kann. Ein Problem ist in Europa sicherlich, dass es hier viel schwieriger ist, einen Betrieb zu gründen, und dass in Europa in den vergangenen 50 Jahren weniger neue Ideen entwickelt wurden, und vor allem weniger Geld aufgebracht wurde, um aus solchen Ideen gewinnbringende Unternehmen zu machen.
Auf der anderen Seite, haben sich die Europäer von Norwegen bis Italien de facto auf einen Kompromiss eingelassen, bei dem sie weniger unternehmerische Möglichkeiten, aber ein höheres Maß an Sicherheit genießen, bei dem sie in größerer Abhängigkeit vom Staat leben, aber auch eine bessere Lebensqualität haben. Das lässt sich belegen - Europäer haben eine geringere Säuglingssterblichkeit und leben gesünder und länger.
Trotzdem ist das europäische Modell reformbedürftig.
Judt: Wenn davon die Rede ist, die europäische Wirtschaft zu reformieren, dann meinen wir damit meist, den Markt freier zu gestalten, die Rolle des Staates zu verringern, das Arbeitsrecht und die Arbeitslosengelder einzuschränken, mit anderen Worten, Europa nach dem amerikanischen Vorbild zu gestalten, weil wir von der Annahme ausgehen, dass Amerika einen größeren Unternehmergeist und höhere Wachstumsraten hat und wir das nur erreichen können, wenn wir auch so werden.
Aber waren die Reformen nicht gerade in Großbritannien erfolgreich, wo man sich am amerikanischen Modell des freien Marktes orientierte?
Judt: Ich glaube es gibt gar keinen Zweifel, dass alle, die sagen, dass die Briten mit ihren Reformen so erfolgreich waren, damit genauso meinen, dass die Briten es geschafft haben, bestimmte Aspekte der amerikanischen Marktwirtschaft zu imitieren. Allerdings mit enormen Kosten.
Was für Kosten?
Judt: Zunächst gibt es eine viel größere Kluft zwischen den Armen und Reichen dort, als in jedem anderen europäischen Land, und diese Kluft ist viel größer, als noch in den 80er Jahren. Dann haben das Bildungs- und das Gesundheitswesen so gelitten, dass sie im Vergleich zu europäischen Alternativen, als immer unzulänglicher gelten. Und dann ist die etwas nebulöse Qualität des Gemeinwesens in Großbritannien im Abnehmen, was man natürlich als positive Entwicklung betrachten kann, weil es nun mehr Individualismus, mehr Initiative und streng genommen mehr individuelle Chancen gibt, sowohl was die wirtschaftlichen Möglichkeiten, als auch die soziale Mobilität betrifft. Die negative Seite sind natürlich steigende Kriminalitätsraten und der Verlust des Gefühls, einer Gemeinschaft anzugehören.
Die meisten Festlandseuropäer kennen Großbritannien vor allem durch ihre Londonbesuche, und da sieht man vor allem eine boomende Metropole mit wunderbaren Restaurants, großartigem Kulturprogramm und einem beneidenswert hohen Einkommensspiegel.
Judt: Genau das ist ja der Punkt. Alles, was sie gerade aufgezählt haben sind meiner Meinung nach negative Aspekte, weil sie die Anzeichen für einen Boom sind, an dem eben nicht jeder teilhaben und ein hohes Einkommen beziehen kann, aber all diejenigen, die viel verdienen, von den Dienstleistungen und Betrieben all jener abhängig sind, die in Bereichen wie Nahverkehr und Transport, Bildungs- und Gesundheitswesen, Reinigung und Gastronomie nicht so viel verdienen. Gleichzeitig drängt sich eine relativ kleine Zahl von Menschen aus den oberen Einkommensschichten auf einem begrenzten Immobilienmarkt, was eine permanente Marktblase schafft, in der die unteren Einkommensschichten keinen Wohnraum mehr finden.
Die unfreiwillige Stadtflucht, wie man sie auch in New York beobachten kann.
Judt: Richtig. Sie müssen von London aus nur 50 Meilen nördlich fahren, dann sind sie schon in einer ganz anderen Welt. Die meisten Londoner vermeiden das ja nach Möglichkeit, bleiben in der Stadt und fahren im Urlaub nach Kontinentaleuropa. Weil es nördlich von London schon bald nur noch Arbeitslosigkeit oder Unterbeschäftigung gibt, versagende Bildungsinstitutionen und das vollkommene Fehlen von Investitionen in öffentliche Einrichtungen. Nun ist das noch nicht so schlimm, wie in den verarmten Landstrichen Amerikas, wie Großbritannien in letzter Instanz eben doch immer noch ein Sozialstaat ist, der ja keineswegs von Sozialisten eingerichtet wurde, sondern von 60, 70 Jahre alten Liberalen und Christdemokraten, die ihn in den Jahren zwischen 1945 und den 60ern als eine Art Versicherung gegen die Zustände der Zeit zwischen den Weltkriegen eingerichtet haben.
Die europäischen Mittelschichten fürchten sie nun aber gerade davor, dass ein reformbedürftiger Sozialstaat und eine zunehmend verarmte Arbeiterschaft ihre soziale Sicherheit gefährdet.
Judt: Dabei hatte der europäische Sozialstaat die enorm wichtige Funktion, die Mittelschichten mit der Arbeiterschaft zu verschweißen. Die Vorteile für die Arbeiter liegen ja auf der Hand. Aber für die Mittelschichten war der Sozialstaat in vielen Aspekten sogar noch wichtiger, weil er sie nicht mehr für Bildung, Gesundheit und öffentliche Dienste bezahlen mussten und so eine Kaufkraft entwickelten, die ihnen erlaubte, sich Urlaubsreisen und Luxusgüter zu leisten. Das war auch der Grund, warum es Margaret Thatcher nie geschafft hat, das Gesundheitswesen oder den Nahverkehr so weit zu privatisieren, wie sie das eigentlich wollte, weil der durchschnittliche konservative Wähler vom Sozialstaat genauso abhängig ist wie der typische Wähler der Laborpartei.
Aber ändert sich das nicht zunehmend? Gerade bei den oberen Mittelschichten, die sehen, dass ohne Flexibilität und Freiräume für Unternehmergeist kein Weg aus der Krise führen kann?
Judt: Es ist aber nicht der Sozialstaat, der den Unternehmergeist oder die Produktivität oder das Wachstum bremst. Zu den vier wirtschaftlich erfolgreichsten Ländern der Welt gehören neben den USA laut einer Untersuchung des Davos World Economic Forum Norwegen, Dänemark und Finnland. Es geht also nicht um den Sozialstaat an sich, sondern darum, wie sich eine Gesellschaft damit arrangiert, weil der Sozialstaat in Dänemark beispielsweise viel weiter entwickelt ist, als in einem nicht so effizienten Staat wie Italien.
Ich glaube das Grundproblem mit den europäischen Sozialstaaten ist, dass wir in den Parametern der 50er und 60er Jahre gefangen sind, vor allem, was das frühe Rentenalter betrifft. Heute leben die Menschen eben 30 bis 40 Jahre lang von ihrer Pension, und nicht wie in den 60er Jahren nur 15 Jahre lang. Auf der anderen Seite gibt es für junge Leute immer weniger Möglichkeiten, Arbeit zu finden und dieses System zu unterstützen.
Also ist der europäische Sozialstaat doch reformbedürftig.
Judt: Auf alle Fälle, aber verschiedene Länder brauchen jeweils andere Reformen. Nehmen Sie Frankreich, wo man ganz sicher ändern muss, dass ein Angestellter der Eisenbahn mit 56 Jahren bei vollem Gehalt in den Ruhestand gehen kann. Das ist heutzutage kompletter Wahnsinn. In Frankreich braucht man Reformen, damit Firmen junge Leute schneller einstellen, aber auch schneller wieder entlassen können. Man muss den Schutz vor Arbeitslosigkeit stabil genug halten, aber trotzdem ein gewisses Risiko zulassen. In Finnland sind solche Reformen beispielsweise nicht nötig, weil das Arbeitslosenrecht dort gut funktioniert und das Rentensystem nicht demografisch überlastet ist.
Auf der anderen Seit tauchten die rechtsradikalen Parteien in den deutschen Wahrergebnissen vom November überhaupt nicht mehr auf.
Judt: Deutschland ist in der Beziehung ein Sonderfall. Aus historischen Gründen kann dort eine rechtsradikale Partei nicht von Null auf 27 Prozent kommen, so wie in Österreich, oder auf 22 Prozent, so wie in Norwegen, weil die Echos der Vergangenheit das psychologisch, aber auch rechtlich nicht zulassen. Auf der anderen Seite verwischen sich die Unterschiede zwischen der radikalen Rechten und der radikalen Linken zunehmend. Beide profitieren jedenfalls von denselben Unsicherheiten. Der Zusammenbruch der kommunistischen Partei in Frankreich vollzog sich zum Beispiel oft an denselben Orten, an denen LePen seine Erfolge feierte.
Genauso wie die deutsche Linkspartei ihre meisten Wähler dort rekrutieren konnte, wo früher die Rechtsradikalen erfolgreich waren?
Judt: Wo die Neonazis funktioniert haben, genau. Obwohl man da noch einen weiteren Faktor bedenken muss, weil diese Sorte populistischer Parteien in Europa nicht unbedingt an Orten mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten erfolgreich waren. Der Flämische Block erzielte seine besten Ergebnisse von 38 Prozent in Antwerpen - in der reichsten Stadt in der reichsten Gegend auf dem reichsten Kontinent in der Weltgeschichte. Das sind die Mittelschichten, die Angst um die Stabilität und das Selbstvertrauen, mit der sie jetzt schon seit 50 Jahren groß geworden sind.
Aber ist die Angst vor der Wirtschaftsmacht China oder dem inzwischen schon sprichwörtlichen polnischen Klempner nicht berechtigt?
Judt: Der polnische Klempner ist vollkommen irrelevant. In fünf bis acht Jahren werden die Gehaltsspiegel in Polen, der Slowakei oder Ungarn so weit gestiegen sein, dass die Lohnunterschiede kein Grund mehr sein werden, dass deutsche Firmen in die Slowakei investieren. Und das ist auch der Grund dafür, warum die Wirtschaftswunder in den Ländern, die ein bulgarischer Soziologe als “Little Americas" bezeichnet hat, mit ihren minimalen Steuern und reduzierten Sozialleistungen, in denen jeder unter 30 glaubt, dass das alles ganz grossartig ist, weil sie bald so leben werden wie in Kalifornien, haben eine sehr begrenzte Halbwertszeit.
Dann gehen die Investitionen eben in die Ukraine.
Judt: Aber das wird ein bewegliches Ziel bleiben. Die Aussichten für die Slowakei sind zum Beispiel so finster, weil sie verzweifelt versuchen, daraus Kapital zu schlagen, dass sie eine Art gut ausgebildetes Billigeuropa darstellen, das Investitionen mit Maßnahmen wie der Flat Tax anzieht. Aber das ist ein Chancenfenster von vielleicht fünf Jahren. Haben Sie die Einkommensentwicklung in Bratislava seit 1995. Das reicht inzwischen schon an die Lohnstrukturen von österreichischen Provinzstädten heran.
Wird diese Länder ein ähnliches Schicksal ereilen, wie die mittelamerikanischen Maquiladoraländer, die ihre Kunden an China verloren?
Judt: China ist ein ganz anderes Thema. Europa wird niemals mit China konkurrieren können, weil die Chinesen jedes Rennen nach unten gewinnen werden. Dort gibt es keine sozialen Einrichtungen, kein Arbeitsrecht, und die Kapazitäten und die Qualität der Produktion steigt kontinuierlich.
In Deutschland und Frankreich sehe ich die Schuld an der Reformkrise eindeutig bei der politischen Klasse. Da wurde zum Beispiel nicht erkannt, dass die Entwicklungen der Demografie und der Haushalte es dringend nötig machen, die Sozial- und Arbeitspolitik vom Schutz von Arbeitsplätzen auf die Schaffung von Arbeitsplätzen zu richten. Wenn sich Europa nur seiner einzigartigen Lage bewusst wäre, denn die Bevölkerung ist dort viel besser ausgebildet, als beispielsweise in den USA.
Die wichtigen und bekanntesten Universitäten sind aber in Amerika.
Judt: Natürlich sind die amerikanischen Forschungsuniversitäten fantastisch, deswegen bin ich ja auch hier und nicht in England. Im Vergleich mit Oxford haben die 50 besten amerikanischen Universitäten viel bessere Mittel, bessere Einrichtungen, bessere Bibliotheken. Aber unterhalb dieses Levels ist das eine Katastrophe und da könnten die Europäer mit ihrem Bildungsstand locker konkurrieren. Europa könnte ein Bildungsbürgertum schaffen, das Ideen, Wissen und Fertigkeiten in einem Maße generiert, das Amerika in eine durchaus prekäre Lage bringen würden. Weil Amerika eigentlich das wahre Drittweltland ist - mit einer unfassbar reichen, gebildeten und mächtigen Elite und einer zunehmend verzweifelten, verarmten, medizinisch unterversorgten, ignoranten und unfähigen arbeitenden Bevölkerung.
Wären die dringendsten Maßnahmen in Europa dann nicht Bildungsreformen?
Judt: Da gebe ich vollkommen Recht. Das waren die verpassten Chancen der 60er Jahre.
Wieso das?
Judt: Damals gab es plötzlich zehn, zwanzig, ja fünfzig Mal so viele Studenten, wie zuvor, weil der Babyboom in die Universitäten gewandert ist. Die Studenten forderten damals, dass die Regierungen das gleiche System ganz einfach für mehr Leute aufrechterhalten. Plötzlich durfte jeder studieren was er wollte, so lange er wollte und musste nichts dafür bezahlen. Das funktioniert, so lange man 5.000 Absolventen pro Jahr hat, aber was machen Sie, wenn jedes Jahr 200.000 Studenten mit nutzlosen Qualifikationen von der Uni abgehen?
Dann brauchen wir die Elite-Uni?
Judt: Sehen Sie, ich bin vielleicht ein sozialdemokratischer Anhänger des Sozialstaates, aber ich bin auch ein Meritokrat. Wir brauchen ganz sicher Eliteuniversitäten. Auf das verstehen sich die Amerikaner ja ganz hervorragend. Wenn Deutschland, England oder Frankreich ganz einfach mehr Geld in das bestehende Bildungssystem pumpen würde, hätte das katastrophale Folgen.
Das Musterbeispiel für den Aufbau einer funktionierenden Bildungswirtschaft gilt Irland.
Judt: Ja richtig, der ’Keltische Tiger'. Irland ist ein interessanter Fall, weil es gleichzeitig das richtige und das falsche Modell ist. Es besteht natürlich gar kein Zweifel daran, dass sich Irland innerhalb von nur einer Generation aus einem rückständigen Agrarland in eine postindustrielle Dienstleistungswirtschaft verwandelt hat, die junge Leute aus ganz Europa nach Dublin lockt.
Aber ist Irland nicht schon so stabil, dass es weiter funktionieren kann?
Judt: Das wird sich zeigen. In den letzten fünf Jahren hat Irland sämtliche Transferzahlungen verloren, weil es mit der EU-Erweiterung nun nicht mehr zu den armen, sondern zu den überdurchschnittlich wohlhabenden Ländern gehört. Es muss nun also Gelder an Brüssel bezahlen, anstatt sie zu bekommen und hat gleichzeitig enorme Verpflichtungen gegenüber dem alten Teil seiner Bevölkerung.
Das klingt sehr kompliziert. Ist das nicht auch ein Grund dafür, dass gerade die Wirtschaft in Krisenzeiten sehnsüchtig nach Amerika blickt?
Judt: Das sind doch nur alte Gewohnheiten, weil Amerika während des gesamten 20. Jahrhunderts das Vorbild für Wirtschaftsreformen war. Damals galt Amerika eben als Modell für alles, was eine moderne Gesellschaft ausmacht - im Guten wie im Schlechten. Amerika war offen, gnadenlos, kosmopolitisch, aufregend und hat sich ständig verändert und entwickelt. Doch man darf nicht vergessen, dass die großen Veränderungen dort die Folge der Einwanderungswellen der 30er Jahre waren.
Amerika war doch schon immer ein Einwanderungsland in Bewegung.
Judt: Ich übertreibe jetzt etwas, aber fast jeder, der was im Kopf hatte und in Deutschland, Österreich oder Osteuropa die Nazis überlebte, ist irgendwie in Amerika gelandet. Und von denen haben ungefähr 80 Prozent entscheidende Rollen in den Universitäten, in der Musik, Literatur und in den Künsten gespielt. Dieser enorme Transfer intellektueller Ressourcen hat sich dann in den 40er und 50er Jahren noch einmal wiederholt. Dann kommt hinzu, dass die Sowjetunion 35 Jahre gebraucht hat, um sich von den Folgen des Zweiten Weltkrieges zu erholen, von denen sich Großbritannien sogar nie mehr erholt hat. Dieser Kulturtransfer und wirtschaftliche Vorsprung haben aus Amerika für meine und Ihre Generation das aufregendste, modernste Land überhaupt gemacht. Aber wir leben immer eine Generation hinterher. Ich sehe dort heute weder solche kulturellen Innovationen, noch die wirtschaftliche Begeisterung. Außerdem ist das politische System in ernsthaften Schwierigkeiten, und das sagen selbst Leute, die mit mir sonst nie einer Meinung sind.
Glauben Sie, dass die weltpolitischen Realitäten die neue deutsche Regierung in punkto Amerika zum Umdenken zwingen werden?
Judt: Ich glaube, dass es die europäischen Realitäten sein werden, wenn Deutschland eine bedeutende Rolle in Europa spielen will, dann kann sich Deutschland nicht darauf auf freundschaftliche Beziehungen mit Washington konzentrieren. Das ist ja einer der Gründe, warum Blair mit seinen Ambitionen gescheitert ist, in Europa eine Führungsrolle zu übernehmen. Er hat verzweifelt versucht, mit seinem Image als Washingtonfreund und seinem Einfluss in Europa zu jonglieren und hat dabei alles falsch gemacht. Seine Unterstützung des Irakkrieges war eine strategische Katastrophe und Großbritannien wird dafür in Europa noch auf Jahre hinaus dafür büßen müssen.
Wir wichtig ist es denn, dass sich Deutschland jetzt auf Europa konzentriert und dafür unter Umständen riskiert, seine Beziehungen zu Amerika zu vernachlässigen?
Judt: Ich glaube es ist absolut entscheidend, weil Europa dringend auf eine deutsche Führungsrolle angewiesen ist, vor allem nach dem Einknicken Frankreichs als natürliche Leitnation Europas. In den deutsch-amerikanischen Beziehungen gibt es nicht, das nicht ein bisschen Vernachlässigung aushalten könnte. Aber wen gibt es in Europa denn im Moment, außer Deutschland, das Europa zu einem wichtigen Faktor in den internationalen Debatten machen könnte?
Müsste Europa dazu nicht zu erst einmal eine aktivere militärische Rolle einnehmen?
Judt: Die Europäer werden wahrscheinlich nie ihre sozialen Ausgaben, Bildungshaushalte oder Wirtschaftssubventionen in den Wehretat umleiten, so wie es Amerika tut. Aber das sollte auch nicht nötig sein. Europa stellt heute schon mehr Friedenstruppen, als Amerika. Es fehlt weder an der Zahl der Soldaten, noch an den technischen Möglichkeiten, sondern einzig und allein an der Logistik. Europa hat immer noch nicht die Vorraussetzungen geschaffen, die es braucht, um sagen wir mal 50.000 Mann in den Kosovo zu verlegen oder in den Libanon. Dabei müsste man sich nur in die Airbusfabrik nach Toulouse begeben und 20 dieser riesigen Transportflugzeuge bauen und dann noch 50 Transporthubschrauber, um die wir derzeit noch bei den Amerikanern betteln müssen. Da fehlt es am gemeinsamen Willen.
20 Flugzeuge klingen machbar.
Judt: Ich habe mir diese Zahlen nicht ausgedacht. Die hat das Center for Strategic Studies in London als Richtwert dafür ermittelt, was nötig wäre, um eine europäische Eingreiftruppe so weit unabhängig zu machen, damit sie einen Handlungsspieltraum hat, in dem sie außer einen Krieg anzuzetteln so ziemlich alles bewältigen kann. Europa hätte vielleicht nicht den Völkermord in Ruanda verhindern können, aber das hätte Amerika aus den gleichen Gründen auch nicht gekonnt. Aber den Jugoslawienkrieg hätten die Briten theoretisch im Alleingang beenden können, nur ist das am mangelnden gemeinsamen Willen gescheitert und genau das meine ich, wenn ich vom Versagen der politischen Klasse in Europa spreche.
New York im Dezember '05 - Der britische Historiker Tony Judt leitet das Remarque Institute für europäische Studien an der New York University, das er 1995 gegründet hat. In den USA und England ist gerade sein umfassendes Werk “Postwar - A History of Europe since 1945" erschienen.
Die Abschaffung des Sozialstaates nach europäischem Modell ist jedoch ein gefährlicher Mythos, der aber politisch überhaupt nicht vertretbar ist. Lange bevor man beispielsweise Deutschland oder Frankreich mit radikalen Reformen in New Jerseys verwandeln könnte, gäbe es massive politische Rückschläge. Da haben sie dann all die Gruppen wie der Flämische Block, die Le Pens und Haiders, die damit argumentieren, dass die globalisierte Welt eine Bedrohung des Einzelnen ist und man die Schotten dicht machen muss.
Dahinter steht die Politik, ganz bewusst staatliche Mittel in den so genannten Dienstleistungssektor zu kanalisieren, das Bildungswesen auszubauen und eine Steuerstruktur zu schaffen, die vor allem Investitionen in Hi-Tech- und Innovationsbereichen anzieht. Gleichzeitig haben sie die beiden großen Universitäten Trinity College und University College in Dublin als Magnet benutzt, um sowohl Akademiker, wie Geschäftsleute anzuziehen. Das alles hat wunderbar funktioniert. Aber - und das ist ein großes Aber. Das ist alles mit riesigen Summen aus Brüssel geschehen. Die EU hat den Ausbau des Verkehrsnetzes unterstützt, örtliche Bildungseinrichtungen und hat der Regierung dabei geholfen, Arbeitslosengelder und Renten an Menschen zu bezahlen, die plötzlich in nutzlosen Berufen tätig waren.
Das Phänomen des ’Keltischen Tigers' war also nur möglich, weil die angeblich so uneffektiven alten europäischen Wirtschaftsmächte mit Hilfe der angeblich so zerrütteten Europäische Gemeinschaft Gelder in diese kleinen, armen, rückständigen Länder gepumpt hat. Was sie ja in gewissem Maße derzeit auch für die Slowakei machen.

Ab sofort bei amazon.de