“Tom Friedman ist momentan einer der wichtigsten Künstler Amerikas", sagt Sina Najafi, Chefredakteur des Kulturmagazins Cabinet. “Er hat es fertiggebracht, Konzeptkunst an einen Punkt zu bringen, der den Nerv unserer Zeit trifft." Zunächst einmal entzieht er sich den gängigen Kategorien. Und weil es zu den beliebtesten verbalen Übersprungshandlungen gehört, ein Adjektiv mit der Vorsilbe “post" zu versehen, hat sich der anonyme Verfasser des Klappentexts zu Tom Friedmans Monografie (Tom Friedman
, Phaidon, New York, 159 Seiten, Euro 40,-) gleich vier neue Begriffe ausgedacht, um die Arbeiten des 36jährigen Bildhauers und Installationskünstlers aus dem amerikanischen Mittelwesten zu beschreiben: post-video, post-politisch, post-digital und post-readymade. Die Reihe ließe sich natürlich beliebig fortsetzen. Tom Friedman hat zwar nicht gerade den Kunstbegriff an sich revolutioniert, aber zumindest die aktuellen Modethemen des Kunstmarktes in Frage gestellt.
Tom Friedman hat sich von den inhaltlichen und ideologischen Ansprüchen vieler seiner Zeitgenossen verabschiedet, die in den letzten Jahren auf den Biennalen zwischen New York und Venedig die Inhalte über die Form stellten. Nicht die Vision, die Weltsicht oder die Interpretation zählt in seinen Arbeiten. Auch nicht die von amerikanischen Künstlern so oft beschworene Identität. Es ist die Kraftanstrengung, der Akt der Herstellung an sich, der in seinen Werken banale Materialien zum Kunstwerk erhebt. Und bei manchen Stücken bleibt die Kraftanstrengung der künstlerische Selbstzweck.
Das wohl meistzitierte Stück von Tom Friedman heißt beispielsweise “1000 Hours of Staring"und besteht aus einem gewöhnlichen, leeren Blatt Papier, das Tom Friedman zwischen den Jahren 1992 und 97 eintausend Stunden lang angestarrt hat. Doch auch ein so simples Objekt wie das Stück “Pencil Shaving" verrät auf den zweiten Blick, dass Friedman enormen Aufwand betrieben haben muß, um einen kompletten Bleistift in einem Anspitzer sorgfältig in eine halbmeterlange, hauchdünne Holzspirale zu verwandeln.
Im Kontext der New Yorker Kunstszene mit ihren großen Gesten und Dimensionen geraten solch simple Buchstäblichkeiten von schon fast zur Provokation. “Everything" heißt ein anderes Stück. “Alles." Und das beinhaltet es auch. Nicht mehr. Nicht weniger. Mit filigranen Buchstaben hat Tom Friedman sämtliche Worte des englischen Wörterbuches auf einen Quadratmeter Papier geschrieben.
Viele Arbeiten treiben den Aufwand der sysiphalen Anstrengung auf absurde Spitzen, erinnert an die Lebenswerke kauziger Eigenbrötler, die aus Streichhölzern den Eiffelturm oder ein Schlachtschiff nachbauen. “Untitled" aus dem Jahre 1995 ist beispielsweise ein dreidimensionaler Stern, den Friedman aus rund 30.000 von Zahnstochern zusammengesteckt hat. Die Materialangabe für “Hot Balls" vermeldet lakonisch: “Gestohlene Bälle". Im Museum liegt da ein Arrangement aus 200 Gummibällen verschiedener Farbe und Größe, die Friedman im Laufe von sechs Monaten aus Ladengeschäften geklaut hat.
Auch Tom Friedman ist ein scheuer Eigenbrötler. Allerdings einer, der mit unzähligen Preisen ausgezeichnet wurde, wie dem Academy Award der American Academy of Arts and Letters, oder dem Louis Comfort Tiffany Foundation Award.
In Northampton, einem Städtchen mit einer traditionsreichen Künstlerkolonie im Westen von Massachusetts, arbeitet Tom Friedman in einem fensterlosen Atelier hinter seiner Wohnung. Auf die Frage, warum er einen so schlichten Ort und so spartanische Materialien bevorzugt, antwortete er in einem Interview: “Ich mag es, wenn ich das Gefühl habe, zu Hause zu sein. Ich mag die Verbindung zu alltäglichen Materialien. Zu Hause bedeutet für mich, sich selbst zu sein, nicht nach draußen gehen zu müssen, um etwas zu erfahren. Man hat ja alles, was man braucht. Ich halte Lernen nicht für einen additiven Prozeß. Vielmehr ordnet sich der Geist einfach neu." Vielen seiner Werke entzieht Tom Friedman bewußt die Dauerhaftigkeit. Die Skulptur “Loop" besteht aus sämtlichen Nudeln einer gewöhnlichen Pfundpackung Spaghetti, die alle miteinander verbunden eine chaotische Endlosschleife ergeben. Ein Selbstporträt hat er in eine Aspirintablette eingraviert. Ein anderes ist eine lebensgroße Statue aus Tausenden von Zuckerstücken, die schon von Natur aus schmelzen und bröseln.
Schon alleine deswegen sind Tom Friedmans Werke schwer zu vermarkten. Andere sind als Unikat gar nicht herstellbar. Eines seiner “Untitled"-Skulpturen ist ein Zitat von Yves Klein. Friedman hat die blaue Fläche leicht verzerrt. Anstatt von Farbe und Leinwand verwendet er eine knallblaue Zahnpastasorte, mit der er das Viereck direkt auf die Wand spachtelt. Doch weil die “Untitled"-Stücke aus Zahnpasta und Kaugummi eben eine so kurze Halbwertszeit haben, bekommt der Sammler keine fertige Skulptur, sondern lediglich penibel detaillierte Anweisungen.
In seiner New Yorker Werkschau hat sich Tom Friedman nun erstmals auf neues Terrain begeben. In einem Eck steht seine erste Skulptur mit spirituellen Dimensionen. Ein Stück, das sich der traditionellen Wahrnehmung vollkommen entzieht. “Curse" heißt es. Der Fluch. Zu sehen ist dabei eines der weißen Standardpodeste, die das New Museum als Schauflächen verwendet. Doch nicht um das Podest geht es, sondern um den Raum darüber. Den hat er von einem Magier verfluchen lassen. Und der hängt da nun, denn im Amerikanischen lastet der Fluch nicht über einem, sondern er “hangs over you". Ein Fluch, den nach allen Regeln der Magie nur sein Erzeuger selbst vertreiben kann.