PIETÄTSFRAGEN

Vom schwierigen Umgang der Kunst
mit dem 11. September.

© Andrian Kreye


New York 17.06. '05 - Letzte Woche hat sich der Performancekünstler Kerry Skarbakka aus Brooklyn mit Seilen gesichert vom Dach des fünfstöckigen Museum of Contemporary Art in Chicago gestürzt, um so die Todessprünge der Verzweifelten aus dem brennenden World Trade Center nachzustellen. “Ich fühlte mich dazu verpflichtet, als Künstler zu reagieren und wollte nachvollziehen, was diese Leute dazu bewegt hat", sagte er danach. “Aber ich wollte keine Gefühle verletzen." Die Reaktionen aus New York waren erwartungsgemäß pikiert bis zornig. Bürgermeister Bloomberg fand die Aktion ekelerregend und anstößig, die Mutter eines Anschlagsopfers riet dem Künstler, sich doch vom Empire State Building zu stürzen, wenn er wirklich wissen wolle, was die Todesspringer erlebt haben, und die Boulevardzeitungen rieten ihm, sich doch ohne Sicherheitsgeschirr von und in diverse Sehenswürdigkeiten zu stürzen.

Es ist also mal wieder an der Zeit, zu fragen, was die Kunst denn so darf, und sicherlich darf das Kunstverständnis notorisch reaktionärer New Yorker Bürgermeister, reflexhaft empörter Opferfamilien und populistischer Revolverblättchen dabei kein Maßstab sein. Aber vielleicht wäre es doch an der Zeit “Das gemalte Wort" aus dem Jahre 1975 hervorzukramen, Tom Wolfes höchst vergnügliche Philippika gegen die moderne Kunst.

Gleich zu Beginn mokiert er sich darüber, dass die moderne Kunst längst zur Illustration ihrer Analysen verkommen sei - nicht das Werk, sondern die prätentiöse Auslegegung dünkelhafter Klugschwätzer zähle. Und gerade in der Performance- und Konzeptkunst wurde über die letzten Jahrzehnte hinweg viel grober Unfug mit hochtrabendem Gefasel schöngeredet. Dem möchte man noch hinzusetzen, dass Kunst sein darf was sie will, nur niemals feige und opportunistisch. Wenn sie zu etwas verpflichtet ist, dann dazu, Gefühle sehr wohl zu verletzten, und zwar nicht dadurch, das Grauen der Todesspringer auf einen mehrfach gesicherten Publicitystunt von einem Gebäude zu reduzieren, das sich zum World Trade Center verhält wie ein Planschbecken zum Zehnmeterbrett.

Die Kunst darf auch den 11. September auslegen wie sie will. Der Bildhauer Eric Fischl, die Installationskünstlerin Sharon Paz und der Computerkünstler Brody Condon haben die Todesspringer auch schon verarbeitet. Ohne Rücksicht auf Gefühle. Opportunismus hat uns nach dem 11. September allerdings neben den geostrategischen Kraftakten der Bush-Cheney-Liga und den Caudillo-Ambitionen der Herren Schily und Ashcroft schon genug Ärger beschert. Das kann die Verpflichtung nicht sein.





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