MACKERPOSEN FÜRS VATERLAND

Trinkfest und patriotisch erobern Countrystars
wie Toby Keith die amerikanischen Hitparaden.

© Andrian Kreye

New Jersey 08.09. '04 - Als der Countrysänger Toby Keith am vergangenen Wochenende im Freiluftstadion von Holmdel, New Jersey seinen Hit “American Soldier" anstimmte, schnallte er sich vorher noch eine Gitarre um, die mit dem Muster des Sternenbanners bemalt war. Dann erhob sich sein rauer Bariton über die im Halbtonschritt aufsteigenden Powerakkorde, die der Schlagzeuger mit dramatischen Trauermarschwirbeln unterlegte und auf den Großbildleinwänden lief das dazugehörige Video, das den Song in heroischen Sepiatönen bebildert. Von einem unbekannten Soldaten und Familienvater erzählt Toby Keith da, der schweren Herzens dem Ruf seines Vaterlandes an die Waffe folgt und bereit ist zu sterben, denn wenn die Freiheit in Gefahr ist, weiß er, was er zu tun hat. Weil er ein Amerikaner ist.

In der Fernsehfassung des Videos posiert Toby Keith für den Refrain in einem Hangar voller Kampfjets. Auf der Bühne begnügte sich der breitschultrige ein-Meter-neunzig-Mann damit, stramm zu stehen und das Publikum mit militärischem Gruß aufzufordern, sich von den Sitzen zu erheben. Ein recht exotisches Bild ergab sich da in einem Stadion, das doch nur eine knappe Autostunde von der New Yorker Stadtgrenze, aber ganze eintausend Meilen vom Mississippi entfernt liegt, der offiziellen Grenze zum Westen. Kernige Burschen die schwere silberne Gürtelschnallen, breitkrempige Stetsons und Echsenlederstiefel trugen führten Mädchen an ihrer Seite, die ihre ausufernden Dauerwellen unter pastellfarbene Cowboyhüte gesteckt hatten. Wallende Flaggen und grimmige Adler bestimmten die Motive der T-Shirts und hin und wieder blitzte auch das Logo der Bush-Cheney-Kampagne auf einer Brust. Aus voller Kehle sangen die Fans den Text mit, reckten Feuerzeuge in den Nachthimmel und so manch einem trieb das patriotische Pathos die Tränen in die Augen.

Nun wären solche Ausbrüche amerikanischer Vaterlandsliebe nicht unbedingt eine Besprechung in einer deutschen Tageszeitung wert, selbst wenn Countrymusik wahrscheinlich die Launen der amerikanischen Volksseele im Hinterland besser widerspiegelt, als jede andere Popkultur. Patriotische Countrymusik ist auch nichts Neues. Johnny Cash übte sich mit Alben wie “"America" und “Ragged Old Flag" in patriotischen Lobpreisungen. Merle Haggard sang mit “Okie From Muskogee" und “Fighting Side Of Me" gegen die Vietnamproteste an. Auch Toby Keiths Nominierung für gleich sechs Country Music Academy Awards interessiert eigentlich niemanden. Doch Toby Keith gilt als exemplarische Vertreter einer neuen Countrywelle, die in Amerika jetzt auch die regulären Popcharts erobert.

Das sind längst keine Einzelfälle mehr. Mit der populären Countrymusik verhält es sich für den Rest der Welt ja ein wenig wie mit dem Baseball. Man kennt die Namen nicht und würde sich auch einen ganzen Abend lang ziemlich langweilen, doch für den empirischen Beweis sei ein kurzer Blick auf die Platzierungen der Countrystars in den aktuellen Popcharts erlaubt. Da ist Tim McGraw mit seinem neuen Album auf Platz eins eingestiegen, auf dem sich vor kurzem noch der Schunkelcountryveteran Jimmy Buffett fand, der jetzt auf Nummer elf einen Platz hinter dem Countrypopduo Big & Rich steht, die auch die Durchstarterin Gretchen Wilson produziert haben, die sich genauso wie Kenny Chesney schon seit vier Monaten in den Top 40 hält, und nächste Woche wird Alan Jackson irgendwo ganz oben landen.

Was da in die Hitparaden einzieht unterscheidet sich deutlich von der Countrymusik der letzten Jahre. Während dem Wirtschaftsboom der 90er, der an den Durchschnittsbürgern eher spurlos vorbeiging, hatten sich zwischen den klassischen Popthemen wie Liebe, Lust und Eifersucht plötzlich Existenzängste und Scheidungselend in die Texte und Videos eingeschlichen. Mit dem Gejammer ist nun aber Schluss und niemand verkörpert die neuen Leitmotive des Country so gut wie der vierschrötige Prachtkerl Toby Keith. Er vereint Trinkfestigkeit und Patriotismus zu einer breitbeinigen Mackerpose gegen die Großstadtkultur, den Intellektualismus und Liberalismus der Küsten. “Wir haben uns durchs College gefeiert und keinen Abschluss gemacht", prahlt er in “Nights I Can't Remember", in “Baddest Boots" schwärmt er von seinen handgenähten Cowboystiefeln und eine Angebetete stutzt er mit einem herzhaft pornografischen “Who's Your Daddy?!" zurecht. Das deckt sich stimmungsvoll mit Kenny Chesneys Anti-Mode-Song “No Shirts, No Shoes, No Problem", Jimmy Buffetts und Alan Jacksons gemeinsamer Hymne auf das Mittagsbier “It's Five O'Clock Somewhere" und Gretchen Wilsons White-Trash-Stolz, mit dem sie in “Redneck Woman" erzählt, dass sie die Weihnachtsbeleuchtung im Vorgarten das ganze Jahr über brennen lässt.

Toby Keith singt aber nicht nur vom Glanz und Gloria des weißen Proletariats, er hat seine Texte auch gelebt. Seine Kindheit verbrachte Keith auf einer Farm in Oklahoma. Nach der Schule verdingte er sich als Hilfsarbeiter beim Rodeo und auf den Ölfeldern des amerikanischen Westens, später versuchte er sich an einer Sportkarriere im American Football, bevor er mit seinem Debutalbum in den Country Charts landete.

Sein Durchbruch kam allerdings nach den Anschlägen des 11. Septembers. Wenige Monate später veröffentlichte er mit der Single “Courtesy of the Red, White and Blue (The Angry American)" die inoffizielle Hymne der Falken im Lande. “Sobald wir aus unserem blauen Auge schauen konnten, haben wir eure Welt angezündet, wie ein Feuerwerk am 4. Juli", sang er da, und: “es wird euch noch leid tun, dass ihr euch mit den Vereinigten Staaten angelegt habt, weil wir euch einen Stiefel in den Arsch rammen werden, wie das so die amerikanische Art ist." Damit führte er ein weites Feld zorniger Patriotenhits an, zu denen auch Clint Blacks “Iraq and I Roll" und Alan Jacksons "Where Were You (When the World Stopped Turning)" gehörten, sowie die Ballade, in der Darryl Worley die Zeile “Have You Forgotten" mit Bin Laden reimte. Country hatte eine neue Bestimmnung gefunden und bahnte mit dem Patriotismus den Weg für jene nationale Trotzhaltung, die sich in den Partyhits von Big & Rich genauso wieder findet, wie in den hemdsärmeligen Wahlkampfauftritten von George W. Bush.

Musikalisch wurzelt die neue Countrymusik dabei weniger in Hank Williams melancholischem Gespür für die Tradition der amerikanischen Musik, auf die sich die Generation der Nashville Rebels wie Johnny Cash, Willie Nelson und Kris Kristofferson bezog. Die Musik von Toby Keith, Gretchen Wilson und Tim McGraw ist eher eine Fortsetzung des kalifornischen Softrocks, der in den 70er Jahren auf den Stereosendern der neu erschlossenen UKW-Frequenzen um eine möglichst breite Akzeptanz buhlte. Die obligatorisch jammernde Steel Guitar und der leichte Twang in der Stimme dienen da nur noch als stilistische Anker für eine Musik, die ungefähr so aufregend ist, wie ein Sonntagsspaziergang durch die Shopping Mall. Irgendwie riecht es ganz würzig, aber letztendlich dient das Spiel mit der Authentizität doch nur dazu, vorfabrizierte Meterware zu verhökern. Dazu passen auch die Hip-Hop-, Calypso- und Ranchera-Elemente, die sich so nahtlos einfügen wie die Ethnofood-Fillialen von Taco Bell in die Imbißzeile eines Einkaufzentrums.

So zog sich auch Toby Keiths Konzert zäh durch die Suff- und Mackerhits. Da half all die Pyrotechnik nichts, die wie zu besten Heavy-Metal-Zeiten mit Stichflammen und Funkenregen dramatische Akzente setzen sollte. Das Publikum jubelte, klatschte, tanzte zwar, doch erst als er sich die Sternenbannergitarre für “American Solider" umschnallte sprang jener Funke von der Bühne in die Menge über, der Begeisterung in echte Inbrunst verwandelt. Keith wusste was er seinen Fans schuldig ist, und preschte gleich nach dem letzten Akkord in das Crescendo von “The Angry American", während über den Köpfen die Großbildleinwände im Glanz rotweißblauer Sternenbanner erstrahlte. “USA! USA!" skandierte die Menge zum Dank immer wieder. Das kam allerdings nicht unerwartet. In Sport, Politik und Countrymusik hat sich das gutturale Patriotenkürzel längst als neuer Bravoruf etabliert.





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