IN DER NEONSCHLUCHT

Seit 100 Jahren lockt der New Yoker Times
Square mit seinen Lichtern der Großstadt.

© Andrian Kreye

New York im April '04 - Einhundert Jahre ist es her, dass der New Yorker Bürgermeister George McClellan die Kreuzung Broadway und siebter Avenue nach der Tageszeitung benannte, die sich dort niedergelassen hatte: Times Square. Wer verstehen will, warum so viel Schriftsteller den Platz als Herz der Welt beschrieben, braucht dafür fünf Minuten. Am besten man nimmt sich nach Einbruch der Dunkelheit irgendwo dort ein Taxi, wo die ehrwürdigen Wohnpaläste der Reichen und Berühmten ihr sanftes Licht auf das gepflegte Dunkel des Central Parks werfen. Dann biegt man in den Broadway und schon nach wenigen Metern verliert sich das zarte Dämmern des Parkviertels in den hysterischen Lichtkaskaden, die aus der Neonschlucht des Times Square scheinbar meilenweit in die Straßen gleißen.

Ein paar hundert Meter noch, dann öffnet sich der Broadway auf eine Breite von zehn Spuren, man erhascht einen Blick auf die haushohen Schriften, Plakate und Bilder, auf die Glasfronten, vor denen sich die Menschen stauen, und auf die pulsierenden Bänder der Börsenkurse und Nachrichtendienste, die wie goldfarbene Adern an den Fassaden entlanglaufen. Dann ist der Zauber auch schon vorbei und man taucht ins schmutziggelbe Licht der Straßen von Downtown New York.

So einfach funktioniert der berühmteste Platz der Welt. Wer hier allerdings aussteigt wird enttäuscht. Einen klimatisierten Marktplatz der Konsumkulturen wird er finden, mit Filialen der weltgrößten Imbiß- und Ladenketten. Für die Einheimischen war die Säuberung des einstigen Rotlichtviertels unter Bürgermeister Giuliani das Menetekel für die Amerikanisierung ihrer Stadt. Das Ende eines Mythos, der die Gegend um die ehemalige Redaktion der New York Times am Südende des Platzes zum exemplarischen Moloch geadelt hatte.

In John Cassavette's Film "Shadows" bewegten sich die Beatniks der fünfziger Jahre durch das Viertel wie ein Trupp Entdecker auf Expedition. Hinter jeder Neonreklame, jeder Treppe, jeder Tür schien ein Abenteuer zu warten, eine Liebschaft, eine Prügelei oder auch nur ein Besäufnis. In "Taxidriver" durchpflügte Robert de Niro den nächtlichen Times Square wie einen feindlichen Dschungel und Dustin Hoffman kämpfte hier in "Asphalt Cowboy" ums Überleben. Bis in die späten achtziger Jahre ballte sich in der Gegend um den Times Square das New York der Sünder, Gauner und käuflichen Liebe.

Heute schimpfen die Einheimischen, die Gegend sei zum Futtertrog für Touristen heruntergekommen. Den Vorwurf, der Times Square sei ein Opfer des billigen Vergnügens, gibt es allerdings ebenfalls seit hundert Jahren. Während der Prohibition vertrieben Speakeasies die angestammten Lokale, später verdrängten Kinos die Theater. In den siebziger Jahren verkamen die Filmpaläste zu Pornoklitschen, die wiederum den Peepshows der Achtziger weichen mußten, bis Giuliani die gesamte Gegend kurz vor der Jahrtausendwende in einem städteplanerischen Kraftakt sanierte und die multinationalen Vergnügungskonzerne ihre resopalgetäfelten Brückenköpfe etablierten.

Man kann den Wandel buchstäblich riechen. Wo es früher nach Moder, Asphalt und Menschen roch, weht nun der Duft von Kühl- und Putzmitteln über das Trottoir. Wer den alten Times Square trotzdem suchen will, muß sich in die Seitenstraßen drücken. Dann kann er in der 44. Straße ein Bier im Jimmy's Corner trinken, einem düsteren Schlauch, dessen Wirt früher Boxweltmeister trainierte. Er kann in der 43. Straße in die Lobby der New York Times spähen, die mit ihren Steintreppen und Linoleumböden eher wie das Polizeirevier in einem altmodischen Kriminalfilm wirkt, als wie das Zentrum eines modernen Medienkonzerns. Oder er kann am Busbahnhof in der 8. Avenue beobachten, wie Ausreißer und Glücksritter aus ganz Amerika ihre ersten Schritte auf den überfüllten Straßen von New York wagen.

Die Stadtväter von New York haben für solche Nostalgien kein Verständnis. Für sie ist der Times Square ein Erfolgsmodell. Glänzt und leuchtet er zu seinem 100. Geburtstag nicht heller und prächtiger denn je? Verkörpert er nicht wieder den Glamour des Broadway, die Energie der Stadt und den Stolz der Nation, so wie an jenem 14. August im Jahre 1945, als die New Yorker hier stellvertretend für die Welt das Ende des Zweiten Weltkrieges feierten?

Nur für einen kurzen Moment der Stadtgeschichte funktionierte dieser neonhelle Zauber nicht. Letztes Jahr verlöschten die Lichter der Großstadt beim großen Stromausfall. Da wirkte der Times Square mit seinen gesichtslosen Bürotürmen und Zweckbauten plötzlich so unansehnlich und trist, wie der Paradeplatz einer sowjetischen Provinzstadt. Aber was sind schon ein paar Stunden gegen einhundert Jahre Glanz und Gloria für die Welt.





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